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Sonntag, 8. Juni 2025

Dann weh' doch nach drüben!

Dieses Jahr habe ich einen Monatskalender mit Plakaten aus der DDR. Im Juni ist dieses Motiv zu sehen:


Na, was fällt auf? – Das hier:


Da fehlen Hammer, Zirkel und Ährenkranz! Stammt das Plakat etwa gar nicht aus der DDR, trotz Bezug zu einem Sportereignis in Schwerin? Tut es wohl! Was ich bis vor kurzem nämlich nicht wusste, ist, dass beide deutschen Staaten zehn Jahre lang die gleiche Flagge führten. Erst zum 1. Oktober 1959 setzte die DDR das 1955 eingeführte Staatswappen in die Mitte der schwarz-rot-goldenen Flagge.

Sonntag, 28. Mai 2023

Super Mario Pfand: 3 Golden Coins

Ich habe noch nie eine Pfandleihe genauer betrachtet und hoffe, dass ich niemals in einer vorstellig werden muss*, darum kann ich nicht sagen, ob das Folgende auch auf Deutschland zutrifft. In den USA jedenfalls gibt es die – freilich in Europa beheimatete – Tradition, Pfandhäuser mit drei goldenen Kugeln zu zieren; ein Zunftzeichen vergleichbar mit dem barber pole**.

Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei den drei Kugeln um Byzantiner Münzen, engl. bezant, Wappenfiguren, die im mittelalterlichen Europa den Solidus, den "Euro des Mittelalters", und somit im erweiterten Sinne jegliche Art (oströmischer) Goldmünzen repräsentierten. Sie sollen zuerst von lombardischen Kaufleuten und Geldwechslern vor deren Geschäften aufgehängt worden sein, zunächst zweidimensional als Wappenelement, später in Kugelform an einer Stange. Das Kredit- und Pfandwesen hat in der Lombardei seine Ursprünge, man spricht nicht umsonst heute noch von Lombardsatz, Lombardkredit usw. Eine prominente Familie, die fünf (anfänglich sogar acht, dann sechs) solcher Kugeln im Wappen führte, waren die Medici.


Die hatten bekanntlich viel mit Finanzen zu tun, stammten allerdings nicht aus der Lombardei, sondern waren mit Florenz verbandelt. Es gibt denn auch alternative Erklärungen dafür, was es mit den Kugeln auf sich hat:
- Sie stehen für (drei) Säcke voller Steine. Mit diesen soll kein Geringerer als Karl der Große im Auftrag der Medici einen Riesen niedergestreckt haben.
- Es sind Darstellungen von Pillen. Damit wird auf die Bedeutung des italienischen Wortes medici verwiesen: Ärzte.
- Goldene Kugeln (abermals drei) sind ein Attribut des Heiligen Nikolaus, Bezug nehmend auf dessen Spende dreier Goldklumpen an einen verarmten Mann als Mitgift für seine drei Töchter, die er schon in die Prostitution schicken wollte. St. Nikolaus ist unter anderem der Schutzpatron der Pfandleiher.
Es hängt also alles irgendwie miteinander zusammen. Wer mehr weiß, darf mich gerne aufklären.

* Habt ihr John Mulaneys letztes Stand-up-Special gesehen und erinnert euch an die Stelle mit dem pawn shop?
** Gruselig, es ist fast auf den Tag genau zehn Jahre her, dass ich darüber schrieb!

Mittwoch, 5. April 2023

A noble spirit embiggens the smallest man

Einen Monat ist es noch hin bis zur Krönung des neuen englischen Monarchen, der gar nicht mehr sooo neu im Amt ist. Sogar in Deutschland war er letzte Woche schon auf Staatsbesuch, wo ihm viel Sympathie entgegengebracht wurde und wo man ihn wahlweise "König Charles", "König Karl" oder "King Charles" nennt; die III. lässt man meistens weg, denn man meint selbstverständlich Karl den Dritten, wenn man "König Karl" sagt, so wie man Kleopatra VII. meint, wenn man einfach nur "Kleopatra" sagt.

Mit dem Nachrücken des ewigen Fürsten Charles auf den von seiner Mutter in 70-jähriger Rekordherrschaft gehaltenen Thron ist nun auch Karls erstgeborener Sohn nachgerückt: William ist seit 2022 nicht nur der offizielle Kronprinz (der als König dann Wilhelm V. heißen wird), sondern auch der amtierende Prince of Wales. Wer sich mit dessen Insignien befasst, wird womöglich überrascht sein, einen deutschen Wahlspruch auf der Helmzier zu finden:

"Deutsch anmutend" sollte ich wohl besser schreiben, denn nach einer Gegentheorie zu der, dass hier das Motto Johanns von Böhmen wiederklingt, ist "Ich dien" keltischen Ursprungs: Eduard I. soll dem walisischen Parlament mit den Worten "Eich dyn", was wohl so viel wie "Seht diesen Mann" bedeutet, seinen neugeborenen Sohn präsentiert haben. Die englischsprachige Wikipedia stellt die deutsche Herkunft indes nicht in Frage. 

Das ist ein ergiebiges Thema: fremdsprachige Phrasen als Landesmotto, als Wahlspruch eines hohen Hauses oder einer sonstigen altehrwürdigen Institution. Um bei britischen Monarchen zu bleiben: "Dieu et mon droit", französisch für "Gott und mein Recht", wird von denen seit Jahrhunderten verwendet und prangt bis heute auf dem Wappen des Vereinigten Königreichs. Das ist mir übrigens erstmals beim Anschauen der Serie "Justice" aufgefallen. Dass die Devise des Hosenbandordens, "Honi soit qui mal y pense" ("Ein Schelm, wer Böses dabei denkt"), ebenfalls, wenn auch halb verdeckt, auf Karls Wappen zu lesen ist, unterstreicht den subtilen Mutterwitz, der allem im weiteren Sinne Englischen eingeschrieben zu sein scheint.

In Bezug auf die USA denken wir natürlich zuerst an "E pluribus unum" und "Annuit coeptis", aus den Niederlanden kennt man "Luctor et emergo" (Wappen der Provinz Seeland). Und hierzulande? Einen amtlichen Wahlspruch haben wir ohnehin nicht, am nächsten kommt dem Konzept, im Sinne einer identitätsstiftenden Losung, "Einigkeit und Recht und Freiheit". Die Widmung "Dem deutschen Volke" ließe sich noch in den Topf werfen. Als vor ein paar Jahren Andreas Nohls viel beachtete Neuübersetzung von "Gone with the Wind" unter dem Titel "Vom Wind verweht" herauskam, fragte ich mich im Scherz, ob man wohl bald das E aus dem "VOLKE" am Reichstagsgebäude entfernen würde. (Gutes Quizwissen: Die Buchstaben wurden aus eingeschmolzenen Kanonen gefertigt.) Eine ältere Form, wenn nicht gar eine frühere Sprachstufe zu bewahren hat ja durchaus seinen Reiz. Die Republik Indien führt seit 1950 in ihrem Hoheitszeichen den vedischen Satz satyameva jayate, "Allein die Wahrheit obsiegt", Teil eines jahrtausendealten Mantras aus den Upanishaden. Wie ich gerade lernte, hat Tschechien ein bedeutungsgleiches Motto, auf tschechisch ("Pravda vítězí"). Auf dem Holstentor steht "CONCORDIA DOMI FORIS PAX", "Eintracht innen, draußen Friede" (Ah, Schulwissen: ein Chiasmus!). Das Lübecker Wahrzeichen würde ich gerne mal in natura sehen.

Freitag, 22. Mai 2020

Vom Sachsenwald in die Antarktis

Man muss in Hinblick auf bewohnte gemeindefreie Gebiete streng unterscheiden zwischen tatsächlich bewohnten und solchen, in denen sich lediglich bewohnte Gebiete befinden, die aber zu echten Gemeinden gehören. Letzteres ist der Fall bei den beiden gemeindefreien Gebieten Schleswig-Holsteins: 1.) Im Sachsenwald gibt es zwar sechs Wohnplätze, diese sind jedoch Exklaven von Aumühle (Kreis Herzogtum Lauenburg), 2.) "Die bewohnten Teile des Forstgutsbezirks Buchholz gehören als Exklaven zu den Gemeinden Bark, Hartenholm, Heidmühlen und zur Stadt Wahlstedt." (Wikipedia)
Die zwei in Baden-Württemberg bestehenden gemeindefreien Gebiete sind ihrerseits aus anderen Gründen bemerkenswert: Rheinau im Ortenaukreis ist ein kleines unbewohntes Waldgebiet, das zwar Kfz-Kennzeichen, Gemeindeschlüssel und Postleitzahl von Deutschland zugewiesen bekommen hat, aber rechtsrheinischer Grundbesitz der französischen Gemeinde Rheinau (Rhinau in der Landessprache) ist. Das andere gemeindefreie Gebiet in BaWü ist der Gutsbezirk Münsingen im Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Der war bis 2010 sogar noch bewohnt. Der "Ersatz-Bürgermeister" der Gebietskörperschaft wurde im Gegensatz zu seinem hessischen Äquivalent nicht vom Forstamt bestellt, sondern von der Oberfinanzdirektion. Diesem Gutsbezirksvorsteher war wiederum ein sog. Geschäftsführer unterstellt, von denen es zwischen 1946 und 2010 gerade mal zwei gab! Amtszeiten von 30 resp. 34 Jahren – ein Träumchen. Die Neuzuordnung der zuletzt 160 Einwohner kann hier genauer nachvollzogen werden. Münsingen (das wie Rheinau kein Wappen führt) liegt übrigens auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz und hat damit eine Gemeinsamkeit mit den einzigen beiden "echten" bewohnten gemeindefreien Gebieten, denen wir uns endlich zuwenden wollen (nach folgendem Absatz).
Auch die unbewohnten gemeindefreien Gebiete in Niedersachsen sind nicht uninteressant, es gibt welche mit Enklaven naher Gemeinden, andere, die ihrerseits Exklaven haben, sowie zwei ostfrieisische Inseln: Lütje Hörn sowie die etwas größere, aber zunehmender Überflutung ausgelieferte Insel Memmert, auf der immerhin Jahrzehnte lang ein Inselvogt obwaltete und bis vor kurzem beinahe permanent Vogelschützer residierten. Heute offizielle Einwohner/-innen gemeindefreier Gebiete sind jene von Lohheide und Osterheide.
Die Nachbarbezirke Lohheide und Osterheide sind 1945 als Nachfolger aus dem 1938 gebildeten "Gutsbezirk Platz Bergen", einem 1935 errichteten Truppenübungsplatz der Wehrmacht, hervorgegangen und dienen heute der NATO als Schießplatz. Loh- und Osterheide verfügen denn auch über einige bedeutende Gedenkstätten, ferner über Sehenswürdigkeiten wie steinzeitliche Gräber und das Schloss Bredebeck, in dem sogar schon die englische Königsfamilie logiert hat. Die Gebiete haben zwar keine Wappen, aber wenigstens "wappenähnliche Logos". Oberhaupt der knapp 2900 Einwohner ist ein Bezirksvorsteher, außerdem gibt es eine gewählte Einwohnervertretung aus elf Mitgliedern. Auf die innere Gliederung der Bezirke in Gemarkungen sei hier nicht näher eingegangen, festzuhalten ist jedoch noch dies: Gemeindefreie Gebiete sind entweder Eigentum des Landes, des Bundes oder der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben; Letzteres ist bei Lohheide und Osterheide der Fall.
Noch gar keinen näheren Blick geworfen habe ich auf die 174 gemeindefreien Gebiete in Bayern ... vielleicht ein ander Mal. Unklar ist mir auch noch, was einwohnermeldemäßig mit jemandem passiert, der in einem solchen Gebiet geboren wird, etwa im Forsthaus in einem Gutsbezirk. Vermutlich steht der gemeindefreie Bezirk ganz normal als Ortsangabe in der Geburtsurkunde. Rechtlich aufregender ist es ohnehin, wenn man in einem Territorium zur Welt kommt, auf das keine oder mehrere Nationen Anspruch erheben. Im Falle von Antarktika ist das bereits achtmal geschehen. Emilio Palma (*1978) – der einzige lebende Mensch der Welt, der von sich sagen kann, der erste auf einem bestimmten Kontinent geborene zu sein – hat de iure das Anrecht, sowohl die chilenische als auch die britische Staatsbürgerschaft zu führen.

Dienstag, 19. Mai 2020

Von Niedersachsen ins Nirgendwo

Gibt es denn auch Gemeinden in Deutschland, die gar kein Wappen haben? Eine Schnellrecherche deutet auf nein, doch hieß es über das bayerische Ried noch 2018, es "war lange Zeit die einzige Gemeinde ohne Wappen" (Augsburger Allgemeine), und als 2009 in Baden-Württemberg die neue Einheitsgemeinde Kleines Wiesental gegründet wurde, vergingen etliche Jahre, Wettbewerbe und Ausschreibungen, bis die Kommune ein Hoheitszeichen bekam.
Was es sehr wohl gibt, sind gemeindefreie Gebiete ohne Wappen, ein Thema, über das zu schreiben ich schon vor langem versprochen habe. Gebiete, die keiner politischen Gebietskörperschaft angehören, gibt es in Deutschland sage und schreibe 207 in sieben Bundesländern (Stand: Mai 2020). Die meisten bestehen aus Wald, einige führen namentlich den historischen Begriff "(Forst-)Gutsbezirk" fort, so etwa der Gutsbezirk Reinhardswald in Nordhessen, der übrigens eines von drei gemeindefreien Gebieten ist, die tatsächlich bewohnt sind. Beziehungsweise: Offiziell hat Reinhardswald null Einwohner, doch sind zwei Gaststättenbetreiber beim Forstamt von Reinhardshagen als im Forstgutsbezirk lebend gemeldet (nach Hessischer Gemeindeordnung fungiert der zuständige Forstbeamte als Gutsvorsteher und nimmt quasi Aufgaben eines Bürgermeisters wahr). Bizarrerweise liegt das von den beiden geleitete Ausflugslokal auch noch nahe der Grenze zu Niedersachsen, weswegen die ihnen zugeteilte Postleitzahl eine von Hann. Münden ist; zu dieser Lösung entschloss man sich Ende 2015, damit dort überhaupt Post zugestellt werden kann (ihr Wahllokal wiederum ist in Reinhardshagen, also Hessen).
Um genau solche verwaltungstechnischen Sperenzchen zu vermeiden, sind die Länder darauf bedacht, bewohnte gemeindefreie Gebiete mittelfristig aufzulösen oder wenigstens gesetzliche Grundlagen zu schaffen, die mit "der vom Grundgesetz garantierten kommunalen Selbstverwaltung und de[m] Demokratieprinzi[p]" konform gehen. Für die anderen zwei gemeindefreien Gebiete mit Einwohnern, beide in Niedersachsen, bedeutet dies, dass angedacht wird, "dass dort Einwohnervertretungen gewählt werden, die aber nur wenige eigene Entscheidungsbefugnisse haben." (Wikipedia) Um diese zwei Gebiete und manches mehr soll es beim nächsten Mal gehen, denn für heute dürfte es genug an hirnverschwurbelndem Input gewesen sein.

Samstag, 16. Mai 2020

Von Nordfries- ins Sauerland

Wir befassen uns noch einmal mit den zuletzt erwähnten Kirchspielen und machen einen Exkurs nach Schleswig-Holstein in die Zeit, als dieses eine preußische Provinz war. Im Rahmen der Einführung der Landgemeinden im Jahr 1867 gingen die Kreise Süder- und Norderdithmarschen sowie der Kreis Husum einen Sonderweg: Weil mit den dortigen eben so (Kirchspiel) genannten Gebietskörperschaften "bereits weltliche Strukturen vorhanden waren" (Wikipedia, wobei nicht erklärt wird, was das genau bedeutete), wurden aus diesen, bei räumlicher Deckungsgleichheit, kurzerhand Kirchspielslandgemeinden statt einfach nur Landgemeinden. Damit gingen bemerkenswerterweise kirchliche Verwaltungseinheiten 1:1 in politische Gemeinden über. 1934 gab es dann Neuaufteilungen und -ordnungen, Auflösungen und Eingliederungen, teilweise wurden auch ohne Gebietsveränderung aus Kirchspielslandgemeinden einfache Landgemeinden. Damit hatte jedoch nicht die letzte Stunde dieses außergewöhnlichen Wortes geschlagen: Als 1948 die Ämter (i.S.v. Bundkörperschaften aus mehreren Gemeinden, die es heute unter dieser Bezeichnung nur in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg gibt) gebildet wurden, hießen diese in Dithmarschen und (zum Teil) in Husum wieder "Kirchspielslandgemeinden". Der Kreis Husum gab diese Benennung noch im selben Jahr wieder auf, doch in Dithmarschen gab es bis zur Reform von 1970 noch offiziell Kirchspielslandgemeinden. Und damit war's das immer noch nicht! Obwohl es sich nun offiziell um Ämter handelte, durften die jeweiligen Ortsnamen den vorangestellten Zusatz "Kirchspielslandgemeinde" bis 2007 behalten – und zwei tun das sogar bis heute: das Amt Kirchspielslandgemeinde Heider Umland und das Amt Kirchspielslandgemeinden [sic] Eider. Wer möchte sich das nicht in den Briefkopf schreiben!
Eine Gemeinde, die den Kirchspielbezug bereits 1934 aufgeben musste, ist das nördlich von Husum gelegene Horstedt, welches ich hier ins Feld führe, weil es heraldisch interessant ist. Der Entwurf eines neuen Gemeindewappens spaltete den Ort 2016: Der im unteren Drittel abgebildete Handschlag zweier Hände erinnerte die Bürgerinnen und Bürger an den sozialistischen Händedruck, wie man ihn vom SED-Symbol kannte. Gegen allen Protest wurde das Wappen durchgesetzt. Noch ungewöhnlicher als die zwei Hände, wenn auch nicht so ungewöhnlich wie ein Elefant, ist das, was oben links neben einem Hufeisen abgebildet ist: ein Windrad. Es befremdet mich, weil es in etwas so Altmodischem wie einem Hoheitszeichen irgendwie anachronistisch wirkt. Ein Pferd als Wappentier hätte sich angeboten, steckt doch in dem Ortsnamen Horstedt das mit engl. horse verwandte Wort dafür.
In Schleswig-Holstein gibt es viele für mich noch weiße Flecken. Sobald die Reisebeschränkungen gelockert sind, muss ich dort mal hin. In den Dutzenden Magazin-Artikeln und Online-Strecken der letzten Wochen à la "Urlaub vor der Haustür" oder "So schön ist Deutschland" taucht gerade Nordfriesland immer wieder auf. Im Stern wurde darüber hinaus diese Woche ein Gebiet vorgestellt, das ebenfalls terra incognita für mich ist: das Sauerland. Dass ausgerechnet die Stadt Schmallenberg mit einem großen Teaserfoto als Ausflugsbeispiel herhalten musste, fand ich indes unglücklich: Man sollte nicht vergessen, dass es vor SARS-CoV-2 auch schon furchterregende Viren gab ...

Donnerstag, 7. Mai 2020

Vom Taunus ins Weimarer Land

Als ich von den Eschbacher Klippen in den Ort hinab lief, passierte ich den "Landgasthof Eschbacher Katz", der leider aus Gründen geschlossen hatte (aber immerhin Mitnahmeservice anbot, welchen ich allerdings nicht nutzte). Später stieß ich über Umwege, die nur mich etwas angehen, auf die erstrangige Webseite www.ortsnecknamen.de. (Das Wort Neckname ist übrigens nicht mit dem englischen nickname kognat, aber diese etymologische Randnotiz soll ein ander Mal behandelt werden.) Dort sind den Einwohnern von Usingen, von dem Eschbach ein Stadtteil ist, gleich drei Spitznamen zugeordnet: "Katzen" (angeblich wegen eben jenes Lokals), "Buchfinken" ("Usingen ist auch bekannt als Buchfinkenstadt im Buchfinkenland. Das im Jahr 1938 durch Theo Geisel verfasste Buchfinkenlied beschreibt den Heimatbegriff, das Usinger Land im östlichen Hintertaunus"; Wikipedia) sowie "Duckmäuser" (Begründung dunkel).
Verwunderlich ist, dass ausgerechnet in diesem umfangreichen Archiv ein Ort fehlt, der auf der Wikipediaseite "Ortsnecknamen" als Beispiel angeführt ist: Die Bewohner/-innen der thüringischen Landgemeinde Niederroßla werden "Elefantenkitzler" genannt, heißt es dort. Auf ortsnecknamen.de findet sich nicht ein einziger Spitzname, der mit "Elefant-" beginnt, während beispielsweise Namen mit Eselsbezug in sonder Zahl auftauchen. Welche Beziehung soll denn auch ein deutsches Städtchen zu Elefanten haben, fragt man sich und wird erstaunt sein, wenn man auf dem Wappen von Niederroßla dies erblickt: "In Rot ein silberner Elefant, das rechte Vorderbein anhebend, belegt mit einem Schildchen ..." Die dahintersteckende Geschichte ist kurios. 
In Kürze: Zur Faschingszeit im Jahre 1857 kam eine Schaustellergruppe an die Ilm und sollte u.a. eine indische Elefantenkuh zeigen ("Riesen-Elephant Miss Baba"). Einquartiert wurde das Tier für drei Tage in den Stallungen einer Madame Burckhardt, dummerweise in der Nähe einer großen Menge Runkelrüben. An diesen tat sich der Dickhäuter gütlich, was bei ihm zu starken Koliken führte, wodurch die Weiterreise der Wandermenagerie erschwert wurde. Die weiteren Details sind widersprüchlich, fest steht, dass das Tier nahe der Flurgrenze aus seinem Wagen auf die Straße geriet, was eine Menge Schaulustiger anzog, "darunter angetrunkene Mitglieder des örtlichen Gesangsvereins, die von einer Probe kamen und die den Elefanten geärgert und gepiesackt haben sollen". Schnell war man sich darüber klar, dass die Gemeinde, in welcher der stark geschwächte Elefant verenden würde, für die Beseitigung des Kadavers zu zahlen hätte, weswegen der Menschenauflauf versuchte, ihn über die Ortsgrenze zu treiben (oder eben zu "kitzeln"). Das unglückselige Rüsseltier fand dann auch tatsächlich den Tod. Die Folgen: mehrere Rechtsstreitigkeiten, Wappenanpassung, Ehrenbürgerinnenschaft für Miss Baba sowie alle 25 Jahre ein Elefantenfest. Und ich will verdammt sein, wenn ich beim nächsten (2032) nicht live dabei sein werde!