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Dienstag, 17. Februar 2026

Menschheit gerettet?

Nur selten geht es in diesem Blog um Aktuelles, und das ist auch gut so. Ausnahmsweise möchte ich aber festhalten, welche Debatte seit ein paar Tagen die deutsche Gesellschaft mit am heftigsten bewegt. Es geht um die Frage: Brauchen wir eine Altersbeschränkung bei der Nutzung sozialer Medien? Australien hat vor kurzem ein Social-Media-Verbot für Personen unter 16 Jahren eingeführt; könnte/sollte das ein globales Vorbild sein? Aufklärungskampagnen, Bildschirmzeitbegrenzungen, Verhaltensregeln und die Überwachung durch Eltern und Lehrkräfte haben ja offensichtlich nicht gefruchtet: Der Nachwuchs ist – überspitzt formuliert – verroht, verblödet, verhaltensauffällig sowie permanent Gefahren für Leib, Leben und Seele ausgesetzt.

Wie so oft hinkt die praktische Umsetzung dem theoretischen Ansinnen hinterher: "Noch sei es jedoch zu früh, um zu sagen, ob die Plattformen die Vorschriften vollständig einhalten, betonte die Leiterin der australischen Behörde für Sicherheit im Internet, Julie Inman Grant. Denn den Unternehmen ist es selbst überlassen, wie sie das Alter der Nutzerinnen und Nutzer überprüfen, etwa über die Auswertung von Nutzerdaten, über hochgeladene Fotos oder eine verpflichtende Vorlage eines Ausweises." (tagesschau.de) Und: "In der Realität haben viele Teenager aber Wege gefunden, an der Sperre vorbeizukommen." (tagesspiegel.de) Doch immerhin ist ein erster Schritt getan. Die EU erwägt seit einer Weile Vergleichbares, und auch in Deutschland erheben sich diesbezüglich immer mehr Stimmen aus der Politik. Ein Positionspapier der SPD etwa fordert ein vollständiges Social-Media-Tabu für Kinder bis 14 Jahren und darüber hinaus: "Für Jugendliche bis 16 Jahre soll eine verpflichtende Jugendversion der Plattformen gelten. Diese Jugendversion soll bestimmte Anforderungen erfüllen. Algorithmisch gesteuert[e] Feeds und Empfehlungssysteme solle es für diese Altersgruppe nicht geben und auch keine personalisierte Inhalteausspielung. Zudem sollen suchtverstärkende Funktionen wie Endlos-Scrollen, automatisches Abspielen von Inhalten, Push-Benachrichtigungen, Gamifizierung oder Belohnungssysteme auf Grundlage intensiver oder dauerhafter Nutzung unterbunden werden." Da käme ein ordentlicher Brocken Arbeit auf Meta & Co. zu.

Nun, warten wir's ab. Mag sein, dass wir in fünf Jahren diesen Beitrag lesen und mit Leichenbittermiene ausrufen: "Oh Mann, wir waren damals tatsächlich kurz davor, eine Social-Media-Schranke für Kids einzuführen ... Alles hätte sich zum Guten wenden können!" Oder aber eine solche Maßnahme wird längst umgesetzt worden sein, und wir sagen: "Ach guck, so fing das also an im Jahre 2026!" Meine Meinung? Soziale Medien komplett abschaffen!

Donnerstag, 9. Oktober 2025

Meine konservativste Meinung

Diesen Beitrag habe ich bereits am 10.3.2021 angelegt, dann jedoch nie ausgebaut, weil mir seine Veröffentlichung jedes Mal, wenn ich an ihn dachte, unpassend erschien. Sein Thema ist seit Jahren fortwährend und unabhängig vom aktuellen politischen Wind Gegenstand hitzig geführter Diskussionen. Es geht um die Erbschaftssteuer, und meine Meinung dazu mag manche überraschen, sie ist nämlich, wie man der Überschrift entnehmen kann, eher dem konservativen Lager zuzurechnen. Ich finde – ohne den abgeschmackten Spruch mit dem Herz und dem Verstand zu bemühen –, ab 40 darf man sich selbst als dem Selbstverständnis nach links der Mitte Stehender eine konservative Meinung leisten (ab 50 eine zweite und pro folgendem Lebensjahrzehnt eine weitere). Und meine ist: Die Erbschaftssteuer sollte abgeschafft werden.

Dass ich schließlich jetzt damit um die Ecke komme, hat den Grund, dass ich auf gutes argumentatives Rüstzeug gestoßen bin, zugegebenermaßen an diesbezüglich wenig überraschender Stelle. Rainer Hank hat in der letzten FAS seine Kolumne "Hanks Welt" der Erbschaftssteuer gewidmet, und auch wenn ich nicht allen Punkten darin zustimme, seien die einleuchtendsten Passagen, in denen er seine Forderung "Schafft die Erbschaftssteuer ab!" begründet, wiedergegeben. Die Erbschaftssteuer sei eine "Strafsteuer", schreibt Hank und lädt zu einem Gedankenexperiment ein:

Menschen, die ihr ganzes Vermögen noch rechtzeitig vor ihrem Tod verjuxen [... ,] können dieses Geld nach Gutdünken abschlagsfrei verteilen: Kreuzfahrten buchen, Ferienhäuser kaufen, Dreisterne-Restaurants testen, teure Partnerinnen und Partner aushalten. Sie haben das Geld bereits versteuert und Einkommen-, Körperschafts- oder Kapitalertragsteuer drauf bezahlt. Sobald sie aber ihren wirtschaftlichen Erfolg an die Nachkommen weitergeben, müssen diese abermals Steuern bezahlen. Sollten sie Menschen beschenken, mit denen sie nicht verwandt sind, die sie aber für bedürftig halten, langt der Fiskus umso unverschämter zu.

Der zugrunde liegende Denkfehler oder vielmehr "Taschenspielertrick" des Staates, so Hank weiter, bestehe darin, dass er "die Perspektive vom Erblasser auf die Erben wechselt und denen vorwirft, ihre Erbschaft sei leistungsloses Vermögen". Was es, und hier streben unsere Sichtweisen dann doch auseinander, freilich ist! Rechtfertigt das jedoch, den Vermögensfluss innerhalb einer Familie, deren Stellenwert die Regierung doch seit je und Schwarz-Rot wieder verstärkt betont, radikal zu verengen? Dem Staat sollte daran gelegen sein, dass junge Leute sorgen- und schuldenfrei in die Zukunft starten. Das wäre eine Perspektive, welche in der Tat auf die Erbenden zielt, aber fair ist.

In Hinblick auf die Erblasser könnte man nun wohlwollend annehmen, dass deren Vermögen das Resultat lebenslanger harter Arbeit, klugen Investierens, vielleicht auch eisernen Sparens ist, und ganz gewiss wird es das in vielen Fällen auch sein, gerade in den sog. alten Bundesländern, wo Kapitalanhäufung in den circa vier goldenen Nachkriegsjahrzehnten auch für Schichten unterhalb der Oberschicht kein Hexenwerk war. Die Befürworter einer strengen Erhöhung der Erbschaftssteuer gehen indes davon aus, dass volle Geldspeicher gar nicht anders als durch Gaunerei und Ausbeutung entstanden sein können. Seien wir ehrlich: Viel zu viele Millionäre und Milliardäre hierzulande sind garantiert nicht durch Ehrlichkeit zu dem geworden, was sie sind. Aber eben hier muss der Gesetzgeber Schranken installieren. Ebenso auf der Hand liegt es, dass Superreiche über dubiose Kanäle und sonstige Mittel verfügen, mit denen sie schmerzhafter Besteuerung und etwaiger Bestrafung zu entgehen wissen. Auch hier ist es an den Herrschenden, entsprechende Rechtsgrundlagen zu schaffen, Grauzonen auszulöschen, hemmungsloses Scheffeln zu verunmöglichen.

Im letzten Abschnitt seines Beitrags liefert Rainer Hank einen meist übersehenen Beweis dafür,

dass die geltende Erbschaftssteuer nicht nur generell, sondern auch immanent ungerecht ist. Denn sie verschont die Fabrikanten. Es ist nicht in Ordnung, dass Unternehmenserben von der Steuer befreit werden, wenn sie die Belegschaft und Firma eine bestimmte Zeit erhalten. [...] Es gibt genügend gute Vorschläge, das bestehende Steuerrecht gerechter zu machen, indem man die Sätze für alle deutlich senkt, dann aber auch die Fabrikbesitzer verpflichtet, Steuern zu zahlen.

Eine Extrawurst für Fabrikanten sollte einen besonders fuchsig machen, bedenkt man, wie viele deutsche Dynastien vor allem dank Zwangsarbeitern, Enteignungen und Unterstützung des NS-Regimes groß geworden sind. Wie gesagt: "Die da oben" müssten an den wirklich ungerecht gestellten Schrauben drehen. Stattdessen gehen sie den einfachsten Weg und fühlen sich dabei wie Robin Hood. "Das Label 'soziale Gerechtigkeit' camoufliert die fiskalische Gier, die sich das Geld dort holt, wo etwas zu holen ist."

Was aber wäre nun wie zu ändern? Ich glaube, dass die Uneinigkeit darüber gar keine Frage von links vs. rechts ist. Hinderlich und schädlich ist eine menschlich-gesellschaftliche Eigenschaft, die ich als typisch deutsch diagnostiziere: Missgunst. Missgunst darf nicht mit Neid gleichgesetzt werden, denn Neid vermag auszulösen, dass man nach Höherem strebt und aus diesem Antrieb heraus irgendwann tatsächlich aufsteigt, er kann somit etwas Positives sein; sorry, wenn das arg neoliberal klingt. Missgunst hingegen heißt: Ich kann es nicht haben, also soll mein Nachbar es auch nicht haben! Ein letztes Mal R. Hank: "Mehr Gleichheit stellt man am besten nicht durch Umverteilung her, indem man den Menschen etwas wegnimmt (Erbschaftssteuer). Langfristig effektiver und moralisch überzeugender ist es, möglichst viele Menschen zu befähigen, reich zu werden." Sollen doch die Reichen immer reicher werden – wenn gleichzeitig die Armen weniger arm und schließlich selber reich werden! Wohlstand für alle: So konservativ ist diese Forderung doch gar nicht, oder?

Offenlegung: Ich selbst habe noch nie etwas geerbt und bin von dem ganzen Komplex persönlich nicht betroffen.

Freitag, 4. Juli 2025

Eine Frucht wird politisch

Ich habe die Mangostan kennengelernt, als sie in Deutschland, wenn überhaupt, noch unter dem Namen Mangosteen zu bekommen war, was, wie ich erst später lernte, wohl die englische Schreibweise ist. Dieses Jahr begegnete mir die schmackhafte Frucht im Frankreich-Urlaub wieder, später dann auf meinem Frankfurter Stamm-Wochenmarkt. Der Preis betrug immer noch 1,50 Euro pro Stück, ist also hierzulande wenigstens nicht höher geworden. Anders als in Kambodscha, das derzeit mit Thailand Grenzstreitigkeiten austrägt, die – wie politische Konflikte so oft – einschneidende Folgen für das Leben der kleinen Leute zeitigen.

"Mittlerweile wurden auf Anweisung der thailändischen Regierung die Grenzen komplett geschlossen", vermeldet die aktuelle Jungle World. "Vor allem auf den Märkten macht sich das Fehlen von Obst und Gemüse aus Thailand bemerkbar. Hout Lon, eine Händlerin auf dem Großmarkt in Battambang, erzählt, dass Gemüse nun aus Vietnam käme und deutlich teurer sei. [...] Dem stimmt die Händlerin Chan Kaju zu: 'Die meisten Früchte sind teurer geworden, wie zum Beispiel die violette Mangostan, die normal für bis zu 700 Riel (0,14 Euro) pro Stück verkauft wird. Aber jetzt ist der Preis auf bis zu 1.300 Riel (0,26 Euro) gestiegen.'"

Donnerstag, 12. Dezember 2024

Wer die Wahl hat ...

Seit vielen, vielen Jahren, fast so lange wie ich das Wahlrecht besitze, bin ich als Wahlhelfer tätig. Diverse Male war ich in Wahllokalen im Einsatz, am liebsten ist mir aber seit je die Briefwahlauszählung. Dabei hat man keinen direkten Kontakt mit dem Volk, man muss erst 15 Uhr vor Ort sein, die Bezahlung ist trotzdem in Ordnung und die Arbeit überschaubar, meist ist das Prozedere kurz nach der Tagesschau beendet. Wobei sich hinsichtlich des letztgenannten Punktes etwas zu ändern scheint: Wurden Briefwahlvorstände früher noch auf ein paar Büros im Rathaus verteilt, gab es zur hessischen Landtagswahl 2023 ein zentrales Briefwahlzentrum für die Stadt Frankfurt, das sich über die gesamte Ebene einer Messehalle erstreckte. An gefühlt Hunderten Tischen hatten wir gefühlt Tausenden Freiwilligen ordentlich zu tun! Mein Eindruck, dass mehr Menschen per Brief wählen als noch vor fünf, zehn Jahren, wurde kürzlich durch einen Infokasten im Spiegel bestätigt:


Dass in den Wahllokalen trotzdem viel Betrieb herrscht, ja zuletzt sogar mancherorts Leute ihre Stimme nicht abgeben konnten, weil die Schlangen bis 18 Uhr nicht abreißen wollten, ist sicher damit zu erklären, dass die Wahlbeteiligung insgesamt wieder leicht (Bundestagswahl) bzw. stark (Europawahl) ansteigt. Die Briefwahl scheint dessen eingedenk die sicherere Wahl (!) zu sein. Doch aus Erfahrung sage ich: Obacht! Es können nämlich Fehler gemacht werden, die zur Ungültigkeit der Stimme führen. Wir mussten schon Stimmzettel aussortieren, weil beispielsweise der Wahlschein nicht unterschrieben war, der Wahlbrief offen war oder weil aus sonstiger Unachtsamkeit das Wahlgeheimnis nicht gewahrt werden konnte. Insbesondere Ältere mag das Briefwahlverfahren überfordern. Jene sind es allerdings, die sich im Zweifel eher den Gang zum Wahllokal ersparen möchten.

Jedenfalls ist nicht auszuschließen, dass bereits an der Bundestagswahl 2025 – für die ich mich soeben als Wahlhelfer registriert habe – mehr Wahlberechtigte per Brief als in der Kabine wählen. Die Bundestagswahl ist eine vorgezogene, und wer weiß, womöglich haben nicht wenige Deutsche für den anberaumten Termin im Februar schon Urlaub geplant.

Samstag, 23. März 2024

Die Schildfrage

In der Süddeutschen Zeitung gab es neulich einen launigen Artikel (online nur hinter der Bezahlschranke) über "touristische Unterrichtungstafeln", jene braunen Schilder an Autobahnen, die auf nahegelegene points of interest hinweisen oder die Besonderheit des jeweiligen Ortes herausstellen: "Sportstadt Riesa", "Königliches Puppenstuben-Museum Laubach", "Umspannwerk Recklinghausen" und viele andere mehr, insgesamt rund 3600.

Doch ach!, die zwei Tafeln, die um Kilometer 530 herum auf beiden Seiten der A3 den Zoo Straubing bewerben, könnten bald Geschichte sein: "Die 2001 aufgestellten Schilder müssen der Autobahn GmbH zufolge ausgetauscht werden, weil sie im Laufe der Jahre verblasst sind und nicht mehr den Vorschriften entsprechen. Die Folie auf den Schildern sei insbesondere in der Nacht nicht mehr gut lesbar [...]. Falls Durchreisende nachts spontan die Tiger im Straubinger Zoo besuchen möchten, könnten sie die Tafel also übersehen." Joah, warum tauscht man die Tafeln dann nicht aus?, könnte man jetzt fragen. Hier kommt der Knackpunkt: "Die Kosten für zwei neue Zoo-Schilder belaufen sich allerdings auf 83 000 Euro. Kosten für deren Entfernung: 10 000 Euro. Der Stadtrat entschied sich für den Abriss."

Wem soeben angesichts dieser Zahlen aus Niederbayern schwindelig geworden ist, der möge sich darauf einstellen, gleich ohnmächtig zu werden, denn diese sind noch zu toppen: "Im Oktober 2023 hatte der Bund der Steuerzahler in seinem Schwarzbuch auf einen ähnlichen Fall in Sangerhausen (Sachsen-Anhalt) hingewiesen. Dort werben Schilder an der A38 für das Europa-Rosarium [...]. Für zwei neue Schilder soll die Stadt Sangerhausen 181 000 Euro zahlen."

Ich bin jemand, den "Kostenexplosionen", "Steuerverschwendung" und "Behördenirrsinn" kaum noch schocken können. Man steigt ja als kleines Licht eh nicht dahinter. Wenn irgendwo von den Ausgaben für, sagen wir, eine neue Brücke die Rede ist, dann nehme ich eine Kostenangabe von 5 Millionen Euro so stoisch hin wie eine von 50 Millionen oder 150 Millionen oder 500.000. Nur: Wieso das Herausrupfen zweier zwei mal drei Meter großer Schilder 10.000 Euro verschlingt, möge man mir mal auseinanderklamüsern. Von märchenhaften Summen von beinahe oder gar mehr als 100.000 Euro für den Austausch ganz zu schweigen. "Es ist ja keine Weltraummission. Es geht um zwei Schilder", zitiert die SZ den Bürgermeister von Passau, wo es ebenfalls um die Erneuerung von Tierpark-Tafeln ging. "Das müsste eigentlich für 15 000 bis 20 000 Euro machbar sein". Wenn überhaupt!

Bei Rechnungen, die irgend mit Straßenverkehr zu tun haben, schlackern einem regelmäßig die Ohren. Einmal, es mag auch schon wieder 20 Jahre her sein, hörte ich einen Experten behaupten, dass die Unterhaltung eines einzigen Verkehrsschildes die Stadt (in diesem Fall: Dresden) 2000 Euro pro Jahr koste. Das darf doch nicht wahr sein! Kann man nicht jemandem einmal im Quartal 'nen Hunderter, einen Lappen und einen Eimer warmes Wasser in die Hand drücken und gut ist's? Oder werden einfach so viele Verkehrszeichen beschädigt/zerstört, dass die ständigen und verständlicherweise teure(re)n Ersetzungen die Durchschnittsaufwendungen in die Höhe schnellen lassen? Selbst wenn, erklärt das nicht, wieso die Her- und Aufstellung einer touristischen Unterrichtungstafel so kostspielig ist wie ... Ach, was reg' ich mich auf.

Montag, 22. Mai 2023

UNregierbar

Neulich stellte ich mir die Frage, ob es auf der Erde Territorien gibt, die keinem Land zugeordnet werden können, sondern vollständig den Vereinten Nationen unterstellt sind. Damit meine ich nicht Treuhandgebiete als Nachfolger von vormaligen Mandats- oder Schutzmachtzonen, sondern tatsächliche "UN-Staatsgebiete", in deren Grenzen sozusagen eine inter- oder supranationale Staatsbürgerschaft gilt.

Die Antwort auf diese Frage lautet tendenziell nein, wobei sich die Sache erwartungsgemäß komplizierter darstellt, zumindest mir, der ich leider kein Völkerrechtler bin. Natürlich sind mir die drei Staatsmerkmale (Staatsgebiet, Staatsvolk, Staatsgewalt) bekannt, aber mal ganz praktisch und trivial gefragt: Können die UN beispielsweise Pässe ausstellen? Jein. Tatsächlich geben die Vereinten Nationen eine Art Reisedokument aus, das United Nations laissez-passer (UNLP), allerdings ausschließlich an Angestellte der UN inkl. der IAO sowie von internationalen Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation, der Welthandelsorganisation oder der Weltbank. Das LP ist mithin ein diplomatischer Ausweis, den man zusätzlich zu seinem nationalen Reisepass führt. Soweit ich sehe, kann kein Mensch ausschließlich einen "UN-Pass" besitzen. Und das ist auch schon der springende Punkt.

Es existieren, Stand 2023, zwei Gebiete, die meiner in der Ausgangsfrage formulierten Vorstellung nahekommen und bei Wikipedia tatsächlich als "territories governed by the United Nations" geführt werden:
- die Golanhöhen, seit 1974 der United Nations Disengagement Observer Force (UNDOF) unterstellt, und
- die Pufferzone auf Zypern, seit ebenfalls 1974 kontrolliert von der United Nations Peacekeeping Force in Cyprus (UNFICYP).
Diese Territorien nennt man nach den dort eingesetzten Kräften auf englisch auch UNDOF Zone on the Golan Heights resp. United Nations Buffer Zone in Cyprus (UNBZC).

Zwei traditionelle "Pulverfässer" also. In beiden Gebieten lebt auch Zivilbevölkerung. Diese hat jedoch nicht eine (alleinige) "UN-Staatsbürgerschaft", sondern setzt sich zusammen aus israelischen bzw. syrischen Staatsangehörigen hier und türkischen bzw. griechischen bzw. zyprischen Staatsangehörigen da. Die jeweilige prozentuale Verteilung konnte ich auf die Schnelle nicht recherchieren. Für die Pufferzone auf Zypern gibt die Webseite der UNFICYP eine Gesamtbevölkerung von 10.000 Menschen an, nicht mitgerechnet sind dabei die britischen Sovereign Base Areas; nicht dazu gehört auch die Geisterstadt Varosha. Beispielhaft für die wenigen vollständig im blauen Gürtel (der eigentlich Grüne Linie heißt) liegenden Ortschaften sei das Dorf Pyla/Pile genannt.

CC BY-SA 3.0

Wie verhält es sich nun mit den Angehörigen der Friedenstruppen? Wie schon erwähnt, sind das keine "reinen" UN-Bürger, sondern ein bunt gemischter Haufen. Die UN-Charta spricht im Abschnitt "Erklärung über Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung" (Kapitel XI) denn auch explizit von "Mitglieder[n] der Vereinten Nationen, welche die Verantwortung für die Verwaltung von Hoheitsgebieten haben oder übernehmen, deren Völker noch nicht die volle Selbstregierung erreicht haben" (Artikel 73). Um beim Fall Zypern zu bleiben: Die derzeitige Kommandeurin ist Generalmajor Ingrid Margrethe Gjerde, eine Norwegerin, und der Sonderbeauftragte des Generalsekretärs ist der Kanadier Colin William Stewart. Um die vier Sektoren der Pufferzone kümmern sich Kontingente aus Argentinien (Sektor 1), Großbritannien (2) und der Slovakei (4), für den inzwischen in die Sektoren 2 und 4 aufgegangen Sektor 3 war Kanada zuständig. In der UNDOF-Zone stellt Nepal mit 435 Soldaten den Löwenanteil, daneben beteiligen sich mit Kontingenten von 1 bis 219 Mann (Daten von 10/2021): die Niederlande, Ghana, Tschechien, Bhutan, Irland, Fidschi, Uruguay und Indien.

Nicht auszuschließen ist, dass in den genannten Krisenherden auch Personen ohne Staatszugehörigkeit leben, aber Staatenlosigkeit ist noch mal ein ganz anderes Paar Schuhe, zu dem der Hohe Flüchtlingskommissar der VN ein lesenswertes FAQ herausgegeben hat.

Donnerstag, 16. März 2023

Dem Rätsel auf den Fersen: Der schwarze Fleck

Eine mysteriöse Substanz macht die Straßen Venezuelas zu Todespisten. Jahrzehnte später ist ihr Ursprung noch immer nicht eindeutig geklärt.


Die
Autopista Caracas-La Guaira befand sich Mitte der Achtzigerjahre schon in keinem guten Zustand mehr. Doch was Straßenarbeiter im Jahr 1986 erstmals auf ihr entdeckten, sollte den zum venezolanischen Hauptstadtflughafen führenden Zubringer in eine regelrechte "Guillotine" verwandeln, wie es die Zeitung El Nacional 1991 ausdrückte.

Eine rund 50 Meter lange schwarze Spur hatten die Arbeiter vorgefunden, eine zähflüssige Masse, der, nachdem man sie entfernt hatte, zunächst keine weitere Beachtung geschenkt wurde. Das sollte sich ändern, nachdem die Substanz nicht nur wieder aufgetaucht, sondern sich auf weitere, teils kilometerlange Abschnitte der Autobahn ausgedehnt hatte. Schon bald erhielt die Erscheinung einen Namen: La Mancha Negra, der schwarze Fleck. Als fettiger Schlick wird es beschrieben, als dick und kaugummiartig, in US-amerikanischen Medien, die das Thema aufgriffen, wurde es "goo" oder "blob" genannt. Ganz im Gegensatz etwa zu Teer hatte die Mancha Negra aber die Eigenschaft von Öl oder Glatteis: Infolge ihrer Rutschigkeit kam es in den folgenden fünf Jahren zu Tausenden von Unfällen, bei denen insgesamt 1800 Menschen gestorben sein sollen.

Im Jahr 1991 wandte sich erstmals eine Gruppe aus Fachleuten hilfesuchend an Präsident Carlos Andrés Pérez. Weder über Herkunft noch Zusammensetzung der sonderbaren Schmiere war man sich zu diesem Zeitpunkt einig. Handelte es sich um aus Flugzeugen ausgetretene Stoffe – die Flughafennähe sprach dafür –, die mit dem Asphalt eine gefährliche Verbindung eingingen? War der Straßenbelag schludrig verarbeitet worden, so dass bei steigenden Temperaturen Öl an die Oberfläche trat? Immerhin schien das enigma sich bevorzugt an heißen Tagen zu zeigen. Manche glaubten, Abwasser aus den höher gelegenen Slums am Airport könnten unter der Straße eine chemische Reaktion auslösen. Natürlich wurde La Mancha Negra auch zu Propagandazwecken missbraucht. Sowohl das Umfeld von Präsident Pérez während des Umsturzversuches von 1992 als auch das von Hugo Chávez nach der schließlich geglückten Bolivarischen Revolution warfen den jeweiligen Oppositionellen vor, das ölartige Zeug heimlich zu verteilen. Und könnten nicht zuletzt auch – im für UFO-Sichtungen notorischen Südamerika – außerirdische Ursachen in Frage kommen?

Man rückte dem "schwarzen Fleck" mit Bürsten, Hochdruckreinigern und Kalk zu Leibe, stellte Warnschilder mit "Peligro, aceite derramado" ("Achtung, ausgelaufenes Öl") auf, doch das Problem hielt an. Die Regierung bestellte einheimische und internationale Experten, darunter aus Deutschland, ein, doch erst der Chemiker Giuseppe Giannetto Pace stellte eine fast schon zu simple und triviale Diagnose: Die kaum noch verkehrstauglichen Vehikel auf den Straßen von Caracas – im Schnitt hatte Anfang der Neunziger jeder Pkw zwölf, jeder Bus 20 Jahre auf dem Buckel – verloren einfach Unmengen an Öl, welches sich regelmäßig mit Staub zu jener glitschigen Masse verband.

Diese Erklärung wird mittlerweile als die gängigste akzeptiert, jedoch nicht von allen. Hätte sich das Problem nicht irgendwann ausschleichen müssen? Warum gibt es immer wieder längere Ruhephasen? Das letzte gehäufte Auftreten war 2001. Wieso konzentriert sich die Erscheinung auf Caracas? Ein Fachbuch über industrielle Reinigungstechnik von 2013 stuft die Mancha Negra als Ablagerung ein, wie sie für ölproduzierende Gegenden typisch sei, und Venezuela ist schließlich die erdölreichste Nation der Welt. Millionen von Dollar wurden inzwischen in die Aufklärung des Fleckenrätsels gesteckt. Ein Ende des Ratens ist nicht in Sicht.

Dienstag, 4. Oktober 2022

Mein rechter, rechter Spruch ist frei

Vergangene Woche hat das Bundesverteidigungsministerium erklärt, dass die Feldjäger-Abteilung der Bundeswehr ihren Wahlspruch beibehalten werde. Zuvor hatte der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus in einem Schreiben an die Ministerin eine Änderung angeregt. Das Motto lautet nämlich seit 1955 Suum cuique, "Jedem das Seine". Und wird es auch weiterhin lauten.

Ich finde das grundfalsch. Egal ob auf Lateinisch oder auf Deutsch, die Wortfolge ist verbrannt, belastet, vergiftet. Sie zu lesen, egal ob auf einem Barrett oder über einem Gitterzaun, erzeugt gewiss nicht nur bei mir ein ganz flaues Gefühl im Magen. Da nützt es auch nichts, dass Ministerin Lambrecht (SPD) "einen aus der Antike überlieferten Rechtsgrundsatz" bemüht und sich auf eine "meritokratische Bedeutung" beruft, welche das entsprechende Emblem als "wertegebundene[s] Identitätssymbol" heraufbeschwöre (zitiert nach "Welt online"). Selbstverständlich kann man "Jedem das Seine" so deuten: Wer immer strebend sich bemüht etc.; ja, neutral gelesen à la "Jedem Tierchen sein Plaisierchen" könnte der Spruch sogar sympathisch liberal wirken. Aber in Buchenwald bedeuteten die Worte nun mal das glatte zynische Gegenteil: Du bist hier, weil du es verdient hast.

Noch einmal: Es mag sein, dass der Stern der Feldjäger und die Wahl von "Suum cuique" "einen bewussten Bruch mit der Militärpolizei im 'Dritten Reich'" (die ihre Plakette ja als "Feldgendarmerie" bzw. "Feldjägerkorps" auswies) darstellen und vielmehr eine "preußische Überlieferung" wiederaufnehmen sollte (welche im Übrigen auch mal zu hinterfragen wäre), aber mit derselben Argumentation könnte man den Olympischen Gruß wieder salonfähig machen, weil der ja auch vor der NS-Zeit und ohne faschistische Bezüge erfunden wurde. Da halte ich es mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden Josef Schuster, für den das Symbol "unauslöschlich mit dem nationalsozialistischen Massenmord verbunden" ist (zit. n. welt.de).

Eins noch muss so deutlich wie nötig und so vorsichtig wie möglich festgehalten werden: Es gibt unter den Feldjägern eine Zahl von Mitgliedern größer null, die der Zeit der Lager mindestens unkritisch gegenüber stehen. Mit welch eklem Stolz und barbarischer Berufung tragen die das Sprüchlein wohl durch die Gegend?

Freitag, 16. September 2022

Wort der Woche

Die Stadt Dresden, lese ich auf Twitter, bekommt einen Nachtbürgermeister. Einen was? Wird der von 18 bis 6 Uhr im Dienst sein, um den "Tagesbürgermeister" zu entlasten? Oder ist das eine oppositionelle Figur, eine Art Schattenkanzler gar?
Das "Amt" klingt hochtrabender, als es ist. Der Posten ist hauptsächlich ein kultureller und der oder die ihn Ausübende mit Fragen des Nachtlebens betraut. In anderen deutschen Städten wie Heidelberg, Münster und Wiesbaden (hier als Doppelspitze) gibt es Nachtbürgermeister teilweise schon seit 2018. Innerhalb Europas sind die Niederlande Vorreiter, die bereits 2003 in Rotterdam ein Kollektiv von nachtburgemeesters installieren ließen. Seither findet man Night mayors auch in Tschechien, England und seit 2016 sogar auf anderen Kontinenten.
Aber was genau wird der Dresdner Nachtbürgermeister zu tun haben? "Fehlende Freiräume, Lärm, Müll und Wildpinkler. [...] Wo kann man in Dresden feiern? Wie kann zwischen Feiernden und Anwohnern vermittelt werden?", umreißt die Sächsische Zeitung das Aufgabenspektrum. Klingt nach einer Menge Stress. Kommt mit dem Job auch das ius Pirnae noctis daher? (Sorry.)

Sonntag, 28. August 2022

Der Sommer unseres Fahrvergnügens

Ausnahmsweise muss ich ein aktuelles Thema behandeln. Es ist mir ein Bedürfnis, für die Nachwelt festzuhalten, dass es vom 1. Juni bis zum 31. August 2022 in Deutschland etwas gab, das man als erfreulich bezeichnen konnte. Ja, in der Tat, es war das erste und einzige Schöne seit circa fünf Jahren: das 9-Euro-Ticket. Man durfte für nur 9,- € im Monat bundesweit den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Was für ein Luxus, eine Erleichterung, ein Gewinn! Nicht nur, dass man die eigene Region mal richtig er-fahren konnte, man konnte auch weiter auseinander liegende Städte mit dem Regionalexpress als Alternative zu IC, ICE & Co. erreichen, sofern man sich etwas Zeit nahm und ein dickes Fell hatte. Dresden-Frankfurt? 8 Stunden, ja mei. Kostenlos auf die Documenta in Kassel fahren? Easy-peasy, hab ich gemacht. Angenehm war es auch, am Zielort aussteigen und einfach mit der örtlichen Tram oder mit dem Bus weiterfahren zu können, ohne sich mit Tarifzonen befassen oder ständig Kleingeld für Fahrkartenautomaten dabei haben zu müssen. Ich fühlte mich an die goldenen zwei Jahre, in denen ich eine BahnCard 100 besaß, zurückversetzt.

Das 9-Euro-Ticket machte Lust aufs Reisen im eigenen Land, es brachte Menschen nach draußen, die sonst kaum Anreize dazu haben, ermöglichte, kurzum, Teilhabe, zudem entlastete es die Umwelt und den Straßenverkehr, stellte einen leichten Puffer angesichts der kriegsbedingten Energiepreisexplosion dar, stieß Diskussionen an, stellte potenzielle Weichen für weitere Elektrifizierungs-Innovationen, die Deutsche Bahn und das Umweltbundesamt zogen eine positive Bilanz ... Unnötig zu erwähnen, dass die Politik das 9-Euro-Ticket nicht verlängern wird. Als Hauptargument wird dabei der – nicht zu verschweigende! – Fakt ins Feld geführt, dass der Zugverkehr in diesem Sommer an seine Grenzen kam. Überfüllte Wagen, Verspätungen und sonstiges Chaos waren permanente Begleiter der Niedrigpreisaktion. Doch daraus ziehen die meisten Regierenden nun nicht den Schluss, dass man halt großzügig (!) Kohle (!) in den Ausbau von Personal und Schienennetz zu stecken hat, so wie es ja auch mir nichts, dir nichts mit der Bundeswehraufrüstung möglich war. Nein: Strohmannargumente werden bemüht ("Menschen, die aufs Auto angewiesen sind, würden ungefragt ein Ticket, das sie nicht nutzen, mitsubventionieren"), freidemokratische Widerlinge sprechen gar von "Gratismentalität", und überhaupt dürfe man das System nicht von heute auf morgen an seine Belastungsgrenze bringen, was übersetzt heißt, dass man weiterhin einen Teil der Gemeinschaft von der regelmäßigen Bahnnutzung ausschließen muss, indem man die Preise mindestens knapp über deren Budget hält. Da kann man froh sein, dass beispielsweise Bildung und Gesundheitsversorgung als Grundrechte gelten, sonst würde man womöglich morgen das kostenlose Studium abschaffen ("damit die Hörsäle nicht überfüllt sind") und übermorgen den freien Zugang zu ärztlicher Behandlung ("damit nicht Hinz und Kunz wegen jedem Wehwehchen die Praxen einrennen"). Notabene: Ältere erinnern sich, dass es eine Weile in Deutschland eine sog. Praxisgebühr gab und in einigen Bundesländern Studiengebühren anfielen. Die rechtlichen Grundlagen dafür müsste ich gesondert nachzuvollziehen versuchen, aber solange derlei möglich ist, dürfte es schwierig sein, aus der Verfassung ein Grundrecht auf Mobilität abzuleiten, egal welche Parteien gerade an der Macht sind.

Aber es gibt Hoffnungsschimmer. Berlin hat eine zunächst dreimonatige Neun-Euro-Fortsetzung ab Oktober angekündigt (wenn auch nur für Berlin). Ein bundesweit geltendes 29-Euro-Angebot ist im Gespräch, was ich ohne zu zögern annehmen würde. Bei 69 Euro, eine weitere oft genannte Summe, wäre ich schon nicht mehr dabei. Was auch immer kommen mag: Die glücklichen Erinnerungen an den Sommer unseres Fahrvergnügens wird uns niemand nehmen können.

Mittwoch, 23. März 2022

Das große Ganze im Gerichtssaal

Am 11.8.1924 übte ein Schutzpolizist in Berlin-Mitte seinen Dienst alkoholisiert aus und pöbelte bei seinem Rundgang zuerst zwei unbescholtene Frauen an, die gerade ihr Zigarrengeschäft abschlossen, später zwei Burschen. Einem von ihnen rief er zu: "Sie kenne ich schon lange!" Der derart provozierte junge Mann "wollte aufbrausen, wurde aber beruhigt und ging weiter. Nach ein paar Minuten kam es dennoch zwischen ihm und dem Polizisten zu einer derben Prügelei."

Hätte sich dieser Vorfall knapp 100 Jahre später ereignet, kann man sich ausmalen, was passiert wäre: Ein Verfahren gegen den Polizisten wäre eingestellt worden (wenn es überhaupt eingeleitet worden wäre), im Gegenzug hätte der Zeuge mit einer Anzeige wegen Widerstands oder tätlichen Angriffs gegen Vollstreckungsbeamte rechnen müssen.

Wie aber ging es damals weiter? Der Schutzmann wurde angeklagt und – trotz Deckung durch seinen Kollegen, der ihn am Tattag begleitet hatte – verurteilt: "Das Gericht ging denn auch weit über den Antrag des Staatsanwalts hinaus. [...] Dem Angeklagten [...] sei seine Bezechtheit nur strafschärfend anzurechnen. Die Beamtenschaft müsse vom Vertrauen des Volkes getragen sein, und Beamte, die dieses Vertrauen mißbrauchen, müssen scharf angepackt werden: drei Monate Gefängnis." Und jetzt kommt's! "Aber der Angeklagte habe auch die Äußerung getan: 'Sie kenne ich schon lange!' Eine solche Redensart sei im Munde eines Schutzmannes eine Beleidigung, denn der Angeklagte habe damit ausgedrückt, daß der Zeuge schon mehrfach mit der Polizei in Konflikt geraten sei. Dies aber sei nicht der Fall, und so habe auch wegen Beleidigung eine Bestrafung erfolgen müssen: 50 Mark Geldstrafe."

So kann man es nachlesen in den gesammelten Prozessberichten von Paul "Sling" Schlesinger (Der Mensch, der schießt. Berichte aus dem Gerichtssaal, Lilienfeld Verlag 2013). Die Gerichtsreportage ist nicht nur als literarische Gattung wertvoll, sondern auch und vor allem als Zeitdokument kaum zu überschätzen. Dass in den Zwanzigern beileibe nicht alles golden war, kann man aus Schlesingers scharfen Beobachtungen ebenso mitnehmen wie die Erkenntnis, dass in der jungen Demokratie doch einiges möglich war, was man sich im 21. Jahrhundert kaum vorstellen kann. 

Ein vergleichbares Werk lese ich gerade: Gabriele Tergits Vom Frühling und von der Einsamkeit (Schöffling & Co. 2021). Die darin versammelten Reportagen aus den Gerichten entstanden ebenfalls im Berlin der Weimarer Zeit und sind m.M.n. noch aussagekräftiger hinsichtlich des Zustands der Republik, der ja allzu oft mit dem heutigen parallelisiert wird. Ein Beispiel aus dem Jahre 1926. Auf der Anklagebank sitzt ein "schmaler, dünnlippiger, grauhaariger Herr", der eine Pistole ohne gültigen Waffenschein besessen haben soll. Die Waffe habe er noch aus seiner Zeit bei der Wehrmacht, für deren Angehörige die entsprechende Vorschrift von 1919 nicht gelte. "Richter: Doch. Sie erlangte durch Veröffentlichung im 'Reichsgesetzblatt' Gesetzeskraft. - Angeklagter: Das beweist nichts. Die Nationalversammlung hatte recht de facto, aber nicht de jure. [...] Ich fühle mich nicht gebunden an Verordnungen der Herren Volksbeauftragten, der Herren Novemberlinge [...]" Na, erinnert das nicht frappant an jene selbsternannten "Reichsbürger", die heute ständig die Justiz nerven?

Was mir ins Auge springt, ist das häufige Vorkommen von Kampfverbänden, guerillaesken Milizen, Umstürzlern und sonstigen bewaffneten oder unbewaffneten politischen Organisationen. Ich bin erst bei einem Drittel des Tergit-Buches angelangt, und bisher wurden schon erwähnt:
- die Bismarck-Bündler: rechtsnationaler, paramilitärischer Verband
- "Der Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten", größter Kampfbund der "Nationalen Opposition"
- das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Bund aktiver Demokraten, 1924 von den drei Parteien der Weimarer Koalition (SPD, Zentrum, DDP) gegründeter Wehrverband zum Schutz der Republik
- die Schwarze Reichswehr: Paramilitärische Formationen, die unter Bruch des Versailler Friedensvertrages von der Reichswehr unterhalten oder gefördert wurden
- die Organisation Consul: 1920 gegründet, nationalistischer und antisemitischer Kampfbund mit dem Ziel, eine Militärdiktatur zu errichten
- der Spartakusbund 
(op.cit., Anhang "Anmerkungen").

Und das ist dann ein augenfälliger Unterschied zu den 2020er Jahren: Bei allen alarmierenden Entwicklungen gehören Straßenkämpfe widerstreitender Gruppierungen nicht zum bundesdeutschen Alltag.

Donnerstag, 7. Oktober 2021

Einmal Mäuschen spielen (und nie wieder)

Was passiert eigentlich zu Hause bei Deutschlands Intellektuellen – oder denen, die als solche gelten? In der Süddeutschen Zeitung konnte man es kurz nach der Bundestagswahl ausschnittweise erfahren. Unter vielen anderen wurde Maxim Biller gebeten, seinen Wahlabend zu schildern, was er auch tat. "Zuerst gab es Kaviar, dann zwei Teller Borschtsch, und dann saßen wir noch ziemlich lange auf dem Balkon ...", und so weiter, bis schließlich: "'Marine Le Pen hätte in Deutschland keine Chance', sagte Anna plötzlich ernst. 'Und Matteo Salvini?', sagte ich. 'Höchstens als abgewrackter Ex-Politiker im Dschungelcamp.' 'Und Putin?' 'Der würde ganz schnell im Knast landen – als Mafiaboss.'"
So was hört man also bei unseren Top-Geistesmenschen: Dialoge wie unter Vierzehnjährigen, die ihre politische Bildung ausschließlich aus satirischen Fernsehsendungen speisen, und unhinterfragte Thesen, die jede/r Außenstehende selbst im Krimsekt-Rausch vom Balkontisch wischen könnte.
Am Ende gab's noch "einen letzten Teller Borschtsch".

Dienstag, 27. Oktober 2020

Kurz notiert: Burgomeister

Interessanter Wortfund im hervorragenden Museum Schloss Fechenbach zu Dieburg:


Die amerikanischen Besatzer bezeichnen in einem frühen Bericht den Bürgermeister als burgomeister. Möglich, dass es sich hier nur um eine Falschschreibung der deutschen Amtsbezeichnung handelt, vielleicht aber auch von burgomaster, oder es ist ein Hybrid aus beidem bzw. das historisierende Wort diente als Vorbild.

Samstag, 1. Februar 2020

Deutschland positiv besetzen!

Als ich Anfang des letzten Jahrzehnts nach Frankfurt gezogen bin, war ich ziemlich baff, als ich beim Radiosenderscannen entdeckte, dass man hier AFN (American Forces Network) empfängt. Und das kann man bis heute tun! Ich liebe diesen leichten Übersee-Zauber, der natürlich mit der spannenden Tatsache einhergeht, dass es in Deutschland noch immer eine Reihe US-Militärbasen gibt. Diese Parallelwelten strahlen eine ungeheure Magie auf mich aus. Mehrheitlich im Südwesten des Landes stößt man ja auf "Klein-Amerikas" in sonder Zahl im Wald wie in der Stadt (faszinierendstes mir bekanntes Beispiel: Kaiserslautern-Vogelweh, quasi ein ganzer der Army gehörender Stadtteil). Dass diese ausländischen Einrichtungen auf hiesigem Hoheitsgebiet sogar Deutsche als ziviles Personal beschäftigen, etwa als Lehrkräfte, finde ich nicht minder toll. Wie es wohl ist, auf eine Arbeitsstelle zu gehen, wo Portraits von Donald Trump an den Wänden hängen?

Bekanntermaßen sind nicht nur amerikanische Truppen auf deutschem Boden stationiert. Das Zeit-Magazin hat vor kurzem dankenswerterweise eine Deutschlandkarte veröffentlicht, in der alle Orte mit ausländischen Basen verzeichnet sind:


Neben 28 US-Standorten gibt es solche mit Briten (6x) und mit Franzosen (2x). Neu war mir, dass auch "Kanada [...] als Nato-Partner an einem Ort vertreten" ist; "hinzu kommen fünf Nato-Stützpunkte." Bis 2006 hatten wir auch noch belgische und bis 2007 niederländische Streitkräfte zu Gast. Es wird ja immer wieder über Kosten und Nutzen dieser Institutionen diskutiert, doch hoffe ich, dass sich die jeweiligen Regierungen nicht zum vollständigen Abzug ihrer Soldaten entschließen. Nicht nur begrüße ich es, dass wehrhafte Männer und Frauen diverser demokratischer Nationen notfalls zur Stelle sind, falls Deutschland mal wieder zu frech wird, auch sorgt diese Präsenz für ebenjene Exotik in Form von, beispielsweise, AFN. 

Alles zu den (mittlerweile eingestellten) Kurz- und Mittelwellen- sowie den AFN-Fernsehdiensten und einiges mehr erfährt man in dem umfangreichen Wikipedia-Artikel zum Thema.

Sonntag, 22. September 2019

The Greatest Generation

Noch einmal müssen wir in meine Schulzeit zurückreisen. Kurz vor dem Abitur zog eine Lehrerin, die uns eine Zeitlang in Chemie vertreten hatte, bezüglich unseres Jahrgangs ein Resümee, das fast wortwörtlich so lautete: "Wenn ich mir Sie so anschaue und wie ich Sie so erlebe, sehe ich ernsthaft schwarz für die Zukunft." Über diese objektiv unverschämte Äußerung konnten wir, nach Jahren permanenter Erniedrigung, freilich nur feixen. Inzwischen jedoch ist mir klar geworden, dass diese Lehrkraft recht hatte.

Möglicherweise galt das ja nur für unsere Schule, aber wir waren wirklich ein peinlicher Haufen: unpolitisch, desinteressiert, albern, sorglos, verwöhnt. (Einzig beim Ausbruch des Kosovokrieges wurde von ein paar unserer an zwei Händen abzuzählenden christlichen Schülerinnen in Kooperation mit der Reli-Lehrerin ein "Friedensraum" oder so was eingerichtet.) Niemals wären wir auf die Idee gekommen, für oder gegen etwas zu demonstrieren. Unseren Eltern ging es doch gut, warum sollte es uns irgendwann schlecht gehen? Und was focht uns die Erde an? Wir hatten ja unsere Computer. Laut den meisten unserer Lehrerinnen und Lehrer waren wir eh zu dumm, um etwas zu bewegen.

Wenn ich mir heute anschaue, wie junge Menschen versuchen, das zu retten, was die Generationen vor ihnen verbockt haben (und was meine Generation einfach hat schleifen lassen), wird mir warm ums Herz. Millionen gehen auf die Straße, weil sie erkannt haben, dass sie ihren 40. Geburtstag nicht erleben werden, sofern sich nicht sofort etwas ändert. Schwarz für die Zukunft sehe ich trotzdem, denn höchstwahrscheinlich bringen noch so viele Klimastreiks und Freitagsproteste gar nichts mehr. Aber ich freue mich über dieses neuartige, furiose Engagement.

Als Versuch einer Ehrenrettung möchte ich noch vermerken, dass mehrere meiner ehemaligen Mitschüler, die mittlerweile selbst Kinder im Grundschulalter haben, diese beim letzten "Friday for Future" unterstützend begleitet haben. Das habe ich in einer WhatsApp-Freundesgruppe gesehen, und auch darüber habe ich mich gefreut.

PS: Ursprünglich wollte ich dieses Textlein mit "The kids are alright" betiteln, aber den Satz habe ich in den vergangenen Tagen so oft gelesen, dass ich ihn als des Kybersetzung-Originalitäts-Versprechens nicht würdig erachtete.

Mittwoch, 14. Februar 2018

Der Jokus ist schlecht

Es folgt ein Nachtrag zur "Eliten"-Schelte der Bild am vergangenen Samstag. Was davon zu halten ist, hat das "BildBlog" bereits klargestellt; ich möchte mich allein auf den Witz konzentrieren, mit dem jener Meinungskasten aufmachte:


Ich finde den Vergleich unpassend. Meiner Erfahrung nach hat Joghurt eine verhältnismäßig lange Haltbarkeit entgegen dem, was man von einem Milcherzeugnis erwarten würde. Oft ist Joghurt noch Wochen nach dem angegebenen Datum genießbar, und Schimmel bildet sich viel später als bei manchem Obst, bei Brot, bei einigen Marmeladen oder bei Antipasti vom Markt, um einige Beispiele zu nennen, die mir spontan einfallen. 
Da wäre mehr drin gewesen, vielleicht irgendwas mit "links- und rechtsdrehenden Kulturen" oder mit "sauer" oder "Quark"?

Sonntag, 17. September 2017

Ow, wire


Grenzen sind schon etwas Ekelhaftes. Und damit meine ich nicht Grenzen als abstrakte politische Linien per se – diese können ja durchaus faszinieren und bestaunenswerte Gebilde wie Exklaven und Enklaven zeitigen. Ekelhaft sind Grenzen, deren Überwindung mit Gewalt verhindert wird, sei es aktiv qua Schießbefehl oder eben passiv durch Stacheldraht. Wenn man sich verschiedene Arten dieses immer noch nicht geächteten Sperrmittels anschaut (im Bild: Kendell Geers – Acropolis Redux, documenta 14), muss man sich doch fragen, was in den Köpfen von Menschen vorgeht, die das Zeug entwickeln, optimieren, bewerben; die es so designen, dass es sich noch effizienter durch Kleidung schneidet, noch tiefer ins Fleisch frisst als das Vorgängermodell; die von globalen Krisen profitieren und sich nicht einmal dafür schämen. Ihnen gilt meine aufrichtige Verachtung.

Mittwoch, 8. März 2017

Das kommt mir indianisch vor

Aus dem aktuellen Spiegel, S. 31:

"'Wenn Sie in solchen Staaten auf Lackschuh-Indianer-Ebene verhandeln, werden Sie erst gar nicht ernst genommen', sagt ein Innenministerialer."

Was zum Geier soll das bedeuten? Google findet bei der Suche nach "Lackschuhindianer" bzw. "Lackschuh-Indianer" ganze drei Stellen: 1. In einem Kunstblog wird der Maler George Grosz als "Lackschuh-Indianer und Dandy" bezeichnet. 2. Im Politikthread eines Thailand-Forums schrieb vor ungefähr einem Jahr ein User zum Thema Putin: "der chinese lässt sich von den lackschuhindianern nicht ewig vor seiner hautür provozieren." 3. Ein User mit demselben Nickname (also vermutlich dieselbe Person) ließ sich bereits 2008, ebenfalls in einer Russland-Diskussion auf einem Thailand-Board, zu dieser Formulierung hinreißen: "erstens weiss der russe was krieg ist, im gegensatz zu den lackschuhindianern aus übersee".

Ob der Innenministeriums-Mitarbeiter mit dem Kunstblogbetreiber oder dem Forenmitglied identisch ist? Wenn nicht: Kennen diese drei einander? Wie sonst ist das anderswo nicht belegte Kompositum unabhängig in ihre aktiven Wortschätze gelangt? 

Aber halt! Gerade fällt mir noch ein, dass die Google-Büchersuche möglicherweise Anhaltspunkte liefern könnte. Und siehe da, in einer Ausgabe der Wirtschaftswoche von 1998 finden wir diese Zeilen: "Im Auswärtigen Amt liegt ein Gutachten der Hausjuristen vor, in dem die 'Lackschuhindianer' (kanzleramtsinterner Spottname für die AA-Diplomaten) von den rechtlichen und finanziellen Folgen des von Rot-Grün geplanten Endes der Kernenergie in Deutschland warnen."

Halten wir fest: Im Innenministerium wie im Kanzleramt blickt man auf das Auswärtige Amt hinab. Die Motivation hinter "Lackschuh-Indianer" bleibt trotzdem dunkel. Ich würde mich freuen, wenn mir jemand hülfe, dieses Rätsel zu lösen.

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Wie "Spiegel online" neulich (mal wieder) durchdrehte


Diesen Screenshot habe ich am 9.12. um kurz nach 17 Uhr gemacht. 'Das glaubt mir keiner, dass das da stand', dachte ich, 'sicher ein zu früh als Schlagzeile freigeschaltetes Zitat aus der CDU-Pressemitteilung.' Aber nein: Gut eine Stunde lang standen diese zwei Zeilen an der Topmeldungs-Position, bevor sie anderen News Platz machten – anstatt in zu erwartenden Spon-Duktus umformuliert zu werden ("Applaus für Merkel-Rede bei CDU-Parteitag").
Was war da los?