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Dienstag, 7. Juli 2026

Don't Worry Starling

In Cal Flyns "Verlassene Orte. Enden und Anfänge in einer menschenleeren Welt", dem wieder mal sehr anregenden und repräsentativen 100. (!) Band der Reihe "Naturkunden" bei Matthes & Seitz, wird erwartbarerweise auch das Thema invasive Arten berührt. Insbesondere geht es darum, wie im Zuge von Kolonisierung nichtendemische Spezies in neue Lebensräume, zielgerichtet oder unabsichtlich, eingeschleppt werden. Erstaunlichste Stelle (S. 190):

Manchmal nahmen die Kolonialisten Pflanzen und Tiere zur Gesellschaft mit, weil sie hübsch aussahen oder ihnen in der Fremde ein Gefühl der Vertrautheit vermittelten. Sie zu sammeln und zu pflegen, war ein beliebter kolonialer Zeitvertreib. Im Jahr 1890 setzte eine "Akklimatisierungsgesellschaft" in New York Exemplare aller in Shakespeares Werken erwähnten Vogelarten im Central Park aus.

Die Schwalbe, die den Sommer bringt.
Der Spatz, der Zeisig fein,
Die Lerche, die sich lustig schwingt
Bis in den Himmel 'nein.

Die meisten verschwanden in den Bäumen und wurden nie wieder gesehen, aber die sechzig Stare ("Ja, einen Star schaff' ich mir an, der nichts soll lernen / Zu schrein, als 'Mortimer'!") entwickelten sich prächtig. Heute gibt es etwa 200 Millionen amerikanische Stare.

Das ist crazy! Aber leider nur halbwahr. Richtig ist, dass ein New Yorker Apotheker namens Eugene Schieffelin der American Acclimatization Society angehörte und ihr im Jahr 1877 vorstand; auch setzte jener tatsächlich 1890 die genannte Zahl an Staren im Central Park aus, allerdings wohl nicht als Teil eines Projekts mit Shakespeare-Bezug: "Some historians have cast doubt on this story, as no record of it exists until the 1940s." Dass sich der Star in den Vereinigten Staaten dermaßen stark und mit teils verheerenden Folgen ausbreitete, stimmt jedoch.

Dienstag, 30. Juni 2026

Buchstabensalat (nicht-vegan)

Die Organisation PETA hat eine neue Anti-Tierausbeutungs-Kampagne im öffentlichen Raum laufen:


Eine Frage beschäftigt mich, seit ich diese Plakate zum ersten Mal gesehen habe: Ist das Schriftbild der Botschaften so unbeholfen-krakelig, weil diese von Tieren verfasst wurden oder weil sie von Tierbabys verfasst wurden? Konkreter: Schreiben Tiere, wenn sie reifer, gelehrter und weltgewandter sind, weniger kindlich? Oder kommt die Handschrift eines Tieres (eins der zwei anderen Motive zeigt ein Ferkel, das ebenfalls eine, haha!, Sauklaue hat) unabhängig von dessen Alter grundsätzlich niemals an die eines (erwachsenen) Menschen ran? Falls Ersteres, hätte man die Statements entsprechend erweitern können: "Wenn ich groß bin, möchte ich kein Kotelett werden, sondern Kalligraphie betreiben."

Sonntag, 28. Juni 2026

Kurz notiert: Ziegenturm

Mir schoss letzte Woche fast die Ziegenmilch aus der Nase, als ich erfuhr, dass es Ziegentürme, wie ich sie bisher nur aus "Goat Simulator" kannte, tatsächlich gibt! Die englischsprachige Wikipedia führt einen Artikel dazu, laut dem diese Bauwerke erst recht spät auftauchen, nämlich im 19. Jahrhundert als Zierelemente in der europäischen Gartenkunst (als sog. Follies) und ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wenn auch in überschaubarer Zahl, weltweit, zuerst 1981 in Südafrika, dort direkt inspiriert vom ersten derartigen Turm in Portugal.

Seit 2009 seien goat towers ein Internet-Meme, und tatsächlich hat diese architektonische Kuriosität einen eigenen Eintrag bei "Know Your Meme" (auf BoingBoing sei das südafrikanische Exemplar erstmals porträtiert worden).

Noch ein Grund mehr, eine Wiedergeburt als Ziege anzustreben! (Foto: Marcia Rittmueller Johnson - File:Johnson's_Goat_Tower.jpg, CC BY-SA 4.0, Link)

Freitag, 12. September 2025

VdJ

Und wieder mal steht sie an: die Wahl zum Vogel des Jahres. Ich habe soeben meine Stimme für die Waldohreule abgegeben. Eulen mag ich generell, und die bis eben nicht in meinem aktiven Tiergedächtnis vorhandene Waldohreule ist mir ein My bzw. ein Uhuuu sympathischer als die ebenfalls kandidierende Schleiereule. Jene dünkt mir zu kommerziell; ich könnte mir vorstellen, dass sie wegen ihrer phänotypischen Nähe zur Schneeeule von vielen Harry-Potter-Fans erkoren wird. Die Amsel wiederum scheint mir als offensichtliche Low-key-Bewerberin ins Rennen geschickt worden zu sein, das ist mir zu langweilig. Über mangelnde Aufmerksamkeit soll sie sich angesichts ihrer Verbreitung und des stabilen Bestandstrends (+14 % bei gegenwärtig geschätzten 7.650.000 bis 9.300.000 Brutpaaren) nicht beschweren! Putzig ist auch der Zwergtaucher, "unser kleinster heimischer Lappentaucher" (NABU), und das Rebhuhn hat schon wegen ihres Gefährdungsstatus eine Chance verdient ("Durch die Ausräumung der Landschaft und den hohen Pestizideinsatz mangelt es ihnen an Lebensraum und Nahrungsmöglichkeiten. Die wenigen verbliebenen Habitate sind anfällig für Fressfeinde und werden zusätzlich durch den Menschen bejagt"). Ich möchte selbstverständlich niemanden beeinflussen. Abgestimmt werden kann noch bis zum 9. Oktober.

Dienstag, 24. September 2024

The eagle hasn't landed (yet)

Was ist der Nationalvogel der Vereinigten Staaten von Amerika? Der Weißkopfseeadler natürlich, würden wohl die meisten auf diese Frage antworten. Tatsächlich ist der bald eagle, wenn er auch als Wappentier das Große Siegel ziert und somit in den USA allgegenwärtig ist, nie offiziell als national bird anerkannt worden. Dies könnte sich bald dank einer vom National Eagle Center in Wabasha, Minnesota, vorgeschlagenen gesetzlichen Verankerung ändern.

Das regelmäßig über minnesotische (?) Angelegenheiten berichtende Blog TYWKIWDBI hat darüber neulich informiert und dabei nicht unerwähnt gelassen, dass auch viele Menschen in den USA davon ausgehen bzw. ausgegangen sind, der Status des Weißkopfseeadlers als Nationalsymbol sei längst verbindlich festgelegt. Man denkt ja als Laie häufig, dass Selbstverständlichkeiten irgendwo kodifiziert seien, und dann sind sie es gar nicht, Stichwort Gewohnheitsrecht. Dass zum Beispiel Deutsch in Deutschland Staats- oder Landessprache ist, wird auch in keinem Gesetzestext schriftlich festgehalten (soweit ich weiß, regelt lediglich das Gerichtsverfassungsgesetz, dass die Gerichtssprache Deutsch ist, wobei Wirtschaftsprozesse hierzulande künftig auch auf Englisch geführt werden dürfen); Initiativen à la "Deutsch ins Grundgesetz!", wie sie alle paar Jahre von sich reden machen, sind meines Erachtens unsinnig.

Übrigens: "Einen wirklich offiziellen Nationalvogel gibt es in Deutschland wohl nicht. 1966 betitelte der Deutsche Bund für Vogelschutz den Weißstorch als Nationalvogel. [...] Auf dem Bundeswappen Deutschlands ist ein stilisierter schwarzer Adler abgebildet, der keine bestimmte Art repräsentiert. Trotz[dem] ist der Steinadler als Nationaltier Deutschlands bekannt." (vogelundnatur.de)

Montag, 12. August 2024

Ich glaub', ich sehe Regenbogenforellen!

Vom Ablecken bestimmter Froscharten zwecks Berauschung hat man ja schon gehört, aber wusstet ihr, dass es halluzinogene Fische gibt? Ich nicht! Als prominentes Beispiel für ein solches Tier nennt Wikipedia die Goldstrieme, die schon in der Antike als halluzinogener Fisch bekannt gewesen sein soll und deren arabischer Name "der Fisch, der Träume macht" bedeutet. Welche Stoffe die Trips verursachen, ist bislang nicht geklärt. Sind es aus dem Meer aufgenommene Toxine? Enthalten die Körper von Natur aus Dimethyltryptamin?

Noch mysteriöser: Die Goldstrieme, auch Goldstriemenbrasse genannt (Sarpa salpa), wird auf der Liste der Nordseefische geführt, in ihrem eigenen Eintrag ist im Abschnitt "Verbreitung" allerdings nur vom östlichen Atlantik von der Biskaya bis an die Küsten von Sierra Leone, vom Mittelmeer und vom Schwarzen Meer sowie von den Küstengewässern um Südafrika die Rede. In der Liste der halluzinogenen Spezies steht "Tunesien, Frankreich, Israel". Allein die englischsprachige Seite weiß: "It has occasionally been found as far north as Great Britain." Besteht eine Chance, das Tier auch in deutschen Hoheitsgewässern zu angeln? Nicht dass ich Interesse daran hätte ... "2006 erlebten zwei Männer, die offenbar den Fisch gegessen hatten, mehrere Tage lang anhaltende Halluzinationen" – nein, danke!

Mittwoch, 24. Mai 2023

Aus der Art geschlagen

In manchen Belangen war ich durchaus das, was man als "aufgewecktes Kind" bezeichnet, aber weiß Gott nicht in allen. Eine Sache, die ich bis in die Grundschulzeit hinein partout nicht begreifen wollte: Geschlechtsdimorphismus im Tierreich. Ich blätterte gerne die illustrierten Tierbücher aus dem elterlichen Bestand durch und sah dabei immer wieder, dass vorgestellte Arten mit zwei Abbildungen vertreten waren, die komplett voneinander abwichen. (Sobald ich zu lesen fähig war, hatte ich sogar schriftliche Beweise dafür, dass es sich jeweils um ein und dieselbe Spezies handelte.) Dann fragte ich meine Mutter oder meinen Vater, warum da zwei offenbar verschiedene Tiere abgedruckt seien. "Das eine ist das Männchen, das andere das Weibchen", bekam ich zur Antwort. Hä? Okay, das eine ist ein Hirschkäfermännchen, aber was für ein Käfer ist das Weibchen? Das so starke Auseinanderklaffen der Phänotypen wollte mir einfach nicht in den Kopf hinein. Erst nach und nach, anhand von berühmten Sexualdimorphismus-Beispielen wie Stockenten oder Pfauen, konnte ich dieses Phänomen nachvollziehen. Peinlich!

PS: Die Schwanzfedern des männlichen Pfaus werden übrigens mit dem mir bis vor kurzem unbekannten Handicap-Prinzip erklärt.

Montag, 6. März 2023

Dem Rätsel auf den Fersen: Katzenjammer und säuische Klänge

Ließen europäische Könige Instrumente aus Tieren anfertigen?

In einem Monty-Python-Sketch führt ein exaltierter Musiker, dargestellt von Terry Jones, eine sog. mouse organ vor: 23 weiße Mäuse, nebeneinander gereiht und darauf trainiert, unterschiedlich hohe Töne von sich zu geben. Er schlägt mit zwei Holzhämmern auf die armen Nager ein und "spielt" so auf ihnen "The Bells of Saint Mary". Die Mäuseorgel ist freilich ebenso eine Nonsens-Schöpfung wie das aus lebenden Fellkugeln bestehende "Muppaphone" aus der Muppet-Show oder die in Herbert Rosendorfers Kurzgeschichte "Die Karriere des Florenzo Waldweibel-Hostelli" erwähnte "ormizellische Katzenorgel (zweiundsiebzig angebundene Katzen, nach Stimm- oder besser Miau-Höhen geordnet und in eine Klaviatur gespannt, in der die Katzen je nach Tastendruck mit einer Nadel in den Schwanz gestochen wurden, womit man verschiedene Töne ... hervorrufen konnte)".

Oder doch nicht? Haben animalische Instrumente wie das "Cat Piano" – zuletzt Thema eines gleichnamigen australischen Animationskurzfilms von 2009 – reale Vorbilder in der Geschichte? In seinen Merkwürdigen Beyträgen zu dem Weltlauf der Gelehrten von 1765 behauptet Georg Heinrich Büchner, Zar Peter der Große habe ihn 1716 mit dem Bau einer Katzenorgel beauftragt, nachdem in heiterer Runde auf Athanasius Kircher zu sprechen gekommen war. Jener Universalgelehrte des 17. Jahrhunderts habe nämlich die Idee zu einer "Katzenmusic" als erster gehabt. Sie sollte, auf ähnliche Weise wie bei Rosendorfer beschrieben, erzeugt werden, indem sieben oder vierzehn Tiere in einen Kasten gesetzt und mit den Claves verbunden werden, deren "spitzige Stacheln" die Katzen am Schwanz "kützeln" und sie so zum Tönen bringen.

Die praktische Umsetzung stellte Büchner vor etliche Hürden. So veränderten die Kater in der Nähe von Weibchen "ihre Stimme wohl zehenmal", waren mithin nicht auf eine Note festzulegen. Manche Exemplare ließen sich nicht bändigen, befreiten sich aus der Apparatur, so dass das Zusammenstellen des Ensembles Kosten und Geduld verschlang. Bei denjenigen, die festgehalten werden konnten, zeigte sich, dass "die Schwänze dieser Thiere von dem scharfen Einklemmen nach und nach taub" wurden: "Einige sprachen an, andere aber blieben stumm, und verderbten die ganze Capelle". All die Mühe und Quälerei war umsonst, "das Geheule unter einander war so fürchterlich, und zugleich lächerlich, daß es mit keiner Feder zu beschreiben."

So glaubhaft Büchners Ausschmückungen seiner Konstruktionsversuche wirken, verlässliche Zweitquellen dafür finden sich nicht. Führte der Autor seine Leserschaft hinters Licht? War seine Fantasie womöglich von einer älteren Legende beflügelt worden? Ein anderer Monarch, Frankreichs König Ludwig XVI. (1461 bis 1483), soll nämlich einen musikalisch begabten namenlosen "Bargiensischen Abt" im Scherz gebeten haben, "er solte ihm einmahl auch eine Schwein-Music praesentiren" – was dieser auch tat, mit dem Ergebnis eines "grossen Gelächters über die wunderliche Harmonie". So steht es in der Historischen Beschreibung der edelen Sing- und Kling-Kunst des Komponisten Wolfgang Printz von 1690. Der zugrunde liegende Mechanismus dieser "Schweineorgel" – bei Tastendruck fährt ein Stachel in den Schwanz des Tieres – ist der gleiche wie bei Kirchers Katzenversion. Von einer solchen, in Rom mit dem Ziel, einen Gemütskranken aufzuheitern, gefertigten, berichtet Printz ebenfalls; sie sei offenbar nach dem Vorbild der Schweineorgel entstanden.

Das satirische amerikanische Quickstepp-Stück "La Piganino" griff das Motiv der Schweineorgel 1867 wieder auf. Zeitgenössische Karikaturen wie das "Swineway" auf dem "Piganino"-Deckblatt oder von angeblichen Katzenpianos hielten die Vorstellung von Tierinstrumenten im Bewusstsein. Außerhalb der Fiktion dürfte so eine Gerätschaft nie über einen Prototypen hinausgegangen sein. Das zumindest kann man allein aus tierethischen Erwägungen nur hoffen.

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Anm.: Wer sich bei Inhalt, Aufbau und Überschrift dieses Beitrags an eine Rubrik der Süddeutschen Zeitung erinnert fühlt, braucht das nicht auf eine Zufallsdoppelung zu schieben. Als Fan der Wochenend-SZ hatte ich schon seit langem den Traum gehabt, mich einmal an der Reihe "Dem Geheimnis auf der Spur" zu beteiligen, und schickte der Redaktion im Februar zwei Artikel über recht unverbrauchte Mysterys zur freien Verwendung. Wie ich hätte ahnen können, ließen sich die Damen und Herren in München nicht mal zu einer Ablehnungs-Mail herab. Damit meine Recherchen nicht umsonst waren, erscheint der erste Text jetzt hier. (Folge 2 kommt demnächst, und eine Fortsetzung ist nicht ausgeschlossen, denn ich habe noch weitere "Rätsel" in petto.)

Dienstag, 19. Juli 2022

Wer hat an der Nomenklatur gedreht?

In einem früheren Beitrag schrieb ich in Hinblick auf das linnésche Ordnungssystem: "Die bestehende Systematik ist die sinnvollste, die wir haben", und, als Fußnote: "Davon gehe ich einfach mal aus. Genaueres könnte ein Blick in das Buch 'Tiere ordnen: Eine illustrierte Geschichte der Zoologie' von David Bainbridge klären." Jene ersprießliche Lektüre konnte ich nun endlich meiner Lieblingsbibliothek entleihen.

Obwohl sich der Autor, der selbst unter anderem zur Sequenzierung von Rinder-DNA geforscht hat, damit zurückhält, die von Linné etablierten Standards anzuzweifeln oder gar deren Ausmusterung zu fordern, stellt er zwei jüngere Klassifizierungsansätze vor und erläutert deren mögliche Vorteile, welche mir vor allem darin zu bestehen scheinen, dass man von der Anatomie auf die Genetik als primäres Kriterium zur Einteilung und Abstammungsdarstellung von Lebewesen umschwenkt. Ich gebe die Beschreibungen der beiden Systeme in Zitatform wieder (nach S. 187ff.; 1. Auflage 2021), weil mir als Nichtbiologe beim Paraphrasieren bestimmt Fehler unterlaufen würden.

Da ist zum einen Kladistik "(vom griechischen Wort für 'Zweig')", die "nach einem logarithmenähnlichen System" funktioniert. "Mit Ausnahme der Arten wurden mit dem neuen Klassifikationssystem alle auf Linné zurückgehenden taxonomischen Stufen verworfen und durch eine einzige klassifikatorische Einheit ersetzt: die Klade. Eine Klade von Lebenwesen umfasst definitionsgemäß alle Arten, die von einem einzigen Vorfahren abstammen und einige gemeinsame, typische identifizierende Merkmale geerbt haben, die dieser Vorfahr entwickelte. [...] Ein Vorteil der Kladistik besteht darin, dass es nicht wichtig ist, welche Daten genutzt werden, und in jüngerer Zeit haben sich DNA-Sequenzen als ebenso nützlich erwiesen wie Knochenhöcker, um die Stammfolge von Arten zu bestimmen. [... D]as visuelle Ergebnis sind asketisch einfache Bäume aus sich gabelnden geraden Linien, wobei die lebenden Arten an der Spitze stehen und die unbekannten, vermuteten Urahnen an den Wurzeln. [...] Und jeder kladistische Baum stellt eine Hypothese dar, die eine Zeit lang zu den verfügbaren Daten passt, bis neue Daten auftauchen, die sie widerlegen und eine Revision erfordern."

"Die 'Phänetik' geht noch einen Schritt weiter als die Kladistik und will überhaupt keine evolutionären Verbindungen zwischen Tieren mehr herstellen. Sie quantifiziert lediglich die Ähnlichkeit verschiedener Arten, häufig mithilfe computergestützter mathematischer Verfahren."

Noch einmal: Ich denke nicht, dass Linnés Nomenklatur in absehbarer Zukunft aufgegeben wird. Allein die ganzen Schildchen in Zoos und Naturkundemuseen, die ersetzt werden müssten! Dennoch sollten alternative Konzepte im Schulunterricht wenigstens kurz angesprochen werden. Gerade unkonventionelle Visualisierungen könnten uns einen frischen Blick auf das große Ganze verschaffen. "Anstelle eines gut verwurzelten Baumes wird bei neueren Arten der Tierklassifikation nun oft ein Netzwerk aus Linien verwendet, deren Länge für die berechnete Unähnlichkeit zwischen den Tieren an den Enden der Linien steht. [...] Dieses scheinbar chaotische Anwachsen zwischenartlicher Beziehungen regt offensichtlich dazu an, in größeren Dimensionen zu denken. Viele Zoologen haben sich bereits an strahlenförmigen Strukturen versucht, die alles bekannte Leben auf der Erde verbinden. Die riesigen neuen Stammbäume basieren meist auf genetischen Informationen, da die DNA allen lebenden Organismen gemeinsam ist. Und in einigen dieser Bäume gibt es in einer Ecke ein Zweiglein mit drei winzigen Knospen [... :] wir stolzen Menschen [...] zusammen mit unseren nahen Verwandten – Hefe und Zuckermais."

Freitag, 13. Mai 2022

Keiner Fliege was zuleide?

Im Abspann der Miniserie "Why Didn't They Ask Evans?" (hier besprochen) fiel mir etwas auf.


In der obligatorischen Beteuerung, dass während des Drehs keine Tiere zu Schaden gekommen sind, wird hier explizit darauf hingewiesen, dass dies auch auf Insekten zutreffe: "No insects or animals were harmed". Die gelegentliche Unterscheidung von Insekten und Tieren in der englischen (Umgangs-)Sprache fand ich schon immer befremdlich. Wie im Deutschen umfasst die Definition von "Tier" = animal selbstverständlich auch die extrem artenreiche Klasse der Insekten, dennoch kommt die Frage "Are insects animals?" regelmäßig auf.

Abgesehen von der eigenwilligen sprachlichen Sonderbehandlung der Kerbtiere finde ich den Disclaimer reichlich großspurig. Es kann mir doch niemand versichern, dass während der gesamten Produktion keine einzige Ameise zerquetscht wurde. Oder ein noch kleineres Tierchen versehentlich getötet wurde. Der Stab wird ja nicht exklusiv aus Jains bestanden haben, die gemäß dem Prinzip der absoluten Gewaltlosigkeit (ahiṃsā) stets einen Handfeger bei sich tragen, um Kleinstlebewesen vom Set zu fegen, auf dass diese nicht zertreten werden.

Da fällt mir ein, dass ich einmal die Möglichkeit hatte, bei den Spezifikationen für die Bordmahlzeit auf einem Langstreckenflug "Jain meal" zu wählen. Davon machte ich Gebrauch. Die Speisevorschriften im Jainismus lauten, kurz: Kein Fleisch, kein Honig, keine Eier und nichts, was unter der Erde wächst (also auch keine Zwiebeln, was ganz in meinem Sinne ist). Über den Grund für Letzteres gibt es verschiedene Aussagen. Manchmal heißt es, weil man beim Herausziehen von Wurzelgemüse und ähnlichem im Boden lebende Tiere verletzen könnte; manchmal, dass eine Wurzel zu essen bedeute, der restlichen Pflanze das Weiterleben zu verunmöglichen; schließlich, dass der Verzehr von Knollen und Wurzeln sich verbiete, weil in diesen besonders viele Seelen leben würden. Wahrscheinlich trifft alles zu. Jegliches Leben ist, wie gesagt, den praktizierenden Jains heilig. Das geht so weit, dass einige von ihnen vermeiden, im Dunkeln zu speisen, weil sie dann nicht sehen, ob Insekten an der Nahrung haften und mitgegessen werden könnten. Auch tragen sie selbst in Nicht-Corona-Zeiten einen Mundschutz, um nicht aus Versehen eine Mücke o.ä. einzuatmen. Am besten gefällt mir die jainistische Untergruppe der Digambaras, der "Luftbekleideten". Anhänger dieser Schule verzichten auf Kleidung, sie sind immer nackt. Aber das hat mit Essen und Käfern nur noch am Rande zu tun, weswegen der Beitrag hier endet.

Mittwoch, 4. Mai 2022

Was vom Tiere übrig blieb

Gesetze, und das ist auch gut so, ändern sich, sind stetiger, an sich wandelnde Einstellungen und ungeschriebene Normen ausgerichteter Beurteilung ausgesetzt und müssen gegebenenfalls vor der aktuellen gesellschaftlichen Hintergrundstrahlung neubewertet werden. Das Recht schreitet dabei nicht geradlinig in eine Richtung, es macht leider hier und dort Rückschritte, man schaue nur auf gewisse Weltgegenden mit sich religiös radikalisierenden Regierungen – oder auch bloß in die sogenannte Free World (Stichwort Roe v. Wade).

Bleiben wir in Deutschland. Als ich gestern dem Wikipedia-Artikel des Tages folgte, landete ich irgendwann bei "Tierkörperverwertung" (Rat: Nicht vor dem Frühstück lesen!), dessen Abschnitt "Rechtlicher Hintergrund in Deutschland" ich entnahm, dass seit 2017 die Möglichkeit der Pferdebestattung besteht. Das finde ich aus mehreren Gründen beachtlich. Zum einen streift die historische Praxis, Pferde zu beerdigen, ein Fachgebiet von mir (tatsächlich werde ich im Wiki-Eintrag zu Pferdekult mehrmals zitiert); die präferierte und einzig gangbare Form ist heute allerdings nicht die Erd-, sondern die Feuerbestattung, so dass künftige Generationen keine Skelettreste aus unserer Epoche freilegen und daraus kulturanthropologische Schlüsse werden ziehen können. Zitat: "Stand Anfang 2022 gibt es in Deutschland drei zugelassene Pferdekrematorien mit vier Standorten. Darüber hinaus sind Anbieter aus Frankreich und den Niederlanden aktiv, die auch aus Deutschland in ihre Krematorien im Ausland überführen. Nur die Feuerbestattung im Krematorium ist für Equiden zulässig." (Von Equiden spricht das Tierische Nebenprodukte-Beseitigungsgesetz [TierNebG] und bezieht sich somit nicht nur auf Pferde, sondern auch auf Zebras, Esel usw.)

Zum anderen scheint mir die Vorschrift im Hinblick darauf, was ich in der obigen Einleitung ansprach, bemerkenswert. Warum haben wir plötzlich das Bedürfnis, tote Pferde nicht mehr einfach zu beseitigen, sondern ihnen eine Behandlung wie unseresgleichen angedeihen zu lassen? Versetzt man sich in die Volksseele der westlich-durchindustrialisierten Zivilisation und speziell der deutschen vor sagen wir fünfzig Jahren hinein, muss man sich auf dem Standpunkt wähnen, dass Tiere nichts anderes als Produkte, Werkzeuge, letztlich Glieder einer Verwertungskette sind. Der Mensch lebt nicht neben dem Tier, er hat sich über es erhoben und kennt es nur mehr als Nutz-Wesen. Seit etlichen Jahren erleben wir aber eine Kehrtwende im Denken, wir haben erkannt, dass wir auf Tiere nicht nur wegen ihres Fleisches, ihres Fells etc. angewiesen sind, zudem liefert die Wissenschaft immer neue Erkenntnisse bezüglich der Empfindungen und kognitiven Fähigkeiten tierischer Geschöpfe. Die Folgen sind gesteigerte Empathie und als Konsequenzen der Siegeszug des Vegetarismus, Bewusstsein für Umweltschutz, bessere Behandlung von Vieh und manches mehr, was sich eben auch in Gesetzestexten widerspiegelt. Um das klarzustellen: Ich verstehe das nicht als "Rückschritt", ganz im Gegenteil. Auch darf man den geweiteten Blick auf unsere mehrbeinigen Freunde nicht mit verkitschter Hundeliebe gleichsetzen. Zumal die emotionale Nähe zum (Haus-)Tier ja nicht kontinuierlich abgenommen oder auf niedrigem Niveau stagniert hatte, bevor sie im Post-Industriezeitalter (?) sprunghaft anstieg. Immer wieder hegten Völker und Individuen besondere Verhältnisse zu (domestizierten) Viecherln, davon zeugen nicht zuletzt ehemalige Schindäcker wie der, in dessen Nähe ich wohne. Langer Rede kurzer Sinn: Man sollte sich ruhig mal in den Komplex Tierfriedhöfe & Co. einlesen.

PS: Gestern habe ich "The Northman" im Kino gesehen und mich sehr gefreut, dass darin ein altnordisches Pferdeopfer dargestellt wird.

PPS: Im Zusammenhang mit Tierkörperverwertung lernte ich das schöne Wort Knickei kennen. Das sind Hühnereier mit Rissen oder Bruchstellen in der Schale. "Bis in die 1980er Jahre konnte der Konsument auf Anfrage bei Bauernhöfen, die ihre selbsthergestellten Produkte verkaufen, noch Knickeier erhalten. Diese waren im Preis stets stark reduziert [...]. Bis 2004 unterschied man Eier der Güteklassen B und C. [...] Eier der Güteklasse C [waren] stark beschädigt und nicht für die Lebensmittelindustrie zugelassen [...]. Mit Zusammenführung der Güteklassen B und C dürfen Knickeier derzeit, wie alle anderen Eier der Güteklasse B, nur noch an die Lebensmittelindustrie und zur industriellen Weiterverarbeitung u. a. zu kosmetischen Produkten verkauft werden."

PPPS: Dass ich an anderer Stelle erfuhr, dass Mikrowellen bis 1988 bei der Deutschen Bundespost angemeldet werden mussten, hat zwar nur am Rande mit all dem zu tun, ist aber zu kurios, um es hier nicht zu erwähnen.

Sonntag, 23. Januar 2022

Die Abschaffung der Arten?

Vor einigen Tagen fanden zwei Wattenmeer-Ranger vor Wangerooge zwei Exemplare des fast verschwunden geglaubten Kurzschnäuzigen Seepferdchens (Hippocampus hippocampus). Moment, was bedeutet "fast verschwunden geglaubt"? Zitat ndr.de: "Forscher gehen davon aus, dass die Kurzschnäuzigen Seepferdchen vor rund 90 Jahren aus dem Wattenmeer verschwanden, weil eine Pilzinfektion ihren Lebensraum - die Seegraswiesen - zerstörte. Allerdings [wurden] in den vergangenen Jahren immer mal wieder einzelne Exemplare an die Nordseestrände gespült."

Ich hatte die Meldung zunächst nur mit einem Auge überflogen und glaubte, es seien zwei ganz neue Seepferdchen-Arten im norddeutschen Spülsand entdeckt worden. Es gibt von ihnen laut dem Online-"Meerwasser-Lexikon" nach heutiger Auffassung zwischen 30 und 35, es hätte mich aber auch nicht gewundert, wenn weltweit 2000 Seepferdchen-Arten bekannt wären und jetzt halt 2002. Neulich las ich, dass es 35.000 Arten von Eulenfaltern gibt. In Worten: fünfunddreißigtausend!!! Ich sag's, wie's ist: Das ist zu viel. Wer soll da durchblicken? Die gängige Taxonomie abzuschaffen oder zu sagen "Ach komm, die paar hundert Eulenfalter fassen wir mal zu einer Art zusammen", kann indes auch keine Lösung sein. Die bestehende Systematik ist die sinnvollste, die wir haben*, und wenn zwei Individuen einer Gattung keinen gemeinsamen Nachwuchs zeugen können, haben sie nun mal als Vertreter einer jeweils eigenen Spezies zu gelten. Wobei man da freilich genau hingucken muss; im Falle von Hippocampus wurden in der Vergangenheit um die 100 verschiedene Arten beschrieben, "leider oft auch reine Varianten der bekannten Arten" (meerwasser-lexikon.de).

* Davon gehe ich einfach mal aus. Genaueres könnte ein Blick in das Buch "Tiere ordnen: Eine illustrierte Geschichte der Zoologie" von David Bainbridge klären. Ich habe schon zweimal versucht, es mir aus der hiesigen Universitätsbibliothek zu leihen, aber beide Vorbestellungen liefen ins Leere ("Exemplar nicht am Platz"), grrr ...

Samstag, 22. Mai 2021

Drei Gedanken zu Tieren und Menschen

Als ich neulich ankündigte, aufgrund eingeschränkter Blogpflegekapazitäten vorübergehend verstärkt auf altes Material zurückzugreifen, ahnte ich noch nicht, dass das Heraussuchen und Aufbereiten von Archivtexten auch nicht weniger zeitraubend ist, als gleich neue Beiträge zu schreiben. 

1. [2.8.2017] Schildkröten müssen sich mit einem Panzer schützen, weil sie wegen ihrer Langsamkeit leichte Beute für andere Tiere sind. Aber was macht sie überhaupt erst so langsam? Genau: DER PANZER!

2. [16.5.2007] Als ich notgedrungen durch einen Focus, der im Wartezimmer rumlag, blätterte, stieß ich auf einen Artikel über Liebe und Sexualität. Darin fiel der Satz "Wissenschaftler rätseln, warum viele Tierarten, z.B. Schimpansen und Störche, vorwiegend monogam leben." Die Antwort ist mir natürlich sofort eingefallen: Weil diese Tiere alle gleich aussehen!

3. [9.4.2010] Meine Meinung: Wissenschafts-News werden immer langweiliger. Neulich wurde aufgrund eines in Sibirien gefundenen Fingerknochens eine neue Menschenart bekannt gegeben, heute liest man schon wieder von einem neuen Vorfahren des Menschen, diesmal aus Südafrika. Es gibt mittlerweile so viele Menschenarten, dass man bereits vergessen hat, den Schimpansen als Homo zu klassifizieren (so vorgeschlagen im Mai 2003)! Wenn man mal keine neue Menschenart aufspürt, entdeckt man neue Planeten (zuletzt CoRoT-9 b) oder neue Elemente (zuletzt Nummer 117). Diese "Sensationsmeldungen" verändern aber nie unser Bild von der Welt, denn die Menschenarten sind nie das Missing Link, die Planeten liegen nie in unserem Sonnensystem und die Elemente kommen nie in der Natur vor.

Donnerstag, 21. Januar 2021

Sie ist wieder da

Heute konnte ich eine mehr als dreieinhalb Jahre schmerzhaft klaffende Leere in meinem Leben schließen. Puh, das klingt dramatischer, als es ist. Was ich meine, ist allzu banal, muss aber mit einer kurzen Rückblende erklärt werden. Wie ich hier dokumentiert habe, fing die versteinerte Koralle, die ich als Schmuckelement auf meiner Badewanne liegen hatte, 2017 an, sich an mehreren Stellen schwarz zu verfärben. Diese "Krankheit", die ich mir bis heute nur als Schimmel erklären kann, erwies sich als unheilbar und verschlimmerte sich schließlich so stark, dass ich das tote Tier entsorgen musste. Seitdem war ich fieberhaft auf der Suche nach Ersatz, wobei sich die Suche zugegebenermaßen lediglich darauf erstreckte, dass ich bei eBay einen E-Mail-alert für "Hirnkoralle" anlegte, weil ich meinte, um eine solche habe es sich bei meinem Exemplar (von dem ich übrigens gar nicht mehr weiß, wie es in meinen Besitz gelangt war) gehandelt. Eventuell wäre der Suchbegriff "Steinkoralle" fruchtbarer gewesen, doch was weiß ich schon über die verwirrend bunte Klasse der Blumentiere. So oder so dauerte es ewig, bis mir ein fast identisch aussehender und preislich angemessener Artikel vorgeschlagen wurde, nämlich bis vorgestern Abend. Ich schlug zu (Sofortkauf) und konnte "Hirni", wie ich das Fossil nicht nennen werde, keine 48 Stunden später in Empfang nehmen. Im Badezimmer wird es wohl diesmal nicht landen, fürchte ich doch, das permanente Ausgesetztsein von Feuchtigkeit könnte abermals Schimmelbildung begünstigen. Eigentlich absurd, wo das Viech doch sein ganzes Leben unter Wasser verbracht hat!

Mittwoch, 13. Januar 2021

Leiden wie ein Hund

Seit Monaten bietet sich mir fast täglich dasselbe Bild, wenn ich an der Tierarztpraxis, die auf meinem Arbeitsweg liegt, vorbeilaufe: eine Schlange! Nein, keine Schlange als Patientin, sondern eine Schlange aus wartenden, bibbernden Menschen, die wegen der corona-bedingten Abstandsregeln nicht ins Wartezimmer dürfen, sondern mit ihren maladen Schützlingen vor der Tür ausharren müssen, bis sie aufgerufen werden. Mir war vorher gar nicht klar gewesen, dass a) so viele Leute in meiner Nachbarschaft Haustiere halten, und b) dass Letztere ständig krank werden. Dieser bejammernswerte Anblick hat mich jedenfalls darin bestärkt, mir im Erwachsenenalter kein Tierchen mehr zuzulegen. (Der Hauptgrund ist freilich mangelnde Zeit, mich um ein zusätzliches Lebewesen zu kümmern.)

Als Kind und Jugendlicher hatte ich durchaus regelmäßig Haustiere – Wellensittiche und Wüstenrennmäuse –, und sehr wohl bin ich mit der bedrückenden Erfahrung des Tierarztbesuchs vertraut. Nachdem ich das letzte Mal eine Maus einschläfern lassen musste, schwor ich mir, nie wieder "Herrchen" zu werden, so spaßig das mitunter auch sein kann. Meine derzeitige Wohnung bietet ohnehin nicht genug Auslauf für irgendetwas, das größer als ein Käfer ist.

Donnerstag, 17. Dezember 2020

Possum aus der Asche

Noch erfreulicher als das Emergieren einer neuen Tierart, wie kürzlich in Australien, ist, wenn sich herausstellt, dass eine Spezies trotz akuter Bedrohung überlebt hat. Ebenfalls aus Australien, genauer: aus Kangaroo Island, konnte letzte Woche vermeldet werden, dass der Zwergbilchbeutler den Flammen des Buschs trotzen konnte und fürderhin nicht als "ausgestorben" gelistet werden muss. Herzlichen Glückwunsch, Tasmanian pygmy possum! Ich hätte mich selbstverständlich nicht weniger gefreut, wenn das kleinste Opossum der Welt unansehnlich, hochgiftig oder anderweitig problematisch wäre ... Aber schaut euch mal an, wie possierlich dieser Schlafbeutler ist!

Mittwoch, 11. November 2020

Die neuen Gleiter sind da!

Am Sonntagmorgen wurde mir eine Meldung des Sydney Morning Herald in die Timeline gespült, die bereits am Freitag veröffentlicht worden war und im Rest der Welt erst in den kommenden Tagen verbreitet werden sollte. (Es gab halt zu der Zeit wichtigere Vorgänge.) Quintessenz: In Australien wurden zwei neue Beuteltierarten entdeckt! Liest man weiter als bis zum Ende der Überschrift, offenbaren die entsprechenden Artikel, dass man sich nun keineswegs den überraschenden Fund zweier völlig unbekannter Marsupialiae im Eukalyptus-Dickicht vorzustellen hat. Vielmehr wurde durch DNA-Analysen bestätigt, dass es neben dem Südlichen Großflugbeutler (Petauroides volans) zwei weitere Arten des greater gliders gibt, nämlich den Nördlichen und den Mittleren Großflugbeutler. Bisher war man von einer einzigen Spezies mit lediglich hoher Varianz hinsichtlich der Körpergröße ausgegangen.

Das alles ändert nichts am Cuteness Overload dieser Nachricht. Die opossum-großen, furby-ähnlichen Riesengleitbeutler, wie ihre Gattung auf deutsch heißt, können bis zu 100 Meter am Stück "fliegen" und sind wegen der anhaltenden Buschbrände Down Under stärker in den Fokus der Biodiversitätsforschung getreten. Wir begrüßen Petauroides armillatus und Petauroides minor recht herzlich in der Klasse der Säugetiere!

Mittwoch, 21. Oktober 2020

Leute machen Kleiber

In meiner Social-Media-Blase ist es seit Wochen das brennendste Thema: die Wahl zum Vogel des Jahres 2021. Weil dieses Event zum nunmehr 50. Mal stattfindet, übernimmt ausnahmsweise nicht der NABU, der das traditionell gemeinsam mit dem Bayerischen Landesbund für Vogelschutz tut, die Kür, sondern lässt das gemeine Volk abstimmen. Mit regelrechtem Furor werden nun allseits Kandidaten gepusht, hartbandagige Image- und Verleumdungskampagnen geführt, wird Werbung betrieben, als ginge es um die Petition für eine Verfassungsänderung. 

Allein ich enthalte mich jeder Positionierung, nehme an keinen Diskussionen teil, habe keinen Favoriten. Mir sind alle Tiere gleich lieb. Außer die Stadttaube, das Mistvieh kann mir gestohlen bleiben! Ups, jetzt habe mich ja doch zu einer Aussage hinreißen lassen. Nun gut, da bereits die Turteltaube Vogel des Jahres 2020 geworden ist, hoffe ich, dass die Abstimmenden vernünftig genug sind, nicht erneut einer Vertreterin der Familie der Columbidae diese Ehre zuteil werden zu lassen. Zu wünschen bleibt weiters, dass niemand den Titel erringt, der ihn schon einmal innehatte (vgl. Feldlerche 1998 und 2019; Eisvogel 1973 und 2009; Weißstorch 1984 und 1994). Ein absoluter Newcomer hätte es verdient, etwa der Eichelhäher oder der Zilpzalp. Warum nicht ein politisches Zeichen setzen und einen eingewanderten Federling nominieren (z.B. Rosaflamingo)? Oder einen Irrgast wie den Krauskopfpelikan ernennen? Oder gar nicht eine ganze Art, sondern ein Einzelexemplar, nämlich jenen Schwarzbrauenalbatros, der sich seit 2014 regelmäßig auf Helgoland und Sylt sehen lässt? Okay, allmählich verstehe ich, wie man zu diesem Komplex starke Meinungen entwickeln kann ...

Donnerstag, 7. Mai 2020

Vom Taunus ins Weimarer Land

Als ich von den Eschbacher Klippen in den Ort hinab lief, passierte ich den "Landgasthof Eschbacher Katz", der leider aus Gründen geschlossen hatte (aber immerhin Mitnahmeservice anbot, welchen ich allerdings nicht nutzte). Später stieß ich über Umwege, die nur mich etwas angehen, auf die erstrangige Webseite www.ortsnecknamen.de. (Das Wort Neckname ist übrigens nicht mit dem englischen nickname kognat, aber diese etymologische Randnotiz soll ein ander Mal behandelt werden.) Dort sind den Einwohnern von Usingen, von dem Eschbach ein Stadtteil ist, gleich drei Spitznamen zugeordnet: "Katzen" (angeblich wegen eben jenes Lokals), "Buchfinken" ("Usingen ist auch bekannt als Buchfinkenstadt im Buchfinkenland. Das im Jahr 1938 durch Theo Geisel verfasste Buchfinkenlied beschreibt den Heimatbegriff, das Usinger Land im östlichen Hintertaunus"; Wikipedia) sowie "Duckmäuser" (Begründung dunkel).
Verwunderlich ist, dass ausgerechnet in diesem umfangreichen Archiv ein Ort fehlt, der auf der Wikipediaseite "Ortsnecknamen" als Beispiel angeführt ist: Die Bewohner/-innen der thüringischen Landgemeinde Niederroßla werden "Elefantenkitzler" genannt, heißt es dort. Auf ortsnecknamen.de findet sich nicht ein einziger Spitzname, der mit "Elefant-" beginnt, während beispielsweise Namen mit Eselsbezug in sonder Zahl auftauchen. Welche Beziehung soll denn auch ein deutsches Städtchen zu Elefanten haben, fragt man sich und wird erstaunt sein, wenn man auf dem Wappen von Niederroßla dies erblickt: "In Rot ein silberner Elefant, das rechte Vorderbein anhebend, belegt mit einem Schildchen ..." Die dahintersteckende Geschichte ist kurios. 
In Kürze: Zur Faschingszeit im Jahre 1857 kam eine Schaustellergruppe an die Ilm und sollte u.a. eine indische Elefantenkuh zeigen ("Riesen-Elephant Miss Baba"). Einquartiert wurde das Tier für drei Tage in den Stallungen einer Madame Burckhardt, dummerweise in der Nähe einer großen Menge Runkelrüben. An diesen tat sich der Dickhäuter gütlich, was bei ihm zu starken Koliken führte, wodurch die Weiterreise der Wandermenagerie erschwert wurde. Die weiteren Details sind widersprüchlich, fest steht, dass das Tier nahe der Flurgrenze aus seinem Wagen auf die Straße geriet, was eine Menge Schaulustiger anzog, "darunter angetrunkene Mitglieder des örtlichen Gesangsvereins, die von einer Probe kamen und die den Elefanten geärgert und gepiesackt haben sollen". Schnell war man sich darüber klar, dass die Gemeinde, in welcher der stark geschwächte Elefant verenden würde, für die Beseitigung des Kadavers zu zahlen hätte, weswegen der Menschenauflauf versuchte, ihn über die Ortsgrenze zu treiben (oder eben zu "kitzeln"). Das unglückselige Rüsseltier fand dann auch tatsächlich den Tod. Die Folgen: mehrere Rechtsstreitigkeiten, Wappenanpassung, Ehrenbürgerinnenschaft für Miss Baba sowie alle 25 Jahre ein Elefantenfest. Und ich will verdammt sein, wenn ich beim nächsten (2032) nicht live dabei sein werde!

Mittwoch, 4. März 2020

So ein Quak

Diese Stelle in einem kürzlich erschienenen Spiegel-Interview mit der IWF-Chefin Kristalina Georgiewa fiel mir auf:


Welches Wasser soll das sein, in dem ein sprichwörtlicher Frosch sitzt? Googelt man "Frosch" + "Wasser", findet man etliche Artikel, die sich mit einem Mythos beschäftigen, demzufolge ein Frosch, den man in einen Topf mit lauwarmem Wasser setzt, geduldig bis zum Tod darin sitzen bleiben wird, wenn man das Wasser peu à peu erhitzt. Ein Frosch, der in kochendes Wasser geworfen wird, versucht hingegen, um jeden Preis zu entkommen. Offenbar wird diese Mär gerne in Managementseminaren erzählt, was einmal mehr die Widerwärtigkeit dieser Branche bestätigt. Ein konkretes "Sprichwort" konnte ich nicht finden. Die behauptete "Tatsache" ist jedenfalls so falsch wie die Behauptung, dass Hummer nichts fühlten, wenn man sie bei lebendigem Leib in siedendes Wasser lässt. Ja ja, das Pfeifen, das die Krustentiere während der Prozedur von sich geben, "ist nur eingefangene Luft, die aus dem Panzer des Tieres entweicht" (zitiert nach dem Spiegel, an anderer Stelle) – übrigens neulich lustig bei "Family Guy" subverted
Wieso sollen wir dem Frosch eigentlich sagen, aus dem Topf zu springen, statt ihn einfach herauszunehmen? Und wo hat der Frosch die Locken?