Samstag, 29. November 2025
Leo locutus, causa finita
Donnerstag, 7. August 2025
Leisten muss sich wieder lohnen
Jedes Mal, wenn jemand in meiner Gegenwart "Schuster, bleib bei deinen Leisten!" sagt, denke ich: "Es heißt 'deinem Leisten'!" (aber verkneife mir natürlich jedweden Kommentar). Es ist eines dieses Sprichwörter, deren Aussage jeder begreift, deren ursprüngliche Bedeutung jedoch kaum noch verstanden oder hinterfragt wird. Bei Schusters Leisten geht es jedenfalls nicht um schmale Bretter, sondern um den Leisten, eine "aus Eisen oder Holz hergestellte Nachbildung des Fußes, die für die Anwendung und Reparatur von Schuhen verwendet wird" (Duden, Bedeutungswörterbuch).
Letzte Woche war ich in der Frankfurter Stadtbücherei, und da lag im Bereich Fremdsprachige Literatur tatsächlich schon der neue Stephen King aus, "Never Flinch" (deutsch: "Kein Zurück"). Ich stürzte mich sofort ins Lesevergnügen und stieß auf folgende interessante Stelle im ersten Kapitel:
"This is not my business. Shoemaker, stick to thy last."
One of her father's sayings. [...] What is a shoemaker's last, anyway? She has no idea and quashes the urge to google it. She does know what her last is: [...]
Let me google that for you, Holly: Der last ist nicht das Letzte, sondern das (natürlich etymologisch verwandte) Pendant zum Leisten: "a form (as of metal or plastic) which is shaped like the human foot and over which a shoe is shaped or repaired". Bei Merriam-Webster, wo ich die Definition herhabe, ist sogar eine Illustration dieses Handwerkerutensils zu sehen.
Mir war nicht klar gewesen, dass es eine englische Entsprechung zu dem deutschen Spruch gibt. In der Wikipedia-Liste der geflügelten Worte findet sich der Grund für die überregionale Verbreitung: "Der römische Historiker Plinius der Ältere erzählt vom Maler Apelles, dass er von einem Schuster darauf hingewiesen wurde, er habe auf einem Bild einen Schuh nicht richtig gemalt. Apelles verbesserte daraufhin das Bild. Als der Schuster nun noch mehr an seinem Bild kritisierte, rief er ärgerlich aus: 'Ne sutor supra crepidam!' 'Schuster, nicht über die Sandale hinaus!'"
In diesem Moment wird mir klar, dass "Schuster, bleib bei deinen Leisten" ja genau so korrekt ist wie die Variante mit "deinem Leisten", weil Singular und Plural formgleich sind. Ha! Bei Wikipedia steht denn auch: "Meist wird dieses Sprichwort jedoch in der Mehrzahl gebraucht ('Schuster, bleib bei deinen Leisten'), was mindestens ebenso sinnvoll ist, da ein Schuster nicht nur einen Leisten, sondern viele verwendet (rechte und linke Schuhe, verschiedene Schuhgrößen etc.)." Im Englischen scheint jedoch last und nicht lasts üblich zu sein.
Mittwoch, 5. April 2023
A noble spirit embiggens the smallest man
Einen Monat ist es noch hin bis zur Krönung des neuen englischen Monarchen, der gar nicht mehr sooo neu im Amt ist. Sogar in Deutschland war er letzte Woche schon auf Staatsbesuch, wo ihm viel Sympathie entgegengebracht wurde und wo man ihn wahlweise "König Charles", "König Karl" oder "King Charles" nennt; die III. lässt man meistens weg, denn man meint selbstverständlich Karl den Dritten, wenn man "König Karl" sagt, so wie man Kleopatra VII. meint, wenn man einfach nur "Kleopatra" sagt.
Mit dem Nachrücken des ewigen Fürsten Charles auf den von seiner Mutter in 70-jähriger Rekordherrschaft gehaltenen Thron ist nun auch Karls erstgeborener Sohn nachgerückt: William ist seit 2022 nicht nur der offizielle Kronprinz (der als König dann Wilhelm V. heißen wird), sondern auch der amtierende Prince of Wales. Wer sich mit dessen Insignien befasst, wird womöglich überrascht sein, einen deutschen Wahlspruch auf der Helmzier zu finden:
"Deutsch anmutend" sollte ich wohl besser schreiben, denn nach einer Gegentheorie zu der, dass hier das Motto Johanns von Böhmen wiederklingt, ist "Ich dien" keltischen Ursprungs: Eduard I. soll dem walisischen Parlament mit den Worten "Eich dyn", was wohl so viel wie "Seht diesen Mann" bedeutet, seinen neugeborenen Sohn präsentiert haben. Die englischsprachige Wikipedia stellt die deutsche Herkunft indes nicht in Frage.
Das ist ein ergiebiges Thema: fremdsprachige Phrasen als Landesmotto, als Wahlspruch eines hohen Hauses oder einer sonstigen altehrwürdigen Institution. Um bei britischen Monarchen zu bleiben: "Dieu et mon droit", französisch für "Gott und mein Recht", wird von denen seit Jahrhunderten verwendet und prangt bis heute auf dem Wappen des Vereinigten Königreichs. Das ist mir übrigens erstmals beim Anschauen der Serie "Justice" aufgefallen. Dass die Devise des Hosenbandordens, "Honi soit qui mal y pense" ("Ein Schelm, wer Böses dabei denkt"), ebenfalls, wenn auch halb verdeckt, auf Karls Wappen zu lesen ist, unterstreicht den subtilen Mutterwitz, der allem im weiteren Sinne Englischen eingeschrieben zu sein scheint.
In Bezug auf die USA denken wir natürlich zuerst an "E pluribus unum" und "Annuit coeptis", aus den Niederlanden kennt man "Luctor et emergo" (Wappen der Provinz Seeland). Und hierzulande? Einen amtlichen Wahlspruch haben wir ohnehin nicht, am nächsten kommt dem Konzept, im Sinne einer identitätsstiftenden Losung, "Einigkeit und Recht und Freiheit". Die Widmung "Dem deutschen Volke" ließe sich noch in den Topf werfen. Als vor ein paar Jahren Andreas Nohls viel beachtete Neuübersetzung von "Gone with the Wind" unter dem Titel "Vom Wind verweht" herauskam, fragte ich mich im Scherz, ob man wohl bald das E aus dem "VOLKE" am Reichstagsgebäude entfernen würde. (Gutes Quizwissen: Die Buchstaben wurden aus eingeschmolzenen Kanonen gefertigt.) Eine ältere Form, wenn nicht gar eine frühere Sprachstufe zu bewahren hat ja durchaus seinen Reiz. Die Republik Indien führt seit 1950 in ihrem Hoheitszeichen den vedischen Satz satyameva jayate, "Allein die Wahrheit obsiegt", Teil eines jahrtausendealten Mantras aus den Upanishaden. Wie ich gerade lernte, hat Tschechien ein bedeutungsgleiches Motto, auf tschechisch ("Pravda vítězí"). Auf dem Holstentor steht "CONCORDIA DOMI FORIS PAX", "Eintracht innen, draußen Friede" (Ah, Schulwissen: ein Chiasmus!). Das Lübecker Wahrzeichen würde ich gerne mal in natura sehen.
Mittwoch, 9. Dezember 2020
Alles Tolle aus der Knolle
Der menschliche Einfallsreichtum und Erfindergeist in Sachen Lebensmittelgewinnung erstaunt immer wieder. Wie genial ist es beispielsweise, einen gewöhnlichen Korbblütler aus dem Erdreich zu heben, damit man am Ende ein aromatisches Heißgetränk erhält? Die Rede ist von Zichorienkaffee. Ich selbst trinke gerne mal zum Nachmittag eine Tasse Caro-Kaffee, wenn ich bereits genug Filterkaffee intus habe. Das Wort Zichorien war mir jedoch bis vor wenigen Jahren nicht geläufig.
Je nach Quelle seit dem Mittelalter, spätestens aber seit dem 17. Jahrhundert röstet und mahlt man in Europa die Wurzeln der Wegwarte, einer uralten Kulturpflanze (altgriechisch zichṓrion), um das Pulver mit kochendem Wasser aufzugießen oder echtem Kaffeepulver zuzusetzen. In Zeiten der Knappheit hat sich Zichorienkaffee, neben Getreide-, Malz- und Eichelkaffee, als Alternative zu dem koffeinhaltigen Bohnentrunk etabliert, ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzte sich die kommerzielle Großproduktion durch. Kurios ist, dass die Blattrosette, also das, was der Zichorienwurzel oben raus wächst, erst viel später als genießbar erkannt wurde bzw. überhaupt erst entdeckt wurde: Die Triebe sind möglicherweise nur ein "Abfallprodukt" des Wurzelanbaus.
Als Kind hat es mich immer gegraust, wenn der gallebittere Chicorée auf den Tisch kam. Ganz recht: Diesen meinte ich soeben mit jener Blattrosette, und wer einen nicht nur etymologischen Zusammenhang zwischen Chicorée und Zichorien vermutet hat, lag richtig. Aber so einfach ist es nicht! Während der lesenswerte Beitrag des "Kaffi-Schopp"-Blogs insinuiert, es handele sich um zwei verschiedene Arten, nämlich Cichorium intybus (Zichorie) und Cichorium endivia (Chicorée), klärt uns Wikipedia auf, dass die Salatblätter und die getränkebasis-taugliche Wurzel aus ein und demselben Körper wachsen. Widersprüchlich dazu (?) stellt der Artikel zur Gemeinen Wegwarte klar, dass diese Cichorium intybus heißt und ihrerseits mehrere Unterarten hat. Von der Subspezies Cichorium intybus subsp. intybus gibt es nun wiederum fünf kultivierte Formen. Der sog. Sativum-Gruppe gehört die "Kaffeepflanze" an, weswegen deren wissenschaftlicher Name Cichorium intybus var. sativum DC. lautet. Der Chicorée dagegen reiht sich in die Foliosum-Gruppe ein und heißt demzufolge Cichorium intybus var. foliosum. Das ist verwirrenderweise auch die Bezeichnung für den Radicchio (der von handelsüblichem Chicorée durchaus mit einem Blick zu unterscheiden ist!), obwohl der Wegwarten-Artikel eine eigene "Radicchio-Gruppe" anführt und zudem behauptet, die "Salat-Gruppe [...] enthält ebenfalls Radicchio-Sorten". Das o.g. Blog wirft indes die Varietät Radicchio munter mit der Wegwarten-Art Endivie (Chicorium endivia) in eine Schüssel, wobei man fairerweise auf die französische Sprache hinweisen muss, welche zum Chaos beiträgt, indem sie die Endivie chicorée und den Chicorée endive nennt.
Bevor ich mich jetzt auch noch in der Liste der Endivien-Sorten verliere (Frisée und Eskariol sind zwei von ihnen), zähle ich lieber wahllos ein paar schöne Trivialnamen der Wegwarte auf: Cikary (Eifel), Hindleufte/Hundsläufte (Schlesien), Verfluchte Jungfer (Ostpreußen), Krebskraut, Mode (Schwaben), Schweinbrust, Sonnendrath/Sonnenwedel (Thüringen), Tarantschwanz, Vogelleuchte, Warzkraut, Weglug (Braunschweig, Schweiz), Würza (St. Gallen), Zuckerei (Westfalen). Wie heißt sie bei euch?
PS: Ich bitte um Entschuldigung wegen der irreführenden Überschrift; es ging ja nicht um Knollen, sondern um Wurzeln. Ich hätte freilich "Tolle Plörre aus der Möhre" schreiben können, denn tatsächlich wurden auch schon Mohrrüben als Kaffee-Ersatz-Grundlage heran- oder besser: herausgezogen.
Freitag, 18. Januar 2013
Albernes zum Wochenschluss
Pacta sunt servanda --- Das Pack soll servieren
Ne bis in idem --- Nicht beißen unter Eid
Nullum crimen sine lege --- Niemand creme seine Liege
In dubio pro reo --- Eine Taube für den König
Do ut des --- Die oder das
