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Freitag, 3. April 2026

Vor zwanzig Jahren

... bloggte ich auf dem Kybersetzung-Vorgänger dies:

Ich habe immer noch viel zu tun, d.h. die Updates werden in den kommenden Tagen noch auf sich warten lassen. Hinzu kommt, dass bluephod.net leider seinen Betrieb eingestellt hat. Damit will ich natürlich nicht andeuten, dass ich von dort Links geklaut hätte ;P ... aber traurig isses trotzdem.

Bluephod! Daran habe ich ja ewig nicht mehr gedacht. Aber "schön" zu sehen, dass es auch damals Phasen erhöhten Stresses in meinem Leben gab. Von wegen "Gammelstudent"! (Hat ja niemand behauptet.) Der nämliche Blogbeitrag geht dann noch mit ein paar Links weiter, von denen heute natürlich keiner mehr funktioniert, bis auf diesen hier: The Phronistery. Dieses bis ins Jahr 1996 (!) zurückreichende englischsprachige linguistische Kuriositätenkabinett enthält unter anderem ein "17,000-word dictionary of rare, cool, and unusual words", Spezial-Lexika, Zahlwort-Trivia sowie das bis heute gelegentlich aktualisierte Sub-Blog Glossographia. *bookmark*

PS: Meine alte Ausgabe des Duden Bd. 8 ("Die sinn- und sachverwandten Wörter") schlägt als Synonym für "Stress" das Wort "Managerkrankheit" vor. Was soll das?

Sonntag, 5. Oktober 2025

Word of the week

Diese Woche im Zusammenhang mit dem Shutdown in den USA ein neues englisches Wort gelernt: furlough. Es bedeutet "jmd. (zwangs)beurlauben", als Substantiv entsprechend "⁠(Zwangs-)Beurlaubung; Freistellung". Auf Häftlinge bezogen kann es mit "Freigang" übersetzt werden. In einem NBC-Newsticker zum Thema, der (Stand: 3. Oktober) mit "Trump and Democrats dig in as federal workers face furloughs" überschrieben ist, kommt das Wort sehr oft vor. Von "hundreds of thousands of government workers who are typically furloughed during a shutdown" ist da die Rede, und in einem Eintrag wird eine galgenhumorige Grußformel unter Regierungsangestellten zitiert: "'Happy furlough!' a staffer wished an arriving member of her team like she would intone a birthday greeting."

Laut Merriam-Webster taucht furlough (als Nomen) erstmals im Jahr 1631 auf. Seine Herkunft ist niederländisch: mittelndl. verlof "Erlaubnis" mit lof : mhd. loube "Erlaubnis" (vgl. er-laub-en und natürlich auch Urlaub: "In der höfischen Sprache der mhd. Zeit bezeichnete [urloup 'Erlaubnis'] dann die Erlaubnis wegzugehen, die ein Höherstehender oder eine Dame dem Ritter zu geben hatte. In der Neuzeit bezeichnet 'Urlaub' die [offizielle] vorübergehende Freistellung von einem Dienstverhältnis". Duden Herkunftswörterbuch).

Donnerstag, 21. August 2025

Two countries divided by a common language

Ich bilde mir ein, ganz passabel Englisch zu beherrschen – schließlich konsumiere ich seit gut einem Vierteljahrhundert nahezu täglich englischsprachige Medien. Regelmäßig werde ich allerdings mit der bitteren Wahrheit konfrontiert, dass ich im Grunde gar nichts weiß. Nicht nur ist Englisch eine Sprache mit einem gigantischen Wortschatz und unzähligen Feinheiten, es ist auch, allein aufgrund seiner weltweiten Verbreitung, eine enorm vielfältige, variantenreiche. Der Knackpunkt ist nämlich, dass es das eine Englisch gar nicht gibt. Insbesondere die Unterschiede zwischen Britischem und Amerikanischem Englisch sind nicht zu unterschätzen, wobei diese gottlob hauptsächlich auf der orthographischen und lexikalischen Ebene zu finden sind.

Und so habe ich mehrmals "Das war mir neu!" gedacht, als ich in Gyles Brandreths Buch "Word Play" (s. hier) das Kapitel über British English vs. American English las. Paare wie crisps (BE) vs. chips (AE), flat vs. apartment oder boot vs. trunk sind ja bekannt. Aber dass man in Großbritannien put through statt connect sagt, wenn es ums Verbinden (beim Telefonieren) geht, hatte ich so wenig auf dem Schirm wie den Unterschied zwischen bathrobe (AE) und dressing-gown (BE), "Bademantel". Es gibt viele Beispiele, von denen ich bisher dachte, es handle sich um reine Synonyme, dabei ist eine Alternative jeweils eindeutig einer Varietät zuzuordnen: bill ist amerikanisch, banknote britisch; ein alkoholisches Getränk ist offenbar nur in Amerikanischem Englisch straight, in Britischem Englisch ist es neat; reception ist BE, front desk ist AE; garden ist BE, yard ist AE; hardware ist BE, housewares ist AE; stone (in Früchten) ist BE, pit ist AE. Hääää???!!!

Ich habe das Gefühl, dass es im Zuge der Globalisierung mehr und mehr zu Vermischungen und Austauschbarkeit kommt. Aber was weiß ich schon?

Donnerstag, 7. August 2025

Leisten muss sich wieder lohnen

Jedes Mal, wenn jemand in meiner Gegenwart "Schuster, bleib bei deinen Leisten!" sagt, denke ich: "Es heißt 'deinem Leisten'!" (aber verkneife mir natürlich jedweden Kommentar). Es ist eines dieses Sprichwörter, deren Aussage jeder begreift, deren ursprüngliche Bedeutung jedoch kaum noch verstanden oder hinterfragt wird. Bei Schusters Leisten geht es jedenfalls nicht um schmale Bretter, sondern um den Leisten, eine "aus Eisen oder Holz hergestellte Nachbildung des Fußes, die für die Anwendung und Reparatur von Schuhen verwendet wird" (Duden, Bedeutungswörterbuch).

Letzte Woche war ich in der Frankfurter Stadtbücherei, und da lag im Bereich Fremdsprachige Literatur tatsächlich schon der neue Stephen King aus, "Never Flinch" (deutsch: "Kein Zurück"). Ich stürzte mich sofort ins Lesevergnügen und stieß auf folgende interessante Stelle im ersten Kapitel:

"This is not my business. Shoemaker, stick to thy last."
One of her father's sayings. [...] What is a shoemaker's last, anyway? She has no idea and quashes the urge to google it. She does know what her last is: [...]

Let me google that for you, Holly: Der last ist nicht das Letzte, sondern das (natürlich etymologisch verwandte) Pendant zum Leisten: "a form (as of metal or plastic) which is shaped like the human foot and over which a shoe is shaped or repaired". Bei Merriam-Webster, wo ich die Definition herhabe, ist sogar eine Illustration dieses Handwerkerutensils zu sehen.

Mir war nicht klar gewesen, dass es eine englische Entsprechung zu dem deutschen Spruch gibt. In der Wikipedia-Liste der geflügelten Worte findet sich der Grund für die überregionale Verbreitung: "Der römische Historiker Plinius der Ältere erzählt vom Maler Apelles, dass er von einem Schuster darauf hingewiesen wurde, er habe auf einem Bild einen Schuh nicht richtig gemalt. Apelles verbesserte daraufhin das Bild. Als der Schuster nun noch mehr an seinem Bild kritisierte, rief er ärgerlich aus: 'Ne sutor supra crepidam!' 'Schuster, nicht über die Sandale hinaus!'"

In diesem Moment wird mir klar, dass "Schuster, bleib bei deinen Leisten" ja genau so korrekt ist wie die Variante mit "deinem Leisten", weil Singular und Plural formgleich sind. Ha! Bei Wikipedia steht denn auch: "Meist wird dieses Sprichwort jedoch in der Mehrzahl gebraucht ('Schuster, bleib bei deinen Leisten'), was mindestens ebenso sinnvoll ist, da ein Schuster nicht nur einen Leisten, sondern viele verwendet (rechte und linke Schuhe, verschiedene Schuhgrößen etc.)." Im Englischen scheint jedoch last und nicht lasts üblich zu sein.

Mittwoch, 9. Juli 2025

Sommer ist a-kommend

Wikipedia sieht sich dieser Tage schweren Vorwürfen ausgesetzt. Eine FAS-Recherche hat mangelnde Aktualität und ein nicht unerhebliches Fehlervorkommen offenbart: "Mindestens jeder dritte Artikel hat ein Problem." Kann sein, dass ich die Online-Enzyklopädie fortan mit einer etwas großzügiger bemessenen Prise Salz konsultiere, dessen ungeachtet möchte ich betonen, dass ich immer wieder auf Artikel stoße, die sich durch beispiellose Informationsdichte bei gleichzeitig hohem Unterhaltungswert auszeichnen.

Völlig zu Recht wurde der Eintrag "Sumer is icumen in" 2010 in die Liste der exzellenten Artikel aufgenommen: eine launig-abenteuerliche musik-, literatur- und sprachwissenschaftliche Lesereise! Wie bin ich überhaupt darauf gestoßen? Ich las neulich an anderer Stelle, dass es sich bei diesem auch Sommerkanon genannten mittelenglischen Lied, das mir erstmals in dem Folk-Horror-Kultfilm "The Wicker Man" (1973) begegnet war, um den ältesten überlieferten Kanon der europäischen Geschichte handelt. Angegeben war in jener Quelle sowohl die neuenglische Übertragung des Titels / der ersten Zeile als "Summer is a-coming" als auch die deutsche Übersetzung "Der Sommer ist gekommen". Das wunderte mich nun, war ich doch davon ausgegangen, dass a-coming eine Verlaufsform ist (vgl. Bob Dylan: "The times, they are a-changing"). Der Wikipedia-Artikel klärt diese Diskrepanz in Hinblick auf die Uneindeutigkeit der behandelten Jahreszeit auf:

Der mittelenglische Text des Sommerkanons wurde im Lauf der Jahrhunderte immer wieder an den Sprachwandel angepasst. Den meisten modernen Bearbeitungen ist gemeinsam, dass sie die erste Textzeile mit dem leicht archaisierenden, aber nichtsdestoweniger unmittelbar verständlichen „Summer is a-coming in“ wiedergeben. In dieser Form ist der Kanon insbesondere unter musikalischen Laien sehr bekannt. Problematisch ist hierbei, dass das mittelenglische sumer eine beträchtliche Bedeutungsverschiebung durchgemacht haben müsste, wenn der Text – der heutigen Auffassung entsprechend – als „Frühlingslied“ begriffen wird. Zur Entkräftung dieser Inkonsistenz wird vorgebracht, dass im Mittelalter der 1. Mai als Tag des Sommeranfangs angesetzt wurde, ein Datum, das nach gegenwärtiger Vorstellung noch in den mittel- und westeuropäischen Frühling fällt. Ferner verfälscht „a-coming“ als Verlaufsform den Sinn des mittelenglischen Partizips icumen („gekommen“).

Es ist lohnend und erheiternd, einen Blick auf den vollständigen Text des sechsstimmigen Stücks zu werfen:

Sumer is icumen in,
Lhude sing cuccu!
Groweþ sed and bloweþ med
And springþ þe wde nu,
Sing cuccu!
Awe bleteþ after lomb,
Lhouþ after calue cu.
Bulluc sterteþ, bucke uerteþ,
Murie sing cuccu!
Cuccu, cuccu, wel singes þu cuccu;
Ne swik þu nauer nu.

Der Sommer ist gekommen
Kuckuck, singe laut!
Es wächst die Saat, die Wiese grünt
Und das Gehölz schlägt aus,
Singe, Kuckuck!
Die Aue [das Mutterschaf] blökt nach dem Lamm,
Die Kuh muht nach dem Kalb.
Der Ochse rührt sich, der Bock furzt
Singe froh, Kuckuck!
Kuckuck, Kuckuck, wie schön singst Du, Kuckuck.
Nun schweige niemals mehr.

Auch zu dem auffälligsten Satz darin hat Wikipedia etwas zu sagen:

Besonders umstritten ist bis heute die Deutung des Teilsatzes bucke uerteþ. Dabei ist nicht nur unklar, von welchem Tier bei bucke genau die Rede ist – neben dem naheliegenden Ziegenbock werden auch Rehbock oder Hirsch vorgeschlagen. Ausgesprochen kontrovers wird vielmehr die Bedeutung des Verbs uerteþ diskutiert, da die vermeintliche idyllische Schilderung der im Frühling wiederauflebenden Natur inhaltlich wie stilistisch nur schwer vereinbar scheint mit der Flatulenz eines Paarhufer-Männchens. Während manche Interpretationen folgern, farteth sei im Mittelenglischen weniger derb konnotiert gewesen als das moderne englische farts beziehungsweise das verwandte deutsche furzt, bestreiten andere überhaupt einen Zusammenhang mit dem aus dem Altenglischen belegten feortan und postulieren eine Umdeutung des lateinischen Verbs vertere (im Sinne von „sich [unruhig] hin- und herbewegen“), so dass die problematische Vokabel letztlich nur ein Synonym des vorangegangenen sterteþ sei.

So ernüchternd letztgenannte Deutung auch sein mag, neige ich doch dazu, mich ihr anzuschließen, gerade eingedenk der Verwandtschaft von vertere mit wirbeln und werben i.S.v. "balzen" – das passt doch zu einem ausgelassenen Böckchen im Frühling!

Mittwoch, 4. Juni 2025

Autocues und Wildkatzen

In Merv Griffins Biographie "Merv" (vgl. "Seitenstraße" Folge 9) findet sich eine Stelle, die mich die Augenbrauen heben ließ:

"[...] Lewis had positioned the TelePromTers (a rolling version of cue card) at floor level [...]"

Bemerkenswert ist erstens, dass man 1980 noch erklären musste, was ein Teleprompter ist, zweitens die eigentümliche Schreibweise des Wortes. Erklärung: Es handelt sich bei "TelePrompTer" um den Namen eines Medienunternehmens, das sich nach ihrem Hauptprodukt, nämlich dem Teleprompter, benannt hat. Sozusagen rekursiv wird hier die Markenschreibweise mit Binneninitialen auf das Gerät angewandt. Der Erfinder des Teleprompters gründete kurz nach der Marktreife gemeinsam mit Irving B. Kahn die TelePrompTer Corporation, die schließlich zum größten US-amerikanischen Kabelfernsehanbieter werden sollte und später an Westinghouse verkauft, jenen Konzern, bei dem Merv Griffin lange Zeit mit seiner Syndication-Talkshow unter Vertrag stand.

Im Zusammenhang mit dem Teleprompter-Erfinder ist noch zweierlei erwähnenswert. Sein Name war Hubert Schlafly. War der etwa mit der berüchtigten Aktivistin Phyllis Schlafly verwandt oder verschwägert?, fragte ich mich. Weder sein noch ihr Wikipedia-Artikel gibt dies explizit an, doch sind beide in St. Louis, Missouri, im Abstand von ziemlich genau fünf Jahren geboren, und Phyllis' Vater, John Bruce Stewart, arbeitete für – na? – Westinghouse! Phyllis (geb. McAlpin Stewart) heiratete 1949 den Rechtsanwalt John Fred Schlafly Jr., "a member of a wealthy St. Louis family". In welchem Verhältnis jener wiederum zu Hubert stand, konnte ich nicht herausfinden.

Huberts Vater war, so heißt es in der englischsprachigen Wikipedia, ein wildcatter. Was ist das nun wieder? Laut dem (recht unbeholfenen) deutschsprachigen Wikipedia-Artikel handelt es sich dabei um "eine Person[,] die nach Erdöl sucht und erste Bohrungen vornimmt". Die wildcat wells, auf die sich die Berufsbezeichnung bezieht, verdanken ihren Namen dem äußerst ertragreichen Ölfeld "Wildcat Hollow" auf dem Gebiet des heutigen Oil Creek State Park in Pennsylvania. Was genau diese spezielle Art von Ölquelle ausmacht, verstehen andere womöglich besser als ich: "[They] are drilled where little or no known geological information is available. The site may have been selected because of wells drilled some distance from the proposed location but to an underground structure that appeared similar to the proposed site."

Da fällt mir ein: Ich muss unbedingt mal wieder "There Will Be Blood" sehen!

Dienstag, 10. Dezember 2024

We Butter the Cheese With Butter

Habe ich schon mal erwähnt, dass meine kurze Notiz über Tyromantie der zweitmeistgelesene Beitrag auf Kybersetzung ist? Ja, habe ich. Heute schlagen wir über einen Umweg erneut den Bogen zu diesem Begriff.

Mir wurde letztens aus heiterem Himmel bewusst, dass ich nichts über die Herkunft des Wortes Butter weiß. Erstaunlicherweise ist das westgermanische Wort für "Butter" (altengl. butere, ahd. butera, niederl. botter) eine Entlehnung aus dem Lateinischen (über vulgärlat. *butira bzw. *butura)! Germanischer Erbwortschatz findet sich lediglich in regionalen und historischen Ausdrücken wie (alemannisch) Anke oder Schme(e)r (auch "Fett"). "Dass die Germanen dennoch ein Wanderwort für Butter entlehnten, dürfte mit einer neuartigen Zubereitungsweise zusammenhängen." (Wiktionary)

Das lateinische butyrum (genauer: būtȳrum) jedenfalls wurde aus dem griechischen boú-tȳrum entlehnt, was sich zusammensetzt aus boús "Rind" und tȳrós "Käse" (jenem Wort, das auch in "Tyromantie" steckt), wobei sowohl das Duden-Herkunftswörterbuch als auch Frisks Griechisches Etymologisches Wörterbuch das Kompositum mit "Kuhquark" übersetzen. So oder so ist es bezeichnend, dass die alten Griechen qua Wortbildung betonen mussten, wenn Käse oder Quark aus Kuhmilch hergestellt wurde. Der Standard war offenbar schon damals Ziegen- oder Schafskäse (Feta!).

Sonntag, 6. Oktober 2024

Tod eines Übersetzers

Das ganz nette Videospiel "Open Roads" habe ich schon vor einer Weile durchgespielt. Zwei weitere Lokalisierungs-Fehlgriffe habe ich dabei fotografisch festgehalten (nicht: "gescreenshotted", denn ich spiele Xbox am Fernseher), und diese ließen in mir den Verdacht aufkeimen, dass für die Übersetzungen von allem, was kein Dialog ist – also Itembezeichnungen, Namen, Schriftzüge in der Spielwelt etc. –, überhaupt keine Menschen verantwortlich zeichneten, sondern Maschinen, Software, KI. (Wobei die Verdeutschung der Dialoge ehrlich gesagt auch nicht unbedingt gelungen ist.) Wie sonst ist so etwas zu erklären?


Lange habe ich hierüber gegrübelt:


... bis mir aufging, dass hier im Original "Close" steht, jedoch nicht als Verb ("Schließen"), sondern als Adjektiv gedeutet wurde.

PS: Obwohl ich immer noch gerne und regelmäßig spiele, habe ich schon lange keine Rezension mehr veröffentlicht. Ich hab's nicht vergessen! Irgendwann werde ich es schaffen, meine zuletzt gespielten Computer- und Xbox-Games in einem Sammelbeitrag vorzustellen.

Samstag, 10. August 2024

Wenn Übersetzungen wie Übersetzungen klingen

"'Die Hölle auf Erden': Amerikas Wahlkampf in Zitaten", FAZ, 08.08.2024:


Ich werde nicht lügen, ich liebe diese Übersetzungen nicht.

Donnerstag, 18. Juli 2024

What's that(')s?

Letzte Woche bin ich im Something-Awful-Forum über folgenden Satz gestolpert:

One could almost say that Ozymandias is an inscription that's message has been rendered ironic by the passage of time and history...

"Muss es nicht 'an inscription whose message' heißen?", dachte ich. Bisher war mir that's ausschließlich als Kurzform von that is begegnet, noch nie als Possessivpronomen. Bzw. genauer: als relative possessive. Man braucht nicht tief zu graben, um Erklärungen zu Tage zu fördern: Auf der Seite der Uni Yale findet sich ein anschaulicher, konziser und leicht verständlicher Abriss des Phänomens. Kurzum: "Some English speakers", nämlich in den USA, Teilen Kanadas, in England, Schottland und Australien, akzeptieren und verwenden that's anstelle von whose.

Ich möchte hier nicht alle Unterpunkte hineinkopieren, festhaltenswert erscheint mir vor allem:
1. dass das Wort mitunter, analog zu its, als thats verschriftlicht wird;
2. dass Experimenten zufolge Kinder eher bereit sind, that(')s mit Substantiven zu verbinden, die Unbelebtes bezeichnen, als mit solchen, die Belebtes bezeichnen. "The children's preference for inanimate nouns might be related to the presence of an animacy distinction in the relative pronouns in English who (for animates) vs. which (for inanimates), since which does not have a possessive form". Das scheint Englisch-Frischlingen generell so zu gehen, oder? Mir jedenfalls kam whose in Bezug auf Dinge/Gegenstände sehr lange irgendwie unnatürlich vor (so wie mir auch that als Relativpronomen-Alternative zu who komisch vorkam).
3. dass that's historisch aus that his hervorgegangen ist, wie anhand des inhaltlich unerfreulichen Beispiels "dhe maan ut hiz bairn deed" = "the man that his child died" gezeigt wird. "The idea is that the ’s on that’s started out as a weakened form of his. Then the use of that’s was extended to feminine and neuter nouns as well".

Martinez, Randi and Jim Wood. 2023. Relative possessive that's. Yale Grammatical Diversity Project: English in North America. (Available online at http://ygdp.yale.edu/phenomena/. Accessed on 2024-07-17

Donnerstag, 6. Juni 2024

Nomen est ... ja, was eigentlich?

Vorgestern konnte ich endlich "Jeopardy! Masters" zu Ende schauen. Im dritten Halbfinal-Match wurde für 200 Punkte* folgende Frage in der Kategorie "There's 'A' noun for that" gestellt: "A person or thing that's out of place in time". Die Kandidatin Victoria Groce, die später Siegerin werden sollte, antwortete mit "What is 'anachronistic'?", was Ken als korrekt durchgehen ließ. Ich dachte in dem Moment: 'Na na na, es sind doch eindeutig nouns gefordert, also Substantive!' Wie ich soeben ergoogelte, ging es nicht nur mir so, auch im Subreddit r/Jeopardy (ich wusste gar nicht, dass es das gibt, aber ich bin eh so gut wie nie bei Reddit) sprangen mehrere Leute darauf an:


Tatsächlich, nach der Werbepause wurde die Entscheidung revidiert, nur "What is 'anachronism'?" hätte als richtig gegolten.

Dann aber schoss mir dies durch den Kopf: In der deutschen Grammatik (und in anderen, wie z.B. der altgriechischen) umfasst Nomen sowohl Substantive als auch Adjektive, es hätten also sowohl "Anachronismus" als auch "anachronistisch" gepasst und somit auch, zumindest wenn man Nomen mit noun gleichsetzt, sowohl "anachronism" als auch "anachronistic".

Wikipedia (zum Konsultieren von Fachliteratur fehlt mir gerade die Zeit) stellt dazu fest: "Similarly, the Latin term nōmen includes both nouns (substantives) and adjectives, as originally did the English word noun, the two types being distinguished as nouns substantive and nouns adjective (or substantive nouns and adjective nouns, or simply substantives and adjectives). (The word nominal is now sometimes used to denote a class that includes both nouns and adjectives.)" Mit viel Toleranz hätte man also das Adjektiv akzeptieren können. Spielte in diesem Fall eh keine Rolle. Mir war die Diskussion um Wortarten schon immer einerlei. Ich war bass erstaunt, als ich in einer der ersten von mir besuchten Linguistik-Vorlesungen lernte, dass die Einteilung von Wörtern derart umstritten und uneindeutig ist, wie sie ist. Gibt es nicht Wichtigeres und Spannenderes? (Ja, gibt es.)

* Bei "Jeopardy! Masters" wird um Punkte statt um Dollar-Beträge gespielt, weil die Preisgelder fix sind (500.000 $ für den oder die Gewinner/in, 250.000 $ für Platz 2 und immerhin 150.000 $ für Platz 3).

Dienstag, 5. März 2024

... and I'm all out of bubblegum

In der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung gab es ein Interview mit John Bolton, dem ehemaligen US-Botschafter bei den Vereinten Nationen. Folgende Stelle in seiner Antwort auf die Frage "Im Kongress sind die Ukraine-Gelder blockiert. Wird er sie bald freigeben?" fand ich sprachlich bemerkenswert:
Die Suche nach einem parlamentarischen Weg durch das Repräsentantenhaus läuft auf vollen Touren. Ich stimme den Republikanern zu, die Bidens Grenzpolitik als nutzlos und gefährlich für unser Land kritisieren. Aber die Vereinigten Staaten müssen in der Lage sein, to walk and chew gum at the same time. Es ist selbstzerstörerisch, die Hilfe zu verzögern, weil Bidens Grenzpolitik ungenügend ist.
Da der englischsprachige Nebensatz unübersetzt geblieben ist, gehe ich davon aus, dass es sich um eine stehende Wendung handelt, die auf deutsch für (noch mehr) Verwunderung sorgen würde. Sowohl das englische Wiktionary als auch das mir bisher nicht bekannte "Free Dictionary by Farlex" geben an, dass dieser Phraseologismus in der Regel negiert verwendet wird, "to indicate incompetence" oder "to convey ineptitude". Man schreibt oder sagt also so etwas wie "Der kann doch nicht mal gleichzeitig gehen und Kaugummi kauen". Der Wiktionary-Beleg von 1978 – keine Ahnung, ob es sich um das älteste schriftliche Beispiel handelt – ist allerdings wie unser SZ-Zitat positiv formuliert: Die United States Federal Trade Commission (Statutes and Court Decisions) hat festgehalten, dass "The philosophy communicated to T.E.C. salesmen was to enroll any person who could 'walk and chew gum at the same time'". Es wird eine geistige Mindestanforderung gestellt bzw. akzeptiert, und so wird es auch bei Bolton gemeint sein: Die USA sollten es fertigbringen, sich auf zwei Dinge gleichzeitig zu konzentrieren, müssen das eine ausblenden, wenn sie das andere erreichen wollen.
Dafür wüsste ich auch keine adäquate Übersetzung. "Bis drei zählen können" oder ähnliches würde m.M.n. nicht funktionieren.

Donnerstag, 8. Februar 2024

Acronym of the week

Bei "Jeopardy!" habe ich gelernt, dass man neuerdings nicht mehr von "UFOs" (unidentified flying objects) spricht, sondern von "UAPs". UAP ist die Abkürzung von "unidentified aerial phenomenon", wobei das A auch für "anomalous" stehen kann. Diese Neuerung unterläuft natürlich das Prinzip der Sprachökonomie: Die Artikulation der Buchstabenfolge UAP dauert drei Silben, während man "UFO" (im Deutschen immer, im Englischen wahlweise) als Akronym im engeren Sinne aussprechen kann.

Sonntag, 28. Januar 2024

Wertschöpfung durch Wortschöpfung

Wo im letzten Beitrag schon von life goals die Rede war – hier ist ein weiteres: ein Wort oder eine Phrase prägen, die im Wörterbuch landet. Ich lese derzeit das vergnügliche Buch "Word Play: A cornucopia of puns, anagrams and other contortions and curiosities of the English language" von Gyles Brandreth. Gyles moderiert zusammen mit der "Countdown"-Lexikographin Susie Dent (die ebenfalls eine Reihe populärwissenschaftlicher Bücher über Sprache veröffentlicht hat) den Podcast "Something Rhymes with Purple", der zu meinen Lieblings-Einschlafhilfen gehört; man kann sich von erbaulichen, in feinem Queen's English* vorgetragenen etymologischen Streifzügen einlullen lassen.

Jedenfalls widmet sich ein Kapitel in "Word Play" mit Autoren, die das englische Lexikon geprägt haben. Einiges wusste ich schon, vieles noch nicht. Beispielsweise war ich stets davon ausgegangen, dass es Shakespeare ist, der die meisten Urheberzuschreibungen im Oxford English Dictionary vorweisen kann. Falsch! Chaucer hält mit Erstbelegen in 2012 Einträgen den Rekord als produktivste wortschatzerweiternde Einzelperson. Alltagswörter wie future, village, praise, galaxy und possibility gehen auf Chaucer zurück (was nicht in jedem Fall heißen muss, dass er diese Wörter erfunden hat; er hat sie halt als Erster schriftlich festgehalten). Mit 1700 credits ist "the Bard" freilich auch gut dabei; er punktet vor allem im Bereich der Phraseologie, so wie im Deutschen Goethe und Luther mit all ihren Redensarten und geflügelten Worten, deren Ursprung heute nur wenigen bewusst ist. Aber auch wahnsinnig viele, inzwischen zum Grundwortschatz gehörende Vokabeln stammen aus Shakespeares Werken.

Hier noch vermischte Trivia-Perlen:
- P.G. Wodehouse hat wohl fifty-fifty erfunden.
- Auf O. Henry geht die "Bananenrepublik" zurück (banana republic).
- Freelancer kamen erstmals in Sir Walter Scotts "Ivanhoe" vor: "I offered Richard the service of my Free Lances".
- Weniger bekannt dürfte der Literaturkritiker Donald Gordon sein, der 1930 einen Kriminalroman als Whodunit bezeichnet hat. Das Bemekenswerte daran ist, dass es bereits 1939 sprachpflegerische Kommentatoren gab, die das Wort als "heavily overworked", als abgedroschen schalten und es am liebsten alsbald "bumped into the taboo bin" gesehen hätten. Wenn die wüssten, welch fröhliche Urständ der Begriff anno 2024 feiert!
- Alexandre Dumas fils, Sohn des "Drei Musketiere"-Autors, schrieb 1873 als Erster von Feministinnen bzw. Feministen (féministes, engl. feminists).
- William Makepeace Thackeray erfand "Oxbridge" als fiktiven Standort eines "Boniface College". Über die bloße institutionelle Zweiheit der ältesten britischen Universitäten hinausgehend, als soziologischen Habitusbegriff, verwendete Virginia Woolf das Kofferwort erstmals 1929. (Diesen Zusatz habe ich Wikipedia entnommen.)

* Wie lange man wohl noch "Queen's English" sagen wird, bevor sich "King's English" durchsetzt? Ich muss gestehen, dass ich König Karl III. noch nie länger zugehört habe, doch bestimmt spricht er in einer Received Pronunciation, die der seiner Mutter in nichts nachsteht.

Samstag, 30. Dezember 2023

Übersetzungs-Poesie

Kennt ihr das? Ihr lest etwas, das so schlecht übersetzt ist, dass es laut ausgesprochen fast schon wieder schön klingt? In einer Kurzbesprechung des neuen Albums von André 3000 hieß es neulich im Focus:

"Ich schwöre, ich wollte wirklich ein 'Rap'-Album machen, aber dies ist buchstäblich, wohin mich der Wind blies", nennt der Outkast-Rapper einen Titel seines Soloalbums übersetzt [...]

Seit fast zwei Wochen muss ich diese Zeile ständig vor mich hin murmeln: Dies ist buchstäblich, wohin mich der Wind blies.

Freitag, 24. November 2023

Extinction Rebellion

In der Kurzgeschichtensammlung "Stories" von Joy Williams liest ein Teenagermädchen einem neunjährigen Jungen etwas über die Riesenseekuh vor:

"Die Seekühe fraßen Seetang im flachen Wasser der Beringstraße. Sie waren riesengroß und beschränkt, ihre Haut glich der Rinde von uralten Eichen. 1741 entdeckt, waren sie um 1768 bereits ausgestorben."
"Ich weiß nicht, was ausgestorben heißt", sagte Tommy.

Das glaube ich nicht: dass ein Junge in diesem Alter das Wort "ausgestorben" nicht kennt. Das glaubt auch niemand anders. Stichprobenartig konsultiere ich vier Kinder-Webseiten, auf denen es um Dinosaurier geht.
- Auf dem Internetauftritt von Geolino heißt es: "Millionen von Jahren hatten Dinosaurier die Herrschaft über die Erde. Dann starben sie vor rund 65 Millionen Jahren plötzlich aus."
- Bei helles-koepfchen.de lesen wir: "Dinosaurier faszinieren uns schon seit jeher. [...] Warum sind sie ausgestorben?"
- Im "Klexikon" beginnt der Eintrag zu Dinosauriern so: "Dinosaurier waren Tiere, die vor langer Zeit ausgestorben sind."
- Und sofatutor.com erklärt: "Sie lebten viel länger auf der Erde, als es die Menschen bisher tun. Vor etwa 65 Millionen Jahren sind sie ausgestorben."

Außerdem ist es ja nicht so, dass man, selbst wenn man dem Verb aussterben oder seinen grammatischen Formen noch nie begegnet ist, sich die Bedeutung nicht aus dem Wort selbst erschließen könnte. Bei der englischen Entsprechung extinct, die im Original höchstwahrscheinlich steht, ist das etwas anderes: Wer extinct zum ersten Mal hört und kein Latein-Profi ist, muss nachfragen, was das Wort bedeutet. Ich weiß allerdings auch nicht, wie man die Stelle besser hätte übersetzen können.

Die betreffende Geschichte heißt übrigens "Letzte Generation" und wurde im Jahr 1990 veröffentlicht. Dass sich die gleichnamige Protestbewegung danach benannt hat, liegt nahe, denn das Mädchen darin bezieht sich explizit auf die Zerstörung der Welt ("dauert vielleicht nur noch fünfzig Jahre") und nennt "gewisse Verpflichtungen" ihrer Generation: "Wir wollen nicht dabei sein, wenn die Erde ausgelöscht wird". Belege dafür konnte ich aber nicht finden. Ein Fall von Doppelschöpfung, nehme ich an.

Montag, 6. November 2023

Der Besserwisser-Riegel

Diesen Karamell-Mandel-Meersalz-Proteinriegel von Be Kind habe ich bereits im Oktober 2017 fotografiert, die (bearbeitete) Bilddatei allerdings erst gestern durch Zufall wiedergefunden.


Der Riegel schmeckte, wenn ich mich richtig erinnere, ganz gut, aber darum geht es nicht. Wie man an der von mir eingezeichneten roten Wellenlinie sieht, fand ich damals das aufgedruckte Werbeversprechen bemerkenswert: "Ingredients you can see & pronounce". Ja, wenn man Englisch als Muttersprache gelernt hat! Die Aussprache des Wortes almond ist, so meine ich doch wohl, ziemlich schwierig. Bestimmt erst mit über 20 habe ich sie verinnerlicht, und bis heute weiß ich nicht, ob der Nachname des Sängers Marc Almond genau so klingt wie die Kerne von Prunus dulcis.

Auf der deutschsprachigen Webseite der zum Mars-Konzern gehörenden Be-Kind-Snacks hat man die markige Aussage entsprechend übersetzt: "zutaten, die man sehen und aussprechen™ kann" (Trademark-Zeichen und Kleinschreibung sic!). Ich wage zu behaupten, dass Chicoreewurzelfasern und Sonnenblumenlecithin nicht nur nicht zu sehen, sondern auch veritable Zungenbrecher sind. In der Sorte "Mit Ahornsirup glasierte Pecannüsse & Meersalz" befindet sich gar etwas namens Fructooligosaccharid. (Putting "tool" in "Fructooligosaccharid", mit schönem Gruß an Salon du Fromage!) Aber ich will nicht mosern, sondern mir den Produktnamen zu Herzen nehmen und nett (kind) sein (be).

Sonntag, 29. Oktober 2023

Es ist Herbts

Mich erstaunt, dass ich in diesem Blog noch nie etwas über das zuverlässig halbjährlich von der Presse dankbar aufgewärmte Thema Zeitumstellung geschrieben habe! Im Eintrag vom 28. März 2011 in meinem alten Blog findet sich der letzte und wie's scheint einzige Vermerk dazu:

Nach Jahren der Ratlosigkeit habe ich vor kurzem einen Spruch kennen gelernt, mit dem ich mir endlich merken kann, wann man die Zeit eine Stunde vor und wann zurück stellt:
Frühling: englisch spring --> spring forward, Herbst: fall --> fall back.
Hilfreich für alle, die keine Zeitung lesen, nicht ins Internet gucken, kein Radio hören, kein Handy oder keinen Computer mit automatischer Zeitanpassung besitzen und keinerlei Smalltalk betreiben. Meine innere Uhr hat sich gestern leider aus Versehen eine Stunde zurück gestellt, so dass ich heute schon um 06 Uhr 15 aufgewacht bin.

Heute wurde planmäßig die Winterzeit eingeläutet, und die Uhrenumstellung in meiner Wohnung vollzog sich ohne viel Federlesens. Ich habe die Eselsbrücke verinnerlicht, beherrsche die Regel im Schlaf.

Warum eigentlich fall einerseits, andererseits autumn? Beides sind bekanntlich englische Bezeichnungen für die dritte Jahreszeit, und zwar, wie Merriam-Webster anmerkt, "used interchangeably". Freilich dominiert fall im amerikanischen Englisch. Wegen der Allgegenwärtigkeit von US-Medien ist man derart an fall gewöhnt, dass ich neulich gehörig stutzte, als ich in dem im Großraum Boston spielenden Roman "Moonlight Mile" von Dennis Lehane das Wort autumn las.

Fakt ist: autumn (von lat. autumnus mit unklarer Bedeutung) schlich sich im 14. Jahrhundert in den englischen Wortschatz und ersetzte das bisher verwendete Wort harvest, welches mit dem deutschen Herbst verwandt ist. Dass autumn dankbar aufgenommen wurde, verdankte sich der offenbar Verwirrung stiftenden Doppeldeutigkeit von harvest als Jahreszeit und als Vorgang der Ernte. Im 17. Jahrhundert tauchte dann fall auf, als Verkürzung von fall of the leaves, dem "Fallen der Blätter". Wie es von da an in Großbritannien und in Nordamerika jeweils weiterging, kann im Merriam-Webster-Artikel nachvollzogen werden.

Das genannte Lehane-Buch ist übrigens eine Wucht. Lehanes Kenzie-und-Gennaro-Privatermittler-Krimis hatte ich in den Nullerjahren gelesen ("Gone Baby Gone" dürfte durch Ben Afflecks 2007er Verfilmung am bekanntesten sein), ebenso "Mystic River", "Shutter Island" und den Kurzgeschichtenband "Coronado". Danach hatte ich den Autor irgendwie aus den Augen verloren (staunte nur kurz, als ich seinen Namen als Drehbuch-Credit bei einer Folge von "Boardwalk Empire" entdeckte) und daher nicht mitbekommen, dass 2010 mit "Moonlight Mile", über zehn Jahre nach dem letzten, ein neuer Kenzie-und-Gennaro-Teil erschienen war. Ich hatte völlig vergessen, wie packend, lebendig und gediegen dieser Mann schreibt, jetzt mag ich den Schmöker gar nicht mehr weglegen. Eine taugliche Herbst-, von mir aus auch Strandlektüre!

Mittwoch, 16. August 2023

Mehrung und Tüchtigkeit

Ich habe hier letztes Jahr ein paar Zeilen über puritanische Personennamen geschrieben und mich insbesondere über den Männernamen Increase gefreut. Neulich nun las ich in dem damals erwähnten Sachbuch weiter und stieß etliche Kapitel später (da hat das Lektorat gepatzt) auf eine Erklärung dafür, wie der nämliche Hexenjäger zu seinem ungewöhnlichen Namen gekommen sein soll: "He was called Increase because his father, Pastor Richard Mather, told his wife on hearing that she was pregnant for a sixth time: 'I have planted, but God gave the increase'. Die Benennungsmotivation ist also: "Der Vater hat gesät, der HErr ließ es wachsen." Passend zur damaligen Zeit wird der Part der Mutter vollkommen ausgeklammert.

Ein weiterer fabelhafter englischer Vorname begegnete mir im Zuge der fortgesetzten 1100-Seiten-Lektüre von Das Europa der Könige von Leonhard Horowski. Es ging um den 1. Duke von Marlborough und dessen Verdienste im Spanischen Erbfolgekrieg: "Vor allem sein Sieg bei Höchstädt ist nicht zuletzt deswegen bis heute unvergessen, weil das Parlament zum Lohn dafür dem für seinen Geiz berühmten Marlborough die Mittel zur Erbauung von Englands einzigem Barockschloss schenkte. Da Marlboroughs Landsleute die Schlacht vorsichtshalber nicht nach dem für sie unaussprechlichen Höchstädt, sondern nach dem nahegelegenen Blindheim 'Blenheim' benannt hatten, wurde Blenheim Palace auch der Name des bis heute überwältigenden Monumentalbaus, in dem 1874 Marlboroughs Ururururururuenkel und späterer Biograph Winston Churchill geboren wurde." Den Park von Blenheim Palace gestaltete der wohl berühmteste britische Landschaftsarchitekt des 18. Jahrhunderts, "England's greatest gardener". Sein Name: Capability Brown. Leider muss ich euch enttäuschen, sein Taufname ist Lancelot. "Seine eifrigen Bemühungen im Finden von Möglichkeiten (englisch capabilities) zur Umgestaltung vorhandener alter Gartenanlagen im neuen von ihm vertretenen Stil verhalfen ihm zu seinem Beinamen Capability Brown." (Wikipedia)

Mittwoch, 5. April 2023

A noble spirit embiggens the smallest man

Einen Monat ist es noch hin bis zur Krönung des neuen englischen Monarchen, der gar nicht mehr sooo neu im Amt ist. Sogar in Deutschland war er letzte Woche schon auf Staatsbesuch, wo ihm viel Sympathie entgegengebracht wurde und wo man ihn wahlweise "König Charles", "König Karl" oder "King Charles" nennt; die III. lässt man meistens weg, denn man meint selbstverständlich Karl den Dritten, wenn man "König Karl" sagt, so wie man Kleopatra VII. meint, wenn man einfach nur "Kleopatra" sagt.

Mit dem Nachrücken des ewigen Fürsten Charles auf den von seiner Mutter in 70-jähriger Rekordherrschaft gehaltenen Thron ist nun auch Karls erstgeborener Sohn nachgerückt: William ist seit 2022 nicht nur der offizielle Kronprinz (der als König dann Wilhelm V. heißen wird), sondern auch der amtierende Prince of Wales. Wer sich mit dessen Insignien befasst, wird womöglich überrascht sein, einen deutschen Wahlspruch auf der Helmzier zu finden:

"Deutsch anmutend" sollte ich wohl besser schreiben, denn nach einer Gegentheorie zu der, dass hier das Motto Johanns von Böhmen wiederklingt, ist "Ich dien" keltischen Ursprungs: Eduard I. soll dem walisischen Parlament mit den Worten "Eich dyn", was wohl so viel wie "Seht diesen Mann" bedeutet, seinen neugeborenen Sohn präsentiert haben. Die englischsprachige Wikipedia stellt die deutsche Herkunft indes nicht in Frage. 

Das ist ein ergiebiges Thema: fremdsprachige Phrasen als Landesmotto, als Wahlspruch eines hohen Hauses oder einer sonstigen altehrwürdigen Institution. Um bei britischen Monarchen zu bleiben: "Dieu et mon droit", französisch für "Gott und mein Recht", wird von denen seit Jahrhunderten verwendet und prangt bis heute auf dem Wappen des Vereinigten Königreichs. Das ist mir übrigens erstmals beim Anschauen der Serie "Justice" aufgefallen. Dass die Devise des Hosenbandordens, "Honi soit qui mal y pense" ("Ein Schelm, wer Böses dabei denkt"), ebenfalls, wenn auch halb verdeckt, auf Karls Wappen zu lesen ist, unterstreicht den subtilen Mutterwitz, der allem im weiteren Sinne Englischen eingeschrieben zu sein scheint.

In Bezug auf die USA denken wir natürlich zuerst an "E pluribus unum" und "Annuit coeptis", aus den Niederlanden kennt man "Luctor et emergo" (Wappen der Provinz Seeland). Und hierzulande? Einen amtlichen Wahlspruch haben wir ohnehin nicht, am nächsten kommt dem Konzept, im Sinne einer identitätsstiftenden Losung, "Einigkeit und Recht und Freiheit". Die Widmung "Dem deutschen Volke" ließe sich noch in den Topf werfen. Als vor ein paar Jahren Andreas Nohls viel beachtete Neuübersetzung von "Gone with the Wind" unter dem Titel "Vom Wind verweht" herauskam, fragte ich mich im Scherz, ob man wohl bald das E aus dem "VOLKE" am Reichstagsgebäude entfernen würde. (Gutes Quizwissen: Die Buchstaben wurden aus eingeschmolzenen Kanonen gefertigt.) Eine ältere Form, wenn nicht gar eine frühere Sprachstufe zu bewahren hat ja durchaus seinen Reiz. Die Republik Indien führt seit 1950 in ihrem Hoheitszeichen den vedischen Satz satyameva jayate, "Allein die Wahrheit obsiegt", Teil eines jahrtausendealten Mantras aus den Upanishaden. Wie ich gerade lernte, hat Tschechien ein bedeutungsgleiches Motto, auf tschechisch ("Pravda vítězí"). Auf dem Holstentor steht "CONCORDIA DOMI FORIS PAX", "Eintracht innen, draußen Friede" (Ah, Schulwissen: ein Chiasmus!). Das Lübecker Wahrzeichen würde ich gerne mal in natura sehen.