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Dienstag, 5. Mai 2026

Wort des Tages

Kokushobi (japanisch): "Es lässt sich mit 'brutal heiß' übersetzen und soll in Zukunft in den Nachrichten verwendet werden, wenn draußen mehr als 40 Grad herrschen, wie die japanische Wetterbehörde im April bekannt gegeben hat." (Süddeutsche Zeitung)

Bleibt zu hoffen, dass in mehr oder weniger naher Zukunft nicht noch ein weiteres Prädikat eingeführt werden muss, weil kokushobi das "neue Normal" geworden ist.

Montag, 10. März 2025

Koreanischstunden

Die Übersetzerin Ki-Hyang Lee hat mehrere Romane der südkoreanischen Nobelpreisträgerin Han Kang ins Deutsche übertragen. Erwartbarerweise gibt es immer wieder "Nuancen im Originaltext von Han Kang, die in der Übersetzung schwer vollständig wiederzugeben sind", zitiert die Süddeutsche Zeitung sie in einem lesenswerten Artikel vom 24. Februar (online nur hinter Paywall), der sich mit Schwierigkeiten der Übersetzung aus fernöstlichen Sprachen in europäische befasst.

Beispiel Japanisch: Der Roman "Schneeland" des ersten japanischen Literaturnobelpreisträgers Yasunari Kawabata beginne bereits mit einem extrem vertrackten Satz (der hier nicht auf Japanisch reproduziert zu werden braucht).

Die klassische Übersetzung des US-Japanologen Edward Seidensticker lautet: "The train came out of the long tunnel into the snow country." Also: "Der Zug kam aus dem langen Tunnel in das Schneeland." Es ist bei Seidensticker, als würde der Erzähler den Zug aus dem Tunnel fahren sehen. Aber im japanischen Original ist vom Zug keine Rede, es gibt im ersten Satzteil kein Subjekt. Einen Erzähler von außen gibt es auch nicht. Japaner lesen im Originalsatz die Stimmung, die man erlebt, wenn man nach einer Fahrt im Tunnel von der schneelosen Seite des Berges auf die verschneite Seite kommt. Tobias Cheung hat den Satz in der Suhrkamp-Auflage von 2011 möglichst wörtlich übersetzt: "Jenseits des langen Tunnels erschien das Schneeland." Trotzdem: Die wahre Tiefe dieses Romananfangs liegt wohl nur in Kawabatas Japanisch.

"Kein Subjekt"? Das würde ich mir gerne genauer erklären lassen, aber ich glaube es einfach mal. Nicht minder staunen ließ mich die Tatsache, dass die Übersetzerin von Han Kangs Debutroman "Chaesigjuuija", die Britin Deborah Smith, erst sieben Jahre, bevor sie das Werk ins Englische übertrug ("The Vegetarian"), angefangen hatte, Koreanisch zu lernen! Dementsprechend unperfekt geriet die Übertragung denn auch, zumindest nach Ansicht von Fachleuten, die der englischsprachigen Fassung ein Übermaß an "Adverbien, Superlativen und anderen Veranschaulichungen" beschied. Man darf hier dennoch einwerfen: "Oder bringt gerade dieser Unterschied das Verständnis des internationalen Publikums?" Am Ende stellte sich der Ruhm schließlich dank des Vorhandenseins von Übersetzungen, deren Anfertigung übrigens stets von der Autorin begleitet wird, ein. Man muss halt einsehen: "Eine Übersetzung kann nie größer werden als das Original." Muss sie auch nicht.

Donnerstag, 14. November 2024

Wort des Monats (plus Bonuswort)

Heute kommt der Dokumentarfilm "Johatsu – Die sich in Luft auflösen" in die Kinos. Weder das japanische Wort jōhatsu noch den dahinterstehenden Begriff kannte ich bis vor kurzem. Mit "die sich verflüchtigt Habenden", "die Verdunsteten" oder "die zu Wasserdampf Gewordenen" lässt es sich wohl übersetzen. Rund 100.000 derart bezeichnete Menschen (der Rezensionstext der Cinema sprach von 80.000) lassen sich angeblich jedes Jahr mit Hilfe von "Nachtflugagenturen" (Night Moving Companies) in Luft auflösen: Weil sie sich aus einer Beziehung lösen wollen, ihren unglücklich machenden Job aufgeben möchten (was in Japan als ehrenlos gilt) oder in kriminelle Machenschaften verstrickt sind, geben sie ihr bisheriges Leben auf, lassen ahnungslose Angehörige und Bekannte zurück und fangen an einem fremden Ort wieder bei null an. Über jōhatsu zu sprechen ist nicht weniger tabuisiert als über Suizid. Einen deutschsprachigen Wikipedia-Artikel zu diesem Phänomen gibt es noch nicht, dabei sei es laut dem englischsprachigen Eintrag auch für Deutschland belegt.

Schon eher bekannt, wenngleich eine wahrscheinlich der buddhistischen Mythologie entlehnte urbane Legende, ist das Konzept, das auf japanisch ubasute oder obasute/oyasute heißt, wörtlich "eine alte Frau" resp. "ein Elternteil zurücklassen". Gemeint ist das Aussetzen greiser Familienmitglieder. Laut Wikipedia sollen "im späten 18. und 19. Jahrhundert [...] verarmte Familien während Hungersnöten Kleinkinder wie auch pflegebedürftige Senioren in besonders dichten Wäldern und/oder schwer zugänglichen Bergregionen ausgesetzt und zum Sterben zurückgelassen haben." Die englische Wikipedia listet Beispiele aus der Popkultur auf. Ich möchte in diesem Zusammenhang auch auf Senizid in Indien (Thalaikoothal) und im (prä-)historischen Schweden (Ättestupa; engl.) hinweisen.

Mittwoch, 21. Februar 2024

Ausgewanderte Wörter

Der Sprachreport, das Quartalsmagazin des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache Mannheim (IDS), machte mich in seiner Ausgabe 4/23 auf das Lehnwortportal Deutsch aufmerksam, das vom IDS betrieben wird und aus dem Deutschen entlehnte Lexeme in anderen Sprachen sammelt. Der Artikel ist hier als PDF verfügbar. (Überhaupt kann man sämtliche Sprachreports kostenlos herunterladen; ich möchte die gelegentliche Lektüre auch interessierten Laien empfehlen und nachsetzen, dass der Sprachreport bitte, bitte nicht mit den Sprachnachrichten des infamen Vereins Deutsche Sprache zu verwechseln ist!) Er enthält etliche erhellende, teils amüsante Beispiele für Wörter, die aus dem deutschen in fremde Wortschätze gewandert sind und dort nicht nur als Fremdwort Bestand haben, sondern der jeweiligen Nehmersprache angepasst wurden und mittlerweile als Lehnwörter existieren, deren Herkunft kaum noch auszumachen ist. Exportschlager wie kindergarten und weltschmerz kennt man ja, aber wusstet ihr zum Beispiel, dass das japanische Wort gebaruto aus dem deutschen Gewalt entlehnt wurde und "Staatsgewalt" bedeutet? Am besten gefällt mir, apropos Japanisch, das, was aus "Lumpenproletariat" geworden ist: runpenpuroretariāto.

Samstag, 5. März 2022

Schok'schwerenot

Als ich neulich mein Frühstücksmüsli in die Müslischüssel schütte, unterziehe ich die Packungsbeschriftung einem genaueren Blick und halte inne. Wie heißt diese Sorte?


"Pistachio" – klar, das ist das englische Wort für Pistazie, aber wieso "Choco" als Verkürzung von chocolate, die im Englischen weder in geschriebener noch in gesprochener Form existiert? Ich teile das Foto bei Twitter und schreibe: "Welche Sprache soll das sein? Ernstgemeinte Frage". Weil ich keine hilfreichen Antworten erhalte, suche ich in der englischsprachigen Wikipedia nach "choco" und stoße auf die Information, dass choco (in dieser Transliteration) in Japan und Korea als Kurzwort für "Schokolade" gebräuchlich ist. Japanisch oder koreanisch? Das kann sicher nicht die Intention von Kellogg's gewesen sein. 
Mich stört diese Schreibweise nach wie vor. Mit "weiß doch eh jeder, was gemeint ist" kann und darf man sich m.M.n. nicht herausreden. Das Müsli schmeckt aber ganz gut.

Montag, 3. Juni 2019

Kurz notiert: Japanische Namen

Aus der FAZ vom 1. Juni 2019:

"[...] formt sich in Japan ein Bestreben, international zur herkömmlichen Schreibweise von Namen zurückzukehren. [...] die Reihenfolge von Vor- und Familiennamen soll sich ändern. Der Ministerpräsident hieße dann im Deutschen oder im Englischen nicht mehr Shinzo Abe, sondern Abe Shinzo.
Traditionell setzen die Japaner erst den Familiennamen (im Beispiel: Abe) und dann den Namen (Shinzo), den Deutsche – für Japan unpassend – als 'Vornamen' oder als 'Taufnamen' bezeichnen. Im Englischen oder Deutschen aber drehen Japaner ihre Tradition um und passen sich meist an das westliche Muster an, erst den Vornamen und dann den Familiennamen zu verwenden. Japan hebt sich dadurch von anderen asiatischen Völkern und Staaten ab. China, Taiwan, Süd- und Nordkorea folgen auch in ausländischen Sprachen ihrer Tradition und setzen den Familiennamen an den Anfang. So ist Chinas Präsident aus der Familie Xi im Deutschen Xi Jinping und Südkoreas Präsident aus der Familie Moon im Deutschen Moon Jae-in." (Anm.: Das bessere Beispiel wäre hier freilich die nordkoreanische Kim-Linie gewesen.)

"Diese Sonderrolle Japans in der Namenschreibung hat historische Wurzeln. Während der Modernisierung und Öffnung des Landes nach der Meiji-Restauration in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts blickte Japans Elite intensiv nach Europa, um zu lernen und Wissen zu sammeln. Damals habe der westliche Stil Fuß gefasst [... und] sei dann durch Englischunterricht verbreitet worden.
Heute lässt sich der sprachliche Sonderweg Japans im Kreis seiner Nachbarn als Zeichen des typischen japanischen Pragmatismus sehen, um Verwirrung zu vermeiden."

Ich befürworte diese – noch zögerlich anlaufenden – Bestrebungen, das klassische Muster zu reaktivieren. Allzu kompliziert ist es ja nun wirklich nicht.

Dienstag, 2. August 2016

Hier irrt der Beatpoet

Erfundene Geschichten und romantische Fabeln, die erzählen, was geschehen würde, WENN ..., diese Geschichten sind für Kinder und Schwachsinnige, die Angst haben, in den Spiegel zu schauen, wenn sie krank sind, oder verletzt, oder verkatert, oder verrückt.
Was für eine schlechte Meinung, was für ein mieses Verständnis von Literatur! Erstens ist die Zahl der Geschichten, die wirklich passiert sind, endlich; zweitens ist das Dazuerfundene, das Ausschmückende oft das Salz in der Erzählsuppe; drittens: Woran erkennt man eigentlich "Schwachsinnige", wenn sie verrückt sind?; viertens gibt es halt Menschen, die nicht ständig so tolle Sachen erleben, die sie aufschreiben könnten, die aber trotzdem gerne schreiben – und sich deswegen Dinge ausdenken müssen (was wiederum so viel Zeit in Anspruch nimmt, dass sich biographische Abenteuer gar nicht ergeben können)! Ständig on the road sein und mal eben zwischen Laudanumexzess und Billardkneipenschlägerei lässig am Lagerfeuer einen Generationenroman runtertippen: Diese hehre Vorstellung von Buchstabenkunst kann der feine Jack Kerouac, von dem das obige Zitat stammt, mal schön für sich behalten! Entnommen ist es übrigens dem Romänlein "Satori in Paris". Das gesamte Bedeutungsspektrum des japanischen Wortes satori möge sich jede/r selbst erlesen und erschließen, mir ist dieser buddhistische Zinnober zu hoch. Dass es eine Abfluss-Kanalreinigung Satori GmbH in Frankfurt gibt, finde ich indes ganz schön.

Mittwoch, 18. Mai 2016

Linktipp: Spon interviewt Anime-Übersetzer

Zum Lesen für zwischendurch.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Serien übersetzen Sie in der Woche?
Podzierski: Ungefähr drei Folgen in der Woche. Für eine 20-Minuten-Episode brauche ich drei bis sechs Stunden. Wie viel Geld ich dafür erhalte, möchte ich nicht sagen.
Das ist flink, möchte ich meinen. Respekt!

Samstag, 3. Oktober 2015

Lakitu, wer bist du?

Als ich neulich ein Super-Mario-Let's-Play schaute, in dem mal wieder der Eier werfende Wolken-Koopa Lakitu auftauchte, musste ich zum ersten Mal in 20 Jahren Nintendo-Fanatismus über den ungewöhnlichen Namen dieses Gegners nachdenken. "Moment mal", schoss es mir durch den Kopf, "ich beherrsche zwar überhaupt kein Japanisch, aber ich weiß genug, um zu erkennen, dass Lakitu kein japanisches Wort sein kann!" Wenn, dann müsste es Rakitsu oder Rakito heißen. 

Gott sei Dank leben wir in einer Welt, in der Videospielfiguren enzyklopädischen Wert haben, und der Wikipedia-Artikel "Lakitu" verrät uns denn auch, dass Lakitu in der japanischen Version "Jugemu" heißt. Dieses Wort ist einer bekannten japanischen Erzählung entnommen. In dieser geht es um ein Ehepaar, dem kein Name für seinen neugeborenen Sohn einfallen will, weswegen der Vater seinen Priester konsultiert, der ihm eine Reihe von Namen für den Jungen vorschlägt. Der erste: Jugemu, wörtlich "grenzenloses Glück" oder "grenzenloses Leben" (ich verlasse mich auf Sekundärquellen). Ein anderer der Namen in dieser Geschichte ist Paipo, und so heißen in der Originalversion Stachis Eier (US: "Spiney's Eggs").

Woher kommt nun aber der ebenso exotisch, zumindest nicht-englisch klingende Name Lakitu? Enttäuschende Antwort: Man weiß es nicht. Auf der Diskussionsseite zu "Lakitu" schreibt ein Autor: "Quite probably the creator of the names Lakitu, Koopa, Podoboo, and so on (be it Miyamoto or someone else) will go down to his grave never explaining the meanings of the names. Maybe there literally is no meaning at all." 

Montag, 6. Oktober 2014

Warum ich gerne Japanisch sprechenden Menschen zuhöre

Wichtiger Bestandteil der japanischen Sprache sind die so genannten Ideophone, in der englischsprachigen Literatur "mimetics" genannt: Lautspielereien, die meist als verdoppelte Silbenpaare auftauchen, was für fremde Ohren ganz ulkig klingt. Man unterscheidet dabei zwischen Giongo und Gitaigo.

Giongo ist Onomatopoesie im engeren Sinne, also v.a. Naturlaute wie kokekokkoo "Kikeriki!" oder zaazaa (Regengeräusch), aber auch kusyon "Hatschi!". Gitaigo ist die interessantere, aber auch schwerer zu fassende Gruppe. Sie umfasst Wörter, die innere Zustände widerspiegeln. Die Silbenfolge gakugaku etwa wird verwendet, um das Zittern der Beine zu verbalisieren, kankan drückt große Verärgerung aus. Zwei etwas bekanntere Beispiele: 1. Nico Nico Douga, das japanische YouTube-Äquivalent, enthält nikoniko "lächeln", 2. Doki Doki Panic, die Vorlage für das zweite Super-Mario-Bros.-Spiel, enthält dokidoki, was für heftiges Herzklopfen steht.

Eine kurze Einführung in die Materie gibt der Aufsatz "Sounds of the Heart and Mind. Mimetics of Emotional States in Japanese" von Debra J. Occhi in Languages of Sentiment: Cultural Constructions of Emotional Substrates (Hrsg. v. Gary B. Palmer & Debra J. Occhi), Amsterdam/Philadelphia 1999 (bei GoogleBooks verfügbar). Darin erfährt man auch, dass japanische Schulkinder Giongo in Katakana lernen und Gitaigo in Hiragana, sowie dass es auch eine alternative Einteilung der mimetics in drei Kategorien gibt. Eine zitierte Wissenschaftlerin meint: "giongo/gitaigo are the hardest parts of the Japanese language for non-native speakers to grasp", und "they cannot be explanied satisfactorily to non-native speakers by native speakers" (S. 157). Schön isses allemal. (Offenlegung: Ich kann kein Japanisch.)

Mittwoch, 3. November 2010

Linktipp: Fernsehkritik-TV über Animes

Die Welt der Animes ist mir nach wie vor fremd. Wie im Falle von Harry Potter kann ich durchaus nachvollziehen, warum es eine so große Fangemeinde gibt, erschließen tut sich mir der Reiz in beiden Fällen aber nicht.

In der aktuellen Folge von fernsehkritik.tv gibt es einen Gastbeitrag zu diesem Thema, in dessen Mittelpunkt die Ausstrahlung von Animes in Deutschland steht, v.a. die krampfhaften und unbefriedigenden Bemühungen von rtl2, Serien für ein vorrangig erwachsenes Publikum ins Kinderprogramm zu nehmen.

"Aus 18 Sekunden Anime wurden 7 Sekunden herausgeschnitten. Als Folge dieser Mega-Zensur entstehen ziemlich viele Logiklücken. Diese wiederum werden korrigiert, indem man oftmals Dialoge und manchmal ganze Teile der Handlung umschreibt."