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Samstag, 20. Juni 2026

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Ein verborgenes Leben
Terence Malicks Biographie des 2007 selig gesprochenen österreichischen Widerstandskämpfers Franz Jägerstätter von 2019 geht nahe. Trotz seiner fast drei Stunden Laufzeit ist das zutiefst traurige Alpendrama, das hauptsächlich in Südtirol gedreht wurde, an keiner Stelle zäh; die schnellen Schnitte und die sprunghaften Perspektivwechsel sorgen für permanente Ruhelosigkeit und Anspannung. "A Hidden Life" beweist zudem, dass ein Film über die NS-Zeit keine expliziten Darstellungen von Schlachten und Nazigräueln braucht, um die Schrecken jener Ära ins Bewusstsein zu rufen und seine Botschaft zu vermitteln. August Diehl spielt den titelgebenden Kriegsdienstverweigerer so verletzlich wie kühn. In teils winzigen Nebenrollen sind allerlei bekannte Gesichter aus dem deutschsprachigen Film und Fernsehen zu entdecken.

Der Salzpfad
Die Kontroversen um die literarische Vorlage von 2018 ausgeklammert, lässt sich die Verfilmung von Raynor Winns Unterwegsbericht dennoch genießen. Sofern man nicht mehr erwartet als die genretypischen Zutaten: hübsche Landschaftsaufnahmen, kuriose Begegnungen und Begebenheiten, persönliche Hochs und Tiefs, eine Selbstfindungsbotschaft. Was soll ich sagen? Mich kriegt man seit "Into the Wild" mit so was immer wieder, und "The Salt Path" hatte es von Anfang an umso leichter, mich für sich einzunehmen, als ich den South West Coast Path ja selbst schon (zur Hälfte) gewandert bin. Einige Drehorte habe ich sogar wiedererkannt. Vielleicht lese ich das Buch ja doch noch irgendwann, Wahrheitsgehalt hin oder her.

Good Luck, Have Fun, Don't Die
An Gore Verbinski, den alten "Fluch der Karibik"-Haudegen, hatte ich seit einer halben Ewigkeit nicht gedacht. Kein Wunder, seit dem Heilanstalts-Grusel "A Cure for Wellness" von 2016 hat der Macher des besten Horror-Remakes aller Zeiten ("Ring") nada fürs Kino inszeniert. Das Warten hat sich gelohnt. Dass es sich bei der schwindelerregenden, rabenschwarzen, dystopischen Action-Farce nicht etwa um eine Comic-Adaption handelt, sondern um einen Originalstoff, nötigt mir Respekt ab und hat mir den Glauben an die Branche ein Stück weit zurückgegeben. Jede neue "Murmeltier"-Variation hat bei mir sowieso einen Vorschuss-Stein im Brett, da mag ich biased sein. "Good Luck" benutzt die Zeitschleifen-Mechanik jedoch nur als Mittel zum Zweck. Der Zweck: ein lineares Ensemble-Abenteuer aufzuführen, das wie die filmgewordene Mission in einem Rundentaktikrollenspiel wirkt, dabei markige Ballaballa-Action zu zeigen und gegenwärtige Technologie-Trends brutalsatirisch zu erledigen.
Das Spektakel, übrigens eine in Südafrika gedrehte deutsch-amerikanische Co-Produktion, kann sich trotz einem bescheidenen Budget von 20 Mio. $ sehen lassen und hat mit Sam Rockwell (als namenloser Hauptdarsteller), Michael Peña, Zazie Beetz und Juno Temple ein ordentliches Ensemble aus der zweiten Hollywood-Reihe am Start.

Die Faust im Nacken (OT: On the Waterfront)
Was soll ich über diesen Meilenstein des Fünfzigerjahre-Kinos schreiben, was man nicht an hundert anderen Orten nachlesen kann? Mehrere Oscars und Golden Globes, Platz 19 auf der Liste der "100 besten amerikanischen Filme aller Zeiten" des American Film Institute, maßgeblich die Karriere von Marlon Brando konstituierend (der in der deutschen Synchronisation übrigens mit der Stimme von Harald Juhnke spricht), Drehbuch Budd Schulberg und Regie Elia Kazan – zwei der schillerndsten Figuren in der Zeit des Blacklisting.
Tja, hat mir gut gefallen, auch wenn ich die gewerkschaftsfeindlichen Untertöne nicht auszublenden vermochte. (Einige Kritiken verwenden sogar Schlagworte wie "McCarthyismus" und "unterschwellig faschistisch".)

Evil Does Not Exist
Auf die Länge kommt's nicht an, zumindest auf die Filmlänge nicht: Wird "Ein verborgenes Leben" selbst nach zwei Stunden nicht langweilig (s.o.), ist das mit dem Silbernen Löwen von Venedig prämierte japanische Drama "Evil Does Not Exist" von 2023 derart entschleunigt, um es wohlwollend auszudrücken, dass sich die erheblich kürzere Laufzeit von 109 Minuten wie das Doppelte anfühlt. Wenn die Kamera minutenlang unter Baumwipfeln entlangfährt oder Menschen bei der Verrichtung banalster Tätigkeiten einfängt, ohne dass ein einziges Wort fällt, dürften selbst Arthouse-Enthusiasten an ihre Toleranzgrenzen geraten.
Großes Aber: Dieses Pacing ist der Atmosphäre zuträglich, erzeugt einen Vibe. Wir befinden uns schließlich in einem beschaulichen Dorf und sollen ein Gespür für den Alltag der in Frieden vor sich hin lebenden Gemeinschaft vermittelt bekommen. Erst als diese mit den Bedrohungen einer entseelten, alles dem Kommerz unterwerfenden Zukunft konfrontiert wird – in Gestalt zweier Touristikmenschen aus dem nahegelegenen Tokio, die in dem Örtchen eine Glamping-Anlage aufbauen wollen –, entsteht ein Konflikt. Ab da an wird es nachdenklich, ein bisschen spannend, sogar leicht amüsant, zuletzt extrem düster und ... weird. Ich habe im Anschluss einen langen Reddit-Thread über die Bedeutung des Endes gelesen, ohne danach schlauer geworden zu sein.
Bei diesem anspruchsvollen Vertreter der Reihe "Der etwas andere Film" gilt jedenfalls: Anschauen auf eigene Gefahr.

Eat Pray Bark
Ja, ich habe eine deutsche Hundekomödie mit dem Titel "Eat Pray Bark" gesehen. Es musste halt beim entspannenden Netflix-Abend auf die Schnelle etwas Familientaugliches rausgesucht werden. Das ab 6 freigegebene Therapie-Ensemble-Lustspiel als seicht und konfliktarm zu beschreiben, wäre untertrieben. Doch immerhin fallen mir spontan drei positive Punkte ein: 1. ist die fremdenverkehrsamtwürdige Szenerie (Tirol im Sommer!) zum Niederknien pittoresk; 2. kann man der grundsympathischen Allzweckwaffe Devid Striesow nie wirklich böse sein; 3. gerät der Humor nie so billig und ordinär, wie man es von einer, ich wiederhole, deutschen Hundekomödie erwarten würde.

Der fremde Sohn (OT: Changeling)
Im Los Angeles der späten 1920er Jahre verschwindet eines Nachts der neunjährige Sohn einer Telefonistin, nur um nach ein paar Monaten scheinbar unbeschadet wieder aufzutauchen. Doch handelt es sich dabei wirklich um den vermissten Jungen? Nein, ist sich die verzweifelte, fortan einen ausweglosen Kampf gegen Polizei und Behörden führende Mutter sicher.
Nachdem ich dieses abgründige Thriller-Drama von 2008 gesehen hatte, fragte ich mich erstens, wie dieses völlig an mir vorbeigehen konnte – immerhin wurde es von Clint Eastwood bravourös inszeniert und wartet mit Stars wie Angelina Jolie und John Malkovich auf –, zweitens, wieso ich noch nie von dem True-Crime-Fall, auf dem es basiert, gehört oder gelesen hatte (Empfehlung: Erst nach dem Anschauen recherchieren!). Es ist schier unglaublich, was da passiert ist! Nachdem sich viel Wut aufgestaut hat, erhält der Zuschauer gegen Ende der 140 Minuten wo nicht Hoffnung, so doch ein Quäntchen Genugtuung. Beziehungsweise anders rum.

Leoparden küsst man nicht (OT: Bringing Up Baby)
Fast 90 Jahre hat dieser Klassiker von Howard Hawks auf dem Buckel, doch kann man ihn sich auch heute noch "geben", ohne über- oder unterfordert zu werden. Mit modernen Sehgewohnheiten ist die 100-minütige Screwball-Comedy bestens vereinbar, ja, man merkt: Viele unserer Sehgewohnheiten kommen von hier! Das Tempo, die Gagdichte, der Körpereinsatz, das ist der Stoff, aus dem auch Komödien der Neunziger gewoben sind. Überhaupt, das Tempo! Gelegentlich wurde mir schwindlig ob dieser Rasanz, das altmodische Prädikat hysterisch drängt sich auf. Mitunter touchieren die Regie und Hauptdarsteller Cary Grant den Bereich des Albernen, doch abseits von (meist zündenden) visuellen und Situationsgags bekommt das Publikum auch immer wieder zeitlosen Dialoghumor serviert. Außerdem bezaubert eine bestgelaunte und komikverständige Katherine Hepburn als Co-Star ebenso wie die Co-Co-Stars, ein Leopard und ein Jaguar in der Rolle des Titeltieres, welches in der Kurzgeschichtenvorlage übrigens ein Panter ist.

Trap
"A bad movie that's fun to watch", so in etwa wurde "Trap" (2024) im Overthinking-It-Podcast umschrieben (Episode 851: "The Parent Trapper"). Ich bin geneigt zuzustimmen, würde den Psychothriller, dessen Parodie ("The Simpsons", 37.08: "The Day of the Jack-up") ich sogar noch davor gesehen hatte, aber unterm Strich wohlwollender beurteilen – selbstverständlich, denn wie hinlänglich bekannt sein sollte, bin ich Shyamalan-Fan und -Apologet. Die suspension of disbelief ist diesmal besonders hoch; vieles funktioniert nur aufgrund von Glücks- und Zufällen, Unachtsamkeiten, unlogischen Schlupflöchern und haarsträubenden Voraussetzungen. Allein die Idee, einen Serienmörder zu stellen, indem man ein volles Stadion ... aber lassen wir das. Ich habe "Trap" zusammen mit meiner Mutter gesehen, und die hat sich vollkommen auf die Prämisse einge- und von der Handlung mitreißen lassen. Nervenkitzel gibt es allemal, auf paranormalen Zinnober wird verzichtet, und Josh Hartnett als Vater in der Falle entpuppt sich nicht als Fehlbesetzung.
M. Night Shyamalan macht sein Ding, und ich finde es süß, dass er, nachdem er schon mit seiner Tochter Ishana zusammengearbeitet hat (in "Servant"), nun auch seiner als Singer-Songwriterin reüssierenden Tochter Saleka eine Tür geöffnet hat: Sie spielt die nicht unerhebliche Nebenrolle des Popstars, dessen Konzert das primäre Setting bildet.

Wake Up Dead Man
Das nunmehr dritte "Knives Out Mystery" um Rian Johnsons Spürnase Benoit Blanc hat mir so gut gefallen wie der erste Teil, wenn nicht sogar einen Funken besser. Das Locked-Room-Rätsel ist so anregend wie unverbraucht, wirkt dabei absolut klassisch – es wird sogar einem Meister dieses Faches, John Dickson Carr, rundheraus gehuldigt, indem einem seiner Romane eine nicht unwesentliche Rolle zugedacht wird –, ebenso wie der Schauplatz (ruraler Kirchensprengel). Der Kreis der Verdächtigen fällt schrullig aus wie gewohnt, wobei mir das Personal hier etwas geerdeter erscheint als der teils possenhaft überzeichnete Millionärsreigen auf der Insel in "Glass Onion". Witz und Schabernack kommen dennoch nicht zu kurz, und Platz für einen sachten gesellschaftskritischen Kommentar hat Johnson auch wieder gefunden. Daniel Craig geht in seiner Altersparaderolle erneut derart auf, dass es eine (Mords-)Gaudi ist. Teil 4? Kann gerne kommen!

Sonntag, 19. April 2026

Meine zuletzt nicht gesehenen Filme

Was Bücher und Serien angeht, bin ich ein Completionist, ein beharrlicher Es-zu-Ende-Bringer. Habe ich von einer Serie die Pilotfolge gesehen / von einem Buch die ersten 100 Seiten geschafft, dann kann ich nicht anders, als die komplette Staffel zu schauen / den Rest des Buches zu lesen. Bei Filmen bin ich weniger diszipliniert, da kommt es schon mal vor, dass ich selbst nach einer Stunde abbreche, wenn's mir zu blöde wird (rezente Beispiele: "Cuckoo", 2024; "Tim Travers & The Time Travelers Paradox", 2022). Bei manchen Filmen weiß ich bereits nach wenigen Minuten: Das ist nix für mich. Gleich zweimal erging es mir in der vergangenen Woche so, und zwar in Bezug auf zwei nicht nur von eingefleischten Cineasten hochgehaltene Kultstreifen: "Blade Runner" (1982, Ridley Scott) und "Brazil" (1985, Terry Gilliam). Allein zuzugeben, dass ich über 40 Jahre alt werden musste, um diese über 40 Jahre alten Filme zu begutachten, erfüllt mich mit Scham. Das lange Aufschieben war einem dumpfen Gefühl geschuldet – das sich schließlich beim Abspielen der Filme instantan bestätigt hat. Sowohl "Blade Runner" als auch "Brazil" brach ich nach jeweils einer Viertelstunde ab; ein zweiter Anlauf ist ausgeschlossen. Mir fällt es schwer, auszudrücken, was genau mich an diesen Werken abstößt. Irgendetwas an der retrofuturistischen (?) Darstellung von Dystopien (?) verursacht mir körperliches Unbehagen, bedrückt und überfordert mich. Die Ästhetik ist mit dem englischen Adjektiv gritty nur unzureichend attributiert; es ist alles gleichzeitig grell und noir, auf jeden Fall chaotisch und überladen. Mark Fisher wüsste bestimmt, warum es mir so geht, aber den kann man ja nicht mehr fragen.

Dienstag, 17. März 2026

Meine zwanzig zuletzt gesehenen Filme (2/2)

DogMan
Das Erfreulichste vorweg: In diesem Außenseiterdrama von Luc Besson kommt kein einziger Hund zu Schaden. Ebenso erfreulich: Die Rückblenden, die uns die Hundemenschwerdung des von Caleb Landry Jones fulminant verkörperten Douglas präsentieren, gleiten bei aller Furchtbar- und Trostlosigkeit nie in "Misery Porn" ab, wie es von einzelnen Kritikern moniert worden ist. Überhaupt blitzen immer wieder Lichter auf, sowohl cinematographisch als auch in Form komischer Momente.
Was uns von den Fährnissen des "Dogman" gezeigt wird, lässt uns Empathie für diesen entwickeln; er ist ein Freund, Beschützer und Rächer nicht nur seiner Hunde, sondern auch der Menschen: schwacher, ausgestoßener, misshandelter Menschen. Das sinnfällige Ende lässt verschmerzen, dass er selbst nicht ohne Fehl ist.

Anatomie eines Falls
Zweierlei hat mich an diesem hochgelobten Justizdrama gestört, und die Länge (150 Minuten) war es nicht. Erstens hätte ich es im zweisprachigen Original sehen sollen (Französisch/Englisch mit Untertiteln), denn in der deutschen Synchro wird durchgängig deutsch gesprochen, was in Szenen, in denen die Zweisprachigkeit der Hauptfigur (Sandra Hüller) von Relevanz ist, äußerst irritierend ist. Zweitens erschöpft sich der Kniff, die Kamera auf Figuren zu richten, die gerade nicht sprechen, doch beizeiten.
Davon abgesehen hat mich Justine Triets 2023er Werk mit seiner kühlen Präzision und beredten Stille – das Wort "Anatomie" ist Programm – durchaus in seinen Bann gezogen.

The Holdovers
Noch ein Release von 2023, und was für einer! Diese so frech-beschwingte wie humanistisch-melancholische Weihnachts-Dramedy ist im besten Sinne altmodisch und beschwört den Geist zeitloser Genre-Nachbarn wie "The Breakfast Club" oder "Der Club der toten Dichter" hinauf. Paul Giamatti ist wie gewohnt grandios, aber auch jede und jeder seiner Co-Stars überzeugt mit absolut glaubwürdigen Darstellungen. Keine der über 120 Minuten ist langweilig.

Eine Frage der Ehre (OT: A Few Good Men)
Die Ermordung von Rob Reiner und seiner Ehefrau zählt für mich zu den schockierendsten Promitoden der jüngeren Vergangenheit und hat mich sprachlos zurückgelassen. Manch einer mag sich gar keine Vorstellung davon machen, welch eine Lücke da in die Filmwelt gerissen wurde und wie unfassbar vielfältig Reiners Œuvre ist. Gerichtsszenen, die im Grunde nur aus Wortgefechten und ellenlangen Monologen bestehen, so auf Zelluloid zu bannen, dass sie einen fesseln und die Hände schwitzen lassen wie die krasseste Verfolgungsjagd, das gelingt wahrlich nur einem Meister der Regiekunst. Die hochkarätige Besetzung, allen voran Jack Nicholson und der damals erst 30-jährige Tom Cruise, leistet freilich ihren Beitrag, und auch Aaron Sorkins Drehbuch, dem ein Theaterstück aus seiner eigenen Feder zu Grunde liegt, dürfen wir nicht zu loben vergessen.
Ich wüsste auf Anhieb kein Militärdrama, das "Eine Frage der Ehre" das Wasser reichen könnte.

Whale Rider
Der erste Vertreter in dieser Liste mit weniger als 100 Minuten, und ein Beispiel dafür, dass man auch in solcher Knäppe gemächlich und behutsam (aber nicht behäbig) erzählen kann. Ich glaube, die inzwischen 24 Jahre alte Buchumsetzung von Niki Caro war damals der erste größere (meint: erfolgreichere) Film, der dem nicht-neuseeländischen Publikum einen so intimen wie tiefen Einblick in die (v.a. indigene) Kultur Aotearoas lieferte. Und ja, es reitet auch wirklich jemand auf einem Wal.
Der Tatsache, dass es sich um eine deutsche Co-Produktion handelt, wird damit Rechnung getragen, dass es eine Frau aus Deutschland ist, die gewisse Geschehnisse in Gang setzt (und die, wenn ich mich recht entsinne, in einer Szene sogar anwesend ist).
Ich bin froh, diesen traurigen, lehrreichen Kinder(?)film endlich nachgeholt zu haben.

Grease
... ebenso wie diesen 1978er Musikfilm, womit meine Musical-Bildung allmählich auf ein achtbares Maß anwächst. Die randiness dieser rebellischen, lebenslustigen Teenie-Nummernrevue erreicht nicht jene von "Hair", doch hat es "Grease" ganz schön in sich (wobei man erleichtert feststellen darf, dass es neben der berüchtigten Zeile in "Summer Nights" nur wenige andere problematische Stellen gibt). Den Kult um Olivia Newton-John Travolta habe ich nie verstanden; jetzt leuchtet er mir ein. Erstaunlich auch, wie viele Songs ich vorher schon kannte! Der kulturelle Impact von "Grease" muss riesig gewesen sein.

Manche mögen's heiß
Ebenfalls ihrem Ruf gerecht wird Billy Wilders wohl berühmteste Komödie. Gewiss, einzelne Aspekte mögen modernen Zuschauern aufgrund einer Albernheit, die Verkleidungs- und Verwechslungspossen nun mal eigen ist, zum Augenrollen bringen, doch man möge sich ins Gedächtnis rufen, dass "Some Like It Hot" (eine Phrase, die sich hier übrigens auf die Vorliebe einer Figur für Jazz bezieht) mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat. Zu weiten Teilen funktioniert der Humor noch immer, jede Dialogzeile sitzt, die Rasanz beeindruckt, und das Trio Marilyn Monroe / Tony Curtis / Jack Lemmon ist ein Casting-Glücksgriff, wobei Curtis' Performance gegenüber den anderen ein wenig abfällt.
Weil weiter oben schon das Stichwort "randiness" fiel: Auch "Manche mögen's heiß" traut sich hier und da dezente Keckheiten, die deutsche Altersfreigabe könnte allerdings ruhig mal nach unten angepasst werden. Mag aber sein, dass das "FSK 16" einst mit der gezeigten Gewalt begründet wurde: Die in den Roaring Twenties spielende Comedy wartet nämlich auch mit tüchtig Mafia-Geballer auf.

A Girl Walks Home Alone Tonight
Warum nicht mal einen Film in neupersischer Sprache gucken, gerade jetzt? Dies dachte ich mir und machte mit diesem Schwarz-weiß-Werk der nischigen Sparte "feministischer Vampir-Western" eine unvergleichliche Erfahrung. Begrüßenswert fand ich die Entscheidung, den Splatterfaktor gering zu halten und den Grusel aus der dank verkrusteter Gesellschaftsstrukturen allgegenwärtigen psychisch-sozialen Bedrohung zu, höhö, saugen. Streckenweise hat mich dieser US-amerikanische Neo-Noir von 2014 aber leider ermüdet.

JFK
Schade, dass sich kein Schwein mehr für die wahren Hintergründe des Kennedy-Attentats interessiert und dass Verschwörungstheorien heutzutage eh keinen Spaß mehr machen. Wäre ich im Jahre 1991 alt genug gewesen, um "JFK" zu sehen, und hätte ihn auch gesehen, wäre ich zum eingefleischten Anhänger und Verteidiger jedes in diesem atemlosen Dreistünder aufgestellten Arguments geworden. Alles ergibt Sinn!!!
Der Cast ist schier unglaublich und sorgt bis zu den Nebenrollen für Aha-Momente (Jack Lemmon [schon wieder] und Walter Matthau in einem gemeinsamen Film, der nicht zur "Ein seltsames Paar"-Reihe gehört! Brian Doyle-Murray als Jack Ruby!). Nicht nur dahingehend bietet sich ein Vergleich von "JFK" mit "Eine Frage der Ehre" an: Kevin Costners episches Plädoyer im schwindelerregenden Finale dürfte sich einen Platz in den ewigen Top-5 der erinnerungswürdigsten Reden der Kinogeschichte gesichert haben. Ich bin hellauf begeistert.
Apropos schade: Ist Oliver Stone nicht inzwischen auch etwas ... fragwürdig geworden? Hm, ich will's gar nicht wissen.

Mission: Impossible - Dead Reckoning Part One
Der letzte Klopper (161 Minuten) für heute: Der prima auf den Abschied einstimmende vorletzte "M:I"-Teil ist zum Glück wieder besser als "Fallout". Ein schnörkelloser Plot, staunenswerte Stunts und mustergültig choreographierte Stunts (der Zugabsturz, holy moly!), dazu ein paar passable Lacher (einen Masken-Runterreiß-Witz muss man sich anno 2023 erst mal trauen): Ja, das war eine feine Gaudi. Über unglaubwürdige Science-Fiction und arg forcierte Zufälle sehe ich bei dieser Art Kintopp lässig hinweg.

Sonntag, 15. März 2026

Meine zwanzig zuletzt gesehenen Filme (1/2)

Au weia! Ich habe diese Rubrik so lange vernachlässigt, dass sich inzwischen genügend Einträge für gleich zwei Ausgaben angestaut haben. Diese zwei werde ich nun aber unter einem Rubrum vereinen, wiederum in zwei Parts splitten und diese hintereinander präsentieren.

Der unsichtbare Gast (OT: Contratiempo)
Ein spanischer Thriller, von dem ich mir nichts Außergewöhnliches versprach, als ich ihn im Bordprogramm eines Mittelstreckenfluges auswählte, der mich dann aber schier umhaute. Er ist wirklich sehr clever konstruiert, komplex, aber nicht konfus, mit Twists, die nicht erzwungen wirken, mit menschlichem Drama, ohne überbordende Gewalt und mit einem hübschen Locked Room Mystery.

Weapons
Hiermit hat der mir bis dahin unbekannte US-Amerikaner Zach Cregger den besten Horrorstreifen 2025 vorgelegt (was nichts heißen mag, da ich meinen Konsum von Vertretern dieses Genres drastisch zurückgeschraubt habe)! Neben der düsteren, an "The Leftovers" erinnernden Prämisse und ihrer zwar fast konventionellen, aber nicht weniger düsteren Auflösung hat mich die in POV-Episoden aufgeteilte Erzählweise begeistert, welche verhältnismäßig tiefgehende Charakterentwicklungen zulässt.

The Thursday Murder Club
Einen Roman der mittlerweile auf fünf Teile angewachsenen "Thursday Murder Club"-Reihe wollte ich schon lange mal lesen, doch dann erschien Chris Columbus' Verfilmung von Richard Osmans so beliebtem wie erfolgreichem Debüt, und ich nahm mir erst mal diese vor. EIne der literarischen Fortsetzungen werde ich gewiss mal der Bibliothek entleihen, hoffe aber, dass diese dann ein My überraschender und vertrackter ausfällt. Das Adjektiv "konventionell" verwendete ich bereits vor wenigen Zeilen, aber genau so ist dieser zahme, zwar augenzwinkernde, doch nie mit den Tropen klassischer Murder-Mysterys spielende Krimi zu beschreiben. Nun, die Leserschaft will es anscheinend so – Cosy-Crime eben. Die Geschichte ist nicht unspannend, das Setting nicht uninteressant, und der Cast ohnehin über jeden Zweifel erhaben: Helen Mirren, Pierce Brosnan, Ben Kingsley, dazu David Tennant als genüsslich fieses Ekel, wundervoll. Trotzdem: In Schulnoten würde ich maximal eine 3+ geben.

Die nackte Kanone (2025)
Diesem unnötigen Reboot hatte ich mich zunächst verweigert, mochte ich mir doch beim besten Willen nicht vorstellen, dass es an die Original-"Naked Gun"-Trilogie auch nur auf 100 Yard herankommen könnte. Nachdem mehrere Leute, deren Komikexpertise ich schätze, sich jedoch zufrieden mit dem Ergebnis zeigten, gab ich der erfreulich kurzen Komödie eine Chance und fühlte mich tatsächlich ebenfalls ordentlich unterhalten. Akiva Schaffer, dessen "Lonely Island"-Tonfall ich so wenig Kompatibilät mit dem legendären (wenngleich aus der Zeit gefallenen) ZAZ-Humor zutraute wie der doch recht eigentümlichen und nicht immer treffenden Witzsprache von Produzent Seth MacFarlane, beweist ein Händchen für die großen Fußstapfen (schiefes Bild ist beabsichtigt). I'll be a son of a (naked) gun, das Ding macht Laune. Die Gagdichte kann sich sehen lassen, das Verhältnis Slapstick : Wortspiele : Popkulturanspielungen : Situationskomik : topical jokes stimmt, und die Autoren bemühen sich um eine halbwegs stringente und packende Story. Damit hat diese Comedy den teils unsäglichen Genre-Parodien der frühen 2000er enorm viel voraus. Und Liam Neeson muss man in der Rolle von Leslie Nielsons Sohn einfach lieben.

Friendship
Von dieser Komödie wiederum hatte ich mir ehrlich gesagt mehr erhofft. Als ich den Trailer sah, dachte ich, das könnte "I Think You Should Leave" in Spielfilmlänge werden. Wäre es gewiss auch geworden, wenn Tim Robinson (und Zach Kanin) am Drehbuch mitgewirkt hätten. Doch Regisseur Andrew DeYoung hat diese Aufgabe allein gestemmt und hatte Robinson als Hauptdarsteller gar nicht von Anfang an im Sinn: "DeYoung decided on casting his friend Tim Robinson while writing the film's screenplay" (Wikipedia). Die Wahl war natürlich genial, und überhaupt möchte ich dem verdienten TV-Regisseur DeYoung, der immerhin auch an "The Chair Company" kreativ beteiligt war, sein Können nicht absprechen. Aber wie gesagt: Wenn "Tim Robinson" draufsteht, erwarte ich tränentreibende Tim-Robinson-Absurdität; diese Erwartung wird in "Friendship" nicht eingelöst. Die typische "Ein tapsig-uncooler Nobody gerät in eine Spirale des Wahnsinns"-Eskalation gibt es grundsätzlich schon, auch über einige peinliche Interaktionen und zitierbare Oneliner kann man schmunzeln. Ein Reinfall ist die A24-Produktion von 2024 mithin keineswegs.

Sleepaway Camp
Wenn ich weiter oben sinngemäß schreibe, dass ich dem Horrorgenre mehr oder weniger den Rücken gekehrt habe, dann meine ich vor allem: Ich lasse Neuerscheinungen, die nicht auch etwas wirklich Neues wagen, links liegen; um "Scream 7" beispielsweise werde ich guten Gewissens einen Bogen machen. Grundsätzlich bin ich jedoch nach wie vor von Horror fasziniert, seit einiger Zeit insbesondere von Slashern der 1980er Jahre.
Der 1957 geborene US-amerikanische Filmemacher Robert Hiltzik hat auf imdb lediglich fünf Einträge als Autor und zwei als Regisseur vorzuweisen, alle haben die Wörter "Sleepaway Camp" im Titel, und offenbar kommt man als einschlägiger Fan nicht an Teil 1 dieser Reihe vorbei. "Sleepaway Camp" von 1983 hat einen gewissen Kultstatus erlangt. Was ihn von diversen "Freitag der 13."-Ripoffs jener Ära abhebt, ist in einem ausführlichen Wikipedia-Artikel zu erfahren (idealerweise erst nach dem Anschauen, Stichwort Spoiler): etwa dass die jugendlichen Ferienlagergäste nicht von deutlich älteren Schauspielern verkörpert werden, was dem Ganzen eine zusätzlich verstörende Note gibt. Als problematisch mag ein Aspekt empfunden werden, der mit der finalen Pointe zusammenhängt. Nichtsdestoweniger hatte ich meinen Spaß an diesem mit ein paar extravaganten Todesvarianten und -darstellungen aufwartenden B-Movie.
Fun Fact 1: "In September 2025, it was announced that Kenan Thompson's production company Artists for Artists (AFA) has acquired the rights to remake Sleepaway Camp with original writer/director Robert Hiltzik." (a.a.O.)
Fun Fact 2: Ich schreibe diese Zeilen an einem Freitag den 13.!

Here
Robert Zemeckis ist und bleibt einer der leidenschaftlichsten Erzähler Hollywoods. Mit "Here" hat er 2024 eine zehn Jahre zuvor erschienene Graphic Novel umgesetzt und deren visuellen Kniff übernommen: Die Zuschauenden verfolgen die über Jahrtausende sich erstreckende (Vor-)Geschichte eines gewöhnlichen Hauses in den USA, wobei sich der "Kamera"-Winkel nie ändert. Eingefangen werden, nicht-chronologisch, kleine, banale, entscheidende, emotionale Momente im Alltag der Menschen, die dort leben und lebten. Mit einigen Familien verbringen wir mehr Zeit als mit anderen Bewohnern, so begleiten wir zum Beispiel Tom Hanks von der Jugend bis zum Greisenalter; die mittels Generativer KI erzeugten De-Aging-Effekte gehen in Ordnung und landen nicht im Uncanny Valley. Eine bewegende Reise. Schön!

Zwei hinreißend verdorbene Schurken (OT: Dirty Rotten Scoundrels)
Steve Martin und Michael Caine gaunern sich als Gegenspieler durch das Frank-Oz-Remake einer Posse von 1964 ("Bedtime Story"). "Dirty Rotten Scoundrels" stammt von 1988, wirkt bisweilen älter, obwohl viele Scherze noch heute erstaunlich frisch und frech wirken. Vielleicht liegt es an der Côte d'Azur als Sehnsuchtskulisse, die der Hochstapler-Komödie einen irgendwie gestrigen Glamour verleiht. Alles in allem 110 höchst vergnügliche Minuten.

The Life of Chuck
Von den gefühlt 50 Stephen-King-Verfilmungen der letzten Jahre ist diese eine der gelungensten, wenn nicht die gelungenste. "Ich stellte mir diesen chronologisch rückwärts erzählten Dreiteiler direkt als von Damon Lindelof verfilmte Miniserie vor", schrieb ich im Oktober 2020 über "Chucks Leben". 2024 war es dann nicht Lindelof, sondern der King-Wiederholungstäter Mike Flanagan, der die Kurzgeschichte aus dem Band "If it Bleeds" umsetzte, und das tat er, wenn mir das abgeschmackte Prädikat gestattet ist, kongenial. Die drei Akte oder besser: Kapitel gehen ans Herz, bauen ein nachdenklich machendes Rätsel auf und zaubern uns gelegentlich ein breites Grinsen ins Gesicht. Tom Hiddleston rockt, auch die übrigen Akteure, darunter Karen Gillan, Chiwetel Ejiofor und Mark Hamill, hinterlassen Eindruck, selbst wenn sie nur in je einer Episode auftauchen.
"The Life of Chuck" hat das Zeug zu einem Klassiker wie, sagen wir, "Stand by Me".

Prange
Zuletzt eine deutsche Fernsehkomödie, die mit ihrem harmlos-gefälligen Mix aus Herz, trockenem Humor und hanseatischer Schnodderigkeit perfekt zwischen den Jahren weggeguckt werden kann, gerne zum wiederholten Male und mit der ganzen Familie – es ist ja nicht alles Schrott, was hierzulande produziert wird. Bjarne Mädel als Titelfigur ist eh super, Olli Dittrich als grantiger Nachbar und Katharina Marie Schubert als verhuschter love interest ergänzen den sympathisch unsympathischen "Helden" aufs Famoseste.

Freitag, 23. Januar 2026

Betr.: Co-Produktionen, Zug-Workout, News-Detox, Let's Play

Diese Woche ist die neue Cinema erschienen, und es wurden wieder einige Filme vorgestellt, an deren Produktion jeweils mehr als fünf Länder beteiligt waren, namentlich "Once Upon a Time in Gaza" (F/PS/D/P/Q/JOR), "Zwei Staatsanwälte" (F/D/NL/LV/RO/LT) und "Die Stimme von Hind Rajab" (TN/F/USA/UK/I/SA/CY). Den von "To a Land Unknown" aufgestellten Rekord (?) haben die drei Filme damit zwar nicht gebrochen, beachtlich sind diese Zahlen trotzdem. "CY" steht übrigens für Zypern.

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Regionalexpress Würzburg-Frankfurt. Eine etwa Mitte 60-jährige Frau mit Funktionskleidung und frecher Kurzhaarfrisur steigt zu und nimmt Platz. Nach einer Weile erhebt sie sich, läuft den Gang hinab, bleibt zwischen zwei Doppelsitzen stehen (auf einem dieser Sitze: ich), greift die Griffe an den Lehnen rechts und links von ihr und beginnt, gymnastische Übungen zu machen. Vor und zurück streckt sie sich, lässt sich halb fallen und macht Bewegungen wie an einem Barren, wobei die Füße auf dem Boden bleiben. Mich macht das leicht nervös, aber weil ich unkonfrontativ bin, begebe ich mich in den zen-buddhistischen Zustand des dhyāna und sage eben NICHT: "Oh jaaa, das ist sehr wichtig und gesund, was Sie hier tun, und überhaupt nicht absonderlich und irritierend! Sie haben schließlich gerade zehn Minuten am Stück gesessen, und so eine Zugfahrt ist ja wie ein Langstreckenflug, da drohen verkrampfte Muskeln und eingeschlafene Füße, wenn nicht gar Thrombose und Dekubitus."
Tja, wahrscheinlich hat diese Reisende tatsächlich alles richtig gemacht. Jetzt fühle ich mich schlecht, weil ich über sie, wenn auch nur insgeheim, gespottet habe.

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Was ich in meiner heutigen Titanic-Newsletter-Kolumne (die ihr bestimmt alle lest, *hüstel*) verkündet habe, ist wahr: Ich habe mir für 2026 vorgenommen, einen Bogen um "Welt online" zu machen, und seit dem 1.1. bin ich auch wirklich kein einziges Mal dort vorbeigesurft. Mir fällt diese selektive Medienabstinenz äußerst leicht, doch meinem Unterbewusstsein offenbar nicht. Heute habe ich nämlich im Traum welt.de aufgerufen, und in dem Moment, wo ich die ersten, gewohnt behämmerten Überschriften las, dachte ich: 'Waaah, mein schöner Vorsatz, bereits im Januar habe ich ihn gebrochen!'

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Das interessiert jetzt sicherlich kein Schwein, aber ich halte es fest, weil ich mich so darüber freue. Mein Lieblings-Youtuber raocow let's-playt zurzeit "Bramble" – auf meinen Wunsch hin! Kurz nachdem ich mich im Dezember erstmals am virtuellen Adventskalender mit einem Geschenk beteiligt hatte (ich bin "Earthquake Joe"), wurde mir dafür gedankt: von Gevatter Zufall. Denn im kurz darauf veröffentlichten "Patreon Wheel", bei dem u.a. Unterstützer ausgelost werden, die ein zu spielendes Game vorschlagen dürfen, blieb das Glücksrad auf meinem Namen stehen. Neben "Bramble" hatte ich als Alternativen noch "Lake" sowie das in meiner Amiga-Kindheit heiß geliebte "PP Hammer" angegeben (man darf drei Titel einreichen, von welchen raocow dann einen auswählt); die hätten gewiss auch witzige(re) Let's Plays ergeben.

Mittwoch, 7. Januar 2026

Fragen, die ich mir selbst stelle

Neulich las ich eine Rezension des Films "To a Land Unknown" (D/DK/F/GR/NL/PS/QA/SA/UK 2024). Man beachte die Klammer: Es handelt sich um eine deutsch-dänisch-französisch-griechisch-niederländisch-palästinensisch-katarisch-saudi-arabisch-britische Co-Produktion! Da fragte ich mich, ob hier mit neun Ländern ein Rekord vorliegt oder ob es schon mal eine Produktion gab, an der noch mehr Nationen mitgewirkt haben.

Leider hilft mir das Internet nicht weiter. Zwar stößt man leicht auf den im Guinness-Buch als "Film mit den meisten Regisseuren" geführten "The Owner" von 2012, zu welchem 25 Filmschaffende aus 13 Ländern Szenen beigesteuert haben (da fällt mir ein: Ich möchte mal "Paris, je t'aime" sehen), aber das Ergebnis bzw. die Zusammenführung dieser Kollaboration wurde, soweit ich erkennen kann, nicht von Unternehmen oder Gesellschaften aus 13 Ländern produziert und finanziert. Wenn jemand ein Beispiel für eine tatsächliche Co-Produktion mit zehn oder mehr beteiligten Ländern findet: Bitte melde dich!

Freitag, 26. Dezember 2025

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Amsterdam
David O. Russell ist ein Name, der sich nicht sofort aufdrängt, wenn man an die erste Riege von Hollywood-Regisseuren denkt (auch ich hatte ihn nicht auf dem Schirm), der aber mit einigen Preisabräumern der jüngeren Vergangenheit verbunden ist ("Silver Linings Playbook", "American Hustle", "The Fighter"). Man merkt denn auch, dass "Amsterdam" begierig in Richtung Oscar & Co. schielt. Den erhofften Erfolg und nachhaltigen Status konnte das 134-Minuten-Epos von 2022 bekanntlich nicht erreichen, was schon daran liegen mag, dass es sich gar nicht um das Epos handelt, als das es sich verkauft, sondern um eine relativ schnörkellose Freundschaftsgeschichte, die sich um einen dubiosen Todesfall dreht und in mehreren, sich über Jahrzehnte erstreckenden Akten erzählt wird. Man könnte gehässig das Prädikat "aufgebläht" gebrauchen. Vieles an dem opulenten Historiendrama mochte ich aber: den beachtlichen Cast, das Licht, die Gegenwartsbezüge. Klarer Fall von "5 von 10 Punkten".

You Can't Run Forever
Das dürfte ein Novum sein: ein Film mit J. K. Simmons, der derart belanglos ist, dass er nicht mal einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag hat. "Warum hat sich dieser über jeden Zweifel erhabene Topmime überhaupt für so einen Kokolores hergegeben?", fragte ich mich nach dem Ansehen dieses 2024er-"Unhinged"-Klons. Die Antwort ist schnell gefunden, in der englischsprachigen Wikipedia: "Simmons confirmed in an interview with MovieWeb that the making of the film was a family collaboration since his wife co-wrote and directed the film, his brother-in-law produced it, his son composed the score of the film and his daughter makes an appearance in the film." Und das ist ja nun irgendwie rührend. Trotzdem: Man kann sich diesen Menschenjagd-Thriller, der bei der Figurenzeichnung alles falsch macht, indem er nämlich die Sympathien von Anfang an brachial einseitig, ohne Raum für Zwischentöne verteilt, sparen.

Lee
Meine hohen Erwartungen erfüllt hat dieses so aufschlussreiche wie bewegende Biopic von 2023. Dass sich eine erfahrene Kamerafrau (Ellen Kuras) des Lebens der Kriegsfotografin Lee Miller angenommen hat, erwies sich als ebenso großer Glücksgriff wie die Besetzung der Hauptrolle mit Kate Winslet.
Leicht irritiert hat mich nur eins: dass Andy Samberg in diesem – einzelner komischer Momente wie der legendären Badewannenszene ungeachtet – eher finsteren Film mitspielt. Das ist freilich nur mein persönliches (Miss-)Empfinden. Ich gönne Samberg seinen Ausflug ins ernste Fach und finde sogar, dass er den Fotografenkollegen David Scherman glaubhaft rüberbringt. Für mich ist sein Anblick hierin halt ... schwer zu fassen. Den goofy Comedian, den ich sieben Jahre bei "Saturday Night Live" belacht und erst kürzlich als Stimme in dem albernen Zeichentrick "Digman!" erlebt habe, zu sehen, wie er schwer bestürzt durch ein befreites Konzentrationslager schleicht, das passte für mich irgendwie nicht zusammen. Wie gesagt: That's just me. Ansonsten empfehle ich "Lee" als fesselnde Geschichtsstunde uneingeschränkt.

Oh la la - Wer ahnt denn sowas? (OT: Cocorico)
Diesen Film hätte ich mir gewiss niemals bewusst ausgesucht, handelt es sich doch um eine französische Komödie, aber er war ein Programmpunkt beim lokalen Sommer-Open-Air-Kino (ja, ich hänge mit meinen Filmrezensionen Monate hinterher ...), und da nahm man ihn gerne mit. In lockerer Atmosphäre, mit Weinchen auf der Picknickdecke, funktioniert so ein seichter Euro-flic denn auch erstaunlich gut. Der Familienspaß mit Christian Clavier spielt mit nationalen Klischees und reproduziert Vorurteile bis zur Dekonstruktion, wobei ich die Witze über Deutsche selbstverständlich am komischsten fand. Klar, das Drehbuch gefällt sich mitunter – typisch französisch halt – gar zu sehr in seiner politischen Unkorrektheit, aber letztlich sind die Ziele des Spottes allein die Mitglieder zweier Familien unterschiedlicher Schichten (soziologisch durchaus interessant, wie prägend und bedeutsam der "Stand" im Nachbarland anscheinend immer noch ist), die am Ende natürlich geläutert sind und einander versöhnen.

Hair
Wieder hat es ein Musical in die Liste geschafft, dessen Songs ich großteils kannte (u.a. aus dem Musikunterricht), dessen Verfilmung (Miloš Forman, 1979) ich aber nie gesehen hatte. Und was für ein Erlebnis mir da entgangen war!
Schleierhaft bleibt mir, wie "Hair" eine FSK-Freigabe ab 6 Jahren erhalten konnte. Es wimmelt von Drogenverherrlichung, Freizügigkeit, Propagierung freier Liebe und Anti-Establishmentarianismus. Allein die verbalen Frivolitäten in "Sodomy"! In diesem Zusammenhang frage ich mich, ob Donald Trump dieses Musical bereits öffentlich verdammt oder gar aus der Library of Congress entfernen lassen hat. Andererseits haben bestimmt viele von seinen Goons die eingängigsten Lieder damals begeistert mitgeschmettert.
Apropos schmettern: Niederschmetternd fand ich das Downer ending, das ich nicht habe kommen sehen.

A Haunting in Venice
Die dritte Poirot-Verfilmung von und mit Kenneth Branagh ist zugleich die erste, die ich überhaupt sah, denn im Gegensatz zu "Mord im Orient Express" und "Tod auf dem Nil" kannte ich weder Agatha Christies Vorlage ("Die Schneewittchen-Party") noch frühere Adaptionen, konnte mich also, gleich der belgischen Spürnase, unvorbereitet in den Fall stürzen. Der ist diesmal weniger vertrackt und doppelbödig als in Christies berühmteren Whodunits, sondern eher "murder mystery by the numbers", außerdem recht bedrückend. Zur schwermütigen Stimmung trägt das angemessen unheilvoll in Szene gesetzte, fast durchgängig nächtliche Venedig bei; es knarzt und tropft und spukt in allen Ecken, so dass man sich von dieser Stadt so abgestoßen fühlt wie seit "Wenn die Gondeln Trauer tragen" nicht mehr. Einzig Tina Fey bringt ein wenig Leichtig- und Heiterkeit in das Szenario.

Wallace & Gromit: Vengeance Most Fowl
Der erste W&G-Langfilm seit "Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen" (2005) liefert genau das kurzweilige Vergnügen, das Fans sich erhofft haben dürften. Kreative Knetaction, viel Herz und ein Humor, der bei Kindern wie Erwachsenen funktioniert – hach, wie wohltuend in Zeiten von KI-Slop!

Über den Dächern von Nizza (OT: To Catch a Thief)
Nach wie vor bin ich (leider!) meilenweit davon entfernt, ein Hitchcock-Kenner zu sein, wohl aber liebe ich es, mich von solchen über Klassiker wie "To Catch a Thief" aufklären zu lassen, und dieses für einen Thriller geradezu beschwingte Katz-und-Maus-Spiel pünktlich zu seinem 70. Geburtstag nachzuholen, war mir eine umso größere Freude, als ich kurz zuvor Jens Wawrczecks herrliche Hitch-Bibel "How to Hitchcock" gelesen hatte. Vieles, was man darin über "To Catch a Thief" erfährt, ist auch der entsprechenden Wikipedia-Seite zu entnehmen, etwa Hintergründe zu den gewagten sexuellen Anspielungen oder den Fakt, dass in der deutschen Synchronisation praktisch alle Verweise auf die Résistance getilgt wurden.
Man sieht Cary Grant und Grace Kelly gerne zu, einen besonderen Hingucker stellt jedoch die Côte d'Azur dar, die hier fast schon übertrieben schwelgerisch in Szene gesetzt wurde (sonnengetränkte Strandblicke, laaange Autofahrten über die Grande Corniche ...). Dafür ein Bonuspunkt.

Downhill
Will Ferrell und Julia Louis-Dreyfus in den Hauptrollen, dazu das oscar-prämierte Duo Nat Faxon und Jim Rash auf den Regiestühlen sowie als Drehbuchautoren (gemeinsam mit Jesse Armstrong, u.a. "The Thick of It"), da kann doch eigentlich nix schiefgehen, möchte man meinen. Und doch hat mich diese Skifahrkomödie von 2020 eher, passend zum winterlichen Setting, kalt gelassen. Dass vieles daran nicht zündet, liegt vielleicht daran, dass es sich um das US-Remake einer schwedischen Dramedy handelt (die ich nicht kenne). Wobei anzumerken ist, dass das Grundthema (Ehemann denkt in einer Notsituation nur an sich, statt seinen/r Angetrauten zu helfen) bereits 2001 in der "King of Queens"-Folge "Oxy Moron" gewitzter verhandelt wurde. Schade, dass Will Ferrell, dessen Rolle hier reichlich undefiniert ist, nun schon zum wiederholten Male nicht dem komödiantischen Niveau gerecht wird, für das er jahrelang ein Garant war.
Von einer veritablen Gurke muss man freilich nicht sprechen; hübsch ist z.B., dass "Downhill" komplett in Österreich gedreht wurde, und auch einige Nebendarsteller wissen zu amüsieren (Kristofer Hivju!).

Eat Pray Love
Tja, was lässt sich über diese Buchverfilmung sagen? Mit Tiefgründigkeit oder Subtilität sticht der harmlose Transformationstrip von 2010 nicht hervor. Ich muss schmunzelnd nicken, wenn ich auf Wikipedia Zitate aus Kritiken lese: "Augenschmaus ohne Seele, der ernst zu nehmende Probleme einfach ausblendet." (Cinema) "Selbstfindung à la Hollywood – wo das Verspeisen eines Nudelgerichts als Hochkultur durchgeht, bleibt wahre Erkenntnis eben zwangsläufig auf der Strecke." (Filmstarts.de) Die Message des biographischen Bestsellers: Mit genügend Geld und beruflicher Unabhängigkeit kannst du deinen Problemen einfach davonreisen und deine Depressionen wegmeditieren. Dass ausgerechnet Ryan Murphy für diesen Schmonzes verantwortlich war (Regisseur und Co-Autor), hätte ich in eintausend Jahren nicht erraten!
Und doch ist diese Juliarobertsiade zumindest nicht ohne visuellen Reiz. Die exotischen Locations sind hier die wahren Stars und zeigen sich von ihren Schokoladenseiten; das ist cinematographische Tourismusförderung, die ich goutieren kann.

Mittwoch, 10. Dezember 2025

Surely you can't be serious!

Wer die kürzlich von mir präsentierte Liste von Monin-Sorten mit 98 Items schon für too much hielt, wird erst recht überfordert sein von dem, was das Magazin Variety letzten Monat auf ihr Publikum losließ und mit dem zu befassen ich erst jetzt die Zeit gefunden habe: "The 100 Best Comedy Movies of All Time".

Nun sind Film-, Serien- oder Videospiel-Bestenlisten von Haus aus kontrovers, oft ist das von den auf Aufmerksamkeit und engagement spekulierenden (Online-)Medien auch so gewollt. Beim Durchgehen des Variety-Rankings sieht man aber wieder einmal, dass sich über nichts so trefflich streiten lässt wie über Humor. Das soll jetzt hier nicht der zu erwartende Kommentar à la "Wieso ist XYZ nicht in dieser Liste, und warum ist ABC so weit hinten?!" werden (wobei: "Anchorman" auf Platz 88? Skandalös!); wer auf solche Kommentare Bock hat, findet sie zuhauf unter jenem Variety-Beitrag. Nein, mir geht es darum, grundsätzliche Unzulänglichkeiten darin aufzuzeigen.

Es fängt ja schon mit der Frage an, wie weit man den Begriff der Komödie fassen will. Diese Top-100 subsumiert darunter offensichtlich jeden Film, der irgendein komisches Element enthält, so dass sich auch Vertreter darin finden, die nach meinem Verständnis ganz und gar un-komödiantisch sind: Den Thriller "Fargo" würde ich ja noch als "schwarze Komödie" durchgehen lassen, aber "Everything Everywhere All at Once" ist für mich bei allem "absurdist slapstick" zuvörderst ein Actionfilm mit SciFi-/Fantasy-Elementen, genau so wie "The Princess Bride" ein – zugegeben subversives und mit ulkigen Sprüchen garniertes – Märchen ist. Geht "Ed Wood" als Komödie durch, nur weil sie auf (tragi-)komische Weise von einem Macher alberner Z-Movies erzählt (und damit, wie es im Artikel heißt, ein eigenständiges Genre begründet: "biopics about people you don’t make biopics about")? Und bei "Withnail & I", über den ich einst schrieb: "Ich schwör's, ich bin seit 'Trainspotting' nicht solchem Abfuck ausgesetzt worden", steige ich dann endgültig aus. Dieses fast willkürlich erscheinende Zusammenwürfeln verblüfft umso mehr, als die Nummer 1 ein Spielfilm ist, bei dem tatsächlich die reine Pointe, der pure Gag, der Witz um des Witzes willen, im Mittelpunkt steht: "Die Nackte Kanone".

Ich muss weitermosern: Wie haben es zwei Stand-up-Specials in die Sammlung geschafft, aber kein einziger Animationsfilm? Enttäuschend ist auch die Bandbreite der Herkunftsländer der Filmauswahl. Bis auf wenige britische und französische Ausnahmen werden ausschließlich US-amerikanische Produktionen vorgestellt. Fragt mal einen beliebigen Deutschen meiner Generation nach dem Lustigsten, was er als Kind gesehen hat, und er wird Namen wie Bud Spencer, Terence Hill, Louis de Funès, Jackie Chan, Adriano Celentano oder "Olsenbande" in den Ring werfen. Dass kein Werk aus Deutschland vertreten ist: geschenkt.

Nützlich ist das Ranking allemal, hat es mich doch auf den ein oder anderen Kandidaten für meine Watchlist gestoßen. Bleibt die Frage, wie viele der aufgeführten "Comedys" ich schon kenne. Darauf antworte ich gern. Vorab: Ich lasse nur die gelten, die ich geplant und bewusst angeschaut habe. Nicht mitgezählt habe ich Streifen, bei denen ich garantiert schon mal nach dem Reinzappen hängen geblieben bin, als sie im Fernsehen liefen, etwa "Caddyshack", "Mrs. Doubtfire", "Big" oder "Der Teufel trägt Prada". Nach dieser Regel komme ich auf 32, also knapp ein Drittel. Das ist okay, aber es besteht Nachholbedarf.

Freitag, 29. August 2025

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Saturday Night
Das fiktionalisierte One-Cut-Behind-the-Scenes-Feature über die Pilotfolge von "Saturday Night Live" bzw. korrekter "NBC's Saturday Night" hat meine Erwartungen noch übertroffen. Ja, dieser irrwitzige Fiebertraum ist für mich sogar der beste Film des Jahres! Jason Reitman, praktischerweise Sohn des mit den "Not Ready for Prime Time Players" verbandelten Ivan, erweist sich als idealer Regisseur und Drehbuchschreiber (Co-Autor: sein "Ghostbusters"-Partner Gil Kenan) für diese in keiner Sekunde langweiligen Achterbahnfahrt. Die Besetzung ist zum Teil gespenstisch passend, besonders die Darsteller von Chevy Chase und Dan Aykroyd hätte ich für Reinkarnationen der Portraitierten halten können, wenn ich nicht wüsste, dass diese noch leben; da sitzt jede Geste, jeder Gesichtszug, jede stimmliche Nuance. Und was man hier alles erfährt (freilich mit ein paar Körnchen Salz – wie gesagt: Fiktionalisierung)! Ich wusste beispielsweise nicht, dass das spätere Castmitglied Billy Crystal bereits in jener Premierensendung hätte auftreten sollen (er steuerte übrigens in seinem Besitz befindliche Original-Scripte bei, die für den Film Verwendung finden konnten, wie ich in einer empfehlenswerten "Fly on the Wall"-Sonderfolge erfuhr); auch war mir weder die Beziehung von Rosie Shuster zu Lorne Michaels klar, noch dass die Live-Ausstrahlung der Show letztlich Andy Kaufman zu verdanken war. Ihr merkt schon, das hier ist ein Guetzli für SNL-Nerds. Aber was für eins!

Ihr seid herzlich eingeladen (OT: You're Cordially Invited)
Fortgesetzter Treue zu amerikanischen Sketchveteranen und hündischer Will-Ferrell-Verehrung im Speziellen zum Trotz muss ich konstatieren, dass der Output von ebenjenem in den letzten Jahren nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ nachgelassen hat. Leider! Man freut sich zwar, wenn Ferrell mal wieder die Hauptrolle in einer Komödie übernimmt, ist dann aber bei allem milden Amüsement enttäuscht, wenn so etwas wie die Amazon-Produktion "Ihr seid herzlich eingeladen" herauskommt, die einen handzahmen Verwechslungs- (Doppelbuchung!) mit einem Hochzeits-Chaos-Plot verquickt, diesen mit halbherzigem Vater-Tochter-Drama und sparsam gesetzten Actionsequenzen andickt. Ja, man kann hier und da lachen, der große Wurf ist Nicholas Stoller hiermit aber nicht gelungen. Immerhin: Reese Witherspoon beweist ihr komisches Talent.

Rain Man
Nach "Asphalt Cowboy" hatte ich mich ja ein wenig auf Dustin Hoffman eingeschossen und war bereit, "Rain Man", den man wohl doch mal gesehen haben muss, leidenschaftlich zu hatewatchen, aber was soll ich sagen? Hoffman überzeugt in der Rolle des anstrengenden Savants, seine einjährige Vorbereitung auf die Rolle, inklusive intensivem Kontakt mit autistischen Menschen, hat sich ausgezahlt. Auch Tom Cruise ist, was man gern vergisst, gar kein schlechter Charaktermime.
PS: Für einen Streifen aus den Spätachtzigern versprüht "Rain Man" (acht Oscar-Nominierungen, Gewinne in vier der "Großen Fünf" Kategorien) noch erfreulich viel Eighties-Charme.

Stellet Licht
Dieser selbst Arthouse-Enthusiasten kaum geläufig sein dürfende Geheimtipp ist: langsam. Sehr langsam. Einstellungen, die sich bis knapp vor die Erträglichkeitsgrenze ziehen. Aufs Nötigste reduzierte Dialoge, viel Schweigen. Eine Handlung, die auf einen Bierdeckel passt. Und doch: Einer nahezu psychedelischen Faszination kann man sich nicht entziehen, vor allem wenn man wie ich ein Faible für sprach(geschicht)liche Besonderheiten hat. "Stellet Licht" wurde komplett auf Plautdietsch gedreht und war damit 2007 der erste Kinofilm seiner Art. Er spielt in einer mennonitischen Gemeinde in Mexiko, wo diese niederdeutsche Varietät noch heute gesprochen wird. Verstanden habe ich bis auf wenige einzelne Wortfetzen nichts. "Stellet Licht" bedeutet, ihr ahnt's, "stilles Licht". Der Name ist Programm(kino).

Wayne's World 2
Stephen Surjik ist ein umtriebiger TV- und Streaming-Regisseur, hat aber neben der unbedingt mal näher zu betrachtenden (man werfe einen Blick auf die Credits!) 2007er Sexklamotte "I Want Candy" keinen feature film inszeniert bis auf diese Fortsetzung der kommerziell erfolgreichsten SNL-Sketch-Verwurstung.
Von der Story ist mir wenig in Erinnerung geblieben, echte Schenkelklopfer gab es kaum, dafür wie im Vorgänger ein paar nette Gastauftritte. Aus reinem Komplettionismus (?) musste ich "Wayne's World 2" ohnehin sehen und fand ihn sowohl liebenswert als auch kurzweilig.

Tourist Trap
Über diesen Backwoods-Slasher von 1979 hatte ich im Hinterkopf gespeichert, dass Stephen King ihn zu seinen Lieblingsfilmen zählt. Dann rutschte er neulich in den Amazon-Prime-Katalog und ich sah ihn mir an. Ja, ganz nett, dachte ich, Schaufensterpuppen sind immer gruselig, aber ... ist das nicht alles ein wenig blutleer? Mit fortschreitender Dauer (die mit 90 Minuten altmodisch-knackig bemessen ist) reifte in mir die Erkenntnis, dass dies der harmloseste Horrorfilm sein könnte, den ich je gesehen habe. In der Tat: "Tourist Trap" ist einer der wenigen Vertreter seines Genres, der ein PG-Rating erhalten hat, in Amerika also auch von Vorteenagern in Begeitung von Erziehungsberechtigten konsumiert werden durfte und darf. Abgesehen vom fehlenden Gore drückt "Tourist Trap" jedoch genau die richtigen Knöpfe und entwickelt eine dichtere Gothic-Atmosphäre als beispielsweise der thematisch ähnliche "House of Wax". Und ist es Regisseur David Schmoeller nicht zugute zu halten, ein Werk abgeliefert zu haben, das als prima Einstieg in die Welt des Horrors taugt(e) und vermutlich Tausende junger Leute neugierig auf härtere Stoffe gemacht hat? ("NEIN!", werden besorgte Eltern erwidern.)
Die Schauspielerinnen und Schauspieler waren mir gänzlich unbekannt, haben aber durchweg ordentliche Leistungen erbracht.

Mickey 17
Ich weiß, ich bin der Letzte, der sich über das Aussehen anderer Menschen auslassen sollte, aber gute Güte, Robert Pattinson ist schon ein hässlicher Vogel. Zumindest in diesem Sci-Fi-Actiondrama, in welchem er sich durch einen permanent extradebilen Blick und dösiges Genuschel nicht eben attraktiver macht. Die Grundprämisse von Bong Joon-hos 137-(uff!)-Minüter ist reizvoll und philosophisch herausfordernd. Doch daraus hat entweder bereits der Roman, der als Vorlage diente, oder der Regisseur und Drehbuchautor, der es eingedenk des Publikums- wie Kritikererfolges "Parasite" eigentlich draufhaben sollte, nichts gemacht. Es läuft alles auf die x-te Variante des "Pocahontas"/"Avatar"-Sujets hinaus, in diesem Fall bekämpfen menschliche Kolonialisten in ihrer neuen auszubeutenden Heimat die mutmaßlich feindseligen außerirdischen Ureinwohner, die sie "Creeper" nennen (und deren Kreaturendesign das Stärkste am ganzen Film ist), die jedoch nichts Böses im Schilde führen und lediglich ihre Friedfertigkeit nicht zu kommunizieren vermögen. Die Klon-Thematik spielt im letzten Akt keine Rolle mehr – und ist überhaupt von Anfang an unzureichend durchdacht. Warum etwa unterscheiden sich die "Mickeys" derart in ihren Persönlichkeiten?
War ich während der ersten Stunde noch mit allem einverstanden und einigermaßen intrigued, fühlte ich mich nach Stunde zwo nur noch verarscht, und einige meiner Mitschauenden (wir waren dafür sogar ins Kino gegangen!) überzeugten mich anschließend von der Dünne und Läppischkeit dieser Posse. Immerhin: Man hat Gelegenheit, Mark Ruffalo in seiner miesesten, clowneskesten, flachsten Rolle zu "bewundern".
Gefreut habe ich mich, Tim Key ("Sidekick Simon") in einer Big-Budget-Produktion zu sehen. Der Mann startet gerade richtig durch, er ist auch beim kommenden "Office"-Ableger "The Paper" dabei.

The Banshees of Inisherin
Höchst solide war dagegen die erst vierte Arbeit Martin McDonaghs, der fünf Jahre zuvor mit "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" einen meiner absoluten Lieblinge der 2010er-Jahre gedreht hatte. Colin Farrell und Brendan Gleeson geben nach "Brügge sehen ... und sterben?" zum zweiten Mal eine "Frenemy"-Paarung, deren Chemie ihresgleichen sucht. Etwas mehr Eskalation hätte ich mir zwar gewünscht, "The Banshees" ist deutlich zurückhaltender und stiller als "Three Billboards", aber immer noch ziemlich makaber, skurril und so irisch, dass es irischer kaum geht.

Parenthood
Ein Spitzenensemble gibt sich in diesem Hit von 1989 die Ehre: Steve Martin (doing Steve Martin things, zeigt sich aber durchaus gereift), Rick Moranis, Mary Steenburgen, Keanu Reeves (als rotziger Milchbubi), Joaquin Phoenix ... Heitere Szenen, die nie den Klamaukfaktor erreichen, den man von einer buchstäblichen Familien-Komödie erwartet, wechseln einander ab mit so feinsinnigen wie ungeschönten Dialogen zu Erwachsenenthemen. Regie: Ron Howard.

West Side Story
Viele der grandiosen Songs aus dem Musical-Klassiker kannte ich schon, nicht zuletzt dank dem Musikunterricht in der Schule, in Gänze hatte ich ihn jedoch nie gesehen, auch nicht in dieser Leinwand-Variante von 1961. Entkleidet man den Mehrfach-Oscar-Gewinner von Robert Wise und Jerome Robbins der musikalischen Nummern und seines Romeo-und-Julia-Gerüsts, bleibt, um ehrlich zu sein, eine Menge Quatsch übrig. Was, zum Beispiel, ist es eigentlich, was die konkurrierenden Straßenbanden den lieben langen Tag tun außer durch die Gegend hüpfen und sich unverhohlener Homoerotik hingeben? Wieso und in welcher Form beanspruchen sie ihr jeweiliges Territorium? Warum sind sie verfeindet? Egal! Es geht unter der Oberfläche selbstverständlich um ur-amerikanische Nöte und Probleme, um Verwahrlosung, Rassismus, Polizeiwillkür, Abstiegsängste. Das alles bleibt zweitrangig zwischen den atemberaubenden Choreographien, den fantasievollen Sets und den bonbonigen Kostümen, und nach der unausweichlichen Katastrophe mit auf beste Weise pathetischem Zoom-out wird sowieso alles rund.
Jetzt möchte ich gerne wissen, was Steven Spielberg 60 Jahre später aus dem Stoff gemacht hat.

Montag, 30. Juni 2025

Dinge, die man beim Umziehen findet [Rubrik wieder da!]

Ich habe mich, bis auf eine Ausnahme, von meiner Sammlung von Presseheften aus meiner Zeit als Filmkritiker (lol, wie hochtrabend!) getrennt:


Und zwar keineswegs schweren Herzens – wann hätte ich mir diese Druck-Erzeugnisse jemals wieder zu Gemüte geführt? Das obige Foto möge ein letztes Mal veranschaulichen, wie viel Geld Filmverleihe, zumindest die größeren, einst in ihre PR gesteckt haben. Heutzutage ist digitales Pressematerial zum Herunterladen die Regel, so dass allenfalls Layoutkosten anfallen; für hochwertige Drucke oder gar Goodies und Gimmicks wird nix mehr ausgegeben.

Wesentlich mehr weh tat es mir, mich von zwei weiteren Paaren Schuhen zu verabschieden. Sie habe ich nicht beim Umzug gefunden, ich habe sie sogar frohen Mutes in die neue Wohnung mitgenommen. Im nun vollends angebrochenen Hochsommer fällt mir jedoch auf, dass die Latschen nicht mehr allzu frisch riechen, zudem sind sie an mehreren Stellen zerschlissen.


Die Vans habe ich in einem Urlaub gekauft, und sie erwiesen sich tatsächlich als perfekte Urlaubsschuhe. Wo ich die "Rockstar"-Schuhe herhabe, weiß ich nicht mehr. Höchstwahrscheinlich von Ebay. Es handelt sich um eine Spezialedition der Marke Etnies, die ich nicht deswegen kaufte, weil ich Fan von "Rockstar" bin (bei Gott, es gibt wenig, was ich weniger gern tun würde als einen Energydrink zu trinken!), sondern weil ich sie stylisch fand. Und immer noch finde, seufz.

Samstag, 17. Mai 2025

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Deadpool & Wolverine
"Best. Movie. Ever", schrieb Torsten Dewi über "Deadpool & Wolverine", und ich freue mich über seine Begeisterung. Unterschreiben würde ich dieses Verdikt aber nicht, ich würde nicht einmal so weit gehen, "Best Marvel movie ever" zu urteilen. Die ersten zwei "Deadpool"-Filme haben mir, ihr erinnert euch, enormes Vergnügen bereitet. Aber das hier? Bestenfalls "unterhaltsam". Vielleicht liegt es daran, dass ich zu Wolverine absolut keinen Bezug habe, vielleicht daran, dass dieses überdrehte Gipfeltreffen der (Anti?-)Helden zu sehr von sich selbst überzeugt ist und von Anfang an auf Kult getrimmt war (so zumindest mein Eindruck), aber ich fühlte mich spätestens nach dem ersten Viertel gleichzeitig über- und untersättigt. Auf emotionaler Ebene hat mich das Spektakel gleich gar nicht gepackt. Action- und Humorfaktor gehen gerade so in Ordnung, wobei ich am liebsten "Metzel- und Dollereifaktor" schreiben würde. Ja ja, im Marvel-Universum, mit dem ich bekanntlich nichts mehr zu schaffen haben möchte, wäre ich die noch zu erfindende Figur "Captain Buzzkill".

Nosferatu
Man muss ehrlich sein: Der Dracula-Stoff lässt nicht allzu viel Variationsraum zu; freshe Wendungen oder Neuinterpretationen hatte ich denn auch gar nicht erwartet, wohl aber, dass Robert Eggers der Atmosphäre und der Optik seinen eigenen Stempel aufdrückt. Und das Eggers-Versprechen wird eingelöst: Der fiktive norddeutsche Schauplatz ist szenenbildnerisch superb, das Schloss des Grafen ist eine eisig-graue Pracht, er selbst ist, nun ja, mindestens barttechnisch gewöhnungsbedürftig, von Bill "Pennywise" Skarsgård aber eindrucksvoll verkörpert (vor allem bei seinem ersten Auftritt war ich froh, diesen im Kino erlebt zu haben), das obschon kurze visuelle Highlight waren für mich jedoch die Landschaften, die Orloks Gegenspieler "Herrrrr Hutter" auf seiner Reise in die Karpaten durchstreift.
Kurzum: Wer bei der Story Abstriche macht und zudem verschmerzen kann, dass der mittlerweile unvermeidbare Willem Dafoe ausnahmsweise ein wenig kasperhaft und damit deplatziert wirkt, der bekommt Eggers at his best. Auch die Dialoge haben mir wieder sehr zugesagt, auch wenn sie nicht ganz das Niveau von "Der Leuchtturm" erreichen.

Thelma
June Squibb habe ich erstmals 2024 – in einer nischigen Serie, die da auch schon fast zehn Jahre auf dem Buckel hatte, – bewusst wahrgenommen (obwohl sie auch schon in "Nebraska" in Erscheinung getreten war), und zwar als äußerst komische Senior-Aktrice, die übrigens ein Musterbeispiel für einen second act ist (über dieses Phänomen gibt es eine schöne Overthinking It-Folge): Erst mit 61 gab sie ihr Filmdebüt, und in "Thelma" stemmte die inzwischen 93-Jährige noch einmal mit Bravour eine Hauptrolle. Abgesehen von Squibbs Leistung bietet die Enkeltrick-Komödie nichts Herausragendes, verdient, auch wegen geschickt gesetzter Action- und Drama-Elemente, aber das Prädikat "sehenswert".

Rio
Ein in Brasilien spielender Animationsfilm der Blue Sky Studios ("Ice Age"): das versprach ein Fest für die Augen zu werden. Und sapperlot, war dies das bunteste Trick-Spektakel, das ich je gesehen habe! Auf der großen Leinwand lief "Rio" (übrigens bereits 2011) sogar in 3D – da hätte ich vor Staunen das Maul gar nicht mehr zugekriegt.
Der Humor ist kindgerecht, aber nicht kindisch (das junge Publikum wird ernstgenommen, und es geht sogar, huiuiui!, um aviäre Fortpflanzung), die Papageien als Stars des Abenteuers sind putzig und charakterstark, die Sprecher/innen gut gewählt.
Ich wollte mir direkt im Anschluss die Fortsetzung von 2014 ansehen, weil diese ebenfalls bei Amazon Prime verfügbar war, allerdings begann "Rio 2" mit einer ultra nervigen Gesangsnummer, die sich obendrein nicht in Originalsprache wiedergeben ließ, und da habe ich abgebrochen.

American Fiction
Für mich die Überraschung meines bisherigen Filmjahres: Die dutzendfach ausgezeichnete und u.a. für fünf Oscars nominierte Verfilmung von Percival Everetts Roman "Erasure" ist eine gelungene Satire über den Literaturbetrieb, Rassismus und Stereotype. An manchen Stellen wird es zwar erwartbar bedrückend, es überwiegt aber eine herrliche Leichtigkeit; mehr als einmal musste ich laut auflachen. Jeffrey Wright stattet seine Rolle mit der perfekten Mischung aus Lakonie, Schwermut und Keckheit aus. Sterling K. Brown ("This Is Us") dagegen darf die Sau rauslassen.

A Slight Case of Murder
Der obligatorische Oldie in dieser Liste: Basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück, lässt diese amerikanische Gangsterkomödie von 1938 einen "ehrenwerten Geschäftsmann" kurz nach dem Ende der Prohibition in allerlei Schwulitäten purzeln. Es geht turbulent und schwarzhumorig zur Sache, und das Ensemble, von dem ich zu meiner Schande keine und keinen (nicht mal die Golden-Age-Hollywood-Legende Edward G. Robinson) kannte, spielt fröhlich auf.

The Rover
Wie obiger Streifen hat auch diese australische Produktion von 2014 einen ausgemachten Antihelden im Fokus. Doch wo es "A Slight Case of Murder" gelingt, dass der Zuschauer Sympathien für den einnehmenden Schmugglerkönig aufbaut, lässt ihn der Protagonist in "The Rover" anhaltend kalt. Der von Guy Pearce dargestellte Outlaw hat alles verloren und nichts zu verlieren, ist aber auch nicht darauf aus, sein Leben oder das von anderen zu verbessern oder auch nur irgend den Status quo in dieser kaputten Welt wiederherzustellen. Die einem, apropos, gar zu vertraut dünkt: Anarchische Verbrecherbanden im australischen Outback nach dem kompletten Zusammenbruch der Gesellschaft – "Mad Max",
anyone?! Die Rohheit und Verrohung sind zumindest greifbar modelliert, man möchte sich den Staub von den rissigen Hosenbeinen klopfen, wenn der Abspann läuft. Und Robert Pattinson in einer Nebenrolle stört nicht weiter.

Network
Sidney Lumets bissige Abrechnung mit dem Raubtierkäfig namens Network-TV lässt sich dank ihres hohen Tempos, einwandfreier Schauspielleistungen und der rotzigen verbalen Schlagabtausche auch nach bald 50 Jahren noch genießen. Vier Oscars konnte "Network" abräumen, darunter "Beste Hauptdarstellerin" für Faye Dunaway sowie den für den besten Hauptdarsteller, der posthum an Peter Finch ging (auch hier ein Geständnis von mir: Den Mann kannte ich vorher nicht).

Das Mädchen Irma la Douce (OT: Irma la Douce)
A lot to unpack here. Zunächst einmal ist mir dafür, dass "Irma la Douce" auf einem Musical basiert und 1964 mit dem Academy Award für die beste Filmmusik ausgezeichnet wurde, nichts musikalisch Herausragendes aufgefallen. In Erinnerung bleiben wird mir das freizügige Lustspiel vorrangig wegen seines verharmlosenden, wenn nicht gar romantisierenden Umgangs mit Prostitution. "Jedes Mädchen hat ihren Zuhälter, und dem gibt sie etwas von ihren Einnahmen ab, so ist das nun mal", sagt nahezu wortwörtlich eine der Pariser Kokotten schulterzuckend. Überhaupt ist die ganze Grundprämisse höchst problematisch: Ein Ex-Polizist verliebt sich in die titelgebende Dame, tritt nach einem Gefecht mit einem Luden "offiziell als Irmas Zuhälter auf, kann es aber aus Eifersucht nicht ertragen, wenn sie Umgang mit Freiern hat. Er verkleidet sich [...] als reicher englischer Lord X, bezahlt Irma 500 Franc für jedes Treffen und erwartet hierfür nur einige Partien Patience. Sie vereinbaren sich zweimal die Woche zu treffen, so dass Irma keine weiteren Freier mehr annehmen muss" (der Einfachheit halber aus Wikipedia kopiert). Die Maskerade gerät für meinen Geschmack zu klamaukig, doch immerhin schien Jack Lemmon eine Menge Spaß beim Dreh gehabt zu haben, wie er überhaupt eine hinreißende Chemie mit seiner Partnerin Shirley MacLaine unter Beweis stellt (und umgekehrt), was nicht verwundert, hatten die beiden doch bereits wenige Jahre zuvor in "Das Appartement" als Liebespaar begeistert.
Ein paar Running Gags fand ich nett, auch tun sich interessante juristische Fragen auf, und Timing und Tempo tragen im besten Sinne Billy Wilders Handschrift. Wobei ich alles andere als ein Wilder-Experte bin: Dies war erst der fünfte Film des stilprägenden Komödienregisseurs, den ich sah. Vielleicht hole ich demnächst wirklich mal "Das Appartement" nach. Oder wenigstens "Manche mögen's heiß" oder "Das verflixte 7. Jahr", verflixt!

Y2K
Darüber habe ich eine Humorkritik geschrieben, die in der aktuellen Titanic zu lesen ist.

Donnerstag, 20. März 2025

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Asteroid City
Dieses extrem wesandersonnige Wes-Anderson-Meta-Theaterstück von 2023 habe ich auf einem Flugzeugmonitor gesehen, was die Strahlkraft der grandiosen Cinematography ein wenig geschmälert haben mag. Die pastellfarbenen Bauten in der US-amerikanischen Wüste (wo genau eigentlich? Ich glaube, der Bundesstaat wird nie genannt) machen selbst im Briefmarkenformat was her. Zu den neckischen Details in diesem eindrucksvollen Setting gehört u.a. ein Roadrunner, der mit seiner berühmtesten Verkörperung in der Popkultur ("Meep-meep!") mehr gemein hat als mit einem echten Rennkuckuck. Auch an den Dialogen kann man sich erfreuen, und natürlich an dem schon fast übertrieben prominenten Cast.

The Watchers
... stand nicht unbedingt auf meiner Watchlist, vor allem weil ich in zwei Kritiken gelesen habe, dass dieser Mystery-Thriller "vorhersehbare" Twists aufweise, aber da er ebenfalls im In-Flight-Entertainment zur Auswahl stand, habe ich ihm eine Chance gegeben. Zunächst einmal: Ich habe keinen der Twists erwartet, ja ich habe kaum was erwartet, weil ich über die Handlung so gut wie gar nichts wusste. Man muss ihr einige Freiheiten zugestehen: Das Ausgangs-Szenario ist ein übernatürliches und wirft selbst bei erhöhter suspension of disbelief diverse Fragen auf, etwa "Wovon ernähren sich die 'Gefangenen'?", "Wo waschen sie sich?" etc. Womöglich hätte man auch das Ende etwas eindampfen können.
Trotzdem: Ich habe schon weitaus blödere Horrorstreifen gesehen. Die Waldatmosphäre ist angenehm gruselig, hier zeigt die von mir schon für "Servant" gelobte Regisseurin Ishana Night Shyamalan, was sie kann.

Ant-Man and the Wasp: Quantumania
Und schließlich nutzte ich das Bordprogramm (es war ein sehr langer Flug), um die Ant-Man-Trilogie abzuschließen, deren erste zwei Drittel mir ja viel Vergnügen bereitet hatten.
Bei Gott, ich habe innerhalb einer Franchise noch nie so einen Qualitätsabfall erlebt. "Ant-Man" 1 und 2 waren im besten Sinne familientauglich, "Quantumania" ist Kinderkram. Vor allem war das Spaßige an den Vorgängern, dass man die uns bekannte Welt aus einem ungewohnten Blickwinkel, dem eines auf Insektengröße geschrumpften Menschen, gesehen hat. Durch kreative Makroaufnahmen hat man die Wunder der Natur und des urbanen Raumes mit offenem Mund neu entdeckt. Teil 3 spielt fast von vorne bis hinten in der Quantenwelt, die zwar mit abgefahrenen Bewohnern gefüllt ist, zu der ich als Zuschauer aber keinen Bezug habe und auch nicht aufzubauen imstande bin. Von der Handlung zu schweigen: "Quantumania" stellte, wie ich Wikipedia entnehme, den Auftakt zur fünften MCU-Phase dar. Tja, von mir aus. Mich lässt das alles kalt. Paul Rudd nimmt mich mit seinem Charme und Humor nach wie vor ein, freuen kann man sich auch über Bill Murray, als Gesamtpaket sind diese zwei Stunden jedoch der reine Stuss. Kappes, Mist, Dummfug, vertane Lebenszeit. Immerhin Michelle Pfeiffer sollte man mit Preisen überhäufen. Mit GOLDENEN HIMBEEREN!

UHF – Sender mit beschränkter Hoffnung (OT: UHF)
Auch diesem Film habe ich mich unter besonderen Umständen ausgesetzt: Ich war hundemüde, musste ihn aber schauen, da er wenige Stunden später aus der Amazon-Prime-Videothek verschwand. Das tat ich zudem im Bett liegend, so dass mir wiederholt die Augen zufielen. Das, was ich mitbekommen habe, war aber sympathisch und gute Laune machend. Weird Al Yankovic spielt die Hauptrolle in dieser Komödie von 1989, in der übrigens auch die damals noch nicht abgedriftete Victoria Jackson einen größeren Part innehat. Das unbeschwerte Eighties-Feeling vermittelt sich so gut wie die Kino- und Radioleidenschaft aller Beteiligten. Nur bei wenigen Gags dachte ich 'Hm, würde man heute nicht mehr bringen'.

Lake George
Wieder mal ein Fall von "Wieso lief diese Perle völlig unter dem Radar???". Ich meine: Nichts, wo Carrie Coon und Shea Whigham mitspielen, kann wirklich schlecht sein. Dass "Lake George" nach seiner US-Kino- und VoD-Premiere Ende letzten Jahres jedoch so gut wie gar kein Echo fand (einen deutschen Release gab es meines Wissens nicht), ist eine Schande.
Genre: Thriller-Drama mit Romanzen-, Komödien- und Roadmovie-Anleihen.

Hallo Spencer – Der Film
Hier bin ich gewissermaßen befangen, weil ich mit zweien der Drehbuchautoren befreundet bin. "Hallo Spencer" enthält viel Schönes, reichlich Sentimentales, einiges Witziges. Von Letzterem mehr und Vorletzterem weniger hätte dem TV-Film gut getan und wäre, wie ich weiß, auch im Sinne der Macher gewesen. Dennoch: Es geht um eine vergessene Kinderserie, ausrangierte Klappmaulpuppen und einen alten Zeiten nachhängenden Künstler, da sind Nostalgie und Schwermut programmiert.
Die Sets sind herzallerliebst, Rainer Bock ist absolut glaubwürdig, und eine Gesangseinlage von Dirk von Lowtzow hat mich mehr berührt, als ich es für möglich gehalten hätte.

Susan … verzweifelt gesucht (OT: Desperately Seeking Susan)
Die "Susan" im Titel dieser in Amerika offenbar Kultstatus genießenden Verwechslungskomödie wird gespielt von ... Madonna (die in einer Szene zu einem Lied von Madonna tanzt). Die Hauptrolle hat Rosanna Arquette übernommen, in weiteren, kleineren Rollen sind Laurie Metcalf, John Turturro, Giancarlo Esposito und Steven Wright (!!!) zu sehen. Ha-ha funny ist Susan Seidelmans 1985er BAFTA- und Golden-Globe-nominiertes Werk nicht unbedingt, aber ich mochte die ausgeklügelte, wendungsreiche Handlung, die Roger Ebert angeblich "verwirrend" fand. Ich habe, glaub' ich, alles verstanden, nur einmal habe ich zwei männliche Charaktere verwechselt.

Albert Brooks: Defending My Life
Man macht sich hierzulande gar keinen Begriff davon, wie einflussreich und wichtig Albert Brooks für die US-amerikanische Comedy war. Sein bester Freund, der nicht weniger bedeutsame Regisseur Rob Reiner, hat dem inzwischen 77-Jährigen 2023 für HBO ein Denkmal gesetzt. Eine erhellende, abwechslungsreiche, zackige Doku mit vielen O-Tönen komischer Menschen und legendären Film- und Fernsehmomenten.

Kings of Hollywood (OT: The Comeback Trail)
Ein anderes Urgestein läuft in dieser schwarzen Klamotte zu später Höchstform auf: Robert De Niro hat diebische Freude in seiner Rolle als abgehalfterter Hollywood-Produzent, der über Leichen geht, um seine horrenden Schulden zu begleichen. Knittergesicht Tommy Lee Jones als Westernheld ist nicht minder herrlich. Morgan Freeman und Zach Braff sind auch am Start, und es gibt eine wunderbare Tom-Cruise-Parodie.

Der große Eisenbahnraub (OT: The [First] Great Train Robbery)
Zum Abschluss noch ein Klassiker. Im Laufe der Jahrzehnte erblickten mehrere "Eisenbahnraub"-Spielfilme das Licht der Kinowelt. Dieser hier ist die Michael-Crichton-Version von 1979: Crichton hat seinen eigenen Roman verfilmt (Drehbuch & Regie: Crichton), Sean Connery, der damals als Sexsymbol galt und dies auch nach gefühlt fünf Minuten qua Entkleidung beweisen muss, gibt den Gentleman-Dieb, Donald Sutherland seinen Komplizen. Ein launiger Caper-Movie, in dem lediglich die unnötige Tötung einer Nebenfigur die Gaudi bremst. Die vereinzelte Langatmigkeit wird im Laufe der 110 Minuten durch gefällige Actionszenen aufgebrochen.

Mittwoch, 18. Dezember 2024

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Dirty Work
Wie schon "Screwed" von 2000 habe ich diese zwei Jahre zuvor erschienene Komödie hauptsächlich deswegen angeschaut, weil sie bei Amazon Prime verfügbar war und weil Norm Macdonald darin die Hauptrolle spielte. Doch wie jene ist "Dirty Work" ein humoristischer wie inszenatorischer Rohrkrepierer. Über die Löchrigkeit der Story und das pubertäre Niveau der "Gags" konnte ich trotz dem schon in der Sitcom "Norm" prächtig harmoniert habenden Duo Norm Macdonald / Artie Lange und Gastauftritten wie von David Koechner und Don Rickles nicht hinwegsehen. Keine Sternstunde in Bob Sagets Karriere, der hier Regie führte.

The Old Oak
Apropos Regiekarriere: "The Old Oak" wird voraussichtlich die letzte Arbeit des großen Briten Ken Loach gewesen sein, und das Drama über ein altes Pub, syrische Flüchtlinge und ein ehemaliges Bergarbeiterstädtchen ist exakt das, was man erwartet. Ein Filmemacher mit minderem Gespür für Realismus und (Zwischen-)Menschlichkeit hätte das stille Ensemblestück womöglich gar zu sehr in Rührseligkeit und Sozialkitsch getränkt. Die Gefahr, dass seine Gesellschaftsportraits in flacher Romantisierung ausarten, bestand bei Ken Loach freilich nie; hier hätte ich mir aber schon gewünscht, dass der Trostlosigkeit etwas mehr trockener Witz, ein My Situationskomik entgegengesetzt worden wäre. Es ist alles so traurig! Obwohl: Möglich, dass ich am Ende von "I, Daniel Blake" noch mehr geweint habe ...

Arsen und Spitzenhäubchen (OT: Arsenic and Old Lace)
Ein bei leichter Überlänge durchgängig flotter, wendungsreicher Spaß ist diese klassische Theaterverfilmung von Frank Capra, in der die nicht immer angebrachte Aufgedrehtheit Cary Grants (der für die Rolle nur die vierte Wahl war, u.a. nach Ronald Reagan) durch die anbetungswürdigen Leistungen von Josephine Hull und Jean Adair als serienmordende Tantchen wettgemacht wird. Ich behaupte, dass keine andere Filmnation als die amerikanische so etwas im Jahre 1944 hätte zustande bringen können.

Der Schacht (OT: El Hoyo)
Gerade läuft Galder Gaztelu-Urrutias Thriller-Satire "Rich Flu" in den Kinos, in der ein Virus weltweit superreiche Menschen dahinrafft. Bereits 2019 hat der spanische Regisseur für Netflix "Der Schacht" gedreht, der ebenfalls mit einer ausgefallenen, wenn auch ähnlich in-your-face-kapitalismuskritischen Prämisse aufwartet. Die Mischung aus "Cube" und "Das Experiment" ist packend, bitter und rätselhaft. Auf die eine oder andere Ekelszene hätte ich verzichten können.

Late Night with the Devil
Hierauf muss man sich einlassen: Bei diesem innovativen Pseudo-Reality-Retro-Horror handelt es sich um die vorgeblich echte Ausgabe einer Johnny-Carson-artigen Late-Night-Show. Das liest sich so abgefahren und kreativ, wie es ist, und man ist gut beraten, 1.) vorab nicht mehr über diesen 2023er Indie-Grusler der australischen Geschwister Colin und Cameron Cairnes zu wissen und ihn 2.) der Immersion und "Glaubwürdigkeit" halber auf Englisch zu genießen. Das Ende oder vielmehr den Epilog fand ich entbehrlich, doch bis dahin hatte ich einen stimmungsvollen Halloween-Abend.

Will & Harper
Endlich was Neues von und mit Will Ferrell! Etwas, womit ich nicht gerechnet hätte, nämlich der Dokumentation eines 17-tägigen Roadtrips durch die USA, während dessen Will und seine langjährige Freundin und Co-Autorin Harper Steele nach deren Geschlechtsanpassung sich selbst, einander und ihre Beziehung besser kennenlernen. Bei aller Ernsthaftigkeit und etlichen right-in-the-feels-Momenten kommt die gewohnte Ferrell'sche Blödelei nicht zu kurz. Außerdem: zahlreiche Cameos von SNL-Kolleginnen und -Kollegen. Wunderbar!

Ghostbusters: Frozen Empire
Man mag Fortsetzungen, Remakes und Reboots von 1980er-Franchises vorwerfen, sich an eine übertrieben nostalgieversessene Generation ranzuwanzen und allzu durchschaubaren Fan-Service zu betreiben. Wenn ein solches Projekt aber gelingt, s. Indiana Jones, besteht angemessener Grund zur Freude. Und Freude hatte ich am neuesten Ghostbusters-Sequel, welches dadurch, dass es zu seinen Wurzeln in New York zurückkehrt und den Original-Geisterjägern mehr Screentime gewährt, tatsächlich gewinnt, ohne jüngere Zuschauer zu verprellen, abzuhängen oder zu verwirren. Ja, Tonfall und Humor wurden behutsam an die 2020er-Jahre angepasst, aber das Ergebnis ist rund. Ich muss dazu sagen, dass mir Paul Rudd noch mit jedem seiner Auftritte gute Laune beschert hat. (Allein den dritten "Ant-Man" konnte er nicht retten, doch dazu mehr beim nächsten Mal.)
Regie führte diesmal nicht Jason Reitman, Ivans Sohn, sondern Gil Kenan (der übrigens auch den dieses Jahr erschienenen, bereits auf meiner Watchlist stehenden "Saturday Night Live"-Film inszeniert hat), beide haben aber wie bei "Afterlife" das Drehbuch verfasst.

The Strange Love of Martha Ivers
Eine raffinierte, fesselnde Noir-Perle aus dem Alten Hollywood, in der Kirk Douglas sein Leinwanddebut und Barbara Stanwyck einnehmend und selbstbewusst die Titelfigur gibt. Mit fast zwei Stunden Laufzeit verhältnismäßig epochal für 1946, aber nie zäh. Wenn man mir gesagt hätte, dass Hitchcock für das oscarnominierte (Best Writing, Original Motion Picture Story), nie in deutschen Lichtspielhäusern gezeigte Kriminaldrama verantwortlich zeichnete, ich hätte es geglaubt.

Der Schacht 2
Zufälligerweise wenige Tage nachdem wir den ersten Teil gesehen hatten, kam die Fortsetzung raus. Die kann man sich meines Erachtens allerdings sparen. Es wird versucht, die Hintergründe des Mysteriums "Schacht" zu ergründen und zu verzweigen, eine Art Mythologie aufzubauen und weiter, höhö, in die Tiefe zu gehen, dabei werden jedoch mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Nach dem Studium eines Analyse-Videos und einer Kritik in Textform wurde mir klar, dass nichts klar ist. Die Macher scheinen nicht mal selbst zu wissen, was das alles soll. Ein etwaiger dritter Teil mag die offenen Lücken schließen, aber dass ich daran noch Interesse habe, falls er kommen sollte, bezweifle ich.
An der Machart und der Besetzung gibt es wie schon beim Vorgänger nichts zu mosern.

Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr (OT: The Last Bus)
Wie bei "The Old Oak" wäre mir hier eine Prise Leichtigkeit und Drolerie recht gewesen. Doch die Melancholie überwiegt in diesem immerhin kurzen und daher kurzweiligen Roadmovie über einen schicksalsgeplagten Senior (Timothy Spall, der beim Dreh gerade mal 64 war, aber so geschminkt wurde, dass er glatt als Endachtziger durchgeht). Eine Wohlfühl-Dramedy ist "The Last Bus" (ich schreibe jetzt bestimmt nicht den vollständigen, reichlich dämlichen deutschen Titel noch mal hin!) nicht, enthält aber genug mausige Szenen und Herz für einen herbstlichen oder winterlichen Fernsehnachmittag.

Donnerstag, 14. November 2024

Wort des Monats (plus Bonuswort)

Heute kommt der Dokumentarfilm "Johatsu – Die sich in Luft auflösen" in die Kinos. Weder das japanische Wort jōhatsu noch den dahinterstehenden Begriff kannte ich bis vor kurzem. Mit "die sich verflüchtigt Habenden", "die Verdunsteten" oder "die zu Wasserdampf Gewordenen" lässt es sich wohl übersetzen. Rund 100.000 derart bezeichnete Menschen (der Rezensionstext der Cinema sprach von 80.000) lassen sich angeblich jedes Jahr mit Hilfe von "Nachtflugagenturen" (Night Moving Companies) in Luft auflösen: Weil sie sich aus einer Beziehung lösen wollen, ihren unglücklich machenden Job aufgeben möchten (was in Japan als ehrenlos gilt) oder in kriminelle Machenschaften verstrickt sind, geben sie ihr bisheriges Leben auf, lassen ahnungslose Angehörige und Bekannte zurück und fangen an einem fremden Ort wieder bei null an. Über jōhatsu zu sprechen ist nicht weniger tabuisiert als über Suizid. Einen deutschsprachigen Wikipedia-Artikel zu diesem Phänomen gibt es noch nicht, dabei sei es laut dem englischsprachigen Eintrag auch für Deutschland belegt.

Schon eher bekannt, wenngleich eine wahrscheinlich der buddhistischen Mythologie entlehnte urbane Legende, ist das Konzept, das auf japanisch ubasute oder obasute/oyasute heißt, wörtlich "eine alte Frau" resp. "ein Elternteil zurücklassen". Gemeint ist das Aussetzen greiser Familienmitglieder. Laut Wikipedia sollen "im späten 18. und 19. Jahrhundert [...] verarmte Familien während Hungersnöten Kleinkinder wie auch pflegebedürftige Senioren in besonders dichten Wäldern und/oder schwer zugänglichen Bergregionen ausgesetzt und zum Sterben zurückgelassen haben." Die englische Wikipedia listet Beispiele aus der Popkultur auf. Ich möchte in diesem Zusammenhang auch auf Senizid in Indien (Thalaikoothal) und im (prä-)historischen Schweden (Ättestupa; engl.) hinweisen.

Samstag, 26. Oktober 2024

10 Must-sees aus 100 Have-seens (5)

Weitere 100 Filme wurden von mir geschaut und bewertet, und ihr wisst, was das heißt: Aus diesen 100 gilt es zehn zu erkiesen, die ich für unverhandelbar sehenswert halte. Na ja, was heißt "unverhandelbar"; man kann über meine (zudem recht mainstreamige) Auswahl sicher streiten. Es ganz knapp nicht geschafft haben es z.B. "Nope" und "Yi Yi". 

  • Wer die Nachtigall stört
  • The Menu
  • All is Lost
  • Zack Snyder's Justice League
  • Indiana Jones und das Rad des Schicksals
  • The Whale
  • Triangle of Sadness
  • Beau is Afraid
  • 2001: Odyssee im Weltraum
  • Civil War

Donnerstag, 24. Oktober 2024

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Your Name
Kann es sein, dass ich in meinem Blog noch nie einen Anime besprochen habe? Weil ich halt noch nie einen gesehen habe? Selbst die großen Ghibli-Klassiker, die mir von allen, die sie kennen, ans Herz gelegt werden, habe ich bisher verpasst.
Aber es gibt für alles ein erstes Mal, und der Grund, warum ich mir "Your Name" von 2016 auserkoren habe, ist so gut wie jeder andere: In einer Episode des "Omnibus"-Podcasts über Body-switch-Filme kam die Sprache auf ihn. Ein Körpertausch (bzw. Bewusstseinstausch) als plot device findet sich in allen möglichen Filmgenres: Komödie, Horror, Romanze. "Your Name" würde ich als Coming-of-Age-Drama einordnen. Es hat durchaus auch komische Elemente, Spannung und Herz. Leider gibt es einen gravierenden Logikfehler (den ich nicht verraten möchte, da er auf einen entscheidenden Twist Bezug nimmt), der sich nur mit sehr, sehr viel suspension of disbelief ignorieren lässt. Insgesamt war ich aber angetan: Die Geschichte ist ungewohnt und einfallsreich, ich habe das ein oder andere über die japanische Kultur erfahren (auch Dinge, die ich nicht unbedingt wissen muss), die Optik ist fantastisch, und selbst die typischen, mit unsynchronisiertem Gesang unterlegten Montagen wirkten nicht befremdlich, sondern im Gegenteil absolut stimmig und stimmungsvoll.
Fest steht: Das wird nicht mein letzter Anime gewesen sein.

Arcadian
Von Amts wegen muss eigentlich in jeder dieser Listen ein Nicolas-Cage-Film auftauchen! Einen ausreichend großen Pool, aus dem man schöpfen kann, gibt es ja. Der dystopische Minimalist-Cast-Horror "Arcadian" (2024) ist oberer Durchschnitt. Hinsichtlich Machart und Prämisse finden sich leider viele allzu vertraute Versatzstücke: "A Quiet Place" plus "Bird Box" mit einem Schuss von Shyamalans "The Village". Zu loben ist das einzigartige Kreaturen-Design; der Look und vor allem der Klang der Monster bleiben in Erinnerung. Nic Cages Spiel ist diesmal zurückgenommener, aber nicht weniger intensiv als sonst.

Willkommen Mr. Chance (OT: Being There)
Habe ich an dem zuletzt von mir gesehenen Inspektor-Clouseau-Teil kein gutes Haar gelesen, so lobte ich doch den Einsatz des Hauptdarstellers. In einem aus den Gesetzen des Alltags gehebelten Kosmos eine ernste, ja überernste Miene zu wahren, ist eine Kunst, und Peter Sellers hat sie perfektioniert: Er ist der traurige Clown im absurdistanischen Staatszirkus.
Überaus straight spielt er auch in dieser Kultstatus genießenden Tragikomödie von 1979 – in seinem vorletzten Auftritt überhaupt – den geistig zurückgebliebenen Gärtner Mr. Chance. Dieser sieht sich nach dem Tod seines Dienstherren zum ersten Mal mit der echten Welt konfrontiert. Unfähig, Emotionen zu zeigen und zwischenmenschliche Signale zu deuten, seine simplen Worte sparsam einsetzend und unanfällig für soziale Marker, wird er von der ihn plötzlich umgebenden, sehr feinen und bis in die Kreise der Hochpolitik reichende Gesellschaft als erfrischend authentisch, ehrlich und to the point wahrgenommen. Dass ihm daraus Ruhm, Verehrung und Liebe erwächst, ist ein satirisches Element, das mir bisweilen etwas plump erschien. Da stolpert jemand ohne sein Zutun und gegen seinen Willen die Karriereleiter hinauf – und am Ende wie Jesus übers Wasser. Okay, verstanden, wir sind so blind und abgestumpft, dass wir den beschränkten Roboter als Messias akzeptieren. Dennoch ein bemerkenswertes Stück Kinogeschichte.

Men
Ich schrieb es bereits beim letzten Mal im Zuge der Besprechung des bombastischen "Civil War": "Men" ist "so mittel". Angenehm schaurig ist er in den kameratechnisch ausgefuchsten Momenten schwelender Bedrohung (Bsp.: Am hellichten Tag steht ein nackter Freak vor dem Fenster der telefonierenden, achtlos durch ihr Feriendomizil irrenden Protagonistin); schockierend im Sinne von "Diese Bilder krieg ich nie wieder aus dem Kopf!" ist er hinsichtlich der auf elf gedrehten Bodyhorror-Klimax. Wie das Ganze gesellschaftspolitisch und feministisch einzuordnen ist, mögen Leute entscheiden, die sich mit derlei auskennen. Es bleibt der Nachgeschmack einer gemischten Tüte voller zusammenklebender Süßigkeiten ohne individuelle Note.

Mountain Queen: The Summits of Lhakpa Sherpa
Endlich wieder was über hohe Berge! Die Netflix-Doku porträtiert die nepalesisch-amerikanische Sherpani Lhakpa, die den Mount Everest zwischen 2000 und 2022 zehn Mal bestiegen hat – öfter als jede andere Frau –, woraus sie aber nie einen großen Hehl gemacht hat. Im Gegenteil ist diese Heldin, die auch eine Heldin des Alltags ist, so unheroisch und bescheiden, dass man ihr die späte Anerkennung umso mehr gönnt. Durch diesen Film aus dem Jahr 2023 wurde die aus einfachsten Verhältnissen stammende Lhakpa gewiss (und zu Recht) noch berühmter.

Ant-Man and the Wasp
Noch einmal muss ich mein Vergangenheits-Ich zitieren: "Die Fortsetzung(en) nachzuholen, behalte ich mir vor." Dies notierte ich in meinem kleinen Absatz zum ersten "Ant-Man", und nun ist's geschehen, ich habe Teil 2 geschaut. Mit Gewinn! Der Esprit und der Humor des Vorgängers wurden wieder aufgenommen (Hauptdarsteller Paul Rudd hat erneut am Drehbuch mitgewirkt, und tatsächlich fanden die allermeisten Gags bei mir Anklang), das eingespielte Ensemble muss man einfach liebhaben, die Action langweilt kaum. Die Verknüpfungen mit dem MCU, darunter jenes die dritte Phase beschließende Thanos-Event, kann man getrost ausblenden.

Die Bounty (OT: The Bounty)
Über die Meuterei auf der Bounty und ihre Folgen glaubt man das Wesentliche zu wissen? Nun, ich habe durch diese filmische Nachzeichnung, die sich freilich die ein oder andere narrative Freiheit erlaubt, einiges gelernt. Vierzig Jahre nach seinem Kinostart ist das Abenteuer mit Anthony Hopkins und Mel Gibson so packend wie ein zeitgemäßes Bewegtbildprodukt, mit dialogischer und mimischer Intensität ersten Ranges. Die Angespanntheit, die Verzweiflung unter der Crew, die Motivation ihrer Mitglieder, das ist alles greifbar und erinnert an die Atmosphäre in der jüngeren Amazon-Serie "The Terror".
In weiteren Rollen: Daniel Day-Lewis, Bernard Hill, Liam Neeson und Laurence Olivier.

Beast
Baltasar Kormákur hat (apropos hohe Berge, s.o.) 2015 das hervorragende 3D-Abenteuer "Everest" gedreht und bleibt sich hier seinem Gespür für Nervenkitzel treu. "Beast" führt uns bzw. einen Witwer (immer wieder cool: Idris Elba) und seine Töchter in ein südafrikanisches Reservat, wo ein wild gewordener Löwe sein Unwesen treibt. Die bissige Menschenhatz inklusive notorischer Gefahrensituationen wie dem Steckenbleiben mit dem Jeep sorgen für gefälligen Survival-Horror. Da man dem Publikum keine anderthalb Stunden lange Verfolgungsjagd zumuten kann, musste das Bestienspektakel mit Familientragik aus dem Klischeehandbuch angedickt werden. Zwischen den eindrucksvollen Raubkatzenangriffen ist also hin und wieder Langeweile angesagt.

Picknick am Valentinstag (OT: Picnic at Hanging Rock)
Peter Weirs Romanumsetzung von 1975 gilt als Meilenstein des australischen Kinos. Was ist das Besondere an diesem stillen, traumwandlerischen Sittengemälde? "Picnic at Hanging Rock" gibt vor, auf wahren Begebenheiten zu basieren, das tut es aber nicht. Dadurch, dass der vermeintliche zu Grunde liegende Kriminal(?)fall, das Verschwinden mehrerer Internatsschülerinnen, nie aufgeklärt worden sein soll, wirkt das Erzählte umso authentischer und beunruhigender. Was geschah wirklich bei jenem Ausflug am Valentinstag anno 1900?
Crime, ob True oder nicht, darf man indes nicht erwarten. Das gut zweistündige Drama verläuft ohne größere Spannungskurven, geschweige denn Gewaltspitzen. Es geht gemächlich zu, man muss sich drauf einlassen.

Gorky Park
Um ein mysteriöses Verbrechen (und hier liegt tatsächlich ein solches vor) geht es auch in diesem Polit-Thriller von 1983: eine amerikanische Produktion, die in der Sowjetunion spielt. Wikipedia: "Im Original sprechen die Schauspieler, die Sowjetbürger darstellen, bis auf wenige Ausnahmen, englisch mit britischem Akzent, so auch der Amerikaner William Hurt. Die amerikanischen Charaktere sprechen mit amerikanischem Akzent. Dies dient dazu, die beiden Gruppen hörbar voneinander zu unterscheiden. In der deutschen Synchronisation sprechen alle Charaktere Hochdeutsch." (Ich habe die deutsche Synchronfassung gesehen, konnte aber stets erfassen, welche Figur welche Staatsangehörigkeit hatte.) Wikipedia ist auch zu entnehmen, dass Helsinki und Stockholm als Moskau-Doubles herhalten mussten.
Nettes Kalter-Kriegs-Flair, ordentliche Hard-boiled-Stimmung, eine Prise Action, ein sauber konstruierter Plot. Und mit der Auflösung dessen, worum es von Anfang an geht, i.e. einem gewissen Objekt der Begierde, hätte ich weiß Gott nicht gerechnet.