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Samstag, 22. August 2026

Wort des Jahrzehnts

Als ich 40 wurde (und das ist nun auch schon fast fünf Jahre her, ächz!), war mir nicht klar, dass ich damit das Schwabenalter erreicht hatte. "A Schwôb wird erschd mit vierzich gscheid", heißt es in Schwaben, weswegen der Vierzigste dort einen ganz besonderen Ehrentag markiert. Das "Schwabenalter", das sogar im Duden steht und von Friedrich Rückert mit einem Gedicht bedacht wurde, basiert auf einer Jahrhunderte alten Volkscharakterisierung, die von modernen Schwäbinnen und Schwaben natürlich selbstbewusst und -ironisch reclaimed wird.

Nun bin ich ja kein Schwabe und sollte dem Klischee der spät einsetzenden Verständigkeit und Lebensweisheit also nicht entsprechen, doch nehme ich mich in manchen Aspekten durchaus als Spätzünder wahr. Mag ich heute auch über ein zufriedenstellendes Maß an Klugheit und Menschenkenntnis verfügen, so habe ich mir doch eine gewisse Kindlichkeit, wo nicht Kindischkeit bewahrt. Für die Ausübung eines seriösen Jobs, die Teilnahme an einem Krieg oder das Aufziehen von Nachwuchs bin ich jedenfalls viel zu unernst; ich let's-playe Super-Mario-Spiele, for cyring out loud! Richtig "g'scheit" werde ich, sollte in mir tatsächlich Schwaben-DNA schlummern, womöglich erst mit 50; diese alternative Reifedemarkationslinie taucht in einem Text des Berliners Friedrich Nicolai auf:

Gemächlichkeit, Zufriedenheit und Ruhe sowie eine gewisse Treuherzigkeit und ein unbefangenes Wesen, ... das selbst nichts von Arglist hat und sie bei anderen auch nicht vermuthet. Dies habe dazu geführt, dass ein Schwabe seinen Vortheil nicht genau wahrnahm. Das aber habe man den Schwaben als Dummheit ausgelegt. Und deswegen bedeute das allgemein bekannte Sprüchwort, wonach die Schwaben erst im fünfzigsten (!) Jahre klug werden, keine späte Entwicklung der Verstandeskräfte, sondern deren spätere Anwendung im gemeinen Leben. (zit. n. schwaebisch-schwaetza.de)

Donnerstag, 10. April 2025

Betr.: Wetter, Kreuzwortambiguität, Manisches, No Limit

Diese Woche ist wieder Wüstenklima in dem Sinne, dass – um altmodisches Wetterfroschsprech zu bemühen – das Quecksilber tagsüber auf sommerliche Werte klettert, während sich die Nächte derart abkühlen, dass man vergessen könnte, dass wir uns im Frühling befinden. Besonders raderdoll geht's im Alpenvorland zu. Ich blicke auf die Titelseite der Süddeutschen Zeitung und sehe für München die Vorhersage "tags 23° / nachts -6°". Warum nicht gleich tags 40 Grad und nachts minus 20?

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Seit Jahren rege ich mich über Uneindeutigkeiten im Kreuzworträtsel auf. Wenn nach einem Personalpronomen im Dativ mit drei Buchstaben gefragt ist und der erste Buchstabe sich nicht mit einer anderen Lösung kreuzt, ist es mir relativ egal, ob nach "mir" oder "dir" gefragt wurde. Fälle wie dieser machen mich jedoch fuchsig:

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Der Tagespresse entnehme ich, dass das in Hessen heimische Manische neuerdings zum Weltkulturerbe zählt. Die mal als Geheimsprache, mal als Dia-, mal als Soziolekt eingestufte Variante des Rotwelsch wird nur noch von wenigen Menschen in Gießen gesprochen. Die Gießener Allgemeine gibt eine kompakte Einführung.

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Möglicherweise gibt es derlei in Deutschland schon seit einer Weile, mir ist aber erst vor wenigen Tagen zum ersten Mal eine Werbung dafür begegnet: Mobildatentarife mit unendlichem Volumen. Aldi Talk bietet "ab 9,99 € pro 4 Wochen" einen vertraglosen Tarif an, der zwar mit 5 GB als Grundguthaben startet, aber unbegrenztes Nachbuchen inkludiert. "Endlich unendlich" stand über der Anzeige in der Bild. Das ist keine Werbung meinerseits, ich möchte nur festhalten, dass diese Art mobiler Datenbereitstellung, die ich bisher nur aus dem fortschrittlichen Ausland kannte, sich allmählich weltweit durchzusetzen scheint. Mich persönlich spricht die Offerte nicht an. Mein gegenwärtiger Tarif enthält, glaube ich, 3 Gigabyte, von denen ich allmonatlich kaum zwei Drittel verbrauche.

Donnerstag, 10. Oktober 2024

Ich und du und ees und alle

Auf einer Südtiroler Alm schlug ich eine Speisekarte auf und fand darin etwas vor, das mir als historisch-vergleichenden Sprachwissenschaftler das Herz höher schlagen ließ:


enk heißt "euch", hatte aber ursprünglich die Bedeutung "euch beide" und fiel somit in die Numeruskategorie Dual. Zur Auffrischung: Singular = Einzahl ("du"), Plural = Mehrzahl ("ihr"). Mit Letzterem ist der indogermanische Dual, die Zweizahl, zusammengefallen – in manchen Einzelsprachen früher, in manchen später. (Einige nicht-indogermanische Sprachen kannten bzw. kennen sogar einen Trial.)

Dass dieses grammatische Kuriosum in meinem Hirn präsent war, verdankte ich einem Zufall: Als ich im Juli den Blogbeitrag "What's that(')s?" schrieb, konsultierte ich die Mittelhochdeutsche Grammatik von Helmut de Boor und Roswitha Wisniewski (Berlin 1956), las mich darin fest und entdeckte im Kapitel über das Pronomen diesen Absatz (§ 93.3):
Alte Dualformen, die Pluralbedeutung angenommen haben, finden sich im Bairisch-Österreichischen des 14./15. Jhs. (2. Pl.Nom. ëʒ, Dat.Akk. ënc).
Ergänze: "... und bis ins 21. Jh. hinein"! Was ich übrigens nicht erst seit dem entzückenden Berghüttenfund weiß; mein in München teilsozialisierter Kollege Moritz Hürtgen klärte mich schon vor Jahren darüber auf, dass dort bisweilen die Form es (mit langem e) als Alternative zu "ihr" zu hören ist. Bestimmt war mir dieses Relikt auch schon im Studium begegnet. Und weil Gevatter Zufall gern doppelt, sozusagen dual, zuschlägt, widmet sich auch ein Punkt der 13. Fragerunde des "Atlas zur deutschen Alltagssprache" dem bairischen Spezialpronomen. Hier kann man sehen, wo "ees/es/ös" noch verwendet wird:

Sonntag, 8. September 2024

Und was sagst du so?

Ich sehe es als meine Pflicht an, wie ich es im Januar 2012 (!) zum ersten Mal getan habe, darauf hinzuweisen, dass eine neue Erhebungsrunde im "Atlas zur Deutschen Alltagssprache" gestartet ist bzw. hat, Nr. 14 inzwischen. Diesmal bin ich besonders entzückt, wird doch nicht nur auf meine Anregung hin erörtert, wie verbreitet die Formulierung "alles dreis" ist, auch geht es in einem Punkt (zufällig direkt darunter) um die dialektologisch nur peripher bedeutsame Frage nach der Zubereitung von Kartoffelsalat – ein Streitthema, das ich in einer meiner letzten Titanic-Newsletter-Kolumnen berührte.

Außerdem sind die Ergebnisse der 13. Runde da! 

Samstag, 15. Oktober 2022

Bockch auf Bildung

Vor kurzem fiel mir die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik (Band 89) in die Hände. 'Was man so alles erforschen kann!', dachte ich mit Blick auf den Aufmacherbeitrag von Andrin Büchler et al.:


Wer sich unter "k-Affrizierung" nichts vorstellen kann: Das ist das schweizerdeutsche Phänomen, in der gesprochenen Sprache Silben auf -k einen Hintergaumen-Reibelaut anzuhängen, also "Glückch", "Sackch" usw. zu sagen. Aus Zeitgründen habe ich den Artikel nur überflogen, hier ist ein Teil der Zusammenfassung:


Ich will nicht angeben, aber ich hätte durch bloßes Nachdenken ähnliche Schlüsse gezogen. Mit bloßem Nachdenken betreibt man jedoch keine Wissenschaft, sondern mit Empirie! Ein Sample von 16 Gewährspersonen ist natürlich nicht besonders aussagekräftig, aber es wird im Fazit angekündigt, noch weitere Untersuchungen folgen zu lassen.

Meine private (nicht ganz ernst gemeinte) Theorie zur Berner -k-Aussprache ist ja, dass diese vom jahrelangen Toblerone-Konsum herrührt: Der harte Gaumen (Palatum) wird durch die Schokodreiecke zerstört und artikulatorisch unbrauchbar gemacht, so dass sich alles nach hinten verschiebt.

Donnerstag, 26. Mai 2022

Das Unsagbare (2)

Nach der gestrigen Vorrede ist es nun heute an der Zeit, zwei "Sprachmacken" vorzustellen, die mir persönlich kein Stück beanstandenswert erscheinen, andere aber irritieren (könnten).

Erstens: Wie sage ich verkürzt "eine Sache", wie zu zwei Sachen, drei, vier, n Dingen? Ganz einfach: "ein was", "zwei was" usf. Völlig logischer, geläufiger und richtiger Satz: "Ein was will ich noch klarstellen." Oder: "Wir brauchen noch zwei was." So hat man im Freundeskreis und in der Familie geredet. Wozu "zwei Dinge" sagen, wenn man mit einem handlichen Indefinitpronomen eine ganze Silbe sparen kann? Vor wenigen Jahren geschah es dann, dass mir eine solche Formulierung in einem Text, den ich im Rahmen redaktioneller Tätigkeit verfasste, angekreidet wurde. Da dachte ich zum ersten Mal darüber nach und lernte, dass ein was et al. (auch zusammengeschrieben möglich) nur in einem eng begrenzten Gebiet innerhalb des deutschen Sprachraums üblich ist. Dank dem "Atlas zur deutschen Alltagssprache" (zu dessen Anwachsen beizutragen ich allen ans Herz legen möchte) wissen wir seit kurzem auch, wo genau. Jetzt spreche ich gelegentlich Bekannte auf die Phrase ein was an und stoße damit zuverlässig auf Erheiterung, Verwunderung, Unverständnis oder alles dreis.

"Alles dreis"? Ganz genau. Das ist die zweite Eigentümlichkeit, die ich überhaupt nicht als Eigentümlichkeit begreife. Wie soll man denn, analog zu alles beides, sonst sagen, wenn man sich auf drei von drei Alternativen bezieht und das, sozusagen als Kollektivum, singularisch ausdrücken möchte? "Alles drei" hört sich in meinen Ohren schlicht falsch an; ich verstehe aber, dass die Variante mit -s jene verstören könnte, die von woanders herkommen als ich. Die konkrete regionale Verbreitung hat der AdA noch nicht untersucht; ich werde den Verantwortlichen gleich mal eine entsprechende Erhebung vorschlagen. Vermutlich ist die Bevorzugung von "alles dreis" vor allem im thüringisch-obersächsischen Dialektraum auszumachen. Als Indiz lässt sich eine Stelle in Band 1 der Geschichte Sachsens bis auf die neuesten Zeiten (1826) des in Thüringen gewirkt habenden Historikers Ferdinand Wachter anführen: "wenn wir nun alles dreis zusammen halten". Auch Nietzsche (im Kreis Merseburg geboren, in Naumburg groß geworden) schreibt in einem Brief: "Jacke, Hose, Weste, für alles dreis: 12 1/2 Silbergroschen". Über Google Books findet man gleich zwei einschlägige Zitate Theodor Fontanes, der allerdings bekanntermaßen weiter nördlich aufgewachsen ist: "jeder Zoll ein Ludwig, ein Posa, ein Uriel Acosta, was alles dreis dasselbe bedeutet" (Gesamtausgabe Werke, Schriften und Briefe, Einzelwerk nicht ermittelbar); "Und ich bin eigentlich alles dreis" (L'adultera).

Sonntag, 10. Mai 2020

Von Schottland nach Oberrad

Ich habe mir kürzlich vorgenommen, mal einen Blick in das unbekanntere Werk Arthur Conan Doyles (also alles abseits von Sherlock Holmes) zu werfen, und lud mir den Roman "Das Geheimnis von Cloomber-Hall" aufs Kindle. Kostet ja nix. Darin stieß ich heute auf folgende wörtliche Rede: "Meistenteils bin ich besoffen gewesen. Sowie ich meine Pension erhalte, lege ich das Geld in Schnaps an, und so lange wie der aushält, habe ich etwas Ruhe. Wenn's alle ist, verlege ich mich aufs Fechten; teilweise um Geld zum Saufen zu erbetteln, teilweise – um Sie zu suchen."
Hihi, dachte ich, da wurde offenbar das englische fencing, was neben "Fechten" auch "Hehlerei" bedeuten kann, falsch übersetzt! Ich postete diesen Fund auf Twitter und erhielt kurz darauf folgenden Kommentar dazu: "In 'Abenteuer des Schienenstrangs' spricht Jack London auch von 'fechten gehen', wenn er betteln meint. Er bzw. der Übersetzer." Das machte mich stutzig. Ich rief "fechten" auf der Duden-Seite auf, und siehe da! Neben der Kampfsportart kann das Verb "umgangssprachlich veraltend" auch dies meinen: "[von Tür zu Tür, Haus zu Haus o. Ä. gehen und] betteln". Zur Herkunft heißt es: "rotwelsch (17. Jahrhundert), nach den wandernden Handwerksburschen, die für Geld ihre Fechtkünste zeigten". Wenig später stand ich gleich doppelt als Esel da, als ein weiterer User anmerkte, dass im Original gar nicht von fencing die Rede ist: "When I draw my money I lay it out in liquor, and as long as that lasts I get some peace in life. When I'm cleaned out I go upon tramp, partly in the hope of picking up the price of a dram, and partly in order to look for you" (Kursivsetzung von mir).

Es lohnt sich jedenfalls, ungewohnten Formulierungen, gerade in älteren Werken, nachzuspüren. Ins Leere führte meine kurze Recherche zu einer anderen kuriosen Formulierung in "Cloomber-Hall", nämlich "Wir sind keine Klutentrampler, wenn wir auch in dieser abgelegenen Gegend leben." Im Quelltext steht das nicht minder ominöse clodhoppers, was so viel wie "Bauerntölpel" bedeutet (dict.cc). Was aber sind "Klutentrampler" im ursprünglichen Sinne? Könnte es sich um ein altes Amt im Agrarbereich handeln (clod heißt u.a. "Ackerscholle")? Franz Dornseiffs wissenschaftliches Buch Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen (de Gruyter 2013) reiht "Klutentrampler" neben "Knollenfink" und "Stoppelhopser" in der Abteilung "Pflanzenanbau" als "Verwalter" ein. Die sehr wenigen anderen Google-Treffer führen in den westdeutsch-niederländischen Raum und lassen darauf schließen, dass "Klutentrampler" tatsächlich einfach ein Pejorativ à la "Bauerntrampel" ist.
Die Assoziation mit der landwirtschaftlichen Amtsbezeichnung hatte ich, weil mir kurz vorher in Dürrenmatts "Der Richter und sein Henker" (s. Eintrag vom 1.5.2020) das Wort "Bannwart" untergekommen war. Zu diesem Beruf weiß das Netz einiges. "Bannwart ist die im alemannischen Sprachraum verbreitete Bezeichnung für einen Flur-, Wald- oder Rebhüter, also eine offizielle Aufsichtsperson im ländlichen Bereich." (Wikipedia) In vielen deutschsprachigen Gebieten kannte und kennt man Personen in vergleichbaren Positionen, den "Feldhüter" etwa, den "Pfänder", den "Büttel" oder den "Feldschützen". Der Feldschütz war nie wirklich weg – und erlebt gerade in Hessen immer wieder Comebacks. "CDU und Bündnis90/Grüne haben einen gemeinsamen Antrag vorgelegt, der die Einführung des Ehrenamtes des 'Feldschütz' für die Bruchköbeler Gemarkung vorsieht", heißt es in einer Mitteilung von 2007. In Dreieich ist seit 2017 ein Feldschütz unter anderem Umweltsündern auf der Spur. Andere Bundesländer leisten sich eine "Feldstreife", die auf sommerlicher Flur Obstdiebstähle unterbinden soll.
Die jüngste Erwähnung eines Feldschützen in den Medien meiner Region ist gerade mal zwei Tage alt und hat mit der aktuellen Pandemie zu tun. Auf den Feldern des Frankfurter Stadtteils Oberrad (wo die Kräuter für die Grüne Soße angebaut werden) "ist die Hölle los", zitiert die FNP einen Kräutergärtner und fordert: "Ein Feldschütz wird auf den Feldern von Oberrad dringend gebraucht – was schon seit Jahren sonnenklar ist, ist in der Corona-Krise nochmals deutlich geworden. [...] Viele Frankfurter, die wegen der Krise tagsüber in ihrem Heimat-Stadtteil Oberrad blieben, nutzten derzeit die Felder als Naherholungsgebiet." Es kann also sein, dass das schöne (Ehren-)Amt des Schweizer Bannwarts, bzw. seiner hiesigen Entsprechung, schon bald wieder installiert wird, um Kerbel-, Borretsch- und sonstige Trampler fernzuhalten.

Dienstag, 19. Januar 2016

Krotzverhalten

Ich hätte nicht gedacht, dass ich doch noch auf das abgedroschene Thema "deutsche Dialektwörter für das Apfelgehäuse" kommen würde, aber es ist wohl unvermeidlich. Nicht bekannt war mir noch bis vor zwei Tagen das Wort "Apfelkrotzen". "Krotzen" sagt man wohl in Südhessen und im moselfränkischen Gebiet. Ich könnte ja die in Frankfurt lebende Übersetzerin des Buches "Het Diner", Heike Baryga, fragen, wo sie diesen Ausdruck kennengelernt hat. In jenem Roman Herman Kochs nämlich, genauer: in der deutschen Übersetzung (Kiepenheuer & Witsch 2010) bin ich erstmals auf "Apfelkrotzen" gestoßen (über dessen Albernheit ich kein Urteil fällen mag (Ich meine, ich persönlich nenne das Kerngehäuse "Apfelkrieps" (bzw. "-kriebsch").)). Leider konnte ich nicht herausfinden, welches Wort in der niederländischen Originalversion steht.

So. Dieser kurze pomolinguistische Exkurs war lediglich ein Anlauf zu der ausdrücklichen Empfehlung des Buches ("Angerichtet"). Es erinnert an die Filme "Der Gott des Gemetzels" und "Der Vorname", überrascht aber nach anfänglicher Situationskomik mit tragischen Abgründen und liest sich – eben auch dank der formidablen Übersetzung – flott weg. Ich bin froh, dass ich mit der Lektüre noch nicht fertig bin, sonst würde ich mich wieder dazu hinreißen lassen, der Etymologie von Krotzen auf den Grund zu gehen, und am Ende sind zwei Stunden für das Verfassen eines Blogeintrags draufgegangen, der sowieso niemanden außer mich selbst interessiert. Stattdessen lese ich das Buch jetzt zu Ende. Halt, nein! Zuerst esse ich einen Apfel.

Mittwoch, 18. September 2013

Betr.: Netzware, vorauseilender Gehorsam, StVO-Deutsch, Toulouse

Jetzt kommt ein guter Grund dafür, Obst und Gemüse stets auf dem Wochenmarkt zu holen. Beispiel Knoblauch: Im Supermarkt wird Knoblauch meist nur in Netzen zu je drei Knollen angeboten. Drei Knollen! Dabei braucht man für eine Kochsession i.d.R. nicht mehr als zwei Zehen. Am Ende nutzt man höchstens eine Knolle, den Rest schmeißt man weg, weil er schon Triebe angesetzt hat. Ähnlich ist's mit Kartoffeln. Bei Rewe zum Beispiel gibt es 2,5-Kilo-Säcke. Hackt's?! Also: immer alles lose kaufen.

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In dem Mehrfamilienhaus, in dem ich wohne, sah ich eine nicht an mich adressierte Büchersendung liegen. Auf die hatte der Absender geschrieben: "Darf zu Prüfzwecken durch die Post geöffnet werden." Das ist laut Postwebseite in Ordnung, wenn das Buch in einer weiteren Packung verpackt ist. Ich frage mich nur, was das für ekelhafte Menschen sind, die für solche Schnüffeleien ihr Einverständnis geben. 'Meine Pakete wurden in der DDR 40 Jahre lang durchsucht oder gar konfisziert, ich habe keine Probleme damit, dass die Post erfährt, was ich verschicke – auch wenn es etwas Peinliches ist, denn ich bin ja nicht der Empfänger, hähä!', denken solche "feinen" "Bürger" wahrscheinlich.

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Hinweisschild an einer Straße: "Rad- und Gehbahn nicht durchgängig". Ja, klar. Jeder normale Mensch sagt "Fußweg" und "Radweg", aber die Amtssprache, deren Eindeutigkeit ich normalerweise befürworte, muss sich wieder hervorheben. Gehbahn, Radbahn – ich könnte kotzen!

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Damit ich heute nicht nur am Granteln bin, zum Abschluss noch etwas Ulkiges. Vor gut einem Jahr ging die Geschichte einer Frau aus Sachsen durch die Medien, die nach Porto reisen wollte, was von der Reisebüro-Mitarbeiterin allerdings als "Bordeaux" verstanden und auch so gebucht wurde. Klingt fast zu irre, um wahr zu sein, ist aber passiert. Ich warte nun darauf, dass dieselbe Dame mündlich einen Flug nach Toulouse bucht, am Ende aber in Duluth landet. Hihi.

Mittwoch, 14. August 2013

Das unschöne Zitat

"Das thür. Substantiv Flomen bedeutet 'Schmer, Schmerstollen'. Der Schmerstollen ist ein aus der Bauchwand des Schweines gelöster, enthäuteter und in länglicher Form zusammengerollter Schmerklumpen (andere Synonyme im Thüringischen: (Fett-)Blume, (Schmer-)Brot, Fettpflaume, Fettwecke, (Schmer-)Laib, Niere(nschmer), Schmerklumpen, Schmerlappen, Schmerlasche, Schmerrolle, (Schmer-)Wecken, Schmerwurst, Stollen ...)".

--- Sergio Neri, Sabine Ziegler (2012): »Horde Nöss«. Etymologische Studien zu den Thüringer Dialekten. Bremen: Hempen.

Mittwoch, 29. August 2012

Huckleberry FinnCrisp und die Hexe

FinnCrisp esse ich gerne. Ich habe sogar einmal eine StudiVZ-Gruppe (kennt das noch wer?) zu FinnCrisp gegründet. Heute habe ich mir die Packung des Kultknäckebrotes einmal genauer angesehen. Ich bilde mir ein, dass sich das Design irgendwann in den letzten Jahren geändert hat, kann mich aber auch irren. Ansprechend ist es allemal.

Wenn man nach "FinnCrisp" + "Packung" googelt, findet man allerdings auch Unerfreuliches:
"Mehrere unserer Leser waren richtig enttäuscht, als sie für eine herzhafte Pause das Knäckebrot Finn Crisp Multigrain auspackten. In der Packung waren nicht wie früher 200 Gramm, sondern nur noch 175. Der Preis von 1,20 Euro und die Verpackungsgröße aber waren gleich geblieben", monierte die Stiftung Warentest 2010. Ich will nicht meckern, denn ich finde, man bekommt immer noch viel geboten für das Geld.

 
Wirft man einen Blick auf die Packungsrückseite, sieht man Serviervorschläge, die gar nicht so abwegig sind, wie man es ansonsten gewohnt ist, wobei mir unklar ist, wie man die nicht eben weichen Scheiben rollen soll (2. Bild v.l.). Stutzig macht einen auch der unter dem Logo angebrachte Slogan: "Bursting with Goodness" heißt er auf Englisch, so ähnlich auch auf Schwedisch. Der deutsche Spruch hingegen lautet nicht "Berstend vor Gutheit", sondern "Natürlich genießen". Schwamm drüber.

Beim Nachdenken über das Thema Knusprigkeit ist mir einer der bizarrsten Reime der deutschen Sprache eingefallen: "Knusper, knusper, Knäuschen, wer knabbert an mei'm Häuschen?" Das fragt die Hexe die beiden Kinder Hänsel und Gretel in dem Märchen "Hänsel und Gretel". Knäuschen - das haben die Grimms doch nur erfunden, damit man etwas hat, das sich auf "Häuschen" reimt. ... hab' ich gedacht! Im Grimmschen Wörterbuch findet man aber des Rätsels Lösung, i.e. die Bedeutung von Knaus, dessen Verkleinerungsform Knäuschen offensichtlich ist:

m. ein alem. wort, das weitere s. unter knaust.
1) schwäb. knopfichter ansatz am brotlaibe, da wo er angeschnitten wird, der anschnitt. Schmid 319, Schm. 2, 376, schon bei Frischlin nom. c. 127 pusula, knausz (am brote). dem. knäusle, s. Meier kinderr. s. 25. 78. ebenso vielleicht in einem hessischen märchen kneischen (: häuschen) kinderm. nr. 15 (s. u. knupern).

Knaus ist also nur eines der ca. 10 Millionen deutschen Wörter für den Brotkanten (in meiner Herkunftsgegend sagt man "Ränftel"). Insofern ist der Hexenreim einigermaßen sinnvoll, auch wenn die eigenwillige Behausung aus Pfefferkuchen besteht und nicht aus Brot. Geschweige denn aus FinnCrisp. Und jetzt lasst uns alle diskutieren, wie ihr das Randstück vom Brotlaib nennt!

Dienstag, 17. Januar 2012

In uneigener Sache

Der Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Augsburg führt seit 2003 Online-Erhebungen für einen "Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA)" durch. Soeben ist die nunmehr 9. Runde gestartet, und ich möchte alle Leserinnen und Leser ermuntern, 20 Minuten ihrer Zeit für diese Umfrage zu opfern. Das macht Spaß und ist interessant, zumal es diesmal um "Dialekt-Klassiker" wie das Brathähnchen und die Voranstellung von Artikeln bei Personennamen geht.
Hier ist der Link.
Man beachte auch die Sprachkarten, die aufgrund der zuvor durchgeführten Befragungen erstellt wurden (Links links).