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Montag, 9. März 2026

Ist das schon Feminismus?

Der Tageskalenderblättchenhumorbeobachtung hatte ich vor einigen Jahren abgeschworen, aber da schon mit meiner gestrigen Knabbergebäck-Empfehlung ein Retro-Fässchen aufgemacht wurde und zudem gerade der Internationale Frauentag begangen wurde, bietet sich ein Blick auf das Blatt vom 6. März an:


Das ist nicht mehr mein Abreißkalender – nicht nur formal, sondern auch inhaltlich! Früher noch: Hausdrachen-, Schürzenjäger- und Weiber-können-nicht-Auto-fahren-Witze (und mit "früher" meine ich z.B. 2022, 2019, 2017 und 2013), heute so was. Das ist ja Sexismus gegen Männer!!!

Mittwoch, 28. Januar 2026

Nichts hält mehr

Ich muss in der sechsten Klasse gewesen sein, als in meinem Freundeskreis eine Audiokassette die Runde machte. Mitschüler Stefan P. hatte sie von seinem Bruder geliehen bekommen, der sie wiederum von einer CD überspielt hatte. Es handelte sich um das Album "Diwodaso" des hessischen Komikerduos Badesalz.

Bald hatte jeder von uns circa fünf Jungs eine eigene Kopie angefertigt und hörte sie immer und immer wieder an. Nach nur wenigen Tagen konnten wir die Sketche halb auswendig, wir warfen einander Zitate um die Ohren, stimmten die Lieder an und versuchten gemeinsam die rätselhaftesten Stellen zu interpretieren. Denn vieles blieb uns – was einen Teil der Faszination ausmachte – unverständlich: teils weil wir zu jung für die erwachseneren Späße waren, teils weil der Dialekt uns fremd war, und natürlich findet sich im badesalzschen Œuvre das ein oder andere bewusst sinnverweigernde Stück Antihumor, was zumindest mir erst viel später klar werden sollte. Wir erfuhren irgendwann, dass "Diwodaso" bereits die dritte LP von Badesalz war, und konnten es kaum abwarten, dass Stefan P. uns mit Hilfe seines Bruders schnellstmöglich die Vorgänger beschaffte. Was dann auch geschah; groß war unsere Freude, dass sich "Nicht ohne meinen Pappa" und "Och Joh" als nicht minder komisch denn "Diwodaso" erwiesen. Unzählige Zeilen und Sprüche wurden zu geflügelten Worten: "Der Lambada!", "Sechsmakkfuffzisch", "Fresse da vorne!", "Des is e ganz anner Teschnik", "Rrrrippchen mit Kraut", "Bist du braun!", "Herr Müller ...", "Und tschüss!" Wir waren längst süchtig, als 1995 mit "Zarte Metzger" ein neues, abermals insta zum Kult werdendes Album erschien. Und nicht nur das: Gesegnet wurden wir mit einer nächtlichen ARD-Wiederholung der Reihe "Och Joh", in der wir Henni Nachtsheim und Gerd Knebel erstmals sehen konnten. In den folgenden Jahren wuchs die Bekanntheit des ohnehin über die Grenzen Hessens hinaus beliebten Duos verdientermaßen noch weiter: Dem abendfüllenden Film "Abbuzze!", den ich mit meinem Bruder tränenlachend im Kino sah, folgten Gastauftritte in der "Wochenshow" und im "Quatsch Comedy Club" sowie um die Jahrtausendwende herum, auf dem Höhepunkt der gewiss nicht durchweg glanzvollen Comedywelle, eine eigene Sat.1-Sketchshow, von der ich vermutlich noch VHS-Mitschnitte auf dem Dachboden rumliegen habe.

Ja, es wäre nicht übertrieben zu behaupten, dass Badesalz mich geprägt haben. Dass Gerd Knebel jetzt mit 72 Jahren gestorben ist, halte ich für eine riesige Ungerechtigkeit. Da könnt isch grad verrückt wer'n!

Mittwoch, 10. Dezember 2025

Surely you can't be serious!

Wer die kürzlich von mir präsentierte Liste von Monin-Sorten mit 98 Items schon für too much hielt, wird erst recht überfordert sein von dem, was das Magazin Variety letzten Monat auf ihr Publikum losließ und mit dem zu befassen ich erst jetzt die Zeit gefunden habe: "The 100 Best Comedy Movies of All Time".

Nun sind Film-, Serien- oder Videospiel-Bestenlisten von Haus aus kontrovers, oft ist das von den auf Aufmerksamkeit und engagement spekulierenden (Online-)Medien auch so gewollt. Beim Durchgehen des Variety-Rankings sieht man aber wieder einmal, dass sich über nichts so trefflich streiten lässt wie über Humor. Das soll jetzt hier nicht der zu erwartende Kommentar à la "Wieso ist XYZ nicht in dieser Liste, und warum ist ABC so weit hinten?!" werden (wobei: "Anchorman" auf Platz 88? Skandalös!); wer auf solche Kommentare Bock hat, findet sie zuhauf unter jenem Variety-Beitrag. Nein, mir geht es darum, grundsätzliche Unzulänglichkeiten darin aufzuzeigen.

Es fängt ja schon mit der Frage an, wie weit man den Begriff der Komödie fassen will. Diese Top-100 subsumiert darunter offensichtlich jeden Film, der irgendein komisches Element enthält, so dass sich auch Vertreter darin finden, die nach meinem Verständnis ganz und gar un-komödiantisch sind: Den Thriller "Fargo" würde ich ja noch als "schwarze Komödie" durchgehen lassen, aber "Everything Everywhere All at Once" ist für mich bei allem "absurdist slapstick" zuvörderst ein Actionfilm mit SciFi-/Fantasy-Elementen, genau so wie "The Princess Bride" ein – zugegeben subversives und mit ulkigen Sprüchen garniertes – Märchen ist. Geht "Ed Wood" als Komödie durch, nur weil sie auf (tragi-)komische Weise von einem Macher alberner Z-Movies erzählt (und damit, wie es im Artikel heißt, ein eigenständiges Genre begründet: "biopics about people you don’t make biopics about")? Und bei "Withnail & I", über den ich einst schrieb: "Ich schwör's, ich bin seit 'Trainspotting' nicht solchem Abfuck ausgesetzt worden", steige ich dann endgültig aus. Dieses fast willkürlich erscheinende Zusammenwürfeln verblüfft umso mehr, als die Nummer 1 ein Spielfilm ist, bei dem tatsächlich die reine Pointe, der pure Gag, der Witz um des Witzes willen, im Mittelpunkt steht: "Die Nackte Kanone".

Ich muss weitermosern: Wie haben es zwei Stand-up-Specials in die Sammlung geschafft, aber kein einziger Animationsfilm? Enttäuschend ist auch die Bandbreite der Herkunftsländer der Filmauswahl. Bis auf wenige britische und französische Ausnahmen werden ausschließlich US-amerikanische Produktionen vorgestellt. Fragt mal einen beliebigen Deutschen meiner Generation nach dem Lustigsten, was er als Kind gesehen hat, und er wird Namen wie Bud Spencer, Terence Hill, Louis de Funès, Jackie Chan, Adriano Celentano oder "Olsenbande" in den Ring werfen. Dass kein Werk aus Deutschland vertreten ist: geschenkt.

Nützlich ist das Ranking allemal, hat es mich doch auf den ein oder anderen Kandidaten für meine Watchlist gestoßen. Bleibt die Frage, wie viele der aufgeführten "Comedys" ich schon kenne. Darauf antworte ich gern. Vorab: Ich lasse nur die gelten, die ich geplant und bewusst angeschaut habe. Nicht mitgezählt habe ich Streifen, bei denen ich garantiert schon mal nach dem Reinzappen hängen geblieben bin, als sie im Fernsehen liefen, etwa "Caddyshack", "Mrs. Doubtfire", "Big" oder "Der Teufel trägt Prada". Nach dieser Regel komme ich auf 32, also knapp ein Drittel. Das ist okay, aber es besteht Nachholbedarf.

Sonntag, 6. Juli 2025

Mehr als ein Carr-iereratgeber

Das hätte ich auch nicht gedacht: dass ich mal freiwillig ein self-help book aufschlagen würde. Aber wenn es von Jimmy Carr kommt, dessen Treiben ich seit über 20 Jahren verfolge (in Amsterdam habe ich ihn sogar live gesehen) und dessen Humor-Abhandlung "Only Joking" (2006, mit Lucy Greeves) bei mir im Bücherregal steht, dann muss ich es lesen. Zufällig wartete es im Bereich "Fremdsprachige Literatur" der Frankfurter Zentralbibliothek darauf, von mir mitgenommen zu werden.


Es liest sich bei aller (überraschenden) Aufrichtigkeit und Feinfühligkeit wirklich launig, zumal der Autor nicht darauf verzichtet, Biographisches (inkl. seinen Ärger mit dem Finanzamt) einzuflechten und mit erhellenden Einsichten in die britische Comedy-Szene unterhält (u.a. gibt es einen ganzen Abschnitt über das Edinburgh Fringe). Und ich konnte so einiges für mich persönlich "mitnehmen". Hier sind ein paar Worte übers Scheitern, das Lernen aus Fehlern und die Power des Ausprobierens:
Be bad. Be gloriously and ridiculously bad. Stink up the place.
Have the courage and the conviction of your suckiness. Failure is incredibly freeing, unless you're an escapologist.
Being wrong reminds you that nobody, and I mean nobody, is wholly right. I mean, even David Bowie was in Tin Machine. Getting stuff wrong, and acknowledging that, frees you from being defensive. And being defensive is the quickest way to shut down creativity.
Being wrong is hard – I mean being totally wrong, 100 per cent wrong. It's hard to get stuff perfect and it's hard to fuck up perfectly. But it's pretty easy to get stuff half right. And when you have something half right, then you have a draft, you've filled the blank page. You've got something to work on. Getting it wrong is how you'll defeat procrastination.

... über Kreativität und wie der Begriff heutzutage missverstanden, verwässert und verengt wird:

When we talk about creatives, we have a tendency to think about musicians or artists, we think about people who produce something called 'art' as if it should be reserved for museums and galleries, and only practised by a very few, special people. We put creativity over there and everything else is 'serious business'. Seriously? Fuck that. So dumb. So elitist.
I say this because, before Shell, I worked in advertising. [...] I worked alongside 'the creatives' who did creative stuff: copywriters and graphic designers. It's the dumbest thing. In a company of 200 people, thirty of them were labelled 'creative', as if the rest of us shouldn't even think about doing anything imaginative. We had been put in our place: 'Don't you lot go about having ideas. We've got ideas covered.'
Creativity is not a special thing in a special box in a special room. It's crazy thinking because any business does better if it's open to creativity. Any work can be creative. Architects are creative, as are gardeners, chefs, strippers, cab drivers, nurses, accountants (accountants can be incredibly creative, let me tell you). It's not about what you do, it's how you do it, that's what makes your job creative. [...]
Sometimes the word 'creative' is a problem. If the term is too hippyish for you there are other words available: try 'productive' or 'inventive'.

Und das hier könnte 1:1 von mir stammen:

[...] anxiety is a constant hum in my life.
I look at it this way: yes, I have the lows of anxiety, but I also have the highs of creativity.
Anxiety is the flip side of creativity it's a gift. A gut-wrenching, pain-in-the-arse, nightmare gift. But it's the thought that counts. If you're suffering with anxiety, great news: you're a creative person.
The downside to a creative mind is that it's always on. Anxiety: it's your creativity with nothing to do. Give your creative mind something to do or it'll drive you crazy.
When I'm feeling anxious, I try and refocus my anxiety on something positive, I try to give my mind something to do other than worry. Start simple. Do anagrams, solve a puzzle, anything that gets your mind going.

Das Buch ist auch deshalb so gut konsumierbar, weil es in kurze, knackige Kapitel und Unterkapitel gegliedert ist, denen zudem geistreiche, aufschreibenswerte, meist witzige Zitate vorangestellt sind.

Freitag, 6. September 2024

Albernes zum Wochenschluss

HISTORIKERSTIMME
Historiker wie ich sind sich einig: Die TV-Comedywelle in Westdeutschland begann nicht erst 1984 mit der legendären öffentlich-rechtlichen Sendung “Sketchup”, sondern mit der von Radio Bremen produzierten “Rudis Tagesshow”. Oder mit der “Otto-Show” in den Siebzigern ... Trotzdem soll es heute um “Sketchup” gehen. Diether Krebs, der im Duett mit Beatrice Richter und später mit Iris Berben - (laut und übertrieben betont) die übrigens heute noch sehr attraktiv ist! - als trotteliger Stoffel und stieseliger Trampel brillierte, ist unvergesslich und unvergessen. Hören wir doch mal in eine Folge von “Sketchup” rein! Sie werden merken: Das hohe Tempo, die präzise platzierten Pointen und das geniale Spiel aller Beteiligten funktionieren auch heute noch so gut wie Iris Berben attraktiv ist.

TITELSONG (angelehnt an den Originalvorspann)
Sketchup, Rad ab, Hut ab, Bart ab, Knopf ab, Kopf ab -- Sketchup!
Sketchup, Ton ab, Film ab, Maz ab, Band ab, Schnitt ab -- Sketchup!
Sketchup, Bein ab, Arm ab, Ohr ab, Hand ab, Fuß ab -- Sketchup!
Sketchup, Huhn ab, Hund ab, Maus ab, Reh ab, Fisch ab -- Sketchup!
Sketchup, Schnur ab, Strick ab, Uhr ab, Ball ab, Schwanz ab -- Sketchup!
Sketchup, Stein ab, Salz ab, Senf ab, Hirn ab, Rumpf ab -- Sketchup!
Sketchup, Strom ab, Gas ab, Funk ab, Netz ab, Knall ab -- Sketchup!

Sketch beginnt

REGISSEUR
So, Teddy, schön, dass du’s geschafft hast. Hi!

TEDDY
Hallo. Klar, kein Problem.

REGISSEUR
Das Drehbuch hast du ja gelesen, hast du noch Fragen dazu?

TEDDY
Nein, ich bin gut vorbereitet. Das hier ist das Zeug?

REGISSEUR
Genau. Den Becher nimmst du am Ende in die Hand, schaust in die Kamera und nimmst einen kräftigen Schluck.

TEDDY
Na dann …

REGISSEUR
Kamera läuft. “Spilko Pampelmuse”-Werbespot, erster Take, uuuund Action!

TEDDY
Hey Leute, ich bin’s, Tour-de-France-Gewinner und Radfahrlegende Teddy Schreier, und wenn ich wieder mal an mein Limit gegangen bin, brauche ich ein Getränk, das mich erfrischt und aufpowert. Und es muss schmecken. Da ist die neue “Spilko Pampelmuse” genau das Richtige! Mit 100 Prozent Limonade. Mmmmhh. (Trinkgeräusche) Iiiihhh! (Spuckgeräusche) Pfui, was ist das denn? Das ist ja widerlich!

REGISSEUR
Cut! Ja, Teddy, was ist denn los?

TEDDY
Koste mal, das Zeug ist ätzend!

REGISSEUR
Also, Teddy, du hast das ganz wunderbar gemacht, aber du musst das schon überzeugend genießen. Komm schon, das geht ganz fix. Hinterschlucken und lächeln. So schlimm schmeckt sie doch nicht. Hier, nimm einen anderen Becher!

TEDDY
Uach, na schön. Gib her. Bin bereit.

REGISSEUR
Kamera läuft wieder. “Spilko Pampelmuse”-Werbespot, zweiter Take, Action!

TEDDY
Hey Leute, ich bin’s, Tour-de-France-Gewinner und Radfahrlegende Teddy Schreier, und wenn ich wieder mal an mein Limit gegangen bin, brauche ich ein Getränk, das mich erfrischt und aufpowert. Und es muss schmecken. Da ist die neue “Spilko Pampelmuse” genau das Richtige! Mit 100 Prozent Limonade. Mmmmhh. (Trinkgeräusche) (Spuckgeräusche) Baaaahhh! Scheiß die Wand an!

REGISSEUR
Schnitt!

TEDDY
Wollen die mich verarschen? Warum stellen die so was her?!

REGISSEUR
Teddy! Teddy! Ganz ruhig. Easy. Du schaffst das. Die zahlen schließlich gut. Denk dran, du bist deren Werbegesicht für die nächsten drei Jahre. Steht so im Vertrag.

TEDDY
Kaum zu fassen …

REGISSEUR
Hier ist noch mal ein anderer Becher. Alles klar? Läuft.

TEDDY
(seufzt) Na schön.

REGISSEUR
“Spilko Pampelmuse”-Werbespot, Take drei, und Action!

TEDDY
Hey Leute, ich bin’s, Tour-de-France-Gewinner und Radfahrlegende Teddy Schreier, und wenn ich wieder mal an mein Limit gegangen bin, brauche ich ein Getränk, das mich erfrischt und aufpowert. Und es muss schmecken. Da ist die neue “Spilko Pampelmuse” genau das Richtige! Mit 100 Prozent Limonade. Mmmmhh. (Trinkgeräusche) (Spuckgeräusche) Aaaahhhhhh! (Würgegeräusche) ICH BRING EUCH ALLE UM! (hustet) Schluss, aus, Abbruch.

REGISSEUR
Cut! (seufzt) In Ordnung … (ruft in den Raum) Hol’ mir mal jemand Ersatzflüssigkeit. Irgendwas, das wie “Spilko” aussieht!

TEDDY
Nein, schon gut. Ich hab überreagiert … Es tut mir leid. Ich schaffe das. Diesmal wirklich.

REGISSEUR?
Wirklich? Mit diesem Becher hier?

TEDDY Hey, ich hab schon ganz andere Hürden gerissen. Bin ready!

REGISSEUR
Klasse! Zurück auf eure Positionen, people. Kamera läuft noch, ja? ACTION!

TEDDY
Hey Leute, ich bin’s, Tour-de-France-Gewinner und Radfahrlegende Teddy Schreier, und wenn ich wieder mal an mein Limit gegangen bin, brauche ich ein Getränk, das mich erfrischt und aufpowert. Und es muss schmecken. Da ist die neue “Spilko Pampelmuse” genau das Richtige! Mit 100 Prozent Limonade. Mmmmhh. (Trinkgeräusche) Mmmmhhh …. (gequält) Lecker. (mehr Trinkgeräusche) Mjamm … Aahh! (vorgetäuschtes Genussgeräusch) Eine Tür öffnet sich quietschend.

FRAU
Entschuldigung, dass ich störe. Das Team von der Dopingprüfstelle hat vorhin die Becher mit den Urinproben irgendwo stehen lassen.

TEDDY
Oh-oh.

ANDERER REGISSEUR (JENER, DER DEN SKETCH INSZENIERT)
Cut!

REGISSEUR
Hä? Was hat denn nicht gestimmt?

ANDERER REGISSEUR
Der Schauspieler hat nach der Pointe nicht in die Kamera geguckt.
(Posaunentöne)

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Teil eines Manuskripts für ein nie realisiertes Radio- oder Podcast-Projekt aus dem Jahr 2020, in dem es um die Geschichte des deutschen Humors gehen sollte.
Wer die parodierte Fernsehsendung nicht kennt, muss eigentlich nur wissen, dass die Sketche darin sich oft durch teils quälende Wiederholungen und Überkonstruktion auszeichneten und fast immer damit endeten, dass Diether Krebs die Vierte Wand brach und konsterniert in die Kamera blickte. "Sketchup" traf nichtsdestotrotz einen gewissen Nerv und genießt bis heute bei vielen Deutschen einer gewissen Altersgruppe nicht zu Unrecht Kultstatus.

Mittwoch, 8. November 2023

Schrecklicher Verdacht: Steckt der Teufel im Detail?

In irgendeinem Podcast habe ich mal eine Regel für komisches Schreiben formuliert: "Sei spezifisch!" Es ist meiner Meinung nach dem Witz zuträglich, wenn ersponnene Umstände so detailliert wie möglich ausfallen. Schriebe ich beispielsweise eine ausgedachte Homestory über Olaf Scholz, würde ich den Porträtierten nicht einfach das Radio einschalten, sondern ihn eine "Best of Small Faces"-Schallplatte auflegen lassen. Dann könnte sich der Kanzler darüber aufregen, dass es auf die Scheibe auch Songs der Band Faces geschafft haben, die aus den Small Faces hervorgegangen, jedoch objektiv viel lahmer war, aber so sei das nun mal, Kompromisse sind notwendig und so weiter und so fort. Wie lebendig und ungleich witziger die Szenerie wird, wenn man derlei alberne Tupfer setzt! Findet ihr nicht? Finde ich schon.

Eine Passage in der vorvorletzten Ausgabe des YouTube-exklusiven "Late Night with Seth Meyers"-Segments "Corrections" ließ mich allerdings ein wenig umdenken. Es ging darin um einen Witz, der sich um einen behaupteten ankle bone, also einen "Sprunggelenks-" oder "Knöchelknochen" drehte:

A bunch of you said there's no such thing as a human ankle bone. The ankle is a joint made up of three bones: the talus, the tibia and the fibula.
The thing is, there is a risk of being too specific when you tell a joke. I think if you say, you know, "talus" or "tibia" instead of "ankle bone", I would worry that I would be stealing moves from Dennis Miller, the sort of king of specificity. I think he could get away with that. But I want to sort of fall back on "ankle bone", you know.

Das ist ein valider Punkt. Dennis Millers obskure Referenzen und nischige Anspielungen sind ja mittlerweile ihrerseits eine Art Meme. Ich möchte meine Regel insoweit modifizieren: Sei spezifisch, aber nicht zu spezifisch! "Small-Faces-LP" ist gut, "eine Bootleg-Audiokassette von Thunderclap Newman in mono" wäre too much. Es ist ein Drahtseilakt.

Nun könnte man fragen, was ausgerechnet mich dazu befähigt, unaufgefordert Handreichungen für die Produktion von Humor zu geben. Meine Erwiderung darauf wäre: Ich bin ab nächsten Monat Redakteur bei Titanic. Zum zweiten Mal, und erneut by popular vote. Ich bin der Grover Cleveland der Satire. Ihr habt es hier zuerst gelesen.

Dienstag, 14. Februar 2023

Schluss mit unlustig

    "Are you being meta?" --- Shirley zu Abed in "Community" S02E01

Ich habe am 16. Januar geschrieben, "dass mein diesjähriger Abreißkalender offenbar aus einem anderen Verlagshaus als gewohnt stammt und bis jetzt schon mehr als einmal ordentlich freigedreht hat." Tatsächlich sind die mit "Witz des Tages" überschriebenen Blätter von ähnlichem Kaliber wie das in der letzten "Humorperlen"-Ausgabe gezeigte. Darüber hinaus werden auch die anderen wiederkehrenden Rubriken regelmäßig mit vergleichbarem Stuss angereichert. Hier die Ausbeute der vergangenen Wochen:






Witze, die keine Witze sind; Zitate, die mit Tiercartoons illustriert werden; "Tipps des Tages" als uninspiriertes Füllmaterial; abenteuerlichste Text-Bild-Scheren (wieso ist der Ober in dem Kaffeewitz ein Hund???): Ich weiß nicht, wie ich mit diesem Wust an (Anti-)Humor umgehen soll. Aus einem Kalender, der sich selbst nicht ernst nimmt, der sich komplett von seinem ursprünglichen Sinn verabschiedet hat, der nur noch eine durchgehende, mehr oder wenige unfreiwillige "Humorperle" ist, kann ich keine einzelnen Perlen herausgreifen. Ich kann stattdessen nur eine von zwei Konsequenzen ziehen: entweder alle drei Tage eine Ausgabe von "Humorperlen aus dem Abreißkalender" bringen oder die Reihe (mindestens) bis zum Ende des Jahres pausieren. Um meines und des Publikums Seelenfrieden willen entscheide ich mich für Letzteres.

Samstag, 11. Februar 2023

Montag, 16. Januar 2023

Humorperlen aus dem Abreißkalender (93)

Von der Sechzigerjahre-Illustrierten zum Boomer-Facebook-Sharepic: Wohin gehst du, Kalenderhumor? Ich muss dazu anmerken, dass mein diesjähriger Abreißkalender offenbar aus einem anderen Verlagshaus als gewohnt stammt und bis jetzt schon mehr als einmal ordentlich freigedreht hat. Darauf werde ich ggf. in einem separaten Beitrag eingehen.

Donnerstag, 17. November 2022

Worüber ich lachen kann

Im "Handbuch deutscher Kommunikationsverben" werden sage und schreibe 562 Sprechakt- und Kommunikationsverben erfasst und beschrieben. Nun können nicht alle diese Verben explizit performativ verwendet werden: Niemand wird sagen Hiermit lüge ich oder Hiermit schimpfe ich mit dir.

Zifonun, Gisela (2021): Das Deutsche als europäische Sprache. Ein Porträt. Berlin/Boston: De Gruyter. S. 50

Sonntag, 9. Oktober 2022

Über den Woken

Patton Oswalts neues Stand-up-Special "We All Scream" kommt nicht ganz an frühere Programme ran, wartet aber im letzten Viertel mit einem wahren Glanzstück auf. Es geht um das leidige Thema Wokeness.

I'm woke … I think. But you know what? I won't be some day. And so will all of you. Be woke, be open-minded, just don't pet yourself on the back. 'Cause that will bite you in the ass. […] Progress will always fucking steamroll over you.

Ja, ja, dreimal ja! Ich bin bereit, das meiste, wofür die "woke army" (lieb gemeint) einsteht, gutzuheißen, ich bin Fan von Toleranz, Respekt, Gleichberechtigung, Sichtbarmachung und Antitoxizität, falls es dieses Wort gibt. Ich klicke auch mal auf "Gefällt mir", wenn jemand Ungerechtigkeit und Diskriminierung outcallt. Worüber ich mich aber innerlich maßlos ärgere, ist die trügerische Einschätzung gewisser Gruppen, an der moralischen Spitze zu stehen; die felsenfeste Überzeugung, dass nach "uns" keinerlei Weiterentwicklung mehr stattfinden könne, weil "wir" den Gipfel menschlicher Erkenntnis erreicht hätten. Woher nimmt man so ein Selbstbewusstsein? Man muss doch in der Lage sein, gesellschaftliche Entwicklungen zu antizipieren – gewiss nicht, welcher Art diese sein werden, aber dass sie stattfinden, wird einem schwanen, wenn man eine Weile auf diesem Planeten verbracht hat. Klar kannst du in einem halbstündigen Video-Essay aufdröseln, warum der Hollywood-Klassiker von 1983 "problematisch" ist, aber sei gefälligst darauf gefasst, dass in 25 Jahren ein aufgeweckter Teenie auf QuippQuapp (erfundener TikTok-Nachfolger) darlegt, weshalb die Lieblingsserie deiner Kindheit oder ein von dir verehrter Influencer zu beanstanden sei. (Das Wort "canceln" pflege ich zu vermeiden, denn einen glasklaren Fall von popkultureller Total-Vernichtung möge man mir noch vorlegen.) Im Jahr 2040 sind es womöglich "Peppa Pig" oder Billie Eilish, die "gar nicht mehr gehen", aus Gründen, die wir zurzeit nicht mal erahnen. Der Satz "Was heute falsch ist, war auch damals falsch" sagt sich nämlich so leichtfertig daher wie "Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein". Hm, das ist ein missglückter Vergleich, Entschuldigung! Lassen wir lieber Patton Oswalt zu Wort kommen, der sich ein ulkiges Beispiel aus seinem Metier zusammenspinnt:
I'll be doing comedy when I'm 70 and I will let slip something that I won't be able to keep up with. I'll be like, "I don't think people should fuck their clones!" – "Boooo!" […] Then I'll double down: "So, when I grew up, you didn't jerk off in a test tube and fuck whatever came out of it. If that makes me the bad guy, I'm sorry!" – "Boo!"

Irgendwann sind wir alle Boomer. Das sollten wir uns durch den Kopf gehen lassen, bevor wir uns zur unfehlbaren Werte- und Geschmacksinstanz erheben. Mit ein paar zeitlosen Tugenden könnten wir sogar die Jauchengrube Facebook zu einem erträglichen Ort machen. Einfühlungsvermögen, Gelassenheit, Empathie. Mit sich selbst streng und kritisch sein. Sich eingestehen, dass man nicht perfekt ist. Am besten gar nicht erst aufs hohe Ross steigen, sonst kommt man später allzu schwer wieder herunter.

Montag, 7. März 2022

Humorperlen aus dem Abreißkalender (91)


Wir scheinen jetzt offiziell in der Phase angekommen zu sein, in der jeder Witz eine Kombination aus Bild und Text ist – was früher noch eine Rarität war.