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Donnerstag, 9. April 2026

Eiland in Sicht!

Dass ich das noch erlebe: dass im Jahr 2026 die Entdeckung einer neuen Insel bekanntgegeben wird! Genau das ist diese Woche geschehen. Auf das Eiland gestoßen ist der deutsche Brecher Polarstern des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) im Weddellmeer. Die nach ersten, durch Drohnenaufnahmen gewonnenen Erkenntnissen circa 130 Meter lange, 50 Meter breite und etwa 16 Meter aus dem Wasser ragende Insel war "zuvor auf den vorhandenen Seekarten lediglich als Gefahrenzone verzeichnet", wie es in der Pressemitteilung des AWI heißt. "Da es keine offizielle internationale namentliche Eintragung der Insel gibt, gilt es jetzt, den Benennungsprozess für eine solche Entdeckung zu durchlaufen." Danach kann sie in internationalen Seekarten eingezeichnet werden und hoffentlich auch bald in Google Maps erscheinen. Einer bestimmten Nation darf sie gemäß Antarktis-Vertrag nicht zugeschlagen werden.

Persönliche Randbemerkung: Eine ehemalige Mitschülerin von mir arbeitet als Geochemikerin beim AWI. Ob sie wohl Teil des 53-köpfigen Forschungsteams der Polarstern ist, die neue Insel womöglich sogar irgendwann betreten darf?

Donnerstag, 13. November 2025

Die Bibel für alles Mediterrane

Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass ich als Inselfreak diesen Prachtband bis vor ein paar Wochen noch nicht in meinem Bücherregal stehen hatte: "Die Inseln des Mittelmeers" von Charles Arnold (Hg.).


Von seiner Existenz weiß ich schon lange, und vor etlichen Jahren hatte ich ihn mir auch schon mal aus der Bibliothek ausgeliehen, aber erst neulich dachte ich mir: Mensch, den musst du doch eigentlich besitzen. Nun besitze ich ihn.

Man muss vorausschicken, dass das Buch zwangsläufig nicht jede Mittelmeerinsel behandeln kann. Mehr als 1000 Inseln (Definition: "alle vom Wasser umgebenen Landflächen von mehr als einem Zehntel Quadratkilometer") werden lediglich namentlich und mit Lage und Größe aufgeführt, so etwa die recht berühmte französische Île d'If. Nicht wenige Eilande befinden sich in Privatbesitz; über jene dürfen vermutlich gar keine näheren Informationen, geschweige denn Besuchstipps herausgegeben werden.


Die 218 wichtigsten Inseln, und das heißt: alle größeren mit Übernachtungsmöglichkeiten, werden auf je einer Einzelseite mit allerlei nützlichen Informationen vorgestellt.


Locker über das Buch verteilt sind mehrere Aufsätze, z.B. zur Pflanzenwelt oder zur Entwicklung des Tourismus. Im Anhang finden sich ein umfangreicher Statistikteil sowie Satellitenaufnahmen aller relevanten Gebiete des Mittelmeers.


Ansprechende Fotos runden das Werk ab, welches ich hiermit allen, die sich irgend für Inseln begeistern können, wärmstens ans Herz lege.

Donnerstag, 20. Juli 2023

In the news: (Mir) unbekannte Inseln

Zwei Artikel auf "Spiegel online" erregten diese Woche wegen ihrer Insel-Thematik meine Aufmerksamkeit:

1.) Ein Inselparadies, das ohne Touristen auszusterben drohe, wurde, leider hinter der Bezahlschranke, portraitiert. "Vor der Küste von Mauke tanzen die Wale, und jede Urlauberin wird mit einem Blumenkranz begrüßt. Unsere Autorin entdeckt eine entschleunigte Insel, die ums Überleben kämpft." Mauke, das liest sich erst mal wie der Singular des brandenburgisch-berlinerischen Dialektwortes für "Füße", ist aber nach mündlicher Überlieferung der polynesischen Eingeborenen die "Insel von Uke", i.e. des legendären ersten Siedlers, weswegen ich für die alternative Schreibung Ma'uke plädiere. Die vormals auch als Akatokamanava oder Parry's Island bekannte Insel gehört zu den Cookinseln, und der im "Spon"-Vorspann erwähnte Blumenkranz wird aus den Blättern eines lokalen Gewächses namens maire geflochten. Die eis genannten Kränze gehören zu den wenigen Erfolgsschlagern des Eilands und werden sogar nach Hawaii exportiert, wo sie als leis um allerlei Hälse gehängt werden. Diese Informationen habe ich einer Seite mit der verwunderlichen Adresse www.ck entnommen.

2.) Nach einem grausigen Kampf zwischen rivalisierenden Banden in einem Gefängnis in Honduras, bei dem 46 weibliche Mitglieder ums Leben kamen, äußerte die honduranische Präsidentin Xiomara Castro einen radikalen Vorschlag: "Auf der Inselgruppe Islas del Cisne, rund 155 Meilen vor der Küste, soll demnach ein isoliertes Gefängnis für etwa 2000 Bandenführer entstehen." Die Islas del Cisne ("Schwaneninseln") sind ein aus drei Inseln bestehender Archipel im Karibischen Meer, der während der Kubakrise durch einen Piratensender und den Konflikt um die Schwaneninseln in die Geschichtsbücher einging. Nach dem Guano Island Act waren die "Swan Islands" nämlich ab 1856 von den USA beansprucht worden, bis diese ihren claim 1971 fallen ließen und der Archipel ein Jahr später offiziell an die spanischsprachige Republik überging. Ihre sowohl kommunikative als auch räumliche Abgeschiedenheit – die Anreise per Boot dauert einen Tag, Kontakt ist nur via Satellit möglich – prädestiniere die unbewohnten Inseln für die Unterbringung schwerstkrimineller Strippenzieher. "Die Idee ist, dass sie den Kontakt zu allem verlieren, den Kontakt zur gesamten Gesellschaft und dass sie wirklich für ihre Verbrechen bezahlen", zitiert "Spiegel online" den Chef der nationalen Streitkräfte.

Donnerstag, 15. Juni 2023

Der historische Acht-Meter-Tag

Huch, diesen Beitrag habe ich schon am 4.6. angelegt, dann aber vergessen zu Ende zu schreiben! Dabei ist diese Meldung doch das Aufregendste, was diesen Monat passiert ist. In brevi: "Deutschland ist jetzt acht Meter breiter" (bild.de)!

Es sind sogar 8,2 Meter, um die das Land gewachsen ist, denn um so viel ist der entscheidene Punkt auf der Grenzübergangsbrücke zwischen Deutschland und der Schweiz im baden-württembergischen Bad Säckingen verschoben worden. Der Südkurier weiß Genaueres: "Die Grenzverschiebung geht auf die neue Definition der Landesgrenze im Hochrhein zurück. War bislang der sogenannte Talweg, die Verbindung der tiefsten Punkte im Rhein, der Verlauf der Hoheitsgrenze, so wird es künftig die Rheinmittellinie sein. Die bisherige 'Landesgrenze Talweg', die bereits im Staatsvertrag zwischen dem Kanton Aargau und dem Großherzogtum Baden vom 17. September 1808 festgelegt wurde, wird jetzt abgelöst, weil sich die Lage der Rheintiefpunkte infolge Strömungsverhältnisse ständig ändert und diese somit keine festen Vermessungspunkte sein können."

Der faszinierendste Aspekt des novellierten Staatsvertrages ist jener: Sobald er in Kraft tritt, ist Deutschland um eine Binneninsel reicher. Lag die 0,4 Hektar große Fridolin(s)insel im Rhein ab 1808 eindeutig und vollständig auf Schweizer Territorium, war die Frage der Zugehörigkeit seit den 1960er Jahren wegen Materialabtragungen und -aufschüttungen im Zuge eines Kraftwerkbaus unklar; dass ein Teil schweizerisch und ein Teil deutsch sei, schien von da an die vorherrschende Meinung gewesen zu sein, wie ich mehreren Quellen entnehme. Nach einer Vertragsklausel von 2013 wird das Naturschutzgebiet nun, also: irgendwann in Zukunft in das deutsche Hoheitsgebiet übergehen.

Das (eher freundliche) Hickhack zwischen den Staaten kulminiert nicht zufällig im Jahr 2023: Heuer wird die Säckinger Brücke, übrigens die längste überdachte Holzbrücke Europas, 450 Jahre alt, und das Jubiläum war Anlass für die Neuvermessung.

Sonntag, 17. Juli 2022

EAZ

Quizfrage: Welches war das erste afrikanische Land, von dem die DDR offiziell anerkannt wurde? Nun, ich habe es in der Überschrift schon verraten: EAZ steht für "East Africa Zanzibar" und war das Kfz-Kennzeichen der kurzlebigen Volksrepublik Sansibar und Pemba. Die – nicht unblutigen – Umstände, die der Gründung des sozialistischen Staates Anfang 1964 vorausgingen, und wie das kleine Land keine vier Monate später in Tansania überging, können Interessierte selbst nachlesen, ich möchte die Gelegenheit aber primär nutzen, um einmal klarzustellen, was Sansibar im engeren und im weiteren Sinne überhaupt ist. Das wusste ich bis vor kurzem nämlich selbst noch nicht.

Der Sansibar-Archipel umfasst ziemlich viele Inseln. Sie waren früher als "Gewürzinseln" bekannt. Die drei größten gelten als Hauptinseln und sind: Pemba (die nördlichste); Unguja (südlich davon), die als Haupt-Hauptinsel ebenfalls Sansibar heißt und auf der die gleichnamige Hauptstadt liegt; und Mafia (die südlichste). Jede der drei großen Inseln ist wiederum von einer Reihe kleinerer Nebeninseln umgeben. Relativ abgeschieden, etwa auf der Höhe von Daressalam nördlich von Mafia, liegt noch Latham Island. Zusammen mit Pemba und Unguja bildet es den halbautonomen tansanischen Teilstaat Sansibar. Mafia hingegen zählt offiziell zu Tanganjika, also zum Festland Tansanias. Als sich Tanganjika 1964 mit der Volksrepublik Sansibar und Pemba zu dem neuen Staat vereinigte, wurde bewusst ein Name gewählt, der die Teilgebiete zum Ausdruck bringt: Tan- (von Tanganjika), -san- (von Sansibar) und -ia (von Azania).

Halten wir fest, dass "Sansibar" vier verschiedene Dinge meinen kann: eine Inselgruppe, eine Insel darin, eine Stadt darauf sowie einen Teilstaat der Republik Tansania. Zudem kann man das historische Sultanat Sansibar kurz so bezeichnen, welches, nebenbei bemerkt, in dem knappen Monat vor der Ausrufung der Volksrepublik eine Flagge führte, in der Gewürznelken zu sehen waren:


Ich hatte tatsächlich schon überlegt, ob ich diesen Beitrag in meine Reihe "Hübsche Flaggen untergegangener Staaten" integriere, aber die Flagge von Sansibar und Pemba war unspektakulär:


Das ist allerdings nur die zweite Version! Der kaum auffälligere Vorgänger, schwarz-gelb-blau, war bis zum 29. Januar 1964 in Gebrauch. Seit 2005 hat die Region Sansibar eine eigene Fahne, die alte Tricolore, mit der tansanischen Nationalflagge in der Ecke:


Der Vollständigkeit halber hier noch die in der Volksrepublik-Phase vorübergehend genutzte eigene Flagge von Pemba, die mich mit meiner leichten Rot-Grün-Farbschwäche ein wenig anstrengt:

Die übrigen Staaten in Afrika, welche die DDR anerkannt haben und sich damit gegen die Hallstein-Doktrin stellten, waren übrigens: Guinea, Algerien, der Sudan, Ägypten, die Republik Kongo (i.e. Kongo-Brazzaville, nicht das ehemalige Zaire), die Zentralafrikanische Republik und Somalia. In welcher Reihenfolge die Anerkennungen erfolgten, konnte ich auf die Schnelle nicht recherchieren.

Freitag, 17. Juni 2022

Kurz notiert: Der Frieden von Hans

Der jahrzehntelange Streit um die winzige, unbewohnte Insel Hans im Kennedy-Kanal hat ein Ende. Beigelegt wurde der dänisch-kanadische Konflikt, den die Medien wegen seiner kreativ ritualisierten Austragung gerne "Whisky-Krieg" nannten, mittels der unkreativsten aller möglichen Lösungen: indem man eine offizielle Grenze quer über das Eiland gezogen hat. Einen entsprechenden Einigungsvertrag unterzeichneten diese Woche Kanadas Außenministerin Mélanie Joly, Dänemarks Außenminister Jeppe Kofod und der grönländische Premierminister Múte B. Egede bei einer Zeremonie in Ottawa, an deren Ende noch einmal Spirituosen ausgetauscht wurden, wie u.a. die Süddeutsche Zeitung berichtete. Irgendwie ist es bedauerlich, dass dieses politisch-geographische Kuriosum nun der Vergangenheit angehört, andererseits sind territoriale Auseinandersetzungen nicht lustig. "Angesichts von Russlands Angriffskrieg in der Ukraine betonte Joly die Bedeutung der friedlichen Einigung in einem Grenzstreit: 'Wir wissen, dass wir diplomatisch zusammenarbeiten können, um Streitigkeiten auf der Grundlage von Regeln und Prinzipien beizulegen.'" (SZ)

Eine nicht uninteressante Fußnote der Chose ist, dass Grönland mit der Teilung der Hans-Insel seine erste Landgrenze bekommen hat. Kanada hat dadurch (nach jener zu den USA) eine zweite erhalten, genau wie das Königreich Dänemark (nach jener zu Deutschland; nein, die Grenze zu Schweden auf der Öresundbrücke zählt nicht). Falsch ist die Behauptung von n-tv: "Die Europäische Union grenzt zukünftig an Kanada!" Grönland ist 1985 nach einem Referendum im Jahr 1982 aus der EG ausgetreten.

Montag, 28. Februar 2022

Neu im Buchhandel, Abt. Sachbuch/Reise

Seit ich mich vor über zehn Jahren zum ersten Mal intensiver mit außergewöhnlichen Inseln beschäftigt habe, lässt mich das Thema nicht los und wurde auch hier im Blog immer wieder gestreift. Eine ganz besondere Faszination übten zuletzt Binneninseln auf mich aus; so sehr, dass ich mich beflügelt sah, ein Buch darüber zu schreiben. Ein solches kann man jetzt kaufen. Es behandelt 44 Fluss- und Seeinseln in Deutschland, Österreich und der Schweiz, ist liebevoll gestaltet worden und kostet 25 Euro. Schon jetzt an Weihnachten denken! Oder an den Betreiber dieses Blogs, der viel Recherche in das im Hause Merian erschienene Hardcover gesteckt hat und sogar ein "Aal"-Wortspiel darin unterbringen konnte.

Freitag, 21. Januar 2022

Klischees und Schwergewichte

Am 2. August 2008 schrieb ich dies in mein Tagebuch: "Erschreckend ist bisweilen meine Ignoranz. Bisher dachte ich, der König von Tonga sehe so aus: dick, braungebrannt, einen Speer in der Hand und mit nichts als einem Baströckchen bekleidet. Als ich im Zusammenhang mit der Krönung von George Tupou V. ein Bild des Pazifikmonarchen sah, war ich überrascht [...]"

Denn das Oberhaupt des Inselstaates gemahnte in seiner Gewandung an das Alte Europa; auffallend moppelig war er auch nicht. Dieser Tage ist Tonga aus dem dramatischen Anlass der Eruption eines Unterwasservulkans vermehrt in den Schlagzeilen, und im Zuge dessen kann man sich davon überzeugen, dass auch Tupou VI., der die Krone keine vier Jahre später von seinem früh verstorbenen großen Bruder erbte, in hoheitlichem Ornat wie in militärischer Montur eher den Eindruck von British royalty vermittelt. 

Gänzlich dem Reich kindlicher Fantasie entsprungen kann meine eingangs wiedergegebene naive Vorstellung indes nicht gewesen sein. Gestern nämlich las ich in einem Zeitungsportrait über Tupou VI., dass dessen Vater und Vorgänger, Tāufa'āhau Tupou IV., als "dickster König der Welt" bekannt war. Das hatte ich also korrekt irgendwo aufgeschnappt und behalten. Über 200 Kilogramm soll der illustre Herrscher auf die Waage gebracht haben. Wikipedia weiß mit den Infos aufzuwarten, dass regelmäßig vor Auslandsbesuchen, etwa nach Deutschland, vor Ort eigene Stühle für ihn sonderangefertigt wurden, und dass seine Bahre von 1000 Menschen geschleppt wurde. Nun gut, Letzteres hatte wohl eher zeremonielle Gründe. Die Sargträger hatten übrigens tatsächlich Baströcke an.

Montag, 11. Juni 2018

Faszinierende Insel: Hans

Die Hans-Insel – englisch Hans Island, dänisch Hans Ø, grönländisch Tartupaluk ("nierenförmig") – ist eine unbewohnte Insel bzw. ein aus dem Meer ragender "Hügel" (auf der englischsprachigen Wikipedia ist von "knoll" die Rede) im Kennedy-Kanal. Der Kennedy-Kanal verläuft zwischen der kanadischen Insel Ellesmere* und dem nordgrönländischen Washington-Land, und die Hans-Insel hat nun das "Glück", ziemlich genau in seiner Mitte und in der Zwölfmeilenzone von sowohl Kanada als auch Grönland (und damit Dänemark) zu liegen. Da ist ein permanenter Disput zwischen beiden Nationen natürlich programmiert. Der Mensch streitet halt gern, auch um unfruchtbare Gesteinsbrocken im Eismeer. Der Ständige Internationale Gerichtshof in Den Haag hat 1933 zugunsten Dänemarks entschieden. Das hat Kanada nicht davon abgehalten, seitdem Surveys verschiedener Art durchzuführen. In den 1970ern sollte dann ein für alle Mal Klarheit geschaffen werden, in Form einer definitiven Grenzfestlegung. Die strenge gedachte Linie, die durch den Kennedy-Kanal "fließt", schneidet die Hans-Insel in zwei Teile, darin war man sich einig. Doch eine gültige Vereinbarung verschob man (wahrscheinlich aus Faulheit – neben Streitlust eine andere allzu menschliche Eigenschaft) ... und hat man bis heute nicht getroffen. Man hätte natürlich eine Grenze durch die Insel hindurch ziehen und sie (à la Usedom und Hispaniola) zu einem Eiland mit zwei Staatsgebieten machen können. Auch hätte man sie zu einem Kondominium erklären können: ein Territorium, über das zwei Herrschaftsträger entweder abwechselnd oder gleichzeitig gebieten. Das wurde erst 2015 von Gelehrten vorgeschlagen. Aber nein, stattdessen hat sich seit 1984 eine inoffizielle und, wie ich finde, sehr sympathische "Zwischen"-Lösung etabliert: In unregelmäßigen Abständen besucht eine Abordnung eines der beiden Länder das Inselchen, hisst die jeweilige Flagge und hinterlässt darunter eine einheimische Spirituose. Darüber, wer damit angefangen hat, sind sich die Quellen uneins: Der New York Times zufolge war es Kanada mit einer Flasche Whisky, laut Business Insider (sich auf CBC beziehend) Dänemark mit einer Flasche Brandy. Heute sind wohl Canadian Club und dänischer Schnaps die Hoheitszeichen der Wahl. Ansonsten passiert auf dem 1,25 km² großen Felsen nicht viel.

Toubletap, Wikipedia, CC BY-SA 3.0

* Ob der Name der Insel Elsweyr aus den "Elder Scrolls" darauf anspielt? Von der Lage und der Klimazone her ist diese allerdings das glatte Gegenteil von Ellesmere.

Mittwoch, 7. Juni 2017

Palmyra and beyond

Nein, es geht jetzt nicht um die Stadt in Syrien. USS Palmyra hieß das Schiff von Captain Cornelius Sowle, mit dem dieser am 7. November 1802 auf einem zu jener Zeit zwar schon bekannten, aber noch unbenannten Riff strandete. Er hatte Schiffbruch erlitten inmitten eines aus circa 50 Inselchen bestehenden Archipels, welcher heute Palmyra-Atoll heißt, 1000 Meilen südwestlich von Hawaii im Pazifik liegt und einen hochinteressanten politischen Status innehat: Er stellt das einzige sogenannte "eingegliederte, unorganisierte Territorium" der USA dar. 

Zum Verständnis: Als Territorium bezeichnet man alles, was kein Bundesstaat war oder ist. (Die seltsamen administrativen Sonderzustände von Washington, D.C., und Guantanamo Bay seien in diesem Zusammenhang direkt außen vor gelassen.)
Man unterscheidet

1. eingegliederte, organisierte Territorien (incorporated organized territories): Gebiete, die irgendwann in Bundesstaaten übergegangen sind, d.h. ausschließlich historische Territorien werden so bezeichnet; die berühmten Nordwest- und Südwest-Territorien zählten dazu, die letzten beiden mit diesem Status waren bis zu ihrer state-Werdung 1959 Hawaii und Alaska.

2. uneingegliederte, organisierte Territorien (unincorporated organized territories): Puerto Rico, Guam, die Nördlichen Marianen, Amerikanisch-Samoa und die Amerikanischen Jungferninseln zählen nicht als Teil (i.S.v. Gliedstaat) der USA, werden aber von diesen kontrolliert. Der Souverän ist die US-Regierung, die Verfassung ist jedoch nicht umfänglich gültig. Dem Wortlaut nach gelten ausschließlich die Grundrechte ("fundamental rights apply as a matter of law, but other constitutional rights are not available"), was wohl gerade im Bereich des Wahlrechts einige Ungerechtigkeiten nach sich zieht (John Oliver hat letztes Jahr einen längeren Beitrag darüber gebracht). Die exakte Definition von "organisiert" wiederum leuchtet mir nicht so recht ein; "selbstverwaltet" (self-governing) trifft es wohl am ehesten. Um die Sache zu verkomplizieren, sei angemerkt, dass Puerto Rico nach der Entscheidung eines Bezirksgerichts 2008 als "eingegliedert" zu betrachten sei und ein Referendum im Jahr 2012 zugunsten einer Umwandlung in einen eigenen Bundesstaat ausfiel – dieses ignorierte der Kongress allerdings, weil um die 500.000 Stimmzettel leer geblieben waren. Der nächste Volksentscheid steht nun nächste Woche an; die Unabhängigkeit von den USA ist dabei eine weitere Option, aktuellen Umfragen zufolge stehen aber alle Zeichen darauf, dass der Star-spangled banner demnächst um einen Stern reicher wird. Amerikanisch-Samoa wiederum ist trotz Selbstverwaltung de iure immer noch "unorganisiert", weil der Kongress es bisher versäumt hat, einen sog. Organic Act zu verabschieden. Side note: Die Jungferninseln feiern dieses Jahr ihr 100. Jahr als US-Territorium, sie wurden am 31. März 1917 für 25 Mio. $ in Goldmünzen dem Königreich Dänemark abgekauft (Hauptbeweggrund dafür war übrigens die Angst, Deutschland könnte dort eine U-Boot-Basis errichten).

3. uneingegliederte, unorganisierte Territorien (unincorporated unorganized territories): Der Begriff der "Unorganisiertheit" scheint sich bei diesen zehn Territorien lediglich daraus zu ergeben, dass sie bis auf immer wieder vorübergehend hier stationiertes wissenschaftliches Personal gänzlich unbewohnt sind. Die im Pazifik, im Nordatlantik / in der Karibik verstreuten Gebiete werden bzw. wurden vom US-Innenministerium, vom Verteidigungsministerium, von der Navy und von der Air Force beansprucht und/oder verwaltet. Auf den Wake-Atoll erheben zusätzlich die Marshallinseln Ansprüche, auf die Insel Navassa zudem Haiti. Die Serranilla-Bank und die Bajo-Nuevo-Bank werden derzeit von Kolumbien verwaltet, aber auch Jamaika, Honduras und Nicaragua streiten immer wieder um diese Fleckchen Land. Etliche dieser Territorien wurden im Zuge des Guano Island Act von 1856 annektiert: US-Hoheit dank Vogelkacke ...

4. eingegliederte, unorganisierte Territorien (incorporated unorganized territories): müssten wie gesagt im Singular stehen, denn einzig Palmyra ist ein solches. Dazu kam es, weil das Atoll im Jahr 1900 mit dem Territorium von Hawaii miteingegliedert wurde (also den unter 1. dargestellten Status erhielt); als Hawaii 59 Jahre später der 50. Bundesstaat werden sollte, wurde Palmyra explizit davon abgetrennt – mit welcher Begründung, weiß ich nicht. Geographisch wird das Palmyra-Atoll den Line-Inseln oder auch Zentralpolynesischen Sporaden zugerechnet; die US-Territorien Jarvis Island und das Kingman-Riff zählen ebenfalls dazu, der Rest des "Linieninseln" gehört Kiribati. Witzige Randnotiz: Das Filippo Reef verortet die deutschsprachige Wikipedia ebenfalls hier, allein es handelt sich dabei höchstwahrscheinlich um ein Phantomriff, wenngleich es in einem Atlas von 2005 noch, nun ja, auftaucht (Buchtipp: Dirk Liesemer – "Lexikon der Phantominseln"). Zensus-technisch werden die unter 3. & 4. aufgeführten Territorien als United States Minor Outlying Islands zusammengefasst.

Die Hauptinsel von Palmyra ist Cooper Island. Hier befand sich während des Zweiten Weltkriegs erstmals eine größere Gruppe Menschen. "Zu dieser Zeit wurden neben der Landebahn zahlreiche Straßen gebaut, die inzwischen fast vollständig überwuchert sind. Doch noch heute sind Teile des Atolls wegen Relikten aus dieser Zeit gesperrt." (Wikipedia) Heute leisten hier rund 20 "non-occupants" Klima- und andere Forschung im Dienste verschiedener Behörden sowie der Nature Conservancy, in deren privatem Besitz der Archipel z.T. liegt. Auch der Rotfußtölpel, welcher den lateinischen Namen Sula trägt (bekannt aus diesem Blog!), nennt Palmyra sein Zuhause. Und dann gibt es da noch die Legende um einen spanischen Piratenschatz ...


Dienstag, 24. März 2015

Sprechen Sie Seegurkisch?

Aus traurigem Anlass (Zyklon "Pam") hat es der kleine südpazifische Inselstaat Vanuatu neulich in die Nachrichten geschafft. Ich sah den Präsidenten im Fernsehen eine Presseerklärung auf Englisch abgeben und wollte wissen, ob Englisch dort Amtssprache ist. Ja, ist es, ebenso Französisch; beides sind allerdings Erstsprachen von einer nurmehr verschwindend geringen Sprecherzahl. Tatsächlich hat Vanuatu die höchste Sprachendichte der Welt: 108 Sprachen auf eine Viertelmillion Einwohner!

Sprache des täglichen Lebens ist die dritte Amtssprache, eine auf dem Englischen basierende Kreolsprache namens Bislama, welche laut Wikipedia von 210.000 Menschen gesprochen wird, wobei die Zweitsprecher schon eingerechnet sind; was die Muttersprachler angeht, so gibt Ethnologue 10.000 an (plus 2.300 in Neukaledonien) und die Seite Omniglot 6.200. Abgesehen von einigen ozeanischen Lehnwörtern (französische gibt es auch) versteht man den Inhalt von Bislama-Textsampeln ganz gut, v.a. wenn man eine englische Übersetzung danebenstellt: "Evri man mo woman i bon fri mo ikwol long respek mo ol raet. Oli gat risen mo tingting mo oli mas tritim wanwan long olgeta olsem ol brata mo sista." = "All human beings are born free and equal in dignity and rights. They are endowed with reason and conscience and should act towards one another in a spirit of brotherhood." (Beispiel aus "Omniglot" übernommen)

Kurios ist die Herkunft des Namens Bislama: Es handelt sich letztlich um eine Verballhornung des französischen bêche de mer, was "Seegurke" heißt. Bislama wurde im 19. Jahrhundert von den lokalen Arbeitern als Kontaktsprache entwickelt und genutzt – und eine von deren Hauptbeschäftigungen war das Einsammeln von ebenjenen Stachelhäutern.

Neben Seegurken sind auch Schweine von Bedeutung für die ni-Vanuatu (so heißen die Einwohner/-innen). Wer viele Schweine besitzt, gilt als reich. Sie dienen als Nahrung, Handelsgut und Opfertiere. Das Rot in der Flagge Vanuatus symbolisiert denn auch das Blut geopferter Schweinsviecher. Indigene Religionen sind jedoch von allerlei (reformierten) christlichen Glaubensrichtungen verdrängt worden. Eine kleine Rolle spielt noch die sogenannte Prinz-Philip-Bewegung, ein Kult, in welchem der britische Prinzgemahl als Gott verehrt wird! 
(Neuer Eintrag auf meiner To-do-Liste: Gottheit in einem Südseekult werden)


Freitag, 26. Dezember 2014

Neun faszinierende Inseln

Jaaaa, ich weiß: Judith Schalansky hat bereits im Jahr 2009 den Atlas der abgelegenen Inseln veröffentlicht. Dieses sehr schöne Buch fiel mir leider erst 2011 in die Hände, als ich bereits selbst begonnen hatte, mich mit seltsamen, unbekannten und sonstwie faszinierenden Inseln zu beschäftigen. Die von mir "entdeckten" Inseln, die ich nun endlich vorstellen möchte, doppeln sich zum Glück nicht mit jenen im Schalansky-Buch. (Die Autorin gibt übrigens seit 2013 die herrlich altmodische Reihe "Naturkunden" heraus. Darin erschienen sind u.a. printwirkmächtige Perlen wie "Eulen", "Heringe" und "Esel".)

Die erste Insel, die ich vorstellen möchte, ist gar keine Insel, sondern ein Eiland, nämlich ein unbewohnbarer Felsen mit den Maßen 25 mal 31 Metern namens Rockall. Er befindet sich ungefähr in der Mitte der Fläche zwischen Is- und Irland. Neben diesen beiden Staaten erheben auch Dänemark (genauer: die Färöer-Inseln) und das Vereinigte Königreich territorialen Anspruch darauf. Im Juni 2010 sollte eine Konferenz der vier Länder stattfinden, die jedoch wegen des Fehlens wichtiger Teilnehmer ausfallen musste, sodass die Hoheitsfrage bis dato (Dezember 2014) nicht geklärt ist. Jedenfalls ist dieses Eiland seit langer Zeit bekannt, einer irischen Legende zufolge soll es entstanden sein, als der sagenhafte Riese Finn McCool einen Kieselstein ins Meer schleuderte. Es ist mehr als ein Mal vorgekommen, dass ein Schiff an dem Felsen aufgelaufen und daraufhin gesunken ist.
Touristisch stellt Rockall lediglich eine Nischen-Destination dar. Neben dem britischen Survival-Profi Tom McClean, der sich 40 Tage dort aufhielt, und ein paar Amateurfunkern wurde Rockall im Jahr 1997 von Greenpeace-Mitgliedern besetzt. Am Ende dieser Aktion wurde ein solarbetriebenes Warnlicht auf dem Inselchen errichtet, versehen mit der Inschrift "ROCKALL SOLAR BEACON. Let the sun and wind do their work, leave the oil beneath the waves – Greenpeace July 1999". Die geringe Fläche Rockalls wird übrigens durch seine beachtliche Höhe wettgemacht – immerhin 21 Meter ragt die Felsspitze aus dem Atlantik empor. Es gibt sogar so etwas wie eine Fauna, bestehend aus Muscheln und anderen Kleinlebewesen. Auch Zugvögel kommen gerne mal auf einen Abstecher vorbei.



Ausgerechnet zum Jemen, den viele mit den Attributen staubig, unwirtlich, ja gefährlich assoziieren, gehört eine wunderbare Insel mit Traumstränden, Bergen, Schluchten, Palmen, Delfinen und Tropfsteinhöhlen. Sie heißt Sokotra und ist Teil einer gleichnamigen Inselgruppe, die sich schon vor mehr als 20 Millionen Jahren vom Festland getrennt hat und somit Heimat zahlreicher endemischer Tiere, v.a. Spinnen und Vögel, ist, weswegen man sie auch "Galapagos des Indischen Ozeans" nennt. Sie ist seit 2008 UNESCO-Weltnaturerbe. Auf Sokotra leben rund 50.000 Menschen, vorwiegend auf der Hauptinsel, und man spricht dort eine wenig erforschte südsemitische Sprache namens Soqotri. Es gibt sogar einen Flughafen. Trotz der paradiesischen Natur ist Sokotra ein kaum bekannter Urlaubsort. Im Jahr 2008 waren nur ca. 4000 Touristen auf dieser nicht billigen Geheimtipp-Insel zu Gast. Auf Wikipedia ist zu lesen: "Please note that Socotra, being still an undeveloped island that has no industries or agriculture, cannot offer an expected variety of food and local groceries and therefore charge heavily for items that are imported from the mainland, even bottled water." Wer sich trotzdem zu einem Trip anregen lassen will, kann dies auf Google Earth tun – ich empfehle besonders die Fotos im Nordwesten der Insel! (Dieser Beitrag klingt wie ein Werbetext, aber man glaube mir, dass ich nicht vom jemenitischen Tourismusverband bezahlt werde.)


Wir begeben uns nun ins Meer östlich von Indien, in den Indischen Ozean, zu dem indischen Unionsterritorium Andamanen und Nikobaren. Dabei handelt es sich um zwei Inselgruppen mit insgesamt 572 Inseln. Die Nikobaren sind deshalb von Interesse, weil diese von 1778 bis 1784 eine österreichische (!) Kronkolonie waren (die Kolonialpolitik Österreichs ist in der Tat nur eine historische Randnotiz). Noch faszinierender aber sind die Andamanen, insbesondere deren westlichste Insel: North Sentinel Island, die ohne Übertreibung unheimlichste Insel der Welt!
Man kann sich die North Sentinel Island dank Satellitenaufnahmen von oben anschauen, aber im Grunde ist das ganze Gebiet ein weißer Fleck. Dass die Insel bis heute unerforscht ist, liegt weniger an den tückischen Riffen als vielmehr an der indigenen Bevölkerung. Die Sentinelesen sind eine genetisch und sprachlich extrem isolierte Steinzeitkultur, die jeden Kontakt von außen mit Gewalt verhindert. 1867 strandeten ein paar indische Seeleute auf der North Sentinel Island und wurden sofort von einem Pfeilhagel überrascht, worauf sie naturgemäß das Weite suchten. Einem entflohenen Sträfling, den es einige Jahre später auf die Insel verschlug, wurde gar die Kehle durchgeschnitten. Weitere Annäherungsversuche ließ man fortan lieber bleiben. Erst 1974 wagte sich Heinrich Harrer (genau, der aus Sieben Jahre in Tibet) in Begleitung von Leopold III. und in friedlicher (?) Absicht zu den Sentinelesen, um ihnen Geschenke zu bringen. Die Begrüßung war – you guessed it – ein Angriff mit Pfeil und Bogen. Es gab noch vereinzelte Versuche von Anthropologen, sich den Sentinel-Einwohnern zu nähern (der erfolgreichste gelang 1991), bis die indische Regierung das Betreten der Insel schließlich unter Strafe stellte. Heute sorgen Polizei und Marine dafür, dass das Besuchsverbot eingehalten wird.
Die Volkszählung von 2001 schätzte die Zahl der Sentinelesen auf 39, doch die Betonung liegt auf "schätzte", denn natürlich haben sie an der Volkszählung nicht teilgenommen, und wie viele von ihnen in den dichten Wäldern leben, weiß kein Mensch – es könnten einige Hunderte sein. Leider wurden auch die Andamanen Opfer des schweren Seebebens von 2004. Als kurz darauf ein Hubschrauber die North Sentinel Island überflog und beinahe von einer Salve von Pfeilen herunter geholt worden wäre, musste die Crew schon fast froh sein über dieses Lebenszeichen ...



Als nächstes soll gleich ein ganzes Archipel im Blickpunkt stehen, und zwar Svalbard. Wer dieses Wort, das "kühle Küste" bedeutet, noch nie gehört hat, kennt die Inselgruppe wahrscheinlich unter dem Namen Spitzbergen. Korrekterweise wird aber nur die Hauptinsel Spitzbergen (norw. Spitsbergen) genannt. Svalbard hat circa 3000 ständige Einwohner, von denen die meisten in Longyearbyen (Spitzbergen) leben, wo es neben einem internationalen Flughafen auch eine Universität gibt. Das dollste Ding ist die 2008 eröffnete Pflanzensamenbank (Svalbard Global Seed Vault), in der man alle wichtigen Pflanzen der Welt archivieren und somit die Ernährung der Menschen sicherstellen will, falls mal ein Atomkrieg ausbricht etwa. Tief im Permafrost-Felsmassiv sollen insgesamt 2,25 Milliarden Samen von 4,5 Millionen Pflanzen aufbewahrt werden; bis jetzt hat man zum Beispiel schon 70.000 Reissorten archiviert.
Auf fast ganz Svalbard gibt es Eisbären, weswegen es gesetzlich vorgeschrieben ist, stets eine Schusswaffe oder einen Begleiter in Besitz einer Schusswaffe bei sich zu führen. Außerdem benötigen die nicht wenigen Touristen für den Großteil der Landmasse eine Genehmigung vom Sysselman. Der Sysselman ist quasi Gouverneur, Sheriff und Friedensrichter in einer Person. Wer sich wirklich mal nach Svalbard wagen sollte (Jahresdurchschnittstemperatur: akzeptable -4° C), sollte dies außerhalb der dunklen Tage tun, denn dann sieht es schlecht aus mit der Infrastruktur. Es sei noch erwähnt, dass die Nazis auch auf dem Svalbard-Archipel ihr Unwesen getrieben haben (wo nicht?), aber diese unschöne Geschichte kann man anderswo nachlesen.



"Welche Insel besuchen wir jetzt?" – "Danger Island." – *lufthol* – "Lass dich nicht von dem Namen erschrecken. Das ist eigentlich keine richtige Insel." – "Haha, ein alter Simpsons-Witz, nett." – "Um ehrlich zu sein, ist Danger Island eine Insel. Sie ist aber nur 66 Hektar groß und menschenleer. In der Vergangenheit wurden lediglich ab und an Arbeiter von den Nachbarinseln zum Kokosnuss sammeln nach Danger Island geschickt." – "Nachbarinseln?" – "Ja, Danger Island ist eine der Chagos-Inseln. Die waren allerdings nur von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis Anfang der 1970er Jahre besiedelt." – "Und was ist mit den Bewohnern passiert?" – "Das Chagos-Archipel gehört zum Britischen Territorium im Indischen Ozean. Die Briten kamen irgendwann auf die Idee, die Inselchen an das amerikanische Militär zu verpachten. Infolge dessen wurden sämtliche Einwohner – die so genannten Îlois oder Chagossianer – zwangsumgesiedelt. Es folgte ein bis 2008 laufender Rechtsstreit, bei dem die Deportierten aber den Kürzeren zogen." – "Fies! Und was machen die Amis heute auf den herrlichen Atollen?" – "Ha! Ich habe doch noch gar nicht gesagt, dass das Chagos-Archipel aus vielen großen Atollen besteht! Nun, der Armeekomplex befindet sich auf der Hauptinsel Diego Garcia. Was dort abgeht, ist streng geheim. Über 3000 Personen sind dort beschäftigt, und es gibt eine Art Mini-Guantánamo! Anfang des Jahrzehnts wurden die militärischen Bestände deutlich aufgestockt, um einen Angriff auf den Iran vorzubereiten, wie man munkelte. By the way: In dem beschissenen Film 'Transformers' ist auf Diego Garcia ein geheimes Einsatzkommando stationiert." – "Also kann man als normaler Tourist gar nicht die Schönheit der Chagos-Atolle bewundern?" – "Genau, alles Sperrgebiet. Und bei Google Örs sieht man auch nicht viel." – "Oy."


Sodann begeben wir uns nach Brecqhou, eine Insel, die einen französisch klingenden Namen hat, der auf das altnordische brekka "Schlucht" zurückgeht, und die vor der französischen Küste im Ärmelkanal liegt – aber nicht zu Frankreich gehört. Sie ist Teil der Kanalinseln, und deren Status ist nicht uninteressant. Wie die Isle of Man sind die Kanalinseln nämlich kein Teil des Vereinigten Königreichs (wie die Isle of Wight) und auch keine Kronkolonie (wie Gibraltar), sondern so genannte Kronbesitzungen, die direkt der Krone unterstellt sind und nicht zur EU gehören. Die Kanalinseln setzen sich aus zwei bailiwicks zusammen (das schöne deutsche Wort dafür heißt Vogtei): Jersey und Guernsey. Beide haben eine eigene, im Kurs 1:1 an das Britische Pfund gebundene Binnenwährung, und zwar das Jersey- resp. das Guernsey-Pfund. Wegen seiner Lage und Geschichte werden auf den Channel Islands bis heute normannische Varianten des Französischen gesprochen, z.B. das Sercquiais auf der Insel Sark.
Die Kanalinseln haben 160.000 Einwohner, Guernsey hat etwa 65.000 und Brecqhou, das zu Guernsey gehört, hat – wait for it – zwei. Im Jahr 1993 wurde das Eiland von den Zwillingen David und Frederick Barclay gekauft. Die Brüder bauten sich ein Schloss und versuchen bis heute, ihr 60 Hektar "großes" Brecqhou von der größeren Nachbarinsel Sark politisch unabhängig zu machen.
Ob man als Tourist Brecqhou besuchen darf, weiß ich nicht, die Kanalinseln als Ganzes scheinen aber eine Reise wert zu sein. Warmes Golfstromklima, hübsche Sandstrände, gutes Essen – ich glaube, ich muss dort mal hin. Nach Jersey kann man sogar fliegen, kostet auch gar nicht viel, man muss nur in London umsteigen.


Mehr als in einem Fall beherbergt eine Insel eine sogenannte Mikronation. Das "Königreich" Redonda ist ein besonders kurioser Fall, weil derzeit mehrere Personen Anspruch auf den "Thron" erheben. Es existieren auch mehrere (halb-)offizielle Webseiten. Auf einer wird in einer Meldung von 2009 mitgeteilt, dass König Robert der Kahle (Bob the Bald) verstorben sei. Geht man auf der Thronfolgerliste zurück, findet man vor Bob the Bald einen gewissen Juan II. (alias Arthur John Roberts), der von 1967 bis 1989 Redonda regiert hat. Davor war es der englische Autor John Gawsworth (Juan I., nachdem immerhin die höchste Erhebung, der King Juan's Peak, benannt wurde) und davor der Schriftsteller Matthew Phipps Shiel. Dieser erhielt 1880 den ersten Königstitel, wahrscheinlich von seinem Vater, dem Schriftsteller utopischer Werke Matthew Dowdy Shiell, der Redonda erstmals im Jahr 1865 betrat. Die Gründungsgeschichte ist nebulös, vor allem wenn man sich den beruflichen Hintergrund M.D. Shiells vor Augen hält. Fakt ist, dass 1865 Shiells Sohn M.P. (der das zweite l in seinem Nachnamen später ablegte) auf der britischen Karibikinsel Montserrat zur Welt kam, von der aus sich Redonda in Sichtweite befindet. Redonda selbst gehört zu Antigua und Barbuda und ist Teil der Gruppe der Inseln über dem Winde. Es hat selbst keine Einwohner – die "Untertanen" wohnen anderswo – und bietet mit seinen 1,5 km2 lediglich ein paar Schafen Platz. Nur von ca. 1860 bis zum Ersten Weltkrieg, als hier von Briten Phosphat abgebaut wurde, lebten zeitweise über 100 Menschen auf Redonda. Entdeckt hat das Eiland Christoph Columbus anno 1493.



Wenn ich so die virtuelle Google-Koogle, also den Google-Earth-Globus, drehe und irgendwo mitten in einem der Weltmeere eine bewohnte Insel entdecke, frage ich mich immer, wie man sich wohl fühlen muss, wenn man auf einer solchen Insel geboren und aufgewachsen ist. Hat man das Bedürfnis, irgendwann einmal eine richtige Stadt auf einem richtigen Kontinent zu besuchen oder fürchtet man sich davor? Das krasseste Beispiel für insulare Abgelegenheit ist Tristan da Cunha.
Sie bildet mit einer Reihe weiterer Inseln das Britische Überseegebiet St. Helena, Ascension und Tristan da Cunha, wobei St. Helena (bekannt als Napoleons Verbannungsort) mit mehr als 4000 Einwohnern die "belebteste" ist. Tristan da Cunha ist Heimat von knapp 300 Menschen, die allesamt in der einzigen Siedlung mit dem tollen Namen Edinburgh of the Seven Seas leben. Die offizielle Homepage von Tristan da Cunha bemüht sich nicht gerade darum, Touristen anzuziehen: "Trips to the most isolated community in the world need to be well planned. [...] There are no package tours for independent travellers, no hotels, no airport, no holiday reps., no night clubs, no restaurants, no jet skis nor safe sea swimming. Visitors are limited due to lack of available shipping berths (only 12 on fishing vessels)."
Eine andere Insel dieses Archipels ist so unzugänglich, dass sie sogar mit ihrem Namen auf diesen Umstand aufmerksam macht: Inaccessible. Dieser Name rührt von einer Bemerkung niederländischer Seefahrer her, die nach der Entdeckung der 14 km2 kleinen Insel neben die Spontanbenennung Nachtglas Eylant (das Schiff hieß Nachtglas) das Wort ontoegankelijk schrieben – "unzugänglich". Es war ihnen nämlich wegen der dichten Vegetation und ungünstig aufgestellter Felsen nicht gelungen, ins Innere der Insel vorzudringen. Das war 1652. Auch der jüngste Versuch einer vollständigen Durchquerung (1982-83) scheiterte, doch konnte die angereiste Forschergruppe eine brauchbare Karte erstellen und die vielfältige einheimische Vogelwelt katalogisieren. Seit 1995 ist Inaccessible UNESCO-Weltnaturerbe und darf nur noch in Begleitung erfahrener Tristaner betreten werden.



Als letztes schwimmen wir in der Ostsee umher, bis wir auf ein nicht mal 1 Quadratkilometer großes Eiland stoßen. Es ist unbewohnt, bietet aber eine üppige Vegetation und darf sogar von Touristen besucht werden (weil es sich um ein Naturschutzgebiet handelt, allerdings nur von ein paar pro Tag). Der Name der Insel ist Greifswalder Oieoie ist ein pommersches Wort für "Eiland". Die Greifswalder Oie war Messungen zufolge im Jahr 2009 der sonnenreichste Ort Deutschlands, und schon im Mittelalter ließen die Greifswalder im Sommer ihre Pferde hier weiden. Die Oie ist heute ein Schutzreservoir für viele Vögel, besteht aus mehreren Vegetationszonen mit z.T. seltenen Pflanzen und beherbergt eine biologische Forschungsstation, eine Bienenbelegstelle sowie einen über 150 Jahre alten Leuchtturm. Als das Inselchen mit Büschen zu überwuchern drohte, schiffte man 50 Heidschnucken heran, die sich mampfenderweise um das Problem kümmerten. In der Nazizeit und in der DDR wurde die Insel militärisch genutzt, und von 1929 bis 1945 wurden von hier immer wieder Testraketen abgeschossen. Zuvor – schon ab 1877 – wurde die Oie für den Badetourismus genutzt; 1932 wurde auf ihr ein Film mit Hans Albers gedreht.



Bonus-Insel(n): Christmas Island

(Disclaimer: Die meisten Bilder in diesem Beitrag dürften lizenzfrei sein oder sind Google-Earth-Screenshots. Sollte ich gegen Urheberrechte verstoßen haben, weise man mich bitte darauf hin, bevor man mich abmahnt.)

Freitag, 24. August 2012

A Tale Of Two Islands (A Christmas Carol)

Vor einigen Tagen tauchte in einer Randmeldung ein Land auf, dem man sonst eher selten in den Medien begegnet: Kiribati. Forscher hatten auf dem Meeresboden im Gebiet von Kiribati Spuren entdeckt, die möglicherweise zu dem verschollenen Flugzeugwrack Amelia Earharts gehören.

Eindruck kann hierzulande schinden, wer weiß, wie man den Namen des kleinen Inselstaates korrekt ausspricht, nämlich Kiribas. In der gleichnamigen Landessprache (auch I-Kiribati, Kiribatisch oder – nach den Gilbertinseln – Gilbertesisch genannt) wird die Zeichenfolge -ti- wie ein scharfes s gesprochen. Das Kiribatische, eine malayo-polynesische Sprache mit etwas mehr als 100.000 Sprechern, ist auch deswegen bemerkenswert, weil es mit nur 15 Phonemen einen sehr kleinen Lautbestand aufweist (der Durchschnitt liegt bei ca. 30). Neben 10 Konsonanten gibt es die Vokale a, e, i, o, u, jeweils kurz und lang (so dass man streng genommen von 20 Phonemen ausgehen kann). Diese Laute werden mit nur 13 Buchstaben wiedergegeben: a b e i k m n ng o r t u w. Wie man sieht, kommt <s> gar nicht vor.

Zu Kiribati gehört u.a. das Atoll Kiritimati, das – na, wer hat aufgepasst? – ungefähr Kirismas ausgesprochen wird. Und das klingt so ähnlich wie das englische Wort Christmas, weshalb man die Inselgruppe sowie die Hauptinsel auch als Weihnachtsinsel kennt. Zufall? Leider nein. Die Insel war vor dem Eintreffen der Engländer 1777 noch einwohner- und namenlos. Weil aber James Cook am 24. Dezember dort ankam, taufte er die Insel Christmas Island, was erst nachträglich an die einheimischen Schreibgewohnheiten angepasst wurde (die Verschriftlichung erfolgte erst im Rahmen der Missionierung Mitte des 19. Jahrhunderts).

Durch die Schreibweise Kiritimati besteht zumindest keine Verwechslungsgefahr mit dem bekannteren, zu Australien gehörigen Christmas Island. Dieses heißt so, weil am 1. Weihnachstfeiertag 1643 der britische Kapitän William Mynors ebenda aufkreuzte. Es gibt noch eine dritte Weihnachtsinsel: Sie ist Teil von Nova Scotia, Kanada, und nach einem Einwohner mit dem Familiennamen Christmas benannt.