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Montag, 24. August 2026

Gebietsreform MAINTENANT!

Als passioniertem Kreuzworträtsellöser begegnen mir regelmäßig französische Départements. Meine Meinung: Es gibt zu viele davon! Gewiss, Frankreich ist ein großes Land, aber der Verwaltungseinheitenflickenteppich, zumindest auf dem Hexagone, ist gar zu kleinteilig, vor allem für Deutsche, die im Kreuzworträtsel nach einem "frz. Département mit vier Buchstaben" gefragt werden und sich zwischen AUBE, AUDE, CHER, EURE, GARD, GERS, JURA, NORD, OISE, ORNE und TARN entscheiden müssen.

Überhaupt, wie sehr sich etliche Namen der 101 Dalma-... äh: Départements ähneln! Direkt ganz am Anfang der Liste finden sich Ain und Aisne, sacré bleu! Hier hätte man schon bei der (gar nicht mal so weit zurückliegenden) Strukturierung weiser vorgehen sollen. Indes: "67 Départements sind nach einem, 10 davon sogar nach zwei Flüssen benannt. Häufigste Namensgeberin ist die Loire, die sechs Departements im Namen tragen (nicht zu verwechseln mit dem Loir (zwei Benennungen) und dem Loiret (eine Benennung))." (Wikipedia) "Indes" ist indes kein Département, wohl aber Indre.

Sehr gern wird im Schwedenrätsel, das man schlechterdings in "Franzosenrätsel" umbenennen sollte, zudem nach Département-Hauptstädten gefragt. Mysteriöse Vierbuchstabler gibt es unter denen auch, z.B. Auch. Regionen hingegen spielen selten eine Rolle. Die sind überschaubar: 13 in Europa, fünf in Übersee. Könnte man eigentlich mal auswendig lernen.

Montag, 13. Juli 2026

Abt. Gute Ortsnamen

Dass US-amerikanische Gemeinden von heute auf morgen und nach Lust und Laune ihren Namen ändern dürfen, erfuhr ich aus einem Abschnitt über Ortsnamenwechsel in Ken Jennings' Geographieschmöker "Maphead". Sicher, ein paar Hürden mag es für solche gravierenden Schritte geben, doch scheinen diese niedriger zu liegen als etwa in Deutschland. Zum Beispiel können die Einwohner einer Stadt darüber abstimmen, so geschehen im Bundesstaat New Mexico:

Ursprünglich hieß die Stadt Hot Springs. Am 31. März 1950 beschlossen die Bürger der Stadt mit 1294 zu 295 Stimmen sie nach der Quizshow Truth or Consequences von Ralph Edwards umzubenennen. Edwards hatte versprochen, die Rundfunksendung in der Stadt zu produzieren, die als erste den Namen der Show annimmt. Heute wird ihr Name von der Bevölkerung New Mexicos meist zu T or C abgekürzt. (Quelle: Wikipedia)

Könntet ihr euch vorstellen, in "Gefragt, gejagt (Bayern)" oder "Familienduell (Mecklenburg-Vorpommern)" zu leben? Nun, immerhin hatten wir kurzzeitig Swiftkirchen. Im Übrigen wollen wir das Fass Halfway, Oregon (Amerikas erste "Dot-Com-City") genau so ungeöffnet lassen wie Kiefer Sutherlands Neo-Noir-Thriller "Truth or Consequences, N.M.", in dem der nach 1950 beobachtet Umbenennungseffekt offenbar behandelt wird.

Samstag, 20. September 2025

Drei kleine Worte

Durch die britische Miniserie "The Guest" (Besprechung folgt) erfuhr ich von einem alternativen globalen Orientierungs- bzw. Ortungssystem, von dem ich noch nie gehört hatte, obwohl es seit über zehn Jahren existiert: what3words. Ich werde die Startseite des Unternehmens hier nicht verlinken, denn angesichts herber finanzieller Verluste in jüngerer Vergangenheit und wiederholter Kritik an der Praktikabilität steht zu befürchten, dass dieser Link eher früher als später ins Leere laufen könnte.

Das Prinzip ist das folgende: what3words hat die Welt in 3x3 m große Quadrate eingeteilt und jedes Quadrat mit einer Kombination aus drei durch Punkte separierten Wörtern markiert. Beispielsweise hat ein beliebter Aussichtspunkt in meiner Wohngegend, der Dettweiler Tempel, die "Koordinaten" ///kartoffel.vororte.igel. Wobei man ihn auch mit Hilfe der Angabe ///erwachte.katze.bewohnt finden würde, oder auch ///erstens.sommer.tänzer. (Der Kartenmarker weicht übrigens ein wenig vom tatsächlichen Standort ab; hier müsste mal jemand justierend eingreifen.) Die Kleinteiligkeit begründet das Londoner Unternehmen wie folgt: "Straßenadressen sind im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß. Sie sind nicht genau genug, um Orte wie Gebäudeeingänge präzise zu beschreiben. Für Parks oder in vielen ländlichen Gegenden gibt es überhaupt keine Straßenadressen. Das erschwert das Finden bestimmter Plätze und macht es in Notfällen unmöglich, genau zu beschreiben, wo Hilfe nötig ist." Insbesondere Firmen könnten Dreiwortadressen teilen, um es Partnern und Kunden zu ermöglichen, sich punktgenau zu ihrem Sitz lotsen zu lassen. Das Navigieren selbst erfolgt auf der Webseite oder in der App über Schnittstellen zu Google Maps, Apple Maps, Waze, Bing Maps und Citymapper.

Und ja, die haben tatsächlich den gesamten Planeten gerastert, auch die Ozeane! Wir sprechen hier von rund 57 Billionen Quadraten. Die "Adressnamen" im Meer setzen sich allerdings ausschließlich aus englischen Wörtern zusammen, während die Rechtecke auf dem Festland neben Englisch auch wahlweise auf Deutsch (s.o.), Spanisch, Türkisch, Gujarati, Kasachisch oder mit Wortmaterial aus vielen anderen Sprachen angezeigt werden können; es handelt sich dabei nicht um die jeweiligen Übersetzungen. "Die englische Wortliste von what3words besteht aus 40.000 Wörtern [...] Jede weitere what3words-Sprache verwendet eine Wortliste mit 25.000 Wörtern zur Abdeckung der weltweiten Landfläche. Die Listen gehen durch mehrere automatisierte und menschliche Prozesse, bevor sie nach einem Algorithmus sortiert werden, der die Verwechslungsgefahr minimieren soll, und beleidigende Wörter werden entfernt." (Wikipedia)


Das Prinzip ist schon irgendwie genial, und ich wünsche what3words, dass es noch lange bestehen bleibt und stärker wahrgenommen wird. Doch wie zukunftsfähig ist es wirklich? Die bei Wikipedia angeführten Kritikpunkte leuchten ein: "Der alltägliche Nutzen des Systems ist gering. Ohne elektronisches Gerät können w3w-Adressen nicht lokalisiert werden, und der Abstand zwischen zwei w3w-Adressen kann nicht abgeschätzt werden. Dadurch ist es schwer, Fehleingaben von unbekannten Orten zu erkennen. Auch die einfache Merkbarkeit ist fraglich, da die Wortliste viele sinnähnliche und Pluralversionen mancher Wörter enthält. [...] Dadurch, dass entgegen der Behauptungen von what3words annähernd gleich klingende Adressen durchaus nur wenige Kilometer voneinander entfernt sein können und das System sprachgebunden ist, kann es für Fremdsprachler sehr schwer bis unmöglich sein, sie sicher zu unterscheiden." Ganz zu schweigen von dem nicht völlig undenkbaren Fall, dass in einer Adresse ein Wort ersetzt oder auch nur ein einziger Buchstabe geändert wird ...

Dienstag, 11. Februar 2025

Google und ich: Es bleibt kompliziert

Fast auf den Tag genau vor einem Jahr veröffentlichte ich einen Beitrag mit der Überschrift "Bei Google wird alles schlechter, Teil 398". Heute habe ich der Liste von Dingen, die dafür sorgen, dass ich immer weniger Freude an Google habe, zwei weitere hinzuzufügen.

1.) Die Google-Umfrage-App, mit der man sich auf einfache Weise ein paar Cent verdienen konnte, hat zuletzt keine (Um-)Fragen mehr ausgespuckt. Stattdessen wurden mir ständig "Belegaufgaben" gestellt: Ich möchte doch bitte die Quittung von meinem letzten Einkauf abfotografieren und hochladen. Darauf habe ich aber keine Lust, daran konnten auch die regelmäßigen Pushnachrichten mit dem Lockruf "Extra Guthaben mit Belegaufgaben" nichts ändern. Und so habe ich die App nach fast zehn Jahren der Nutzung deinstalliert. Das Google-Play-Guthaben in Höhe von 4,22 Euro werde ich demnächst einlösen, um auf Youtube den Film "The Banshees of Inisherin" zu leihen (3,99 €); der ist nämlich weder auf den üblichen Streaming-Plattformen noch als physisches Leihmedium in der Stadtbibliothek erhältlich.

2.)

(Hintergrund auf heute.de)

Samstag, 18. Januar 2025

Die Phantomstädte in meinem Kopf

Erst sehr spät in meinem Leben habe ich gelernt, dass Wattenscheid und Uerdingen keine Städte, sondern Stadtteile sind. Mir waren die dazugehörigen Fußballmannschaften ein Begriff, und mein Gehirn hat wohl irgendwann den Schluss gezogen: Wenn es dort einen Sportverein gibt, wird es schon eine richtige Stadt sein. Wo genau diese Städte liegen, hatte ich mich nie gefragt, bis mir – wie gesagt, sehr spät in meinem Leben – der Gedanke kam: Komisch, es gibt Orte in Deutschland, die man nur wegen der dort beheimateten Fußballclubs kennt. Dann schlug ich nach und erfuhr, dass Wattenscheid ein Bezirk von Bochum und Uerdingen ein Bezirk von Krefeld ist. Als ich später erstmals von einer Mannschaft namens SV Elversberg hörte, recherchierte ich lieber sofort, und siehe: Elversberg ist auch keine eigenständige Gemeinde!

Letzte Woche nun las ich etwas im Spiegel, das mir die Kinnlade bis zur Tischkante herunterklappen ließ: "Wanne ohne Eickel. Die einst stolze Zechenmetropole Wanne-Eickel heißt heute nur noch Wanne und ist ein Stadtbezirk von Herne. Mithilfe von Beratern sucht der Ort eine neue Identität. Kann eine Stadt sich neu erfinden?" Waaaas?!

Bereits 1975 hat sich Wanne-Eickel mit Herne zusammengeschlossen. Für mich war Wanne-Eickel seit je eine nicht zu hinterfragende feste Größe, so was wie Castrop-Rauxel, einfach Kult. Der Spiegel bringt die kollektiv wahrgenommene Unsterblichkeit Wanne-Eickels gut auf den Punkt: "Überlebt hat 'Wanne-Eickel' seltsamerweise bis heute als eine Art Slapstickbegriff für die deutsche Provinz. Als Codewort für alles Spießige, mal liebevoll ironisch gemeint, mal mit beißendem Spott. Vielleicht lag es am Klang, 'Wanne-Eickel', allein die Phonetik ist schon ein Lacher."

Den Hauptbahnhof Wanne-Eickel kann man übrigens heute noch anfahren.

Samstag, 27. Juli 2024

Ungelesen empfohlen

Immer mal wieder komme ich auf meinen Wanderungen durch Wüstungen, also aufgegebene, meist nur noch durch Flurnamen oder Bodendenkmäler identifizierbare Siedlungen. Als ich auf Wikipedia die Liste von Wüstungen entdeckte, dachte ich: Mensch, du müsstest mal alle darin verzeichneten Wüstungen in Deutschland aufsuchen und ein Buch darüber schreiben! Etliche gibt es ja sogar in Frankfurt. Kurz nachdem ich diesen (vagen) Plan gefasst hatte, sah ich in einer Bibliothek dieses Buch:


Ausweislich des Klappentextes geht es darin nämlich (auch? wesentlich?) genau darum. Ausgeliehen habe ich den Atlas nicht, denn mein Tsundoku-Stapel kann es eh schon mit einer deutschen Mittelgebirgserhebung aufnehmen. Dieser Post ist somit eher als Notiz für mein Zukunfts-Ich denn als Lesetipp gedacht.

Mittwoch, 3. April 2024

Der österreich-liechtensteinische Gebietstausch

Fast unbemerkt von der (deutschen) Öffentlichkeit steht nicht mal ein Jahr nach der letzten innereuropäischen Grenzverschiebung die nächste Grenzkorrektur kurz bevor: Im künstlichen Egelsee nahe der Vorarlbeger Stadt Feldkirch soll die nicht mehr nachvollziehbare Linie zwischen Österreich und Liechtenstein begradigt werden. Bevor der entsprechende Staatsvertrag geschlossen werden kann, muss noch der Bundestag von Vorarlberg darüber beraten. Territorialen Verlust macht dabei keines der Länder: Die rund 250 Quadratmeter, die das eine verliert, bekommt es vom anderen wieder. Und umgekehrt. Es ist im Grunde ein Gebietstausch zu niemandes Lasten. Die Kleine Zeitung weiß mehr.

Montag, 25. März 2024

Verfälschte Staatsbürgerschaften

Schon einmal habe ich editorische Patzer in den Film-Sammelkarten der Zeitschrift Cinema moniert. Zwei Fehler aus dem Bereich der Länderkunde haben mich seitdem besonders gnatzig gemacht:


Wie ich im oben verlinkten Beitrag schrieb: Der Staat hieß in den 1980er-Jahren DDR, Anklam lag in Matthias Schweighöfers und meinem Geburtsjahr nicht in "Deutschland".


Zugegeben: Der Status von Jersey und den anderen Kanalinseln ist nicht unkompliziert, aber dass sie kein Teil von Großbritannien sind, könnte man wissen. Als Kronbesitzungen gehören sie streng genommen nicht einmal zum Vereinigten Königreich, doch hätte ich über die Angabe "Jersey/UK" ggf. hinweggesehen.

Dienstag, 20. Februar 2024

Geographischer Spitzname der Woche

In einem Süddeutsche-Artikel über den US-amerikanischen Supreme Court gelernt: Redneck Riviera. Das ist eine Bezeichnung für den "konservativen Küstenstreifen Floridas am Golf von Mexiko". Besonders nett ist das nicht. Mit dem neutraleren, ebenfalls inoffiziellen Namen "Emerald Coast" ist denn auch der dazugehörige Wikipedia-Artikel überschrieben, der diese Region vorstellt. Im Jahr 1952, liest man darin, etablierte ein Journalist den verheißungsvollen Namen "Miracle Strip", nachdem man ab 1946 versucht hatte, den Streifen zwischen den Städten Fort Walton Beach und Panama City als "Playground of the Gulf Coast" zu vermarkten.

Sonntag, 18. Februar 2024

Notizen aus dem Osterzgebirge

Vor etlichen Jahren war ich mit Freunden im Besucherbergwerk "Marie Louise Stolln" in Bad Gottleuba-Berggießhübel. Ich könnte herausfinden, wann genau, das ist aber nicht so wichtig; es kann auf jeden Fall frühestens 2006 gewesen sein, denn da wurde es eröffnet. Letzte Woche erkundete ich, quasi als Fortsetzung, die Umgebung im Rahmen einer Wanderung. Über einiges Interessantes stolperte ich dabei.

Bemerkenswert ist schon mal, dass Bad Gottleuba-Berggießhübel als sog. Verwaltungsgemeinschaft, zu der im Jahr 2000 zwei Städte (Bad Gottleuba-Berggießhübel und Liebstadt) sowie eine Gemeinde (Bahretal) zusammengeschlossen wurden, total zersiedelt in dem Sinne ist, dass es zwischen den Ortsteilen keine fließenden Übergänge gibt. Zudem liegen sie teils weit auseinander, Oelsen zum Beispiel grenzt an die Tschechische Republik, während Langenhennersdorf im Norden bereits Neundorf und damit Pirna touchiert! Auf die zwölf Ortsteile von Bad Gottleuba-Berggießhübel, der größten der drei Einheiten, verteilen sich gerade mal knapp 9000 Seelen. Dieser Zustand, Ergebnis der Gemeindegebietsreform von 1999, ist freilich nichts speziell Sächsisches; auch anderswo in Deutschland sind mir solche rein verwaltungstechnischen, von der Geschichte und dem Selbstverständnis der Bewohner losgelösten "Zwangszusammenführungen" schon untergekommen. Am surrealsten wirkte auf mich Markersbach, das sich plötzlich als Aneinanderreihung von Häuschen mitten im Wald vor mir auftat. Warum, wie und seit wann leben hier Leute?, fragte ich mich. Später las ich nach, dass Markersbach, wie einige weitere Siedlungen in der Gegend, ein Waldhufendorf ist. Das hessische Zotzenbach im Odenwald soll das älteste Waldhufendorf Deutschlands sein – da muss ich mal hin!

An den Pfaden, im Forst versteckt oder in exponierter Lage stehen immer wieder uralte Steinkreuze, bei denen es sich zumeist nicht um Weg- oder Grenzmarkierungen, sondern um Sühnekreuze handelt, die anno dazumal von Mördern oder Totschlägern aufgestellt wurden; auf der Rückseite ist manchmal die entsprechende Tatwaffe eingemeißelt, eine Armbrust, ein Messer oder dergleichen. Auch sonstige Steine, deren Bedeutung mir nicht bekannt ist, buhlen um Aufmerksamkeit:


Apropos Steine: Auf den Eulensteinen, die einen daran erinnern, dass man sich im Gebirge befindet, kann man rumkraxeln oder rasten.

Kaum der Beachtung wert ist das Herrenhaus des Ritterguts Giesenstein. Es ist völlig verlassen und zugewuchert. Als ich kurz um diesen Lost Place herumgestromert bin (hineingetraut habe ich mich nicht), entdeckte ich zumindest zwei spannende Objekte: ehemalige Stolleneingänge, die der Natur- und Heimatverein Östliches Osterzgebirge zu Fledermausquartieren umgewidmet hat.



Am Laubbuschweg erinnert ein ungewöhnliches Denkmal an einen Pfarrer namens Hiltebrandt:



Unweit davon steht das Wohnhaus des Komponisten Camillo Schumann (1872-1946), dessen Front zwei Notenzeilen zieren, die musikalisch Begabte gerne nachspielen können:



Am Siedlungsweg nördlich des Goetheparks (in den ein hübscher, von Wasservögeln bewohnter Teich mit Binneninsel integriert ist) würdigt ein Schild den Erfinder des Konzepts "Hitzefrei".



Gleich zwei Inschriften hinter Sitzbänken sind dem Dichter Christian Fürchtegott Gellert und dem Satiriker Gottlieb Wilhelm Rabener gewidmet, eine davon zusätzlich dem sächsischen König Johann, der Gottleuba 1865 beehrte.




In Reverenz an Rabener und Gellert, die hier im 18. Jahrhundert Badegäste waren, heißt der Weg, an dem sich die Tafeln befinden, heute Poetenweg.


Kurios die für moderne Ohren ungewohnt klingende Einzelschreibung von "in dem" statt "im". (Dass heute oft bspw. mit "zum" und "vom" gewissermaßen über-verkürzt wird, wo man "zu dem" resp. "von dem" erwarten würde, wäre auch mal einen eigenen Blogbeitrag wert.)

Auf der Panoramahöhe wiederum steht ein Bismarckturm, von dem aus man eine prima Aussicht haben soll, den ich jedoch ärgerlicherweise nicht besteigen konnte, weil der dortige Gasthof, in dem man sich den Schlüssel (gegen 1,- Euro) aushändigen lässt, wegen Bauarbeiten bis 2025 geschlossen ist.


Auch auf dem 507 Meter hohen Augustusberg, wo es ein Hotelrestaurant (mit happigen Preisen) hat, stand einst ein Aussichtsturm. Aber auch ohne hat man einen netten Blick, etwa zur 1976 fertiggestellten Gottleubaer Talsperre.


Ich bin auf dieser Tour übrigens so gut wie keinem Menschen begegnet, denn die Ränder der Sächsischen Schweiz werden trotz ihrer landschaftlichen und heimatkundlichen Reize von Ausflüglern gern übersehen.

Montag, 10. Juli 2023

Geographisches Geständnis (fortges.)

Anfang 2015 sah ich mich gezwungen, öffentlich zuzugeben, die Stadt Mannheim jahrelang in Rheinland-Pfalz verortet zu haben, "dabei handelt es sich doch um die drittgrößte Stadt Baden-Württembergs" (Zitat ich).
Gestern nun war in Mannheim Oberbürgermeisterwahl (Wahlbeteiligung: 30 Prozent), heute schreibt "Spiegel online" darüber, und was lese ich da in der Oberzeile? "Zweitgrößte Stadt in Baden-Württemberg"! Tatsache: 2020 hat Mannheim Karlsruhe überholt, nachdem die Quadratestadt (in jedem Text über Mannheim muss dieses Synonym bemüht werden!) bis 2011 bereits die zweithöchste Einwohnerzahl aller Städte in BaWü gehabt hatte. Wer Genaueres, Staubtrockeneres wissen will: klick.
Ich fürchte, um dem Einschleichen weiterer Mannheim-Falschinformationen zuvorzukommen, muss ich der Stadt noch in diesem Jahr einen ausgiebigen Besuch abstatten. Freilich hat es mich in der Vergangenheit schon nach Mannheim verschlagen, in der Regel jedoch nur zwecks Zugumstieg, ein-, zweimal auch anlässlich einer Veranstaltung. Jetzt ist es aber Zeit für eine intensivere Erkundung. Die Bundesgartenschau wurde mir kürzlich wärmstens empfohlen.

PS: Gutscheine für die Kinokette Cinemaxx sind in allen Häusern gültig, außer in Mannheim. Das hatte ich schon mal gelesen, zufällig wurde ich erst letzte Woche erneut daran erinnert.

Donnerstag, 15. Juni 2023

Der historische Acht-Meter-Tag

Huch, diesen Beitrag habe ich schon am 4.6. angelegt, dann aber vergessen zu Ende zu schreiben! Dabei ist diese Meldung doch das Aufregendste, was diesen Monat passiert ist. In brevi: "Deutschland ist jetzt acht Meter breiter" (bild.de)!

Es sind sogar 8,2 Meter, um die das Land gewachsen ist, denn um so viel ist der entscheidene Punkt auf der Grenzübergangsbrücke zwischen Deutschland und der Schweiz im baden-württembergischen Bad Säckingen verschoben worden. Der Südkurier weiß Genaueres: "Die Grenzverschiebung geht auf die neue Definition der Landesgrenze im Hochrhein zurück. War bislang der sogenannte Talweg, die Verbindung der tiefsten Punkte im Rhein, der Verlauf der Hoheitsgrenze, so wird es künftig die Rheinmittellinie sein. Die bisherige 'Landesgrenze Talweg', die bereits im Staatsvertrag zwischen dem Kanton Aargau und dem Großherzogtum Baden vom 17. September 1808 festgelegt wurde, wird jetzt abgelöst, weil sich die Lage der Rheintiefpunkte infolge Strömungsverhältnisse ständig ändert und diese somit keine festen Vermessungspunkte sein können."

Der faszinierendste Aspekt des novellierten Staatsvertrages ist jener: Sobald er in Kraft tritt, ist Deutschland um eine Binneninsel reicher. Lag die 0,4 Hektar große Fridolin(s)insel im Rhein ab 1808 eindeutig und vollständig auf Schweizer Territorium, war die Frage der Zugehörigkeit seit den 1960er Jahren wegen Materialabtragungen und -aufschüttungen im Zuge eines Kraftwerkbaus unklar; dass ein Teil schweizerisch und ein Teil deutsch sei, schien von da an die vorherrschende Meinung gewesen zu sein, wie ich mehreren Quellen entnehme. Nach einer Vertragsklausel von 2013 wird das Naturschutzgebiet nun, also: irgendwann in Zukunft in das deutsche Hoheitsgebiet übergehen.

Das (eher freundliche) Hickhack zwischen den Staaten kulminiert nicht zufällig im Jahr 2023: Heuer wird die Säckinger Brücke, übrigens die längste überdachte Holzbrücke Europas, 450 Jahre alt, und das Jubiläum war Anlass für die Neuvermessung.

Freitag, 17. Juni 2022

Kurz notiert: Der Frieden von Hans

Der jahrzehntelange Streit um die winzige, unbewohnte Insel Hans im Kennedy-Kanal hat ein Ende. Beigelegt wurde der dänisch-kanadische Konflikt, den die Medien wegen seiner kreativ ritualisierten Austragung gerne "Whisky-Krieg" nannten, mittels der unkreativsten aller möglichen Lösungen: indem man eine offizielle Grenze quer über das Eiland gezogen hat. Einen entsprechenden Einigungsvertrag unterzeichneten diese Woche Kanadas Außenministerin Mélanie Joly, Dänemarks Außenminister Jeppe Kofod und der grönländische Premierminister Múte B. Egede bei einer Zeremonie in Ottawa, an deren Ende noch einmal Spirituosen ausgetauscht wurden, wie u.a. die Süddeutsche Zeitung berichtete. Irgendwie ist es bedauerlich, dass dieses politisch-geographische Kuriosum nun der Vergangenheit angehört, andererseits sind territoriale Auseinandersetzungen nicht lustig. "Angesichts von Russlands Angriffskrieg in der Ukraine betonte Joly die Bedeutung der friedlichen Einigung in einem Grenzstreit: 'Wir wissen, dass wir diplomatisch zusammenarbeiten können, um Streitigkeiten auf der Grundlage von Regeln und Prinzipien beizulegen.'" (SZ)

Eine nicht uninteressante Fußnote der Chose ist, dass Grönland mit der Teilung der Hans-Insel seine erste Landgrenze bekommen hat. Kanada hat dadurch (nach jener zu den USA) eine zweite erhalten, genau wie das Königreich Dänemark (nach jener zu Deutschland; nein, die Grenze zu Schweden auf der Öresundbrücke zählt nicht). Falsch ist die Behauptung von n-tv: "Die Europäische Union grenzt zukünftig an Kanada!" Grönland ist 1985 nach einem Referendum im Jahr 1982 aus der EG ausgetreten.

Montag, 18. April 2022

Das BeNeLux der USA

Es regt mich auf – nein, aufregen ist ein zu starkes Wort: Ich finde es schade, dass die Delmarva-Halbinsel nicht "Delmarvi" heißt. Erklärung: Weil sich diese 274 Kilometer lange Halbinsel über die Gebiete dreier US-Bundesstaaten erstreckt, setzt sich ihr geographischer Name zusammen aus dem "Del" von Delaware, dem "Mar" von Maryland ... und dann eben nicht dem "Vi" von Virginia, sondern dessen Landescode gem. ISO 3166-2:US (VA).
Man hätte nur Buchstaben verwenden sollen, die innerhalb der Staatennamen unmittelbar aufeinanderfolgen. Noch eleganter wäre es freilich gewesen, die jeweils ersten Silben zusammenzuhängen, also "Demavir". Obwohl, das klingt irgendwie nach einem Kunstwort der Pharma-Industrie. (Googelt mal nach "Dermavir"!) Und Benelux heißt ja schließlich auch nicht "Belnelu".

Donnerstag, 27. Januar 2022

Wir begrüßen eine neue Hauptstadt (demnächst)

Ich hatte es in den vergangenen Jahren immer mal wieder gelesen: Jakarta geht unter. Die Metropole (10 Mio. Einwohner) droht dabei nicht wie etwa die Malediven im steigenden Meer zu versinken, sondern der Boden senkt sich ab, und zwar um bis zu 25 cm pro Jahr. Überschwemmungen aufgrund der Tatsache, dass fast die Hälfte des Stadtgebietes unter dem Meeresspiegel liegt, kommen trotzdem noch dazu, und die üblichen Megacity-Probleme wie Smog und Müll machen das Kraut fett. Nun handelt Indonesien und verlegt seine Hauptstadt. Das mit 28 Milliarden Euro veranschlagte Projekt wurde kürzlich vom Parlament abgesegnet. Im Gegensatz zu den Malediven, die seit einiger Zeit versuchen, neues Land als Lebensraum zu erwerben (beispielsweise von Indien), kann Indonesien auf eigenes Territorium zurückgreifen. Dieses steht sogar schon fest: In Ostkalimantan auf Borneo soll die zukünftige Hauptstadt erblühen. Sie wird dann nicht mehr Jakarta heißen, sondern den gleichzeitig neuen und alten Namen Nusantara tragen. "Alt" deswegen, weil das Wort ein Kompositum aus den altjavanischen Wörtern nūsa "Inseln" und antara "zwischen, unter" ist und als solches bereits im 13. Jahrhundert für das ungefähre Gebiet der späteren indonesischen Republik verwendet wurde. Ferner meint Nusantara im Sinne von "äußere Inseln" heute sowohl den Malaiischen Archipel als auch, als politischer Begriff, die gesamte malaiische Welt.
Nachdem nun rund 6000 Hektar Wald gerodet werden müssen, sollen 2024 die ersten Behörden umziehen. Der Regierung und den betroffenen Menschen ist zu wünschen, dass die Aktion flotter über die Bühne geht als der Umzug von Bonn nach Berlin; immerhin drängt die Zeit.

Montag, 17. Januar 2022

Cennen Sie Coimbatore?

Wenn man sich fragt, welche Gemeinden in Deutschland eine Städtepartnerschaft mit einem Ort in Indien unterhalten, ist man recherchemäßig ziemlich auf sich allein gestellt. Die Webseite des deutschen Honorarkonsulats in Mumbai führt im Artikel "Städtepartnerschaften" lediglich Stuttgart-Mumbai (bestehend seit 1968) und Bremen-Pune (seit 1976) auf. Eine rasche Googelei fördert zutage, dass es eine Partnerschaft zwischen Herrsching am Ammersee und Chatra im Bundesstaat Jharkhand gibt, ferner liebäugelt Ingolstadt seit kurzem mit dem Gedanken, eine Verschwisterung mit einer indischen Stadt einzugehen.

Schon vor einer Weile habe ich durch Zufall erfahren, dass Esslingen am Neckar eine Städtepartnerschaft mit Coimbatore pflegt, ein Fakt, den der Abschnitt "Städtepartnerschaften" auf der Wikipediaseite unterschlägt, obwohl diese Verbindung seit 2016 besteht. Ach, wisst ihr was? Ich werde diesen Missstand jetzt, auf der Stelle, live beheben! ... So. Damit hat Esslingen nun auch laut Wikipedia elf Partnerstädte, sofern niemand meine Ergänzung rückgängig macht und sich daran womöglich einer dieser berüchtigten edit wars entzündet. Bemerkenswert ist in der Angelegenheit noch, dass an mehreren Stellen zu lesen ist, Esslingen-Coimbatore sei die erste Partnerschaft zwischen einer deutschen und einer indischen Stadt. Was stellen dann die oben genannten Verbindungen dar?

Coimbatore, das muss ich gestehen, war mir vorher kein Begriff gewesen. Das war Chatra auch nicht, doch handelt es sich dabei um einen 50.000-Seelen-Ort, während Coimbatore eine Millionenstadt ist und nach Chennai (vormals Madras) sogar die zweitgrößte Stadt des Bundesstaates Tamil Nadu. Und was ist das Staunenswerteste an bzw. in Coimbatore? Seit Februar 2017 auf jeden Fall die Adiyogi-Shiva-Statue, eingeweiht zum Hohefest des Shivaismus von Premier Modi persönlich und mit 34 Metern Höhe als größte Büstenstatue der Welt im Guinness-Buch der Rekorde geführt. Ich liiiiebe ja Riesenstatuen und bin sehr neidisch auf Asien, wenn ich sehe, wie dieser Kontinent (und insbesondere Indien) die Liste der höchsten Statuen der Welt (s. auch hier) dominiert. 

Foto: Prabhuthiru57 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=72964997

Montag, 20. Dezember 2021

Grenzerfahrungen

Im letzten Beitrag habe ich mich in Zusammenhang mit dem Film "Die Unbestechlichen" darüber gewundert, dass die darin gezeigte US-amerikanisch-kanadische Grenze "überhaupt nicht so aussieht, wie man sie sich vorstellt". Tja, wie habe ich sie mir denn vorgestellt? Wahrscheinlich so wie das Minnesota, das man in "Fargo" zu sehen bekommt. Aber da hat mir europäische Ignoranz die Sicht beschränkt. Die Grenze zwischen Kanada und den USA ist die längste der Welt, und selbstverständlich sieht es nicht entlang der kompletten, großenteils bizarr geraden Linie so nordisch-trostlos-verschneit aus.

Tatsache ist: Die Brücke, die in der markanten "Untouchables"-Szene zu sehen ist, trennt zwar die zwei Länder gar nicht voneinander, sondern befindet sich rund 250 Kilometer vom Grenzübergang entfernt und überquert mitten in Montana den Missouri River. Aber glaubwürdig muss der gewählte Drehort den Location-Scouts trotzdem vorgekommen sein. Und weiter westlich kommt man sich anscheinend noch mehr wie in einem Südstaaten-Western vor! Gestern las ich nämlich zufällig in Allan Caseys Buch "Land der Seen", einem Vertreter des Genres nature writing, etwas, das mir ein überraschendes Bild vom 49. Breitengrad vermittelt hat und das ich deswegen hier zitieren möchte:

[Im Okanagan Valley] ist der Talgrund das ganze Jahr über knochentrocken. Der Osoyoos Lake ist wärmer als ein beheizter Swimmingpool im Sommer, und auf den Wetterkarten im Fernsehen erscheint die Stadt regelmäßig als heißester Ort Kanadas. Manche Leute nennen dieses dürre Land fälschlicherweise die Sonora-Wüste, und tatsächlich erinnert Osoyoos an die kleinen Städtchen an trockengefallenen Flussläufen nahe der Grenze zu Mexiko. Meterhohe Kakteen gibt es nicht, aber die Berge wirken auch hier wie von der Sonne gegerbt. Die Sonora bildet vielmehr den südlichsten Rand der Wüsten Nordamerikas. Weiter nördlich liegt die Mojave, und daran schließt sich das Great Basin an. Es umfasst die nördliche Variante der Wüstenzone, die sich über die Staaten Idaho und Washington bis an den staubigen Saum des Okanagan Valley erstreckt.

Auch das ist Nord-Nordamerika!

Dienstag, 7. Dezember 2021

Kelten in Übersee (2)

Das, was ich in Teil 1 "keltische Spuren in der Neuen Welt" genannt habe, lässt sich in verschiedener Gestalt ausmachen, nämlich a) in Ortsnamen und Nationalsymbolen und b) in Gemeinschaften, die sich als keltischstämmig identifizieren und/oder einen keltischen Dialekt sprechen; das sind dann freilich mehr als bloße "Spuren". Manchmal fällt beides zusammen, was ich als Kategorie c) labeln möchte.

Aus der Kategorie a) war es vor allem der geographische Name Neukaledonien, der mich überhaupt zum Schreiben dieses Beitrags getrieben hat. Wie kommt es, dass eine französische Überseegemeinschaft im Pazifik den lateinischen Namen Schottlands (Caledonia) trägt? Antwort: James Cook fühlte sich bei seiner Entdeckung der Hauptinsel an Schottland erinnert. Seitdem heißt der Archipel auf englisch New Caledonia und in älterer deutschsprachiger Literatur sogar "Neuschottland". Was ist mit New South Wales / Neusüdwales? Dasselbe: Cook erkannte in der Beschaffenheit des späteren australischen Bundesstaates Ähnlichkeiten mit dem Süden von Wales.

Aber bleiben wir bei Neuschottland, allerdings nicht in der Südsee, sondern in Amerika: Die kanadische Provinz Nova Scotia ist nämlich nicht nur dem Namen nach die Fortsetzung einer tatsächlichen schottischen Kolonie! Wie ich in meiner Einleitung festhielt, war Schottland bis zum Jahr 1707 ein unabhängiges Königreich, und als solches hat es bis dahin immer wieder versucht, im Spiel der europäischen Übersee-Eroberungen mitzumischen. Die englischsprachige Wikipedia hat diese Versuche, von denen ich zuvor ebenso wenig wie von der kurzlebigen Company of Scotland je gehört hatte, in einem eigenen Artikel zusammengefasst. Die Besiedlung des vormals französischen Territoriums (Akadien) kann jedenfalls als der einzige Erfolg in dieser Richtung verbucht werden, und noch heute finden wir den Schottlandbezug in der Provinzflagge:


Und nicht nur da, denn wir haben hier ein schönes Beispiel der Kategorie c). Je nach Quelle 300 bis 1000 Menschen in Nova Scotia geben an, sog.
Canadian Gaelic zu sprechen. Sie nennen die Provinz Alba Nuadh. Eine Häufung von native speakers dieses schottisch-gälischen Dialekts gibt es auf Cape Breton Island, deren keltischer Ortsnamenbezug indes wohl eher willkürlich gewählt ist. In ganz Kanada gibt es schätzungsweise knapp 4000 Sprecher/innen irgendeiner Form des Gälischen.

Weniger stark als die Highlander konnten die Waliser dem nordamerikanischen Land ihren Stempel aufdrücken. Zwar gelangte der Kapitän Thomas Button 1612 im Auftrag der Royal Navy an die Westküste der Hudsonbai und taufte diese in Reverenz an seine Heimat "New Wales", aber wie wir wissen, setzte sich diese Bezeichnung nicht durch. Wesentlich erfolgreicher verlief die Verbreitung walisischer Kultur später weiter im Süden, nämlich im Zuge der walisischen Besiedlung (Y Wladfa) der heutigen argentinischen Provinz Chubut ab 1865. In zahlreichen Orten mit Namen wie Gaiman, Rawson oder Dolavon stößt man auf walisische Teehäuser, Heimatmuseen, Kirchen, sieht walisische Tänze, erlebt authentische Eisteddfodau und kann gleich zwei Zeitungen in kymrischer Sprache erwerben. Apropos: Die Sprache der Immigrantennachfahren wird "Patagonian Welsh" (Cymraeg y wladfa) genannt und ist äußerst lebendig. Insgesamt soll es in Argentinien 25.000 Walisisch-Sprechende geben, 5000 davon in der Diaspora von Chubut. Nebenbei gibt es in Argentinien auch eine beachtliche schottische Minderheit und damit einen weiteren Vertreter der Kategorie b).

Nachdem von Schottland und Wales die Rede war, kommen wir zur dritten "großen" der keltischen Nationen. An dieser Stelle kann ich verraten, dass (Neo-)Kornisch, Manx und Bretonisch außerhalb Europas, ja selbst außerhalb ihrer angestammten Region keinen Fuß fassen konnten. Das schmälert nicht die Bedeutung dieser Sprachen und der Traditionen ihrer Sprecher, und über die "Größe" sagt es auch nicht viel aus: 3 Millionen Walisern stehen 4 Millionen Bretonen gegenüber, nur besitzen von Ersteren nach aktuellen Angaben 750.000 Walisisch-Kenntnisse, womit das Kymrische die am weitesten verbreitete der keltischen Sprachen ist und die einzige nicht vom Aussterben bedrohte. Verfolgt man nun die Spur reisender Iren, landet man an vertrauten Orten, in Kanada (etwa in Neufundland oder auf Prince Edward Island, das 1770 "New Ireland" genannt werden sollte – mit dem Ziel, irische Siedler überhaupt erst anzulocken), in Argentinien (rund 20.000 ließen sich im 19. Jahrhundert hier nieder), aber auch in Papua-Neuguinea: Als Australien die Insel Neumecklenburg im Bismarck-Archipel nach dem Ersten Weltkrieg in "New Ireland" umbenannte, knüpfte es an die Namensgebung "Nova Hibernia" durch den britischen Seefahrer Philipp Carteret im Jahr 1767 an (analog dazu wurde Neupommern zu Neubritannien). Nun gut, die beiden "Neuirlands" fallen freilich abermals lediglich in Kategorie a).

Jetzt aber eine knifflige Quizfrage, die ich vor ein paar Monaten auch noch nicht hätte beantworten können: Auf welche Flagge und welches Wappen außerhalb Europas hat es sogar eine typisch keltische Allegorie nebst Nationalsymbol geschafft? Auflösung: Montserrat.


Was bitte hat Erin mit der irischen Harfe auf der Flagge eines britischen Überseegebiets mit spanischem Namen zu suchen? 1. Der Name der Karibikinsel geht auf Kolumbus zurück, der das Kloster Montserrat bei Barcelona darin verewigte. 2. Im Rahmen des auch in die West Indies ausgetragenen Englischen Bürgerkriegs (1642-1649) wurden irischstämmige Einwohner/innen von dem benachbarten Eiland St. Kitts hierher umgesiedelt, solche aus den amerikanischen Kolonien folgten nach. Wikipedia: "Noch heute ist ein großer Teil der europäischstämmigen Bewohner irischer Abstammung." Wie groß der gegenwärtige Anteil derer ist, die Neuirisch zumindest als Zweitsprache beherrschen, konnte ich nicht in Erfahrung bringen; er dürfte verschwindend gering bis nicht vorhanden sein.

Und damit endet unsere Rundfahrt um die Welt auf den Spuren der alten wie modernen Keltinnen und Kelten. Mit Sicherheit habe ich den ein oder anderen Schauplatz übersehen, einiges musste ich aus Ökonomiegründen außen vor lassen. Wer Nachlässigkeiten oder Falschbehauptungen entdeckt oder sonstige fruchtbringende Anmerkungen hat, möge die Kommentarfunktion nutzen.

Sonntag, 5. Dezember 2021

Kelten in Übersee (1)

Dieser erste von zwei Teilen ist im Grunde nur einleitendes Vorgeplänkel, das für den übermorgen folgenden Hauptbeitrag zwar notwendig ist, von Ungeduldigen aber gerne übersprungen werden darf. Ich möchte jedoch gleich darauf hinweisen, dass ich den Komplex "Kelten im präkolumbischen Amerika" diskret ausgeklammern werde.

Ich fragte mich neulich, ob es auch in der Neuzeit erfolgreiche Expansionen keltischer Nationen gab. Ich schreibe "auch", weil die historischen Kelten – wobei es "die" Kelten genauso wenig gab wie "die" Germanen – ihr Siedlungsgebiet über große Teile der Alten Welt hinweg ausbauten; im Osten reichte es bis in die heutige Türkei: Istanbuls Stadtteil Galata (und der Name des bekannten Fußballclubs Galatasaray Istanbul) erinnern noch heute an den Stamm der Galater, die ihre Sprache, das leider nur in Bruchstücken überlieferte Galatisch, in das kleinasiatische Königreich Galatien trugen.

Aber was meine ich überhaupt mit "keltischen Nationen"? Klar, im nationalstaatlichen Sinne konnte während der Hoch-Zeit des Kolonialismus keine Rede davon sein. Wales war bereits 1283 von Edward I. erobert worden, Schottland vereinigte sich mit England zum Königreich Großbritannien (allerdings erst 1707; das wird noch eine Rolle spielen), die Republik Irland bzw. deren Vorgänger ist keine hundert Jahre alt. Cornwall ist ein hübscher kleiner Sonderfall, konnte lange eine Art "Souveränität" bewahren und erklärte sich im 19. Jahrhundert bei mindestens einer Gelegenheit als "Pfalzstaat" gegenüber der Krone. Tja, und völkerrechtlich folgenlos geblieben sind die mal mehr, mal weniger energischen Unabhängigkeitsbestrebungen der Bretagne, welche ja letztlich auch nur eine "zweite Heimat" der Waliser ist (nicht abwertend gemeint!), weshalb das – immerhin erfolgreich wiederbelebte – Bretonisch auch zum inselkeltischen Sprachzweig gezählt wird. Fehlt noch die Isle of Man: Deren Staatsoberhaupt ist, nach einer wechselhaften englisch-schottisch-normannischen Geschichte, die u.a. den schon erwähnten Eduard I. involviert, seit 1765 der/die britische König/in mit dem Titel "Lord of Mann", der so übrigens auch lautet, wenn der Monarch, wie derzeit, weiblich ist. Der Status der Insel Man als sog. Kronbesitzung ist interessant (auf Näheres einzugehen würde zu weit führen) und gewährt eine relative Autonomie, die begünstigt haben mag, dass die Manx ihr kulturelles und sprachliches Erbe hochhalten und sich heute als eine der Sechs Nationen neben den Kornen, Bretonen, Iren, Schotten und Walisern verstehen. Solch eine Liga ist für die Identitätsstiftung so wichtig wie die ohnehin stark gefährdeten verbliebenen keltischen Sprachen, denn, und damit komme ich zum Ausgangspunkt zurück: Über vollständig souveräne Territorien verfügen diese Nationen eben nicht, sieht man von Irland (ohne den Norden wohlgemerkt) ab. Demzufolge gab es nie eine "Welsh East India Company" oder ähnliches.

Wie kommt es also, dass man nach längerem Nachdenken oder Recherchieren immer wieder auf keltische Spuren in der Neuen Welt stößt? Die Reise beginnt in Teil 2 (und endet dort).

Dienstag, 29. Juni 2021

Ein Meer mehr

Historischer Monat für Fans von der Erdkunde! Die National Geographic Society hat am Weltozeantag (8. Juni) verkündet, dass es ab sofort nicht nur vier, sondern fünf Weltmeere gibt. Augenblick: fünf? Pazifischer Ozean, Atlantischer Ozean, Indischer Ozean bzw. Pazifik, Atlantik, Indik (diese Bezeichnung habe ich schon in der Schulzeit geliebt!) – das waren bislang meines Wissens die drei Weltmeere. Welches war denn das vierte, und wann war es dazugekommen? Antwort: Schon seit 1915 gilt das Nordpolarmeer als eines der vier Weltmeere und heißt deshalb auch Arktischer Ozean. Das hatte ich wohl vergessen bzw. in der Schule nicht mitbekommen ob meiner Freude über den Ausdruck "Indik" (denn dass ein vierter Ozean im Geographieunterricht unterschlagen wurde, kann ich mir nicht vorstellen). Asche auf mein Haupt!

Nun aber zur Nummer 5. Mit etwas Logik kann man sich bereits denken, dass der neue Ozeanstatus dem Südpolarmeer verliehen wurde. Warum auch nicht? Der Antarktische oder auch Südliche Ozean kann wie sein Gegenpart zwar flächenmäßig nicht mit den "big three" mithalten, ist aber auch nicht gerade eine Pfütze. Zudem hat er die Besonderheit, dass er die drei größten Ozeane berührt und einen gesamten Kontinent umschließt. Und: Man kann ihn analog zu den anderen Meeren auch Antarktik nennen. Mehr bei "Spiegel online" und National Geographic.