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Montag, 29. September 2025

Den Wahrem Schoemen Gutem

Hier ein kleiner Blick hinter die Kulissen von Titanic. Jeder Beitrag wird bis zur Drucklegung von mindestens fünf verschiedenen Personen gelesen. Auch einseitige Cartoons und Fotowitze gehen standardmäßig durch mehrere Hände. Und doch rutschen selbst in solchen wortarmen Bildseiten gelegentlich Fehler bis ins fertige Heft durch, so etwa bei Hannes Richerts Startcartoon in der aktuellen Ausgabe (die Fehlschreibung in einer Sprechblase ist dem Künstler selbst aufgefallen – jedoch niemandem in der Redaktion!). Um ein Haar hätte diesmal zudem in Renke Brandts "Welträumchen" (S. 59) ein Fehler überlebt. Erst nach dem regulären Korrekturlauf fiel mir auf, dass in der Zeile "Verbinden Sie Hausarbeit mit etwas Angenehmen" ein Buchstabe falsch ist: Es muss "Angenehmem" heißen.

Als wie üblich wenige Tage nach Redaktionsschluss die Ausgabe für die App-Version aufbereitet wurde, fragte unser damit betrauter Web-Admin und IT-Chef, ob es nicht "Angenehmen" heißen müsse (ja, das ist ein [mindestens] sechstes Augenpaar, das über jeden Heftinhalt drüberschaut). Ich grübelte, so wie ich zuvor gegrübelt hatte, als mir das inkorrekte n zum ersten Mal ins Auge gestochen war. Denn inkorrekt ist es selbstverständlich; man ersetze "Angenehmem" bloß mal durch ein anderes Wort, schon würde niemand mehr darüber stolpern: "mit etwas Schönem", "mit etwas Rotem" oder auch "mit etwas Unzweideutigem" (die Länge oder "Komplexität" des Wortes spielt keine Rolle, wie man sieht).

Warum kommt uns "mit etwas Angenehmem" mindestens komisch, wenn nicht gar ungrammatisch vor? Da diese Form des (substantivierten) Adjektivs angenehm auch in anderen Verbindungen als mit "mit etwas" befremdlich wirkt (auf mich zumindest; auf Sie ebenfalls?), muss es die Lautfolge -mem sein, die dieses regelrechte Unbehagen auslöst (wie gesagt: bei mir zumindest; für eine repräsentative Umfrage fehlen mir gerade die Mittel). Auch hier hilft uns die Ersatzprobe weiter. Man lasse sich folgende Adjektive, jeweils im Dativ Singular Maskulinum, auf der Zunge bzw. vor der Netzhaut zergehen: anonymem, zahmem, bequemem. Sie sind, sehr laienhaft formuliert, irgendwie doof auszusprechen. Es ist womöglich das Aufeinandertreffen zweier ms am Wortende, die nur durch einen Vokal (genauer: ein Schwa) getrennt sind, das "uns" unschön oder widernatürlich erscheinen will. Bei der Folge -nen stutzen wir nicht, und bei der Artikulation neigen wir dann eher dazu, die zwei Nasale zusammenzuziehen ("wir renn'n"). Nun ja, vermutlich hat mein Rumgespinne hier überhaupt keine Substanz, ich wollte nur schnell aufschreiben, was mir zu "etwas Angenehmen" alles eingefallen ist. Ich könnte mir vorstellen, dass es dazu bereits einen Fachaufsatz oder eine Monographie oder mehrere gibt.

Sonntag, 31. August 2025

Was war vor zehn Jahren?

Aufmerksame Kybersetzung-Lesende werden sich gefragt haben, warum ich am Donnerstag keine neue Folge von "TITANIC vor zehn Jahren" veröffentlicht habe. Schließlich erschien am 28.8.2015 das Septemberheft, das wiederzubesuchen und zu besprechen gewesen wäre. Um es kurz zu machen: Ich habe die Rubrik zu Grabe getragen. Sie ist beendet, sie existiert nicht länger. Dafür gibt es vier hoffentlich nachvollziehbare Gründe:

1. Wir haben uns nunmehr in eine Phase begeben, die mich schon damals bedrückt wie ermüdet hat (beides schließt einander nicht aus) und dies heute umso mehr tut. Den monothematischen Brei aus Flüchtlingskrise, Rechtsruck, Fremdenhass, Terrorismus, Wutbürgertum & Co. möchte ich nicht noch einmal aufwärmen. Notabene: Es finden sich in jeder Ausgabe mehrere Highlights, und das ein oder andere Notierenswerte wäre zu notieren gewesen, aber für den Moment ist es besser, diesen und die folgenden Jahrgänge abzuheften und im Archiv reifen zu lassen.

2. In besagter Ära, insbesondere im Jahr 2016 durchlebte ich die ein oder andere persönliche Krise und hatte mit – wie man damals noch nicht sagte – mentalen Beschwernissen zu kämpfen, an die ich ungern erinnert werden möchte.

3. Da ich seit kurzem eine gehobene Position in nämlicher Satireredaktion innehabe, möge man mir nachsehen, dass ich mich nicht auch noch in meiner Freizeit mit diesem Business beschäftigen möchte.

4. gibt es ja quasi Ersatz: in Gestalt des neuen Podcasts "TITANIC war früher ...?", in welchem ich gemeinsam mit Tim Wolff jede Woche (!) einen Artikel aus über 45 Titanic-Jahren re-reade.

Montag, 11. August 2025

In eigener Sache: Podcast-Empfehlung

Erinnert ihr euch noch daran, wie ich Anfang des Jahres davon schrieb, dass "ein weiteres Podcast-Projekt mit meiner Beteiligung in der Mache" sei? Nun, nach allerlei Hickhack, Hin und Her, technischen Querelen, konzeptionellen Unstimmigkeiten, verworfenen Ansätzen und organisatorischen ... Ach, lassen wir das Um-den-heißen-Brei-Herumgerede, hier kommt without further ado:

Montag, 4. August 2025

Was sprudelt denn da?

Langsam wird's unheimlich! Vor wenigen Tagen zitiere ich in meiner allmonatlichen Titanic-Rückschau Michael Ziegelwagners Wasserfallkritik: "Schon gut, man hat's verstanden: oben noch Wasserfläche, plötzlich Wasserfall, unten wieder Wasserfläche. [...] Ja, wenn es denn andersrum wäre, das Wasser von unten nach oben stürzte, dann, ja dann! müßte ich zugeben, daß der Wasserfall einen großartigen Trick beherrscht."

Just zwei Tage später zwoscht mir auf "Spiegel online" unter der Überschrift "Wasser, das nach oben stürzt" folgender Wissenschaftsartikel entgegen:
Auf alten Satellitenbildern von Grönlands Gletschern haben Forschende ein bisher unbekanntes Phänomen entdeckt: eine Art aufwärts strömenden, gigantischen Wasserfall.
Im Juli 2014 [...] schoss aus mehreren Hundert Meter Tiefe Wasser durch den Eispanzer, wie in einem machtvollen Wasserfall. Nur dass dieser nicht abwärts, sondern aufwärts stürzte. An der Oberfläche sprengte sich die emporquellende Flut den weiteren Weg frei. Eisbrocken, groß wie achtstöckige Häuser, brachen ab und wurden vom Wasser mitgerissen.
Zehn Tage dauerte das Spektakel. Während dieser Zeit schoss so viel Wasser aufwärts, wie in den Niagarafällen binnen neun Stunden abwärts fällt: insgesamt rund 90 Millionen Kubikmeter Wasser [...]
Um zu erklären, was hier geschehen war, zog das Team aus Lancaster die AWI-Glaziologin Humbert hinzu: Offenbar, so ihre Deutung, war Schmelzwasser an einer nahen, aus dem Eis herausragenden Gebirgskuppe bis hinab aufs Felsbett geflossen, wo es sich in einer Mulde unter dem Eis gesammelt hatte. Weiter abfließen konnte es nicht, denn der Gletscher ist in dieser Region am Grund festgefroren. Die Folge: Das Wasser staute sich. Allmählich blähte sich in der Tiefe eine immer größere flüssige Blase, die den darüber liegenden Eispanzer zu einem Dom emporwölbte. [...]
Die Bedeutung des Vorgangs ist noch nicht absehbar. Möglicherweise handelt es sich um ein extrem seltenes Ereignis, wie es nur unter sehr ungewöhnlichen Umständen passieren kann.
Stark vereinfacht anhand einer Nature Geoscience entnommenen Infographik wiedergegeben: Unter die Eisschicht eines Gletschers gelangt irgendwie Wasser, das sich zu einem See sammelt, welcher immer mehr anwächst, bis die Eisschicht dem Druck nicht mehr standhalten kann und aufbricht. Das Wasser des – schönes Wort! – untereisigen Sees schießt fontänenartig heraus; danach stürzt die verbliebene Eisschicht in sich zusammen und hinterlässt einen Krater. Chapaeu, Natur!

Donnerstag, 31. Juli 2025

TITANIC vor zehn Jahren: 8/2015


Ohne historische Einordnung (oder sehr gutes Gedächtnis) ist dieser Titel heute nicht ganz leicht zu verstehen, obschon man ahnt, woher der Hase rollt. Ich musste es gerade selbst noch einmal googeln: 2015 war zwar nicht das erste Jahr der im Zuge von Staatspleite, Troika und Austerität sich hochschaukelnden "griechisch-deutschen Verstimmung", aber eine vorläufige Akme derselben, begleitet von teils "bizarren Nazi-Vergleichen" (Stern) vonseiten der von der deutschen Presse und Politik nicht eben mit Samthandschuhen angefassten Hellenen.

Und apropos Hitler! Dies ist das Heft, das den Auftakt des mehrteiligen Pulp-Scrapbook-Comics "Hitler vs. IS" (Hürtgen/Wolff, Werner) enthält:


Und apropos Merkel: Zehn Jahre lief ihre Kanzlerschaft zu jenem Zeitpunkt bereits. Wir hatten zu diesem feierlichen Anlass ein Höhepunkte-Poster in der Heftmitte:


Der diesmonatige Vertreter der Reihe "Artikel, an die ich mich kein bisschen mehr erinnern kann" ist Leo Riegels charmanter Einseiter über eine neue App in der Ära des Car-, Bike- und sonstigen Sharings:


Sehr wohl erinnern kann ich mich noch an das auf der Heftrückseite beworbene, von Hauck & Bauer mit Blut, Schweiß und Tränen organisierte Festival "24 h Cartoon". Ich bin nämlich extra nach Berlin gefahren, um diesem Cartoon-Lese-Marathon beizuwohnen, auch wenn ich verständlicherweise nicht die ganzen 24 Stunden durchzuhalten schaffte. Das, was ich sah, war aber sehr unterhaltsam. Fun fact: Bei ebendiesem Hauptstadtaufenthalt ereignete sich das, was ich unter "Lustige Fahrradgeschichten" (Teil 1 + Fortsetzung) dokumentiert habe.


Kollege Hauck eröffnete mir kürzlich, dass eine Wiederauflage dieses Irrsinns nicht im Entferntesten geplant sei. Allerhöchstens könne man sich vorstellen, zum 24-jährigen Jubiläum ein "10 h Cartoon"-Festival auf die Beine zu stellen ...

Weiteres Notierenswertes
- Die Oettinger-Anzeigenparodie im letzten Heft hatte nicht nur die von mir erwähnte Lieferung von Gratisbier durch die vorbildliche Brauerei zur Folge, sondern auch eine lukrative Gegenanzeige (S. 31). Chefredakteur Tim Wolff fasst im Editorial noch einmal die ganze Angelegenheit zusammen ("Hoch lebe Oettinger!").
- Auf Seite 11 schilt Michael Ziegelwagner in der ersten Folge seiner Naturkolumne, "TITANIC-Naturkritik" benamst (später "Natur - der Kanon", aktuell "Natur am Wort"), den Wasserfall: "Schon gut, man hat's verstanden: oben noch Wasserfläche, plötzlich Wasserfall, unten wieder Wasserfläche. Jeder Depp, der zwei Kochtöpfe besitzt, kann so ein 'Naturschauspiel' in seiner Küche nachbauen. Ja, wenn es denn andersrum wäre, das Wasser von unten nach oben stürzte, dann, ja dann! müßte ich zugeben, daß der Wasserfall einen großartigen Trick beherrscht. Vielleicht, indem man ein Trampolin hinstellt ...?"
- Ein weiterer Artikel Ella Carina Werners, der neben ihrer Abhandlung über internationales Fluchen als legendär bezeichnet werden muss, ist "Maiskolben im Arsch" (S. 58-59) über die Debatten- und vor allem Streitkultur im britischen Unterhaus. "Sieht man zu, wie sich Tories und Labours angriffslustig am Mikro räkeln, lauscht dem höhnischen Gelächter, den unverschämten Zwischenrufen ('sounds like a demented fishwife!'), wird eines immer deutlich: Sie haben Spaß. Sie gehen gern zur Arbeit und am Abend zufrieden nach Hause, voller Vorfreude auf den nächsten Arbeitstag. Während ihre deutschen Kollegen frustriert aus dem Reichstag schlurfen, den 'Trompetenarsch' oder die 'Sackratte' noch immer in der Kehle."

Schlussgedanke
Ausgabe 08/15: keine 08/15-Ausgabe.

Donnerstag, 26. Juni 2025

TITANIC vor zehn Jahren: 7/2015

Manchmal, leider sehr selten, kommt es vor, dass jemand auf der Titelkonferenz einen Vorschlag hinlegt, bei dem sich alle sofort einig sind: Der isses. Dieser Gag von Elias Hauck war so ein Fall. (Und es handelt sich noch nicht mal um den lustigsten Hauck-Titel aller Zeiten; der ist nach wie vor unveröffentlicht und wartet auf den perfekten Zeitpunkt ...)


Gut, dass wir den dagegen nur hintendrauf gedruckt haben:

Nicht weil ihn mehrere Gewährsleute aus dem Titanic-Umfeld schlicht nicht verstanden haben (nein, das ist kein Grund – man muss ja auch die Jugend ködern), sondern weil man rückblickend festhalten kann, dass der Sith-Lord in der dritten Star-Wars-Trilogie nun wirklich kein Schwein interessiert hat.

"Zäune, Schiffsunglücke, Thomas de Maizières Konterfei: Nichts konnte die dreisten Elendsflüchtlinge aus der ganzen Welt abschrecken, und jetzt haben wir hier den Ausländersalat. Darum hat das Innenministerium Deutschlands beste Agenturen damit beauftragt, der Bevölkerung mit Werbekampagnen die neuen exotischen Zutaten bekömmlicher zu machen."
Ja, 2015 fiel es uns noch einigermaßen leicht, das Topthema Flüchtlingskrise satirisch zu verarbeiten, was uns – in diesem Fall Moritz Hürtgen, Tim Wolff und mir – hier ganz ordentlich gelungen ist, wie ich auch zehn Jahre später noch finde. Mindestens zwei Mal haben wir diesen Artikel vor affirmierendem Publikum vorgetragen. Visuell ansprechend (Gestaltung: Martina Werner) ist die Strecke obendrein geraten. Stimmt es also doch, was ich so oft höre: "Das müssen doch herrliche Zeiten für Satire sein!"? Nein.


In den Zehnerjahren hatte der Craftbier-Hype seinen Höhepunkt erreicht, und da hatte ich folgende Idee für eine Anzeigenparodie:


Wenige Wochen später schickte uns die Brauerei Oettinger einen Kasten ihres Pilseners (oder waren's gar mehrere?) nebst freundlich-launigem Anschreiben. Nett! Von mir aus hätte OeTTINGER (Eigenschreibweise) ruhig ein eigenes Craftbier auf den Markt bringen können, gegen eine kleine, faire Gewinnbeteiligung, versteht sich.

Völlig vergessen hatte ich, dass Chefredakteur Wolff in dieser Ausgabe sich anschickte, nach den erfolgreichen Wurst-Werbeseiten der Schmitt/Sonneborn-Ära eine neue titanische Imagekampagne für ein urdeutsches Grundnahrungsmittel zu lancieren.


Weiteres Notierenswertes
- Armin Laschets Klausurenaffäre! Wer erinnert sich noch daran? In den "Briefen an die Leser" kann man alles nachlesen (S. 8-9).
- Eine Wohltat war es, im Folgemonat nach Michael Ziegelwagners Weggang nicht auf ihn verzichten zu müssen. Sein halbseitiger Beitrag "Neues aus der Dioskurenforschung" (S. 11) kann als Vorläufer der bis heute fortgeführten, lediglich ein paarmal den Namen gewechselt habenden "Naturkritik" verstanden werden.
- Wie ich oben schrieb: Man muss gelegentlich versuchen, jüngere Leserschichten anzusprechen. Ebendies taten Leo Fischer und Moritz Hürtgen mit einer todenhöferschen Fake-Reportage mit dem Berliner Rap-Trio KIZ als Gästen (S. 24ff.). Rätselhaft-bizarr.
- Das dürften heute auch nur noch Titanic-Historiker wie ich wissen: Erst- und einmalig konnte für diese Ausgabe Julia Trompeter verpflichtet werden. Die erfolgreiche Schriftstellerin machte für uns einen Selbstversuch mit dem Ernährungstrend Paläo (S. 36-38)!
- Jenes Diättagebuch ist Teil eines Food-Spezials, in welchem ein weiteres unserer beliebten Expertengespräche stattfand (Thema: Frühstück).

Schlussgedanke
Wieder ein sehr formenreiches Potpourri. Ein schönes Sommerheft.

Donnerstag, 29. Mai 2025

TITANIC vor zehn Jahren: 6/2015


Die Titelfindung, daran erinnere ich mich noch, fiel uns in jenem Monat nicht leicht. Wie man an den Vorschlägen in "Abgelehnt" (S. 5) sieht, gab es zur sog. Flüchtlingskatastrophe auch keine coverwürdigen Alternativthemen, und so rangen wir uns diesen zugegebenermaßen nicht sonderlich geistreichen Scherz ab – der nicht nur rätselhaft und irgendwie unlogisch aussieht, sondern gleich doppelt an "Sinn" verlor, als Sigmar Gabriel (der zudem gar nicht die maßgebliche Personalie in der ganzen Krise war) wenig später seine Körpermasse um gut die Hälfte reduzierte.

Immerhin eine hübsche Idee für den Startcartoonplatz ergab sich auf der Titelkonferenz, nämlich die erste von mehreren Karikaturen mit der Überzeile "Politicus fragt/meint", die Leo Riegel in den folgenden Jahren realisierten sollte:


Eine bemerkenswerte Form des Fotoromans stellte der Bond/BND-Aufmacher dieses Heftes dar: eine absichtlich krude Montage aus Agentur- und selbstgeschossenen Bildern. Ähnlich experimentell ging es mehrere Male in Tim Wolffs Amtszeit zu, vgl. "Hitler vs. IS".


Ein Artikel, der heute fast genau so erscheinen könnte: "Neue Waffen braucht das Land" (S. 31). "Die Bundeswehr hat ein Problem: Ihr Standardgewehr, das G36, bekommt von Körpertreffern schlechte Laune und verformt sich bei Hitze. Kaum hat sich der Soldat im Kampfgetümmel warmgeschossen, ist der Lauf seiner Flinte krummer als ein Rüstungsdeal mit Heckler & Koch." Valentin Witt "hat die heißesten Kandidaten unters Brennglas genommen."


Auch dies eine derzeit wieder aktuelle Debatte: Was ist Völkermord, was nicht? Mit dem "Baum der Erkenntnis" (einer Rubrik aus der Neon [?]) schufen Leo Riegel und ich Klarheit (S. 32):


Bei diesem Shooting im Bornheimer Satirekrug "Henscheid" wäre ich gern dabei gewesen: "Tresen-Yoga. Selbstoptimierung jetzt auch beim Saufen" (Hauck/Werner, S. 46-47).


Weiteres Notierenswertes
- Dies ist die letzte Ausgabe mit Michael Ziegelwagner als Redakteur. :( Die Mail, die er als Dank für seinen Abschiedsbrief (S. 11) an Moritz, Tim und mich schickte, werde ich für immer in meinem Postarchiv (und meinem Herzen) aufbewahren.
- Mit seiner modernen Liebeslyrik (S. 45) sicherte sich Moritz Hürtgen endgültig seinen verdienten Platz als Hausdichter. Kurz darauf hatte er gar seine erste Sololesung, justament im oben erwähnten "Henscheid".
- Wieder etliche Rubinowitz-Cartoons (in der Humorkritik, S. 48ff.) mit Sprechblasen für die Ewigkeit: "Boß, lehr mich tanzen"; "Schwirre, du Schwein". Es gibt ein gutes Dutzend von Text-Rubinowitz-Zitaten, die ich noch auf dem Sterbebett werde röcheln können ("Hänsel'n'Gretel"; Didier, bist du wieder im Wok?").
- Das immer noch gültige und wiederlesenswerte Pasquill gegen "den umtriebigsten Gag-Autor Deutschlands", Micky Beisenherz, wurde von jenem schönerweise nicht nur wahrgenommen, sondern sogar kommentiert: Spürbar gekränkt hetzte Beisi in den folgenden Wochen auf Facebook wiederholt gegen Moritz Hürtgen und mich.
- "Die Wulff: Ihr großes Liebes-Comeback", darüber berichtete Leo Fischer im "Letzten Menschen" (S. 66). Und wessen Liebesleben beschäftigt exakt zehn Jahre später abermals die Klatschpresse? Bettina Wulffs. Es ist schon wirklich crazy mit der Duplizität der Ereignisse.
- Und noch ein Beispiel dafür: Oliver Maria Schmitt hat gerade seinen neuen Roman "Komasee" veröffentlicht; im Juni 2015 ging er mit seiner Reportagensammlung "Ich bin dann mal Ertugrul" auf Lesetour (s. Rückseite/U4)!

Schlussgedanke
Ein bunter Mix aus Formaten und Themen (überraschenderweise nicht das im Titel aufgegriffene), mit Beiträgen von altgedienten Autoren (Henschel, Zippert, Homann) und der genialsten Foto-Zweitverwertung aller Zeiten ("55ff"-Titel, Idee: Gaitzsch/Wolff).

Donnerstag, 24. April 2025

TITANIC vor zehn Jahren: 5/2015

Ein Cover, das vermutlich die meisten heute leider nicht mehr verstehen. Dass sich Hamburg 2015 für die Ausrichtung der Olympischen Spiele bewerben wollte bzw. nicht wollte (und nun voraussichtlich bewerben wird), hat man womöglich auf dem Schirm, aber an die Geschehnisse in einem sachsen-anhaltinischen Dorf erinnern zehn Jahre später nur vereinzelte Medien. Wir dachten damals, "Tröglitz" würde zu einer schandvollen Chiffre wie "Rostock-Lichtenhagen", "Solingen" und "Mölln" werden, aber ach!, schon bald sollte Tröglitz nur einer von vielen, vielen dunkeldeutschen Orten sein, aus denen ähnliche Taten vermeldet (bzw. irgendwann nurmehr unter "Vermischtes" verbucht) wurden.

Nach einer bitteren Anzeigenparodie von Tim Wolff und mir (S. 14/15) sowie Moritz Hürtgens Parodie auf die SZ-Protokolle des NSU-Prozesses (S.16ff.) dürfte die Laune der Lesenden dann vorerst auf dem Tiefpunkt angekommen sein. Sie wird gehoben dank der Fotostory um den tränenvollen "Volksseelsorger" Joachim Gauck ("Ein Quantum Gauck", Hauck/Wolff, S. 24ff.):


Auf S. 39 folgt der nächste Downer in Gestalt einer fünfseitigen Spezialausgabe des Lufthansa-Magazins, in welchem ich zusammen mit E. Hauck, M. Hürtgen und L. Riegel den von einem psychisch kranken Co-Piloten vorsätzlich herbeigeführten Absturz einer Germanwings-Maschine verarbeitete. Einer angemessen geschmacklosen bunten Strecke mit u.a. einem Domian-Interview und einem Gewinnspiel ("1. Preis: Ein Wochenende am Broadway für 2 Personen inkl. Hin- und Rückreise mit der Bahn und Tickets für das Musical 'Einer flog ins Kuckucksnest'; 2. Preis: Zehn Gratis-Stornierungen; 3. Preis: Ein unverwüstliches Kofferset von Samsonite ... Angehörige von Lufthansa- und Germanwings-Mitarbeitern sind aus Pietätsgründen ausnahmsweise nicht ausgeschlossen") ging ein Grußwort des Lufthansa-Chefs Carsten Spohr voraus:


"Die Entwicklung der 3D-Printer ist erstaunlich. Eben noch spuckten sie primitive Aschenbecher und Serviettenhalter aus, jetzt komplexe Aschenbecher und Serviettenhalter. Und was wird morgen sein?", fragte sich Ella Carina Werner und stelle auf der Doppelseite 32/33 "Schönes aus Kunstharz" vor. Besonders erfreut hat mich, dass das sagenhafte Inzest-Foto aus der Januarausgabe noch einmal verwertet werden konnte.


In die neue Folge von Elias Haucks Schnipselseite (S. 47) hat es diesmal eine Spende von mir geschafft: Es handelt sich natürlich um das "Ohne Worte"-Abreißkalenderblatt.

Noch einmal zurück zum Anfang des Heftes: Ich finde im Rückblick, dass jeder der drei "Abgelehnt"-Titel besser gewesen wäre als die tatsächliche U1!


Weiteres Notierenswertes
- April 2015 war der Monat, in dem Günter Grass starb (s. Editorial). Noch bevor ich die Todesnachricht im Internet las, hörte ich sie aus dem Munde Martin Sonneborns, denn ich absolvierte da gerade mein EU-Praktikum.
- Der Umblättercartoon im Essay stammt diesmal erneut von Stephan Rürup und ist ein echter Hingucker in Holzschnitt(!)-Optik.
- Ein Egner-Gemälde als Poster in der Heftmitte, das hat man auch nicht alle Tage!
- Eckhard Henscheid über den "Sonderfall Söder" (S. 36-38): "Heute schon prangt dings... äh: Söder, mit Würd' und Hoheit angetan, gerüstet zudemlich mit beinhärtester Chuzpe auf seinem güldenen Thron und Kothurn im Nürnberger Heimatmuseum bzw. vielmehr -ministerium. Und diese ganze mistige CSU-Bagage, diese verfickte, im fernen München, die hält er sich dort tadellos auf Distanz vom Leibe. Der Kopf von Söder ist zwar seit ca. 2012 frappant machtvoll ausgewuchtet, ja, wie verschiedentlich versichert wird, schon als ein rechter Saukopf zu deklarieren. Aber das ist übertrieben. Vielmehr gemahnen Air und Gesichtsmuskelspiel samt souveräner Grinsgrimassen an Donald Duck oder an eine Barbiepuppe oder aber auch an Schweinchen Schlau."
- Zum Glück führe ich penibel Buch über jeden einzelnen meiner Titanic-Beiträge. Nie im Leben wäre ich heute darauf gekommen, dass die Idee für Elias Haucks Cartoon "Kukident für Elefanten" (S. 57) von mir stammte. Aber so steht's geschrieben.

Schlussgedanke
Ein recht deprimierendes Zeitzeugnis, dieses Heftchen. Trotzdem gibt's wie gehabt ein paar solide Lacher. Note 4+.

Donnerstag, 27. März 2025

TITANIC vor zehn Jahren: 4/2015

Hurra, ein Titelgemälde von Rudi Hurzlmeier ...


... mit einer Zeile von der Redaktion und etwas, das wir Profis One-Two Punchline nennen: Nach der Hauptpointe kommt eine zweite Ebene, hier markiert durch die geringere Schriftgröße.

Ebenso stark finde ich den lange als Kandidat für die U1 vorgemerkten und ebenfalls handgezeichneten (von Leo Riegel) Rücktitel:


Ganz recht, lange vor Corona bewegte das Thema Impfen bzw. Verweigerung desselben vor zehn Jahren das Land. Die Rückkehr von Masern & Co. griff denn auch der Aufmacher des Aprilheftes auf. In der Rubrik "TITANIC Telefonterror" riefen Elias Hauck, Moritz Hürtgen und ich als Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums bei Privatpersonen "in den größten Problembezirken (Prenzlauer Berg, Berlin)" an und behaupteten, wir hätten über das Leitungswasser "Booster-Impfungen durchgeschickt".


Nachdem angekündigt worden war, dass das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin Anfang 2016, unmittelbar nach Erlöschen der Urheberrechte, eine kritische Edition von Hitlers "Mein Kampf" herausbringen würde, ging das Team Wolff/Hauck/Riegel noch einen Babyschritt weiter:


Ich mag diese rare Kollaboration sehr, das zeichnerische Zusammenspiel von Hauck und Riegel funktioniert prächtig.

Eine der letzten Gemeinschaftsarbeiten des zu diesem Zeitpunkt längst etablierten, geradezu legendären Duos Tietze/Rürup wiederum findet sich auf S. 44f.: Es geht um das defizitäre deutsche Katastrophenwarnsystem und die für 2015 angekündigte Warn-App.


Der diesmonatige "Das kommt mir doch bekannt vor"-Moment! Ganz Europa streitet im Jahr 2025 über Kriegstüchtigkeit, Wehrpflicht und Militärbündnisse. Und 2015? Forderte EU-Kommissionspräsident Juncker eine gemeinsame EU-Armee ("auch als Signal an Moskau", tagesschau.de). Moritz Hürtgen und ich veranschaulichten diese Vision auf der Doppelseite 34/35:


Neben Putins Truppen machte der Welt im letzten Jahrzehnt aber vor allem die Organisation Islamischer Staat Angst.


Ich möchte in diesem Zusammenhang auch an meinen Startcartoon hinweisen, den ich völlig vergessen hatte, aber ganz unbescheiden ziemlich schnafte finde.

Zu guter Letzt wiederhole ich mein Lob von vor ein paar Monaten für etwas, das in modernen Ausgaben leider vernachlässigt wird: Wegwerfgags in Form von Viertel- oder Achtelanzeigen in den "Briefen an die Leser", wie diese hier aus meiner Feder:


Weiteres Notierenswertes
- Beim Wiederlesen extrem erheitert hat mich Michael Ziegelwagners ebenfalls in den "Briefen" untergebrachte Parodie der SZ-Rubrik "Das Streiflicht" ("Das Steiflicht").
- Auf den Seiten 36 bis 39 kommt das heimliche Highlight des Heftes: die Wiedergeburt des unter Sonneborn regelmäßig geführten "Expertengesprächs" (damals mit dem zu früh verstorbenen Unikum Octo). Tom Hintner, Tim Wolff, Andrea Diener von der FAZ und ich (gute Güte, habe ich in diesem Monat viel gemacht!) diskutierten über Schlafkleidung. Allein für die Fotos lohnt sich die Anschaffung dieses Titanic-Exemplars. Offenlegung: Meine Gewohnheit hat sich seitdem geändert; ich trage heute selbst im Sommer fast ausschließlich Pyjamas.
- Den in der "Humorkritik" vorgestellten "Lieblingsvergleich" (S. 47) habe ich im Something-Awful-Forum entdeckt.
- Wir treten in die Ära von "55ff" ein, in der die Zahl der Beitragenden ins Alberne steigt. Acht Leute haben an dieser Ausgabe mitgewirkt, bei gerade mal zehn Beiträgen (wobei als Beitrag auch Miniaturen wie "Unsere Umlaute" zählen). Herrje!
- David Schuhs Abrechnung mit Matthias Opdenhövel ("Der unfaßbar normal Gebliebene", S. 58f.) darf als Klassiker der Mediennasenkritik gelten und wird u.a. von Stefan Gärtner zu Recht sehr geschätzt und immer wieder zitiert.
- Erste Folge von Heinz Strunks "Intimschatulle". Was für eine Wohltat, was für eine erfrischende Abwechslung nach zig Ausgaben "Strunk-Prinzip"!
- Ob Ernst Kahls altmeisterliche Heilands-Verunglimpfung (U3) wohl für einen veritablen Skandal gesorgt hätte, wäre sie prominenter platziert gewesen?

Schlussgedanke
Wow, ein herausragend eklektisches, wagemutiges, turbulentes Heft! Mein Favorit im laufenden Jahrgang bis jetzt.

Donnerstag, 27. Februar 2025

TITANIC vor zehn Jahren: 3/2015

Diese Ausgabe, die erste nach der Charlie-Hebdo-Nummer, verantwortete vertretungsweise Mark-Stefan Tietze, da sich Tim Wolff eine verdiente Auszeit genommen hatte. Die beherrschende Frage bei der Titelkonferenz war, wie wir die neuen, selbsterklärten Satireversteher und Meinungsfreiheitsbefürworterinnen im Lande plump und zugleich hintersinnig vor den Kopf stoßen könnten. Ergebnis war die Umsetzung einer Idee von Moritz Hürtgen:


Um die Zeit des Hefterscheinens herum war ich zu einer Podiumsdiskussion – ich glaube, in Leipzig – eingeladen, an der auch Medienanwalt Christian Schertz teilnahm und sich dabei als entschiedener Gegner des Papst-Titelbildes aus dem Jahr 2012 zeigte. Ich hielt die neue Ausgabe hoch und wollte wissen, was er von diesem Cover halte: Er fand es gelungen und musste darüber lachen. Zehn Jahre später vertritt RA Schertz Herrn Chr. Lindner in einer Unterlassungssache, betreffend einen satirisch ja wohl einwandfrei zu rechtfertigenden Witz. Verstehe einer Juristen!

Jedenfalls wollten wir in diesem Monat mit der Bazooka schießen statt mit dem Florett fechten. Wie weit würden die Tausenden Neuabonnenten mitzugehen bereit sein? Um klarzustellen, dass in der Neuen Frankfurter Schule neben dem Geistreichen eben auch das Pubertäre seinen Platz hat, packten wir noch diese wenig subtile Anzeigenparodie auf die Rückseite:


Die abstoßende Puppe hatten wir eigens für dieses Foto bestellt – wobei sie ein Jahr später noch einmal zum Einsatz kam. Seitdem ruht Susi, wie wir sie tauften, in einem Umzugskarton in unserem Fundus.

Aufmacher in diesem Heft war der Bericht über eine Straßenaktion, bei der ich als fast einziges Redaktionsmitglied nicht dabei war, weswegen ich nichts aus erster Hand darüber erzählen kann. Die Redaktion spielte eine "Freiwillige Steuerwehr e.V.", die an einem Informationstisch Infomaterial und Schnaps verteilte, "um deutsche Bürger nach Auflagen, Sanktionen und möglichst grausamen Strafen fürs kommunistische Bittstellervolk Griechenlands zu fragen und die erhobenen Haßdaten anschließend direkt an die Bundesregierung zu übermitteln."


Am Ende der Aktion war Fotograf Tom Hintner vom übermäßigen Ouzokonsum dermaßen fertig, dass er den gesamten restlichen Nachmittag schlafend verbrachte.


Die Mitte der 2010er Jahre war die große Ära des Verreisens mit Flixbux & Co. Erinnert sich noch jemand an Megabus? Der britische Anbieter war im April 2015 "mit Kampfpreisen von einem Euro pro Fahrt in Deutschland" gestartet (Süddeutsche Zeitung). Und wie näherte sich Titanic diesem eher drögen Wirtschaftsthema? Mit einer von Elias Hauck und Leo Riegel gestalteten Witz-Doppelseite im Stile einer Sechzigerjahre-Illustrierten:


Im Februar 2005, offenbar vom Studium nicht ausgelastet, schrieb ich für mich selbst und ein paar Freunde eine Kurzgeschichte über ein Juniordetektiv-Quartett namens "Die Fairen Fier". Der in einem naiven Tonfall und leicht schiefem Deutsch verfasste Text ließ mich die folgenden Jahre nicht los. Die darin enthaltenen Gags und Formulierungen waren zu schade, um sie vergammeln zu lassen, dachte ich mir, und so gab ich das Stück irgendwann meinen TItanic-Kollegen zu lesen: Wäre das was fürs Heft? War es tatsächlich! Meinem Dokumente-Ordner zufolge war die Geschichte bereits für das Dezemberheft 2014 vorgesehen, wurde dann aber noch dreimal verschoben, ehe sie – veredelt durch Illustrationen von Leo Riegel – auf vier Seiten (28-31) erschien.


Abermals zehn Jahre später kann ich mit Stolz verkünden, dass es ein brandneues zweites Abenteuer der Fairen Fier in Titanic zu lesen gibt!

Weiteres Notierenswertes
- Im März 2015 noch Werbegesicht für unsere Abo-Anzeige (U2), ist Papst Franziskus zehn Jahre später so alt und schwach, dass zahlreiche seiner Anhänger für sein Durchhalten beten.
- Dass Amazon mit seinem eigenen Studio ins Filmgeschäft eingestiegen ist, ist auch schon wieder zehn Jahre her! (Mark-Stefan Tietze: "Zittere, Hollywood!"; S. 36f.)
- Nachdem vor zwei Monaten ausnahmsweise Rattelschneck den Umblätterer im Essay stellten, hat Stephan Rürup diesmal diesen Platz inne.
- "Letzte Ausgabe von Heinz Strunks 'Strunk-Prinzip'", hatte ich bereits im vergangenen Monat behauptet. Fälschlicherweise, wie ich jetzt sehe: Eine allerletzte Ausgabe gab es doch noch. Danach folgt aber wirklich der Launch der "Intimschatulle", die ich wie gesagt um ein Vielfaches mehr schätze.

Schlussgedanke
Die Produktion dieser Ausgabe ist mir als Kraftakt in Erinnerung, das Ergebnis kann sich aber wieder mal sehen lassen.

Donnerstag, 30. Januar 2025

TITANIC vor zehn Jahren: 2/2015

Hier sind wir also.


Hier sind wir also. Kann man sagen, dass der Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion auch Titanic für immer verändert hat? Das wäre zu pathetisch. Wohl aber gibt es ein Davor und ein Danach. Und das unmittelbare Danach, i.e. die ersten Wochen, haben so einiges auf den Kopf gestellt. Ich erinnere mich noch genau daran, wie die Meldung am 7. Januar reinkam, und wie wir erst stundenlang zögerten, irgendwas darüber "zu bringen", bis wir uns zu einer Reaktion regelrecht genötigt sahen, welche schließlich Michael Ziegelwagner am Nachmittag dankbarerweise formulierte. Über den hereinbrechenden Wahnsinn haben Kollegen, die dabei waren, schon genug gesagt und geschrieben. Zur Wahrheit gehört jedenfalls auch, dass es neben all den negativen Auswirkungen (Pressebelagerung, Polizeischutz, Sorgen, Stress, Trauer, Survivor's guilt) auch positive gab: Abo-Zahlen, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellten, sowie unzählige Anfragen an Titanic-Mitarbeitende zur Teilnahme an teils großzügig bezahlten Diskussionsforen und Medienfeatures. Selbst ich, das kleinste Licht in der Redaktion, wurde zu mehreren Talkrunden eingeladen, wurde um Stellungnahmen und Gastauftritte gebeten. Zynismus des Schicksals! Darüber hinaus kam es zu diversen Randgeschehnissen wie dem folgenden, das ich komplett vergessen hätte, wenn es der Chef nicht in "TITANIC intern" festgehalten hätte:


Ein Blick in das unter Extrembedingungen zusammengedengelte Heft straft jene Stimmen Lügen, die uns seinerzeit vorwarfen, wir würden uns um den Nexus Spott / Kunstfreiheit / religiöse Gefühle / Gewalt herumdrücken. Abseits vom Titelwimmelbild, für das Leo Riegel reichlich Überstunden schieben musste, wurden Charlie Hebdo und die Ursachen bzw. Folgen aufgegriffen: im Startcartoon (von mir), im Editorial ("Herzlich willkommen, liebe neue Freunde der Satire!"), in der Abo-Anzeige ("TITANIC-Märtyrer-Abo" vs. "TITANIC-Angsthasen-Abo"), in einem Bildwitz von Michael Sowa ("Islamisten zeichnen zurück"), in Stefan Gärtners Essay, auf der Doppelseite in der Heftmitte ("TITANIC supermutig: Die größte Mohammedkarikatur aller Zeiten!"), in einem Hauck&Bauer-Cartoon (S. 45), in einem Mahler-Comic (S. 54), in einem sexualitätswissenschaftlichen Quatsch-Artikel von Gerhard Henschel ("Unterm Tschador wird gejodelt") und natürlich auf den Seiten 14 bis 20 mit der "TITANIC-Terroristen-Umschulung" "Nun lacht doch mal, ihr Stimmungskiller!" nebst "Humordiplom für Muslime" ("TITANIC-Deeskalationsservice"). Elias Hauck, der sich seine ersten Monate als Redakteur gewiss auch anders vorgestellt hatte, überzeugte im Clownskostüm mehr als so mancher professionelle Clown. An diesen Anblick denke ich gern zurück.


Apropos Elias: Ihm ist es zu verdanken, dass es 2015 eine inoffizielle Neuauflage der "Götzenpauke" gab, jener Scrapbook-Rubrik, in der Max Goldt und Rattelschneck in den Neunzigern drollige, lachhafte, kryptische Ausrisse, Kritzeleien und Fotografien versammelten.


Man mag es kaum glauben, aber nicht nur Islamismus beherrschte Anfang 2015 die Schlagzeilen. Eine große, zuletzt wieder dezent hochkochende Sache war das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP. Wie ein deutscher Supermarktprospekt unter TTIP aussehen könnte, imaginierten Elias Hauck und Moritz Hürtgen auf den Seiten 46-47: "Willkommen bei den USA-Wochen ... Regionale Spezialitäten schmecken uns fein, mjaaam! Doch: Es gibt nichts, was nicht optimiert werden kann. Das zeigt uns dank des Freihandelsabkommens unser Buddie Obama aus Amerika nun an typisch deutscher Kost. Ab jetzt ist immer Saison für alles!"


Weiteres Notierenswertes
- Im Zuge der *schüttel* Pegida-Bewegung feierten in jener Zeit zwei Schlagworte fröhliche Urständ: "Lügenpresse" und "Mitte der Gesellschaft". Beiden widmeten wir investigative Artikel (S. 28-30 resp. S. 32f.).
- Endlich wieder ein längerer Beitrag von Ella Carina Werner (S. 36-38): "Marschieren, bis die Socken qualmen: Extrem- und Weitwandern boomt! Der neueste Kick: Auf den Spuren unserer Mütter, unserer Väter, 1500 Kilometer vom einstigen Ostpreußen bis nach Deutschland."
- Auf S. 52: einer der schönsten Hurzlmeiers der letzten zehn Jahre.
- Letzte Ausgabe von Heinz Strunks "Strunk-Prinzip" – ein Glück! Die "Intimschatulle" war dieser Reihe meilenweit überlegen.

Schlussgedanke
Ein unvermeidbarerweise etwas monothematisches Heft, das aber unter den Umständen ganz ordentlich geraten ist.

Freitag, 27. Dezember 2024

Lichtenberg & ichtenberg

Im April dieses Jahres bat mich Michael Ziegelwagner um einen Themenvorschlag für seine Titanic-Naturkolumne. Ich antwortete ihm, dass ich gerne etwas über Lichtenberg-Figuren lesen würde. Er versuchte in das Thema einzusteigen, meinte aber wenig später, dass ihm das alles zu kompliziert sei und dass lieber ich mich damit auseinandersetzen sollte, und zwar in wiederum meiner Kolumne. Ich wusste zuerst nicht, wie ich das unheimliche medizinisch-physikalische Phänomen in einer Reiseführer-Parodie unterbringen könnte, nach ein paar Tagen fiel mir jedoch ein Dreh ein, und Folge 16 der "111 Orte im Paralleluniversum, die man gesehen haben muss", "Die Lichtenberg-Sammlung im Kulturhistorischen Museum", erschien in Titanic 5/24 – und nun auch in den Mitteilungen der Lichtenberg-Gesellschaft. Ein Mitglied des in Ober-Ramstadt sitzenden Vereins war nämlich auf meinen Beitrag aufmerksam geworden und fragte im Juni d.J. an, ob dieser in Brief 69 des halbjährlich erscheinenden Fachblattes nachgedruckt werden dürfe. Natürlich gab ich mein Placet und hinterließ somit einen kleinen, kauzigen Fußabdruck in der Geschichte der Lichtenberg-Forschung.

Montag, 23. Dezember 2024

TITANIC vor zehn Jahren: 1/2015


Willkommen im Titanic-Jahrgang 2015, dessen erste Ausgabe wie gehabt von Ende November bis Anfang Dezember produziert wurde – die "ideale" Zeit für Straßenaktionen! (Wobei: Der Rest des Jahres ist auch nicht besser geeignet. Entweder zerfließt man bei 35 Grad oder in strömendem Regen. Ich kann mich kaum an Aktionen erinnern, während derer wir uns gerne draußen aufgehalten haben.) Die in Frankfurt-Bornheim durchgeführte Gender-Aktion "Deutschland von _innen" (S. 12ff.) hat aber abgesehen von den Witterungsbedingungen viel Spaß gemacht und heitere Ergebnisse gezeitigt.


Es war dies übrigens die erste Aktion, an der die spätere Chefredakteurin Julia Mateus teilnahm – als Praktikantin, die auch einiges weiteres Schönes zu dieser Ausgabe beigetragen hat.


Ich wollte gerade recherchieren, wie viele sog. Superreiche es auf der Welt gibt, bekomme aber keine eindeutige Antwort. Unstreitig ist wohl, dass das Privatvermögen der reichsten Menschen 2024 wieder einmal gestiegen ist, doch die tatsächliche Zahl der extrem Begüterten hängt wohl von der Definition ab: Setzt man ein Mindestvermögen von 100 Millionen US-$ Finanzvermögen an, wie es das ZDF tut, kommt man auf weltweit 73.000 Superreiche. "Leute mit einem Vermögen von mehr als 30 Millionen Dollar" gibt es laut einer in Titanic zitierten Studie sogar 200.000, zumindest gab es sie vor zehn Jahren, als das Thema offenbar auch schon den Rest der Menschheit umtrieb (Riegel/Tietze: "Unsere Superreichen", S. 46-47).


"Die 'Deutsche Automatenwirtschaft' zeigt sich in einer Anzeigenkampagne von ihrer seriösesten Seite: gesetzestreu, staatstragend, stocknüchtern." (Wolff/Ziegelwagner, S. 34f.) Ja-ha, dank der Zeitkapsel Titanic sehe ich diese Kampagne direkt wieder vor mir: "Kein Spiel ohne Regeln", bah, war das eklig. Ich glaube, es gibt kaum einen Ort, der mich weniger anzieht als eine scheiß Spielhalle.


Seit dem EU-weiten Verbot vor über zwei Jahren abgeschaltet, 2014 aber noch in aller Munde und vor vieler Augen: der deutsche Ableger des russischen Staatssenders Russia Today, "RT Deutsch", nachmals "RT DE". Das Trio Hauck/Hürtgen/Mateus deckte auf, dass "schon längst weitere Propagandakanäle aus dem Ausland auf den deutschen Markt" drängten (S. 26-28):


Hier kommt eines der treffsicher geschmacklosesten Gruppenfotos, die wir je angefertigt haben (im ungünstigerweise auch von Mitmietenden frequentierten Hinterhof der damaligen Redaktionsräume), übertroffen höchstens vom Mount-Everest-Leichenberg etliche Jahre später. Und ja, hinter dem köstlich beknackten Witz steckte eine echte Debatte, die Ende 2014 geführt wurde. Love it.


In dieser Folge von "55ff" hat der Fotograf und Zeichner Renke Brandt, der heute allmonatlich die hintere innere Umschlagseite mit seiner Reihe "Welträumchen" befüllen darf, seinen ersten Auftritt. Der Künstler, den zu treffen ich inzwischen mehr als einmal das Vergnügen hatte, hatte mir unverlangt ein im Eigenverlag herausgegebenes Booklet mit Bildwitzen geschickt, von denen mir auf Anhieb mehrere wie gemacht schienen für eine Nonsense-Rubrik.


Mein diesmonatiger Lieblings-Cartoon ist allerdings dieser des nur wenige Male im Heft vertretenen Björn Ciesinski (im "Fachmann", S. 44):


Weiteres Notierenswertes
- Das gab es meiner Erinnerung nach nur ein einziges Mal: einen Umblätter-Comic von Rattelschneck im Essay (S. 19f.)!
- Erst letzten Monat musste ich anlässlich wiederholten Verdrusses über das Fehlen von Ablageplätzen in Hotel-Badezimmern an einen Aufsatz von Sebastian Klug denken, in der dieser sich "über die gesamteuropäische Hostel- und Campingplatzduschenkultur" echauffiert. Und siehe, in dieser Ausgabe findet sich die "sachliche Auseinandersetzung", und um mangelnde Möglichkeiten, "Kleider sicher zu deponieren", geht es auch darin: "[...] Häkchen, Schemelchen, Ablagebrettchen; aber da war nichts, einfach rein gar NICHTS ... Vor aufsteigender innerer Eiseskälte zitternd, blickte ich angsterfüllt, ja panisch um mich, stakste wie ein blöde gewordener Storch im Kreise umher, und zwar auf den Fersen, um dem Todesbrei möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Schließlich verliere ich im Streß dieser Extremsituation oft die Kontrolle über mein Kleiderhäufchen und lasse es aus den Fingern gleiten, sehe noch im Zeitlupentempo, wie es hinunterstürzt in diesen Haar- und Hautschüppchendreck von tausendundeins widerlichen Menschenkörpern, zum Teil sehr, sehr kranken widerlichen Menschenkörpern!"
- Hinter "Moritz von Uslar", der im Stil seines inzwischen gottlob eingestellten Zeit-Magazin-Formats auf S. 41 ein Interview mit Armin Meiwes führt, steckt natürlich Elias Hauck.
- So vollgehauen wie in diesem Heft ist der "Betrachter" (S. 64f.) selten. Elf Cartoons plus Titelvignette (Thema: Schlagermusikfans) – das würde heutzutage nicht mehr durchgehen!

Schlussgedanke
Eine erquickliche, unaufgeregte und doch bissige, relevante Ausgabe. Mir der Unaufgeregtheit ist es beim nächsten Mal allerdings vorbei ... Oh, Leute, ab kommenden Monat ist nichts mehr, wie es einmal war ...