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Freitag, 19. Dezember 2025

Kurz notiert: Cyborg-Invasion

Randnotiz im Spiegel vom 12. Dezember: "Eine Million Humanoide bis 2030. Humanoide Roboter stehen kurz vor dem industriellen Durchbruch. Schon 2026 soll die Serienproduktion erster Modelle starten [...]"

Da hatte ich kurz einen "So fangen dystopische Horrorfilme an"-Moment. Man liest oder hört eine Meldung, denkt sich nichts dabei, blättert um oder zappt weiter, und SCHNITT!, überrennen Robo-Armeen die Welt und versklaven uns. Ähnlich war es vor ein paar Jahren, als ich mit ein paar Kollegen auf einen nächtlichen Absacker in einer Bar saß und im Hintergrundfernsehen etwas über Chancen und Gefahren von KI gezeigt wurde. "In einem Science-Fiction-Film, der harmlos beginnt, würde man jetzt von dem Bildschirm auf uns schwenken, während wir das Foreshadowing heiter schwatzend ignorieren", bemerkte einer von uns sinngemäß.

Samstag, 18. Januar 2025

Die Phantomstädte in meinem Kopf

Erst sehr spät in meinem Leben habe ich gelernt, dass Wattenscheid und Uerdingen keine Städte, sondern Stadtteile sind. Mir waren die dazugehörigen Fußballmannschaften ein Begriff, und mein Gehirn hat wohl irgendwann den Schluss gezogen: Wenn es dort einen Sportverein gibt, wird es schon eine richtige Stadt sein. Wo genau diese Städte liegen, hatte ich mich nie gefragt, bis mir – wie gesagt, sehr spät in meinem Leben – der Gedanke kam: Komisch, es gibt Orte in Deutschland, die man nur wegen der dort beheimateten Fußballclubs kennt. Dann schlug ich nach und erfuhr, dass Wattenscheid ein Bezirk von Bochum und Uerdingen ein Bezirk von Krefeld ist. Als ich später erstmals von einer Mannschaft namens SV Elversberg hörte, recherchierte ich lieber sofort, und siehe: Elversberg ist auch keine eigenständige Gemeinde!

Letzte Woche nun las ich etwas im Spiegel, das mir die Kinnlade bis zur Tischkante herunterklappen ließ: "Wanne ohne Eickel. Die einst stolze Zechenmetropole Wanne-Eickel heißt heute nur noch Wanne und ist ein Stadtbezirk von Herne. Mithilfe von Beratern sucht der Ort eine neue Identität. Kann eine Stadt sich neu erfinden?" Waaaas?!

Bereits 1975 hat sich Wanne-Eickel mit Herne zusammengeschlossen. Für mich war Wanne-Eickel seit je eine nicht zu hinterfragende feste Größe, so was wie Castrop-Rauxel, einfach Kult. Der Spiegel bringt die kollektiv wahrgenommene Unsterblichkeit Wanne-Eickels gut auf den Punkt: "Überlebt hat 'Wanne-Eickel' seltsamerweise bis heute als eine Art Slapstickbegriff für die deutsche Provinz. Als Codewort für alles Spießige, mal liebevoll ironisch gemeint, mal mit beißendem Spott. Vielleicht lag es am Klang, 'Wanne-Eickel', allein die Phonetik ist schon ein Lacher."

Den Hauptbahnhof Wanne-Eickel kann man übrigens heute noch anfahren.

Donnerstag, 12. Dezember 2024

Wer die Wahl hat ...

Seit vielen, vielen Jahren, fast so lange wie ich das Wahlrecht besitze, bin ich als Wahlhelfer tätig. Diverse Male war ich in Wahllokalen im Einsatz, am liebsten ist mir aber seit je die Briefwahlauszählung. Dabei hat man keinen direkten Kontakt mit dem Volk, man muss erst 15 Uhr vor Ort sein, die Bezahlung ist trotzdem in Ordnung und die Arbeit überschaubar, meist ist das Prozedere kurz nach der Tagesschau beendet. Wobei sich hinsichtlich des letztgenannten Punktes etwas zu ändern scheint: Wurden Briefwahlvorstände früher noch auf ein paar Büros im Rathaus verteilt, gab es zur hessischen Landtagswahl 2023 ein zentrales Briefwahlzentrum für die Stadt Frankfurt, das sich über die gesamte Ebene einer Messehalle erstreckte. An gefühlt Hunderten Tischen hatten wir gefühlt Tausenden Freiwilligen ordentlich zu tun! Mein Eindruck, dass mehr Menschen per Brief wählen als noch vor fünf, zehn Jahren, wurde kürzlich durch einen Infokasten im Spiegel bestätigt:


Dass in den Wahllokalen trotzdem viel Betrieb herrscht, ja zuletzt sogar mancherorts Leute ihre Stimme nicht abgeben konnten, weil die Schlangen bis 18 Uhr nicht abreißen wollten, ist sicher damit zu erklären, dass die Wahlbeteiligung insgesamt wieder leicht (Bundestagswahl) bzw. stark (Europawahl) ansteigt. Die Briefwahl scheint dessen eingedenk die sicherere Wahl (!) zu sein. Doch aus Erfahrung sage ich: Obacht! Es können nämlich Fehler gemacht werden, die zur Ungültigkeit der Stimme führen. Wir mussten schon Stimmzettel aussortieren, weil beispielsweise der Wahlschein nicht unterschrieben war, der Wahlbrief offen war oder weil aus sonstiger Unachtsamkeit das Wahlgeheimnis nicht gewahrt werden konnte. Insbesondere Ältere mag das Briefwahlverfahren überfordern. Jene sind es allerdings, die sich im Zweifel eher den Gang zum Wahllokal ersparen möchten.

Jedenfalls ist nicht auszuschließen, dass bereits an der Bundestagswahl 2025 – für die ich mich soeben als Wahlhelfer registriert habe – mehr Wahlberechtigte per Brief als in der Kabine wählen. Die Bundestagswahl ist eine vorgezogene, und wer weiß, womöglich haben nicht wenige Deutsche für den anberaumten Termin im Februar schon Urlaub geplant.

Montag, 22. Juli 2024

Word of the day (vor 20 Jahren)

In der "Jeopardy!"-Sendung vom 25. Juni 2004 wurde folgende Frage in der Kategorie "Coined Words & Phrases" gestellt (von mir ins Deutsche übersetzt):

Spam ist unerwünschte Werbung per E-Mail; das ist unerwünschte Werbung, die über einen Instant-Messaging-Dienst versandt wird

Wer mit "Was ist Spim?" geantwortet hat, darf sich 800 $ einstreichen. Von den drei Kandidaten damals, darunter Rekordsieger Ken Jennings, ist keiner drauf gekommen. Hat irgendwer, der hier mitliest, jemals von Spim gehört? Mir jedenfalls ist dieser Neologismus im "Jeopardy!"-Archiv zum ersten Mal begegnet. Der einzige Eintrag, den die Google-News-Suche nach "Spim" ausspuckt, stammt – ebenfalls – aus dem Jahr 2004. In einem Spiegel-Artikel heißt es, ungewollte Werbeanrufe über Voice-over-IP, "VoIP Spam" oder "Spit" genannt, könnten sich einer Softwarefirma zufolge bald zu einer Plage auswachsen. "Spit, so die These, könnte der Nachfolger von unerwünschter Werbung per E-Mail (Spam) und Instant Messenger (Spim) werden."

Es spricht nichts dagegen, einen neuen Ausdruck mit "ein wenig" Verspätung zu etablieren. Von jetzt an werde ich an der Verbreitung von "Spim" aktiv mitwirken. (Ich bin ja auch einer der wenigen Menschen, die das Adjektiv sitt für den Zustand des Nicht-mehr-durstig-Seins verwenden. Kurios: Ein kurzer GSV-Strang zu diesem Komplex ist auch 2004 erstellt worden.) Belästigung per Messenger ist virulent wie nie zuvor. Allein in den letzten drei Monaten erhielt ich dreimal via Telegram und zweimal über Whatsapp Spim, von "Absenderinnen" wie "Karlotta Meier" ("Hallo! Wir_haben_Angebot_Remote-Arbeit. Teilzeit/Vollzeit. Entschuldigen Sie, kann ich Ihnen die_Details? Ja/ok?"). Sollte ich das nächste Mal unter Leuten sein, wenn ich derlei empfange, werde ich laut ausrufen: "Boah, schon wieder Spim!"

Mittwoch, 4. Oktober 2023

Immer mitten in die Fresse rein

Erinnert ihr euch noch an meine kleine Sammlung in der Neon gebeichteter absonderlicher Nahrungsvorlieben junger Partnersuchender? Diese Sammlung erhielt jüngst neues, haha!, Futter, freilich nicht aus der längst eingestellten Zeitschrift Neon, sondern aus einer Sonderausgabe des Spiegel. Am 30. August gab es nämlich ein "Schmeckt's?"-Spezial, in dem sich auf 130 Seiten alles ums Essen drehte. Im hinteren Teil kam eine Fotostrecke: "Mal ehrlich. Was und wie essen wir, wenn niemand zuschaut?" Ja, was? Ich halte es hier für die Nachwelt fest.

  • Jil, 25: Sprühsahne, pur
  • Bernard, 61: das Wasser aus Würstchendosen
  • Elke, 71: Schokoküsse mit Gewürzgurken, Gurkensud
  • Helena, 20: "Banane und dazu Nutella mit 'm Löffel aus dem Glas"
  • Timo, 25: Salzstangen mit Ketchup ("Mit Ketchup geht alles.")
I don't judge, ich dokumentiere nur.

Samstag, 19. September 2020

Mittwoch, 4. März 2020

So ein Quak

Diese Stelle in einem kürzlich erschienenen Spiegel-Interview mit der IWF-Chefin Kristalina Georgiewa fiel mir auf:


Welches Wasser soll das sein, in dem ein sprichwörtlicher Frosch sitzt? Googelt man "Frosch" + "Wasser", findet man etliche Artikel, die sich mit einem Mythos beschäftigen, demzufolge ein Frosch, den man in einen Topf mit lauwarmem Wasser setzt, geduldig bis zum Tod darin sitzen bleiben wird, wenn man das Wasser peu à peu erhitzt. Ein Frosch, der in kochendes Wasser geworfen wird, versucht hingegen, um jeden Preis zu entkommen. Offenbar wird diese Mär gerne in Managementseminaren erzählt, was einmal mehr die Widerwärtigkeit dieser Branche bestätigt. Ein konkretes "Sprichwort" konnte ich nicht finden. Die behauptete "Tatsache" ist jedenfalls so falsch wie die Behauptung, dass Hummer nichts fühlten, wenn man sie bei lebendigem Leib in siedendes Wasser lässt. Ja ja, das Pfeifen, das die Krustentiere während der Prozedur von sich geben, "ist nur eingefangene Luft, die aus dem Panzer des Tieres entweicht" (zitiert nach dem Spiegel, an anderer Stelle) – übrigens neulich lustig bei "Family Guy" subverted
Wieso sollen wir dem Frosch eigentlich sagen, aus dem Topf zu springen, statt ihn einfach herauszunehmen? Und wo hat der Frosch die Locken?

Samstag, 13. Juli 2019

Aufmachertrend Sommer 2019

Für die Nachwelt (die es freilich in ein paar Jahrzehnten nicht mehr geben wird) sei hier festgehalten, was Wochenzeitungen und -zeitschriften derzeit auf ihre Titel packen:
  • Focus, 8. Juni: "Ich mag Fleisch. Ich fliege gern. Ich fahre Auto. 40 Ideen, wie Sie trotzdem klimafreundlicher leben können"
  • Zeit, 11. Juli: "Der Mythos vom Verzicht. Kein Fleisch, kein Flug, kein Auto – der Mensch soll auf immer mehr verzichten. Doch die Enthaltsamkeit des Einzelnen hilft nicht weiter."
  • Spiegel, 13. Juli: "Richtig und gut leben. Die Welt retten, ohne sich einzuschränken – geht das?"
In den jeweiligen Redaktionsstuben möchte man gern mal Mäuschen sein. "Der Leser mag weder Panikmache noch erhobene Zeigefinger. Er will in seinen Handlungen und Meinungen bestätigt und dabei nur ganz sanft erzogen werden. Lasst uns also die Leute dazu ermutigen, im Wesentlichen so weiterzumachen wie bisher, ihnen ein paar leicht umzusetzende Tipps an die Hand geben, und alle fühlen sich wohl!"
Konsequent und schon wieder sympathisch fände ich ein Magazin, das folgenden Kurs einschlägt: "Lachend in den Untergang: Kreuzfahrt, Steak und Monsterjeep – so machen wir uns die letzten Jahre der Menschheit so angenehm wie möglich."

Freitag, 2. Februar 2018

Vokabel der Woche

Mit dem Zitat "Mich stören Bauchnabeldebatten" ist das Interview mit Niedersachsens Präsident Stephan Weil im aktuellen Spiegel überschrieben. "Mich stören nicht enden wollende Bauchnabeldebatten", geht der genaue Wortlaut, aber was genau Bauchnabeldebatten sind, wird nicht erklärt. Heutzutage sind Journalisten rasch dabei, mit "Wie bitte?" oder Repliken à la "Nicht enden wollende waaaaas?" zu kontern, wenn sie über einen unbekannten Ausdruck stolpern, aber die beiden Spiegel-Interviewer scheinen sich an der Formulierung des SPD-Mannes nicht zu stören, ja sie halten das Wort "Bauchnabeldebatte" sogar für so verbreitet bzw. aussagekräftig, dass sie es in die Überschrift packen.

Die Neologismen-Sammelseite "Die Wortwarte" hat das Kompositum am 25.8.2014 entdeckt: Cem Özdemir benutzte es in einem Tagesspiegel-Gespräch im Zusammenhang mit der Bekämpfung des IS (bzw. der IS, wie man damals interessanterweise noch sagte). Der ergooglebare Erstbeleg datiert allerdings auf den 30.8.2010, als Günther Nonnenmacher in der FAZ das mystische Wort in Bezug auf die Bundeswehrreform verwendete. Auch hier findet sich leider keine brauchbare Definition.

Apropos: Die "Lackschuh-Indianer" sind mir seit dem März 2017 nie wieder begegnet.

Donnerstag, 27. April 2017

Ain't no Holle-back girl

In der Ausgabe 15/2017 des Spiegel weckte ein Artikel mit dem Titel "Das Geheimnis der Schneefee" meine Leselust. Es ging darin um die durch jüngere archäologische und heimatkundliche Befunde gestützte Theorie, dass die Märchenfigur Frau Holle auf die Gemahlin Odins zurückgeht. Der Zweiseiter begeisterte mich bis kurz vorm Ende: Dann meinte der Autor, sich zu der Mutmaßung hinreißen zu lassen, solche Erkenntnisse dienten allenfalls dazu, dem strukturschwachen Nordhessen einen Touristikboom zu bescheren, er sah in all dem "Verdrehungen" und ein "Gespinst aus Märchenmurks, Götterdämmerung und Spuk". Diese unangebrachte Häme veranlasste mich dazu, den ersten Leserbrief meines Lebens zu schreiben. Und was macht die Spiegel-Redaktion damit? Druckt den Scheiß auch noch ab:


Ich hoffe, es glaubt jetzt niemand, dass ich lediglich diese zwei Sätze eingeschickt hätte! Mein ursprungliches Gemecker war deutlich umfangreicher und enthielt die geistreiche Bemerkung, die Märchenforschung werde von den Nachbardisziplinen stiefmütterlich behandelt. So, wie er da steht, kommt mein Leserbrief nur pampig und unelaboriert rüber – also genau so, wie es dieser Textsorte wesenseigen ist, waaah! Ich bin jetzt einer von denen. Bloß gut, dass ich nicht auch noch, wie es bei denen üblich ist, bei der Grußformel meinen Doktorgrad vor meinen Namen gesetzt habe ...

Mittwoch, 8. März 2017

Das kommt mir indianisch vor

Aus dem aktuellen Spiegel, S. 31:

"'Wenn Sie in solchen Staaten auf Lackschuh-Indianer-Ebene verhandeln, werden Sie erst gar nicht ernst genommen', sagt ein Innenministerialer."

Was zum Geier soll das bedeuten? Google findet bei der Suche nach "Lackschuhindianer" bzw. "Lackschuh-Indianer" ganze drei Stellen: 1. In einem Kunstblog wird der Maler George Grosz als "Lackschuh-Indianer und Dandy" bezeichnet. 2. Im Politikthread eines Thailand-Forums schrieb vor ungefähr einem Jahr ein User zum Thema Putin: "der chinese lässt sich von den lackschuhindianern nicht ewig vor seiner hautür provozieren." 3. Ein User mit demselben Nickname (also vermutlich dieselbe Person) ließ sich bereits 2008, ebenfalls in einer Russland-Diskussion auf einem Thailand-Board, zu dieser Formulierung hinreißen: "erstens weiss der russe was krieg ist, im gegensatz zu den lackschuhindianern aus übersee".

Ob der Innenministeriums-Mitarbeiter mit dem Kunstblogbetreiber oder dem Forenmitglied identisch ist? Wenn nicht: Kennen diese drei einander? Wie sonst ist das anderswo nicht belegte Kompositum unabhängig in ihre aktiven Wortschätze gelangt? 

Aber halt! Gerade fällt mir noch ein, dass die Google-Büchersuche möglicherweise Anhaltspunkte liefern könnte. Und siehe da, in einer Ausgabe der Wirtschaftswoche von 1998 finden wir diese Zeilen: "Im Auswärtigen Amt liegt ein Gutachten der Hausjuristen vor, in dem die 'Lackschuhindianer' (kanzleramtsinterner Spottname für die AA-Diplomaten) von den rechtlichen und finanziellen Folgen des von Rot-Grün geplanten Endes der Kernenergie in Deutschland warnen."

Halten wir fest: Im Innenministerium wie im Kanzleramt blickt man auf das Auswärtige Amt hinab. Die Motivation hinter "Lackschuh-Indianer" bleibt trotzdem dunkel. Ich würde mich freuen, wenn mir jemand hülfe, dieses Rätsel zu lösen.

Mittwoch, 16. November 2016

Satzbaustellenwarnung

(Dies ist ein kleines Update zu "Gekommen, um zu bleiben".)


Noch einmal: Wenn man den Satz so formuliert wie oben, bedeutet er, dass die Eltern Sprachen, Mathe und Rechtschreibung pauken möchten und deswegen Grundschüler in Lerncamps schicken.

Noch einmal²: Ich betreibe dieses grammatikalische Nitpicking nicht, um mich über andere zu erheben oder lustig zu machen. Mir ist bewusst, dass man auch mir zig Orthographie-, Stil- und sonstige Verstöße nachweisen könnte, wenn man es drauf anlegte. Ich mache lediglich (nicht zuletzt aus eigenem Interesse) auf sprachliche Phänomene aufmerksam, die sonst an vielen Deutschsprechenden und -schreibenden vorbeigehen würden. Selbst am Personal des altehrwürdigen Spiegel.

Dienstag, 9. August 2016

Da mal nachhaken (aber bitte mit Würde)

Auch so eine Unsitte: in Interviews immer auf die dümmstmögliche Art nachfragen, wenn man etwas nicht kennt / etwas nicht kapiert hat / mit etwas nicht einverstanden ist. Hier ein rezentes Beispiel aus dem Spiegel:


Ähnliche Zeilen ließen sich mühelos aus anderen Wochenzeitungen zusammentragen. "Das ist nicht Ihr Ernst!" / "Eine waaaaas?" / [spuckt seinen Kaffee quer über den Tisch] "Das müssen Sie jetzt aber erklären!!!"
Ich verstehe ja, dass man als Fragesteller auch ein bisschen menschlich rüberkommen möchte und dass man sich um Variation bemüht, aber muss man das derart peinlich und ranschmeißerisch tun? In ein paar Jahren werden Interviews vermutlich so anfangen: "Boah, haben Sie viele Bücher! Haben Sie die alle gelesen?" / "Das ist also ein DNA-Sequenzierungsgerät. Huiiii! Darf ich das mal anfassen?" / "Herr Professor, vor zwei Wochen war die Welt noch in Ordnung ..."

Montag, 19. Oktober 2015

Who let the dog people out?

Der Spiegel von letzter Woche – manchmal ist er halt doch ganz brauchbar – befasste sich mit einem mir bis dahin unbekannten historischen Bizarro-Ereignis, über das erstmals der Bischof Johannes von Ephesos schrieb: Im Jahr 560 n. Chr. hielten sich die Einwohner der Stadt Amida, dem heutigen Diyarbakır in der Türkei, offenbar plötzlich für Hunde. "Vom Irrsinn Befallene rannten auf allen vieren kläffend durch die Straßen, orientierungslos und mit Schaum vor dem Mund. Kratzend und beißend fielen die Menschen übereinander her. Wie von Sinnen brüllten sie Obszönitäten und okkupierten jaulend die Friedhöfe." (Spiegel 42/2015, S. 116)

Nun hat die Medizinhistorikerin Nadine Metzger von der Uni Nürnberg-Erlangen in einem Artikel in History of Psychiatry dargelegt, was es mit jenem eigenartigen Vorfall auf sich gehabt haben könnte. Demnach habe der Chronist lediglich die Stilmittel des Vergleichs und der Übertreibung eingesetzt, um gotteslästerliches Treiben und moralische Verkommenheit zu umschreiben: "Angesichts der Bedrohung durch die kriegerischen Perser verwandelten sich die Bewohner nicht in Hunde, sondern in Zivilisationsverweigerer und Anarchisten." Das klingt plausibel, ist aber letztlich nur eine Theorie. Ich habe den vollständigen Artikel nicht gelesen, und mir ist klar, dass sich die Wissenschaftlerin, die sich schwerpunktmäßig mit der psychologischen Erklärung von Besessenheit in der Menschheitsgeschichte beschäftigt, mehr Ahnung hat als ich, doch gebe ich zu bedenken, dass kollektiver Wahn, auch in Verbindung mit tierischem Verhalten, mehrfach belegt ist. Ich verweise nur auf das in Japan auftretende Phänomen Kitsune und andere Culture-bound syndromes. Für den Beleg eines solchen CBS spricht auch – der Spiegel erwähnt es sogar – die Wortprägung "Kynanthropie" (kyn- "Hund-"; ánthrōpos "Mensch") des Arztes Aëtios von Amida, der sich in der fraglichen Zeit ebendort aufhielt. Mir gefällt jedenfalls die Vorstellung, dass mal eben eine ganze Stadt auf den Hund kommt.

Mittwoch, 12. August 2015

Und wieder: Ungeheuerliche Zahlen

In einem Reiseführer las ich neulich, dass Eisberge bis zu 1.000.000 t wiegen können. Eine Million Tonnen. 'Aha', dachte ich, 'was soll ich jetzt mit dieser Information anfangen?' Weder kann ich mir vorstellen, wie viel eine Million Tonnen ist, noch weiß ich, wie dieser Wert ermittelt wurde.

Wenn man nun nach Rekordmassen von Eisbergen googelt (oder wie man vielleicht bald sagen wird: alphabetet), bekommt man gar Werte von 7 oder 10 Millionen Tonnen um die Ohren gehauen. Da wird einem schwindelig! Schwindelig wird einem auch, wenn man sich vorstellt, was passiert, wenn die Eiskolosse schmelzen – und das geschieht schneller, als man noch vor ein paar Jahren angenommen hat. Man könnte das so "gewonnene" Wasser freilich in der Lebensmittelproduktion einsetzen. Denn wie wir diese Woche im Spiegel lesen, braucht man z.B. für die Herstellung von einem Kilogramm Käse 5060 Liter Wasser, für 1 kg Rindfleisch werden gar 15.500 l benötigt. Auch diese Werte bringen das Hirn zum Wabern, sagen aber nicht allzu viel aus, denn meine Formulierungen "braucht" und "benötigt" meinen sowohl den tatsächlichen Wasserverbrauch als auch das Verdunsten und Verschmutzen von Wasser während der Lebensmittelherstellung. Um "virtuelles Wasser" geht es hier; und dessen Messung hat durchaus seine Grenzen ("Fails as an indicator of environmental harm nor does it provide any indication of whether water resources are being used within sustainable extraction limits." Wikipedia).

Halten wir einfach fest: Eisberge sind ganz schön schwer, und der Mensch verbraucht sehr viel Wasser. Zahlengeilheit bringt uns dabei auch nicht weiter.

Mittwoch, 15. Januar 2014

Wirklich, Spiegel?


"Spielen macht klug. Warum Computerspiele besser sind als ihr Ruf" ist das Titelthema des aktuellen Spiegel. Abgesehen davon, dass man mit dieser "Knaller-Aussage" im Jahr 2014 kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervorlocken dürfte: Welcher Teufel hat die Grafiker geritten, ausgerechnet die Schriftart von Grand Theft Auto zu verwenden – eine Spielereihe, die nun unter gar keinen Umständen in Kinderhände gehört und mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht klugheitsfördernd ist; eine Reihe, deren jüngster Vertreter theoretisch alle Kriterien für eine Indizierung, wenn nicht gar ein Verbot erfüllt, allen voran eine ausführliche Folterszene, bei welcher der Spieler umso reicher belohnt wird, je mehr Foltermethoden er ausprobiert; mithin ein Musterbeispiel für ein Game, das die ewiggestrigen "Killerspiele"-Rufer heranziehen würden, um ihre kruden Vorstellungen über moderne Videospiele zu zementieren (Da kriegt man ja fürs Töten Punkte! Asoziales Verhalten bleibt ungesühnt! Diese realistische und unreflektierte Darstellung von Gewalt und fragwürdigen Lebensstilen verroht unsere Jugend!) ... äh, wie fing der Satz an? Ein Gestaltungsfail erster Kajüte jedenfalls!


Update:
VideoGameTourism und Plassmag widmen sich dem Artikel ausführlicher.

Dienstag, 7. August 2012

Wie die Staaten heißen

Weil gerade die Olympischen Spiele stattfinden, hört und liest man überall die Namen der teilnehmenden Länder. Und weil ich schon in der Vergangenheit einige Zeilen über Ländernamen verfasst habe, nutze ich die Gelegenheit, diese hier zu recyceln, hihi.

Zur stundenlangen Lektüre lädt die Online-Dokumentesammlung des Ständigen Ausschusses für geographische Namen (StAfGN) ein. Besonders lohnend: die Liste der Staatennamen und ihrer Ableitungen im Deutschen. Journalisten und andere Personen, die es etwas angeht, finden darin empfohlene Schreibungen sämtlicher Ländernamen, wobei für jeden Staat eine Vollform (z.B. "Bundesrepublik Deutschland") und eine Kurzform ("Deutschland") aufgeführt ist. 
Hier sind ein paar erstaunliche Fakten:
  • Bolivien heißt offiziell "Plurinationaler Staat Bolivien" 
  • die Schreibung "Botswana" ist nicht mehr zulässig; es heißt "Botsuana" 
  • ein Dominicaner ist ein Einwohner von Dominica (Vollform: "Commonwealth Domenica"), ein Dominikaner ein Einwohner der Dominikanischen Republik 
  • auch erst gelernt: Der Staat Guyana wird anders geschrieben als das "Guayana" in "Französisch-Guayana" 
  • die Schweizer schreiben das Adjektiv "kapverdisch" zusammen, alle anderen Deutschsprachigen auseinander ("kap-verdisch")
  • Libyen sollte in der Kurzform "Libysch-Arabische Dschamahirija", in der Vollform "Sozialistische Libysch-Arabische Volks-Dschamahirija" genannt werden; zu Recht hält sich niemand daran 
  • Einwohner der Marshallinseln heißen Marshaller 
  • weder in Österreich noch in Deutschland sollte man von "Russland" oder "Russen" sprechen, nur von der "Russischen Föderation" und von "Einwohnern" derselben 
  • die Vollform von Uruguay lautet "Republik Östlich des Uruguay" 
  • die Vollform von Venezuela lautet "Bolivarische Republik Venezuela"
Quiz: Wie heißt das Land, dessen Hauptstadt Bischkek ist? Kirgistan (FAZ), Kirgisistan (heute.de) oder Kirgisien (Spiegel)?
Die meisten scheinen zu erster Variante zu tendieren, aber welche ist richtig? Wer ganz sicher gehen will, verwendet den offiziellen Namen "Kirgisische Republik"; die deutsche – nicht eineindeutige und daher schlechte – Transkription wäre Kyrgysstan, die genaue Transliteration ist Kyrgyzstan. Hier ist die iranische Endung -stan "Land" deutlich zu erkennen (evtl. stand mal ein Vokal zwischen dem z und dem s?). Kyrgyzstan ist somit das "Land der Kyrgyz" (was Kyrgyz bedeutet, ist anscheinend nicht ganz klar). Ich spreche mich also entschieden für den Namen Kirgisistan aus, wie es im Übrigen auch der StAfGN tut.
Natürlich befasst sich auch die gute Wikipedia mit dem Problem des Namens von Kirgisdings. Demnach enthalten die verschiedenen Benennungen "jeweils unterschiedliche politische Untertöne". Kirgisien wurde in der Sowjetzeit verwendet. Heißt das, dass die Leute vom Spiegel die Unabhängigkeit der GUS-Staaten nicht anerkennen?

PS: Neulich las ich, dass Bischkek, die Hauptstadt Kirgisistans, früher Frunse hieß. Frunse - was für ein putziger Name! Klingt wie direkt aus einem Dieter-Hallervorden-Sketch entsprungen: "Palim-palim, ich hätte gerne eine Frunse." – "Eine was?" – "Eine Frunnnnse!" Frunse könnte auch ein Fachbegriff aus dem Stellmacherhandwerk sein (die Knäpel über die Frunse pleißeln), ebenso könnte man sich "alte Frunse" als besonders derbes Schimpfwort für eine Hure vorstellen. Der wahre Hintergrund ist ernüchternd: Frunse hieß ein russischer Feldherr, nach dem noch eine Reihe weiterer, überwiegend ukrainischer, Städte benannt ist.

Donnerstag, 24. Juli 2008

Der Fremdwortcoup, der keiner war

"Spiegel online" staunt in einem Panorama-Artikel darüber, dass Pamela Anderson einen "Fremdwortcoup" hingelegt hat, indem sie den Ausdruck "dysfunktionale Familie" gebraucht hat. Im Deutschen wird das Wort dysfunktional in der Tat eher selten verwendet, nur ist es so, dass Frau Anderson amerikanisches Englisch spricht, und in den USA (und der restlichen englischsprachigen Welt) ist der Begriff dysfunctional family sogar eines Wikipedia-Artikels würdig.
Eine Analogie zu dem schreienden Spon-Nonsens ("Sponsens") wäre etwa: Paris Hilton benutzt den geläufigen englischen Ausdruck für "Geschlechtskrankheit", venereal disease, worauf sich ein deutschsprachiger Journalist wundert, woher die Trulla das komplizierte Wort "Venerealkrankheit" kennt.