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Mittwoch, 3. Dezember 2025

An ihren Strichen sollt ihr sie erkennen

Wenn ich in meinen Blogbeiträgen einen Gedankenstrich verwende, achte ich tunlichst darauf, einen richtigen Gedankenstrich, fachsprachlich "Halbgeviertstrich", einzufügen – Berufskrankheit. Das tue ich mittels Copy & Paste. Der kurze Strich, der erscheint, wenn ich auf "-" drücke, ist dem Trenn- oder Bindestrich bzw. dem Minus vorbehalten.

Zurzeit ist der Langstrich, wie ich im Feuilleton der gestrigen Süddeutschen las, auf dem Weg, "zum Fingerabdruck seelenloser Automatentexte" zu werden. Laut dem Artikel "Gedankenstriche verraten ihn" (online leider hinter Paywall) entwickelt nämlich ausgerechnet Textgenerierungssoftware ein Faible für dieses Zeichen.

"Auffällig viele Gedankenstriche tauchen auf, wenn man KI-Modelle bittet: Lass diese E-Mail menschlich wirken", beobachtet Niklas Schreiber. Der Linguist forscht zu Satzzeichen an der Universität Potsdam. Er vermutet, Modelle wie Chat-GPT könnten häufig auf den Gedankenstrich zurückgreifen, weil das Zeichen eine Dramaturgie schaffe, eine persönliche Note. Doch gerade das entlarvt die Maschine. Sie will es unbedingt menscheln lassen. Und wirkt dadurch erst recht roboterhaft.

Insbesondere in Bezug auf Lexik komme es, so der Beitrag weiter, zunehmend zu Rückkopplungseffekten: Zum Beispiel greifen Wissenschaftler/innen auf bestimmte Wörter vermehrt zurück, seit/weil diese sich "in angeblich von Menschen verfassten akademischen Texten häufiger als früher" finden lassen. Wenn wir immer mehr künstlich erzeugte Texte konsumieren (und "etwas mehr als die Hälfte der neu ins Netz hochgeladenen Texte sind laut der Suchmaschinen-Agentur Graphite inzwischen künstlich generiert"), fangen wir an, so zu schreiben, wie wir meinen, dass wir schreiben müssten, weil das die KI ebenfalls "meint". Das ist leicht vereinfacht gefolgert, Fakt ist: "Mensch und Maschine beeinflussen sich offenbar gegenseitig."

Der Nebeneffekt einer Echokammerbildung innerhalb künstlicher Systeme lässt sich denken: "Studien haben bereits gezeigt, dass KI-Sprachmodelle, die mit ihren eigenen Texten gefüttert werden, sukzessive eine immer geringere 'linguistische Diversität' zeigen." (Anm.: Gemeint ist "sprachliche Diversität"; linguistisch bedeutet "sprachwissenschaftlich", engl. linguistic aber daneben auch "sprachlich", ein oft – von Menschen – gemachter Übersetzungsfehler.) "Was da in die Sprache einfließt, ist letztlich: Homogenität."

Der SZ-Artikel führt dann noch ein paar Wenns und Abers an, auf die ich nicht einzugehen brauche. Nur eins möchte ich klarstellen: Niemand soll denken, dass an der Produktion auch nur eines einzigen meiner Texte je ein Sprachmodell beteiligt war – auch wenn ich eine Vorliebe für den "romantisch-verspielten Gedankenstrich" nicht abstreite.

Samstag, 12. April 2025

Die neuen Bücher der Bücher sind da!

"Die vollständige Bibel ist im vergangenen Jahr in mindestens 16 Sprachen erstmals übersetzt worden", entnehme ich der Zeitung. Der Text von Altem und Neuem Testament liege damit in 769 Sprachen vor. "Damit hätten erstmals mehr als sechs Milliarden Menschen Zugang zum vollständigen Bibeltext in ihrer Muttersprache, erklärte der Bibelgesellschaften-Dachverband."

Ich wollte natürlich mehr wissen und besorgte mir bei der Deutschen Bibelgesellschaft die vollständige Liste der letztjährigen Erst- und Neuübersetzungen. Bei den 16 Sprachen, in denen erstmals Übersetzungen der vollständigen Bibel vorliegen (in sechs Fällen einschließlich der deuterokanonischen Schriften), handelt es sich um:

  • Badaga (dravidische Sprache, gesprochen in Tamil Nadu, Indien)
  • Bissa (Niger-Kongo-Sprache, gesprochen in Burkina Faso, Ghana und Togo)
  • Bunun (austronesische Sprache in Taiwan)
  • Burjatisch (mongolische Sprache, Autonome Republik Burjatien, Russland)
  • Galo (auch Adi oder Gallong, eine sinotibetische Sprache, gesprochen vom Volk der Galo in Arunachal Pradesh, Indien)
  • Hehe (Kihehe, eine Bantusprache innerhalb der Niger-Kongo-Sprachen; Tansania; gefährdet)
  • Jah Hut (austroasiatische Sprache auf der malaiischen Halbinsel)
  • Kagulu (Bantusprache in Tansania)
  • Lamani (Lambadi/Banjari, indoarische Sprache im Süden Indiens)
  • Lautu (Chin, sinotibetische Sprache in Myanmar)
  • Lyélé (Niger-Kongo-Sprache in Burkina Faso; gefährdet)
  • Papiamento (Kreolsprache auf den ABC-Inseln)
  • Purépecha (Phorhépecha, isolierte bzw. laut "Ethnologue" zu einer kleinen Familie namens Taraskisch gehörende Sprache in Mexiko)
  • Tojolabal (Maya-Sprache in Mexiko)
  • Wayuu (Wayuunaiki, Arawak-Sprache in Südamerika, v.a. Kolumbien)
Außer von Burjatisch hatte ich von keiner dieser Sprachen je gehört. Mit rund 2 Millionen hat Lamani die meisten Sprecher, während Jah Hut mit nur 4200 die kleinste Sprache in dieser Liste ist. Auch in der Aufzählung der Teilübersetzungen findet sich einiges Interessantes:

  • Das Neue Testament liegt jetzt auf Südsamisch vor, das in Norwegen und Schweden von nur 600 Menschen gesprochen wird.
  • Auch die je nach Quelle 870 oder 1600 Bewohner der Insel Enggano vor Sumatra können nun das NT in ihrer gleichnamigen Muttersprache rezipieren.
  • Bei zwei Übersetzungen in Sprachen, die in China gesprochen werden, steht in der Spalte "Language" der Eintrag "Confidential". Dahinter stecken gewiss politische Gründe.
  • Übertragungen des Lukas-Evangeliums und einiger anderer Bücher gibt es neuerdings für Ägyptisch-Arabisch (in der Liste als Egyptian Colloquial und mit 83.493.970 Nutzenden angegeben).
Und die Situation fürs Deutsche? "In der deutschen Sprache gibt es die vollständige Bibel in über 35 Übersetzungsvarianten von urtextnahen Versionen bis hin zu umgangssprachlichen Übertragungen." Ob da auch Shahak Shapiras "Hoylge Bimbel" in der "Vong-Sprache" berücksichtigt ist?

Sonntag, 8. September 2024

Und was sagst du so?

Ich sehe es als meine Pflicht an, wie ich es im Januar 2012 (!) zum ersten Mal getan habe, darauf hinzuweisen, dass eine neue Erhebungsrunde im "Atlas zur Deutschen Alltagssprache" gestartet ist bzw. hat, Nr. 14 inzwischen. Diesmal bin ich besonders entzückt, wird doch nicht nur auf meine Anregung hin erörtert, wie verbreitet die Formulierung "alles dreis" ist, auch geht es in einem Punkt (zufällig direkt darunter) um die dialektologisch nur peripher bedeutsame Frage nach der Zubereitung von Kartoffelsalat – ein Streitthema, das ich in einer meiner letzten Titanic-Newsletter-Kolumnen berührte.

Außerdem sind die Ergebnisse der 13. Runde da! 

Freitag, 19. April 2024

Zuerst die gute Nachricht ...

Stellt euch vor, ihr bekommt die Aufgabe, eine Minigolfanlage aufzuwerten. Wie bewerkstelligt ihr das? Mit hoher Wahrscheinlichkeit dadurch, dass ihr aufregende Features einbaut, neue Bahnen anlegen lasst, Hindernisse erweitert, kurz: indem ihr Dinge hinzufügt – auch wenn euch explizit erlaubt worden ist, Dinge zu entfernen, etwa "einen Sandbunker (eine 'Falle', aus der man den Ball nur schlecht wieder herausspielen kann)". Diese Neigung des Menschen zum Hinzufügen wird als addition bias bezeichnet und seit kurzem wissenschaftlich untersucht. Die Minigolf-Aufgabe wurde tatsächlich mit Versuchspersonen durchgespielt, das Ergebnisse 2021 in Nature veröffentlicht:

Die Teilnehmenden sollten alle ihre Ideen auflisten, wie man die Bahn verbessern könnte. Dabei wurden sie auch darum gebeten, auf die Kosten ihrer vorgeschlagenen Änderungen zu achten. Trotz dieses Hinweises generierten nur 28% aller Teilnehmenden zumindest eine einzige Idee, die das Entfernen eines Elements betraf. Und selbst von jenen Teilnehmenden, die nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen wurden, dass sie etwas [...] auch entfernen können, generierten nur 43% zumindest einen Vorschlag, bei dem ein Element entfernt würde.

Der menschliche Instinkt, Verbesserung durch "additive Transformation" erreichen zu wollen, sprich: der Gedanke "Mehr ist besser", scheint sich auch in der (deutschen) Sprache niederzuschlagen. Das legt die jüngere linguistische Forschung nahe. S. Wolfer / A. Koplenig / M. Kupietz / C. Müller-Spitzer vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache Mannheim legen ihre diesbezüglichen Erkenntnisse in Ausgabe 1/2014 des Sprachreport nieder. (Daraus auch obige Zitate, den Nature-Artikel von Adams et al. 2021 betreffend.) Das Team bediente sich eines neuen Datensatzes zu Worthäufigkeiten namens DeReKoGram, basierend auf dem DeReKo, dem riesigen Deutschen Referenzkorpus. "Gram" nimmt dabei Bezug auf sog. n-Gramme, also Einzelwörter (Unigramme), Zweiwortverbindungen (Bigramme) usf., deren Frequenz ermittelt werden soll; aus diesem Blog bekannt ist womöglich der Google Ngam Viewer.

Es stellt sich heraus: Nicht nur sprechen und schreiben wir häufiger vom Hinzufügen als vom Wegnehmen, auch geben wir, wenn von beidem die Rede ist, der Addition den Vorrang. Und nicht nur beim Dualismus Mehr/Weniger macht sich der Additionsbias bemerkbar, auch bei anderen Bereichen, "die einer gewissen Polarität unterworfen sind", scheint sich eine Bevorzugung von "positiv polarisierten Wörtern" niederzuschlagen. Beispiele für solche Gegenstandsbereiche sind Progression (mit Partnerwörtern wie vorwärts und rückwärts), Wertigkeit (z.B. nützlich vs. nutzlos), Höhe (hinauf vs. hinab usw.) und sogar Reichtum. In letzteren fallen allerdings und interessanterweise zwei der vier Paare von Wörtern, bei denen das negativ polarisierte häufiger auftrat.

Für die beiden Paare [wohlhabend vs. bedürftig und finanzstark vs. finanzschwach] liegt keine unmittelbare Erklärung auf der Hand (wobei es Ausdruck einer Präferenz in Zeitungstexten sein könnte, eher finanzschwache als finanzstarke Gesellschaftsschichten zu fokussieren).

Hier betreten wir ein interdisziplinäres Feld zwischen Soziologie, Politik, Kommunikations- und Sprachwissenschaft! Wer bisher mit Korpuslinguistik auf Kriegsfuß stand (wie ich, zugegebenermaßen), möge sich von dem achtseitigen Sprachreport-Beitrag wider jedes Vorurteil bezaubern lassen. Wer den Datensatz-Overload als zu trocken und mathematisch empfindet und die Analyse überspringen will, für den gebe ich das Entscheidende wieder: "Wir können daraus schließen, dass in der deutschen Sprache – zumindest in den untersuchten Gegenstandsbereichen und für unsere Wortauswahl – in der Tat eine Neigung besteht, positiv polarisierte Wörter häufiger zu verwenden als negativ polarisierte." Und als Parallelbefund lässt sich festhalten, "dass in der (über DeReKoGram erfassten) deutschen Sprache in der Tat positiv polarisierte Wörter in Paarnennungen mit und und oder eher als erstes genannt werden."

Der addition bias ist übrigens so unbeackert, dass er in der doppelseitigen Sammlung unbewusster Denkschemata, die im Wissensteil der Süddeutschen Zeitung vom 28./29. Mai 2022 abgedruckt wurde und die ich wohlweislich aufgehoben habe, nicht auftaucht.


Nicht weniger als 184 Fehlschlüsse, Heuristiken und Reflexe sind darin aufgelistet, darunter Klassiker wie der Dunning-Kruger-Effekt und die Überlegenheitsillusion, aber auch Putziges wie der Bias-Bias ("Möglichkeit, dass Denkfehler zu oft diagnostiziert werden"). Das ist sooo geil! Wer eine höherauflösende Ansicht haben möchte, kann mich gerne kontaktieren.

PS in eigener Sache, das nix mit diesem Beitrag zu tun hat: Am Schwerpunktteil der heutigen Ausgabe des "ZDF Magazin Royale" habe ich tatkräftig mitgewirkt. Schaltet doch mal ein!

Mittwoch, 21. Februar 2024

Ausgewanderte Wörter

Der Sprachreport, das Quartalsmagazin des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache Mannheim (IDS), machte mich in seiner Ausgabe 4/23 auf das Lehnwortportal Deutsch aufmerksam, das vom IDS betrieben wird und aus dem Deutschen entlehnte Lexeme in anderen Sprachen sammelt. Der Artikel ist hier als PDF verfügbar. (Überhaupt kann man sämtliche Sprachreports kostenlos herunterladen; ich möchte die gelegentliche Lektüre auch interessierten Laien empfehlen und nachsetzen, dass der Sprachreport bitte, bitte nicht mit den Sprachnachrichten des infamen Vereins Deutsche Sprache zu verwechseln ist!) Er enthält etliche erhellende, teils amüsante Beispiele für Wörter, die aus dem deutschen in fremde Wortschätze gewandert sind und dort nicht nur als Fremdwort Bestand haben, sondern der jeweiligen Nehmersprache angepasst wurden und mittlerweile als Lehnwörter existieren, deren Herkunft kaum noch auszumachen ist. Exportschlager wie kindergarten und weltschmerz kennt man ja, aber wusstet ihr zum Beispiel, dass das japanische Wort gebaruto aus dem deutschen Gewalt entlehnt wurde und "Staatsgewalt" bedeutet? Am besten gefällt mir, apropos Japanisch, das, was aus "Lumpenproletariat" geworden ist: runpenpuroretariāto.

Samstag, 30. September 2023

Back to School

Ich bin ja nun schon 41 und entwickle unvermeidbarerweise Affinitäten für Alte-Leute-Sachen: Heimatforschung, klassische Musik, Kreuzworträtsel (nee – das mochte ich schon immer) und neuerdings auch Vereinsmeierei. Seit diesem Jahr bin ich Mitglied im Deutschen Alpenverein, im Deutschen Quizverein und in der Indogermanischen Gesellschaft. In Letztere hätte ich schon viel früher eintreten sollen! Um meine temporäre Abkehr von der gediegensten und wahrhaftigsten aller Geisteswissenschaften ein Stück weit wiedergutzumachen, meldete ich mich direkt für die Arbeitstagung zum Thema "Lautwandel und morphologische Analogie" an, welche vom 12. bis 14. September in Köln stattfand. Arbeitstagungen der IG gibt es zwischen den alle vier Jahre durchgeführten Fachtagungen, von welchen ich bereits zwei besucht hatte, nämlich die XII. Fachtagung 2004 in Krakau (im Rahmen einer Exkursion mit unserem Lehrstuhl; da war ich noch im Grundstudium) sowie die XV. Fachtagung 2016 in Wien (auch da hatte ich, längst Alumnus, Sehnsucht nach akademischer Befruchtung). Aus Termingründen konnte ich nicht von Anfang bis Ende dabei sein, aber ein voller Programmtag netto war mir vergönnt. Hier sind meine Eindrücke in Stichpunkten.

- Das Hauptgebäude der Universität zu Köln, in dessen Hörsaal Nr. II die Konferenz ablief, ist stattlich, zweckmäßig, schmucklos, typisch 1934 halt. Man findet sich einwandfrei zurecht, und als ich mich ihm näherte, dachte ich: 'Och, hier könnte ich mir vorstellen zu studieren.' Mit einigem Abstand muss ich jedoch sagen: Noch besser als solche unübersehbaren Klötze (vgl. die Frankfurter Goethe-Uni) finde ich Hochschulbauten, die entweder extrem modern, luftig, pfiffig, auf Hightech getrimmt sind, oder noch älter, knorrig-knarzig, verwinkelt, efeuumrankt, ich denke da an einzeln stehende Backsteinhäuser meiner Alma mater in Dresden. Ein dezentralisierter Campus hat eben auch Vorteile, oder wenigstens einen: Abwechslung.

- Dass es dem Fach schlecht geht, war mir bewusst. Wie viele Professuren existieren hierzulande überhaupt noch? Ein halbes Dutzend? Dabei mangelt es an Nachwuchs keineswegs! Ich war positiv überrascht, wie hoch der Anteil junger Leute war. Ein regelrechter Generationenwechsel hat sich vollzogen. Dominierten in den vergangenen Jahrzehnten noch die Alten, deren Standardwerke und nach ihnen benannte Gesetze man kannte (und die live zu sehen ohne Frage ein Ereignis darstellte!), war die Mehrheit der Vortragenden heuer um die 30 Jahre alt. Kaum ein Name sagte mir was (was gewiss auch daran lag, dass ich nun schon eine Weile "raus" bin aus dem "Business"), aber ich sah, dass es gut war: Dieser Nachwuchs taugt was, das sind feine Geister, die die kümmerliche Fackel der Historisch-Vergleichenden Sprachwissenschaft mit Stolz, Verantwortung und Tatendrang weitertragen.
So oder so, der IG fehlt es offensichtlich an Mitteln. Kaffee und Wasser wurden zwar immerhin angeboten, eine schöne Begleitmappe wie damals in Krakau oder gesellige Rahmenveranstaltungen waren indes Fehlanzeige. Sogar unsere Namensschildhüllen sollten wir am Ende wieder abgeben, aus ökonomischen wie ökologischen Gründen. Dafür wurde keine Teilnahmegebühr erhoben.

- Was nett war: Wir erhielten Gästepässe für die Mensen und Cafeterien, und so kam ich seit Ewigkeiten mal wieder in den Genuss von Mensaessen. In meiner Studienzeit war ich großer Fan der Dresdner Mensen. An die Qualität, die ich von daher kannte, kam das Angebot in der Zülpicher Straße nicht heran, aber hey: 6,15 € für vegetarische Moussaka plus Salat und Nachtisch, da kann man nicht meckern.


- Mir scheint, die "großen" Sprachen sind sozusagen auserforscht. Zahlreiche speeches drehten sich um kleinere und/oder vormals stiefmütterlich behandelte Dialekte, allein am ersten Tag ging es um Hieroglyphenluwisch, Mittelarmenisch, Altfranzösisch und die Trümmersprache Messapisch; Altindisch zum Beispiel spielte gar keine Rolle, immerhin zwei Referate gab es zum Lateinischen (die fand ich sogar am spannendsten). Ein Vortrag zum Tocharischen, welches in meiner Unizeit praktisch gar keine Rolle gespielt hatte, überforderte mich dermaßen, dass mir schwindelig wurde und mich kurzzeitig Anfälle von Imposter Syndrome heimsuchten: 'Hilfe, was tu ich hier? Ich weiß nichts und kapiere nichts!'


- Erfreuliche Tendenz: Fast die Hälfte der speakers war weiblich. Die Institutionen, die beteiligt waren, verteilten sich über den ganzen Globus, es gab Vertreterinnen und Vertreter aus Italien, Japan, Österreich, den USA ... Apropos: Es fiel einmal mehr auf, dass in Amerika einfach eine ganz andere Vortragskultur herrscht. Allein die Powerpoint-Folien sind lebendig, humorvoll, graphisch ansprechend. Da kann ich als Deutscher nur anerkennend lächeln bzw. abschätzig das grimme Haupt schütteln.


- Für den September 2024 ist die XVII. IG-Fachtagung in Basel terminiert, Schwerpunkt: "The Speakers of Indo-European and their World". Das klingt nach Realienkunde und also right up my alley. Aber ob ich mich da blicken lasse? Ich glaube, ich traue mir das nicht mehr zu. Kann ja dann fünf Jahre später die Proceedings lesen.

Montag, 20. März 2023

Ein Chatbot wird geprüft

Der Wirbel um ChatGPT und Konsorten reißt nicht ab. Man hat das Gefühl, die Gesellschaft ist angesichts der jüngsten KI-Sprünge noch aufgewühlter als um die Jahrtausendwende herum, als dieses Internet über sie kam, ein "metaphysischer Raum, der stillschweigend an Millionen von Haushalten angebaut worden war" (Tao Lin, zit. n. Clemens Setz: Die Bienen und das Unsichtbare; dieses Buch wäre auch einen eigenen Blogbeitrag wert!). Auf "Spiegel online" begründet Kolumnist Christian Stöcker heute "Warum wir schleunigst Robotergesetze brauchen" ("Die immer schnellere Entwicklung maschinellen Lernens wird die Welt in den kommenden Jahren dramatisch verändern. Es wird höchste Zeit für demokratische Kontrolle"). Abgesehen von (urheber)rechtlichen Fragen dreht sich der Diskurs seit Monaten darum, welche Berufsgruppen nun um ihre Existenzberechtigung bangen müssen. Wiederholt wurde auch debattiert, in welchen Branchen die Arbeit in Zukunft schwieriger würde. Lehrkräfte seien, so hieß es, zunehmend damit beschäftigt, Betrugsversuche aufzudecken, weil immer mehr Schüler und Studierende bei Hausaufgaben, Aufsätzen etc. ChatGPT befragen. (Man vergleiche die "South Park"-Folge 26.04 "Deep Learning", "written by Trey Parker & ChatGPT".) Klar, wenn ein datengefüttertes "Digitalorakel" (Stöcker) in der Lage ist, Examina zu bestehen (zumindest manche; manche auch nicht), ist es nicht unangebracht, institutions- und prüfungsgebundene Bildungssysteme an sich zu überdenken.

Mich interessiert Folgendes: Könnte ich ausgetrickst werden, wenn ich – was die Götter zu verhüten wussten – noch immer Lehrbeauftragter an der Uni wäre? Anders gefragt: Könnte ChatGPT von mir erdachte Klausurfragen so beantworten, dass ich die Antworten nicht von denen eines menschlichen Prüflings unterscheiden könnte? Machen wir die Probe aufs Exempel und lassen wir das OpenAI-Modell acht Aufgaben lösen, die ich den Teilnehmenden meines Seminars "Grundzüge der indogermanischen Nominalbildung" stellte, welches ich im Wintersemester 2009/10 an der TU Dresden hielt. Ich möchte vorwegschicken, dass ich diese Probeklausur für nicht sonderlich anspruchsvoll halte. In einem vorangegangenen Seminar hatte sich einmal ein Student per E-Mail über das seiner Ansicht nach zu hohe Niveau beschwert, und da ließ ich mich natürlich erweichen. Wie auch immer, jetzt gilt's!

1. Erklären Sie den Unterschied zwischen synthetischem und analytischem Sprachbau anhand des Kasussystems moderner indogermanischer Sprachen.

ChatGPT: Der synthetische Sprachbau bezieht sich auf eine Sprachstruktur, in der Bedeutungen durch die Verwendung von Affixen (Präfixe, Suffixe oder Infixe) oder durch Veränderungen im Stamm des Wortes (z.B. Vokalwechsel) ausgedrückt werden. Im Gegensatz dazu bezieht sich der analytische Sprachbau auf eine Sprachstruktur, in der Bedeutungen durch separate Wörter oder Phrasen ausgedrückt werden.

In modernen indogermanischen Sprachen gibt es sowohl synthetische als auch analytische Sprachbauweisen im Kasussystem. Ein Beispiel für den synthetischen Sprachbau ist das deutsche Kasussystem, in dem die Endungen des Substantivs verändert werden, um den Kasus anzuzeigen. Zum Beispiel: Der Hund (Nominativ), des Hundes (Genitiv), dem Hund (Dativ), den Hund (Akkusativ).

Ein Beispiel für den analytischen Sprachbau ist das Englische, das in der Regel keine Kasusendungen verwendet, um den Kasus eines Substantivs anzuzeigen. Stattdessen werden separate Wörter oder Präpositionen verwendet, um den Kasus auszudrücken. Zum Beispiel: the dog (Nominativ), the dog's (Genitiv), to/for the dog (Dativ), the dog (Akkusativ).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Unterschied zwischen synthetischem und analytischem Sprachbau im Kasussystem moderner indogermanischer Sprachen darin besteht, wie die Bedeutung des Kasus ausgedrückt wird. Der synthetische Sprachbau verwendet Endungen oder Veränderungen im Wortstamm, während der analytische Sprachbau separate Wörter oder Präpositionen verwendet.

2. Gibt es Kategorien im Deutschen, die durch Agglutination gebildet werden?

ChatGPT: Ja, es gibt Kategorien im Deutschen, die durch Agglutination gebildet werden. Agglutination bezieht sich auf die Bildung von Wörtern durch das Hinzufügen von Morphemen (z.B. Präfixe, Suffixe oder Infixe) an einen Wortstamm.

Ein Beispiel für eine Kategorie im Deutschen, die durch Agglutination gebildet wird, ist der Plural. In der Regel wird der Plural durch das Hinzufügen des Suffixes "-en" oder "-n" an den Singular gebildet. Zum Beispiel: Haus (Singular) - Häuser (Plural), Kind (Singular) - Kinder (Plural).

Eine andere Kategorie, die durch Agglutination gebildet wird, ist der Komparativ und Superlativ bei Adjektiven. In der Regel werden sie durch das Hinzufügen von Suffixen wie "-er" und "-sten" gebildet. Zum Beispiel: schön (Positiv) - schöner (Komparativ) - am schönsten (Superlativ).

Auch einige Verben im Deutschen können durch Agglutination gebildet werden, beispielsweise durch das Hinzufügen von Präfixen oder Suffixen. Zum Beispiel: "ver-" (Präfix) in "verkaufen", "er-" (Präfix) in "erklären" oder "-ieren" (Suffix) in "studieren".

Zusammenfassend gibt es im Deutschen mehrere Kategorien, die durch Agglutination gebildet werden können, wie zum Beispiel der Plural, Komparativ und Superlativ bei Adjektiven oder Verben, die durch Präfixe und Suffixe gebildet werden.

3. Welche idg. Sprachen gelten als besonders produktiv hinsichtlich des Wortbildungsmusters Komposition und welche eher nicht?

ChatGPT: Das Wortbildungsmuster Komposition ist in vielen indogermanischen Sprachen weit verbreitet, aber es gibt Unterschiede in Bezug auf seine Produktivität. Einige Sprachen sind besonders produktiv in der Komposition, während andere weniger produktiv sind.

Zu den indogermanischen Sprachen, die als besonders produktiv in der Komposition gelten, gehört zum Beispiel das Deutsche. In dieser Sprache können fast alle Wortarten miteinander kombiniert werden, um neue Wörter zu bilden, und es gibt eine Fülle von Komposita, die in der Alltagssprache verwendet werden. Zum Beispiel: "Fernsehprogramm", "Regenschirm", "Handyvertrag", "Staubsaugerbeutel" usw.

Auch im Isländischen ist die Komposition sehr produktiv. In dieser Sprache können Wörter mit einer Vielzahl von Suffixen und Präfixen kombiniert werden, um neue Wörter zu bilden. Dies hat dazu geführt, dass Isländisch eine sehr reiche und komplexe Wortbildung aufweist.

Andere indogermanische Sprachen wie Englisch und Französisch sind weniger produktiv in der Komposition. Obwohl es auch in diesen Sprachen viele Komposita gibt, wird die Komposition nicht so häufig verwendet wie im Deutschen oder Isländischen, und es gibt weniger Möglichkeiten für die Kombination von Wortarten.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Komposition in einigen indogermanischen Sprachen wie Deutsch und Isländisch besonders produktiv ist, während sie in anderen Sprachen wie Englisch und Französisch weniger produktiv ist.

4. Zu welcher Art von Komposita zählen Südwest, Werwolf, nasskalt?

ChatGPT: Die genannten Wörter sind sogenannte Determinativkomposita. Bei Determinativkomposita wird ein Bestimmungswort (auch Determinans genannt) mit einem Grundwort (auch Determinatum genannt) kombiniert, um ein neues Wort zu bilden.

"Südwest" ist ein Determinativkompositum, das aus den Wörtern "Süd" und "West" besteht. "Werwolf" ist ein Determinativkompositum, das aus den Wörtern "Wer" (eine alte Form von "Mann") und "Wolf" besteht. "Nasskalt" ist ebenfalls ein Determinativkompositum, das aus den Wörtern "nass" und "kalt" besteht.

Bei Determinativkomposita wird das Bestimmungswort verwendet, um das Grundwort genauer zu beschreiben oder einzuordnen. In den genannten Beispielen geben die Bestimmungswörter "Süd", "Wer" und "nass" weitere Informationen über die Bedeutung des Grundwortes "West", "Wolf" und "kalt".

5. Welche Möglichkeiten zur Bildung der femininen Form eines Nomens kennen Sie?

ChatGPT: Es gibt verschiedene Möglichkeiten zur Bildung der femininen Form eines Nomens in der deutschen Sprache:

Durch das Suffix "-in": Viele männliche Substantive können durch das Suffix "-in" in die feminine Form überführt werden. Zum Beispiel: Lehrer - Lehrerin, Arzt - Ärztin, Student - Studentin.

Durch den Austausch des Stammvokals: Einige männliche Substantive haben eine eigene Form für das weibliche Geschlecht, die durch den Austausch des Stammvokals gebildet wird. Zum Beispiel: Mann - Frau, Vater - Mutter, Bruder - Schwester.

Durch das Anhängen von Wörtern: Manchmal wird die feminine Form durch das Anhängen von Wörtern gebildet, die das Geschlecht kennzeichnen. Zum Beispiel: Prinz - Prinzessin, Löwe - Löwin.

Durch den Gebrauch von unterschiedlichen Wörtern: In einigen Fällen gibt es für das männliche Substantiv kein weibliches Gegenstück. Stattdessen werden unterschiedliche Wörter verwendet, um das weibliche Pendant zu beschreiben. Zum Beispiel: Mannschaft - Frauenmannschaft, Kater - Katze.

Es ist wichtig zu beachten, dass nicht alle männlichen Substantive eine weibliche Form haben und dass es einige Ausnahmen von den oben genannten Regeln gibt.

6. Was ist Derivation? Nennen Sie Wortarten des Deutschen, die Derivationsbasis sein können.

ChatGPT: Derivation ist ein Verfahren zur Bildung neuer Wörter durch die Anfügung von Affixen (Präfixen oder Suffixen) an bereits bestehende Wörter, um deren Bedeutung zu verändern oder zu erweitern. Im Gegensatz zur Komposition, bei der zwei oder mehrere Wörter zu einem neuen Wort zusammengefügt werden, wird bei der Derivation ein neues Wort aus einem bestehenden Wort abgeleitet.

Im Deutschen können alle Wortarten als Derivationsbasis dienen, einschließlich Nomen, Verben, Adjektive und Adverbien. Beispiele für die Derivation von Nomen aus anderen Wortarten sind: der Lauf (von laufen), der Fall (von fallen), die Schönheit (von schön). Beispiele für die Derivation von Verben aus anderen Wortarten sind: laufen (von der Lauf), fallen (von der Fall), schönigen (von schön). Beispiele für die Derivation von Adjektiven aus anderen Wortarten sind: laufend (von laufen), gefallen (von falllen), schönheitlich (von schön). Beispiele für die Derivation von Adverbien aus anderen Wortarten sind: laufend (von laufen), schließlich (von schließen), schönheitlich (von schön).

Es gibt auch eine Vielzahl von Affixen im Deutschen, die zur Derivation verwendet werden können, einschließlich Präfixen wie "un-" und "ver-" und Suffixen wie "-ung", "-heit", "-keit" und "-tum".

7. Welche Numeri gab es im Ur-Indogermanischen?

ChatGPT: Das Ur-Indogermanische, die rekonstruierte Ursprache der indogermanischen Sprachfamilie, hatte vermutlich zwei Numeri, eine Singular- und eine Pluralform.

Die Singularform bezieht sich auf eine Einheit oder einen einzelnen Gegenstand, während die Pluralform sich auf mehrere Einheiten oder Gegenstände bezieht.

Es gibt jedoch auch einige Hinweise darauf, dass es im Ur-Indogermanischen möglicherweise noch eine Dualform gab, die sich auf genau zwei Einheiten oder Gegenstände bezieht. Diese Vermutung stützt sich auf einige sprachliche Merkmale und Formen in einigen indogermanischen Sprachen wie Altgriechisch, Sanskrit und Litauisch, die eine solche Dualform aufweisen.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass das Ur-Indogermanische nur auf der Grundlage von rekonstruierten sprachlichen Merkmalen und Wörtern rekonstruiert wurde, und dass es daher viele Unsicherheiten und offene Fragen hinsichtlich seiner Grammatik und Struktur gibt.

8. Welche Zweige des Indogermanischen weisen nähere Gemeinsamkeiten untereinander auf?

ChatGPT: Unter den Zweigen des Indogermanischen gibt es einige, die nähere Gemeinsamkeiten aufweisen als andere. Die genauen Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den einzelnen Zweigen sind jedoch Gegenstand intensiver Forschung und Diskussion unter Linguisten und Sprachhistorikern. Im Allgemeinen gelten jedoch die folgenden Zweige als näher miteinander verwandt:

1. Germanisch und Baltisch-Slawisch: Diese beiden Zweige haben viele gemeinsame sprachliche Merkmale und weisen eine ähnliche Entwicklung in Bezug auf die Grammatik und die Lautveränderungen auf.

2. Italienisch und Keltisch: Diese beiden Zweige haben einige gemeinsame Vokabeln und grammatische Strukturen, die sich von anderen Zweigen des Indogermanischen unterscheiden.

3. Griechisch und Albanisch: Diese beiden Zweige weisen einige gemeinsame sprachliche Merkmale auf, die von anderen Zweigen des Indogermanischen abweichen.

4. Indo-Iranisch und Armenisch: Diese beiden Zweige haben einige gemeinsame Vokabeln und grammatische Strukturen, die sich von anderen Zweigen des Indogermanischen unterscheiden.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Zweigen des Indogermanischen komplex sind und immer noch aktiv erforscht werden. Daher können sich die Ansichten darüber, welche Zweige näher miteinander verwandt sind, im Laufe der Zeit ändern.

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So, die 90 Minuten sind rum, Blätter und Stifte weglegen! Die Benotung erfolgt in einer Woche bzw. nein: nie! Es soll ja lediglich geklärt werden, ob ich erkennen könnte, dass ein KI-Bot meine Fragen beantwortet hat statt einer realen Person. Außerdem ist das alles so lange her, dass ich inzwischen nicht mehr sagen kann, was ich zu lesen erwartete, und einen Musterlösungsbogen habe ich nicht. Nur so viel: Im von Chatty genannten englischen Beispielparadigma für dog (1.) findet sich im "Akkusativ" weder ein "separates Wort" noch eine Präposition. Zu 2.) ist anzumerken, dass die Pluralbildung Haus > Häuser (2.) eben kein Fall von Agglutination, also von "Aneinanderkleben" potenziell für sich stehender Elemente, ist, bei dem der Stamm unverändert bleibt, sondern ein klassischer Fall von Fusion. Auch sehr fragwürdig ist die Aussage, "im Isländischen ist die Komposition sehr produktiv. In dieser Sprache können Wörter mit einer Vielzahl von Suffixen und Präfixen kombiniert werden, um neue Wörter zu bilden." Komposition bedeutet Wortbildung durch Zusammenfügung "fertiger" Wörter. Bei 4.) hätte ich mir die jeweilige Unterart des Determinativkompositums gewünscht, z.B. Kopulativkompositum, bei 5.) den Fachbegriff Motionsfemininum. Darin auch wieder die Gleichsetzung von Wörtern und Morphemen ("Manchmal wird die feminine Form durch das Anhängen von Wörtern gebildet, die das Geschlecht kennzeichnen. Zum Beispiel: Prinz - Prinzessin, Löwe – Löwin."): schwach. Dass es im Ur-Indogermanischen einen Dual gab, ist relativ unstreitig (7.). Und 8.) wurde mehr als oberflächlich und schwammig bearbeitet ("Italienisch" statt "Italisch", "einige gemeinsame Vokabeln" …)! Wie gesagt, alles einzeln zu zerpflücken, würde den Rahmen sprengen und kaum der Unterhaltung dienen. (Wer hat überhaupt bis hierhin mitgelesen?) Kurzum: Bestanden hätte ChatGPT durchaus, aber nicht besser als mit einer 4. Immerhin.

Dass ich die Computermagie durchschaut hätte, dessen bin ich mir sicher. Allein solche Zusätze wie "Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass das Ur-Indogermanische nur auf der Grundlage von rekonstruierten sprachlichen Merkmalen und Wörtern rekonstruiert wurde, und dass es daher viele Unsicherheiten und offene Fragen hinsichtlich seiner Grammatik und Struktur gibt" – das würde niemand schreiben, der sich je ernsthaft mit Vergleichender Sprachwissenschaft beschäftigt hat, zumindest nicht in einem Test. Die genannte Vagheit bei 8.) hätte mich ebenso stutzig gemacht wie gewisse holprige Formulierungen, innere Widersprüche und in der Luft hängende Behauptungen.

Sonntag, 13. November 2022

Lesetipp: Interview mit Karin Stüber

"Und was kannst du damit machen?" Diese Frage hörte ich als Student der Vergleichenden Sprachwissenschaft seeehr oft, vermutlich öfter, als wenn ich irgendein anderes geisteswissenschaftliches Fach studiert hätte. Etwas Konkreteres als "Keine Ahnung, mal sehen" konnte ich darauf nie erwidern. Dass es abseits akademischer Einrichtungen kaum Beschäftigungsmöglichkeiten für Indogermanisten gibt, war mir von vornherein klar gewesen, und letztlich hätte ich für den Job, in den es mich später verschlug, überhaupt keinen höheren Abschluss benötigt; bereut habe ich meinen Weg trotzdem nicht.

Ein extremes Beispiel für die unerwartete Zweitkarriere einer immerhin Sprachwissenschafts-Professorin lieferte jetzt ein Interview in der Neuen Zürcher Zeitung. Befragt wurde Karin Stüber, die mir in meiner Postgraduierten-Zeit wiederholt begegnet war, wann immer ich mich mit dem Keltischen zu befassen hatte. Ich glaube, ich habe sie sogar einmal auf einem Kongress reden hören. Jedenfalls arbeitet Karin Stüber seit kurzem als ... millionenschwere Autohändlerin!

Sowohl ein solcher Berufswechsel als auch – das muss man ganz klar sagen – die Entscheidung, sich full-time einer potentiell unlukrativen Nischendisziplin zu widmen, erfordert eine gewisse Privilegiertheit. Im Falle Stüber scheinen die Sterne seit jeher günstig gestanden zu haben.

Sie haben es getan. Sie beendeten Ihre akademische Karriere in Würzburg und wurden Verwaltungsratspräsidentin des grössten ­Mercedes-Händlers der Schweiz.
Mein Vater, Peter Stüber, führte die Firma mehr als 50 Jahre lang, sie gehörte ihm auch seit langem. Er sagte: Wenn ich 80 Jahre alt bin, möchte ich aufhören. Also musste sich die Familie überlegen, wie es weitergeht. Meine Schwester studierte Wirtschaft, aber sie wollte nicht seine Nachfolgerin werden. Die Verantwortung war ihr zu gross. Nun sitzt sie auch im Verwaltungsrat der Firma und unterstützt mich.

Warum haben Sie Ja gesagt?
Die Aufgabe reizte mich. Ich wollte etwas zurückgeben.

Wem wollten Sie etwas zurückgeben und warum?
Der Firma, den Mitarbeitern, der Familie. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar. Ich habe so lange profitiert. Ich konnte eine akademische Karriere machen und ein Fach studieren, das brotlos ist. Für Indogermanisten gibt es ausserhalb der Uni keine Stellen. Als ich eine Zeitlang keine Anstellung hatte, war das mit meinem Hintergrund kein Problem. Wenn ich aus einer Arbeiterfamilie käme, wäre das nicht dringelegen. Meine Karriere wäre vorbei gewesen.

Das ganze Gespräch, in welchem auch der hübsche Helvetismus Sackgeld fällt, ist hier zu finden. Mich hat übrigens ein Google-Alert zu "indogermanistik", den ich vor langer Zeit eingerichtet habe, dorthin geführt. So richtig lösen konnte ich mich von dieser herrlichen Wissenschaft nämlich bis heute nicht.

Donnerstag, 26. Mai 2022

Das Unsagbare (2)

Nach der gestrigen Vorrede ist es nun heute an der Zeit, zwei "Sprachmacken" vorzustellen, die mir persönlich kein Stück beanstandenswert erscheinen, andere aber irritieren (könnten).

Erstens: Wie sage ich verkürzt "eine Sache", wie zu zwei Sachen, drei, vier, n Dingen? Ganz einfach: "ein was", "zwei was" usf. Völlig logischer, geläufiger und richtiger Satz: "Ein was will ich noch klarstellen." Oder: "Wir brauchen noch zwei was." So hat man im Freundeskreis und in der Familie geredet. Wozu "zwei Dinge" sagen, wenn man mit einem handlichen Indefinitpronomen eine ganze Silbe sparen kann? Vor wenigen Jahren geschah es dann, dass mir eine solche Formulierung in einem Text, den ich im Rahmen redaktioneller Tätigkeit verfasste, angekreidet wurde. Da dachte ich zum ersten Mal darüber nach und lernte, dass ein was et al. (auch zusammengeschrieben möglich) nur in einem eng begrenzten Gebiet innerhalb des deutschen Sprachraums üblich ist. Dank dem "Atlas zur deutschen Alltagssprache" (zu dessen Anwachsen beizutragen ich allen ans Herz legen möchte) wissen wir seit kurzem auch, wo genau. Jetzt spreche ich gelegentlich Bekannte auf die Phrase ein was an und stoße damit zuverlässig auf Erheiterung, Verwunderung, Unverständnis oder alles dreis.

"Alles dreis"? Ganz genau. Das ist die zweite Eigentümlichkeit, die ich überhaupt nicht als Eigentümlichkeit begreife. Wie soll man denn, analog zu alles beides, sonst sagen, wenn man sich auf drei von drei Alternativen bezieht und das, sozusagen als Kollektivum, singularisch ausdrücken möchte? "Alles drei" hört sich in meinen Ohren schlicht falsch an; ich verstehe aber, dass die Variante mit -s jene verstören könnte, die von woanders herkommen als ich. Die konkrete regionale Verbreitung hat der AdA noch nicht untersucht; ich werde den Verantwortlichen gleich mal eine entsprechende Erhebung vorschlagen. Vermutlich ist die Bevorzugung von "alles dreis" vor allem im thüringisch-obersächsischen Dialektraum auszumachen. Als Indiz lässt sich eine Stelle in Band 1 der Geschichte Sachsens bis auf die neuesten Zeiten (1826) des in Thüringen gewirkt habenden Historikers Ferdinand Wachter anführen: "wenn wir nun alles dreis zusammen halten". Auch Nietzsche (im Kreis Merseburg geboren, in Naumburg groß geworden) schreibt in einem Brief: "Jacke, Hose, Weste, für alles dreis: 12 1/2 Silbergroschen". Über Google Books findet man gleich zwei einschlägige Zitate Theodor Fontanes, der allerdings bekanntermaßen weiter nördlich aufgewachsen ist: "jeder Zoll ein Ludwig, ein Posa, ein Uriel Acosta, was alles dreis dasselbe bedeutet" (Gesamtausgabe Werke, Schriften und Briefe, Einzelwerk nicht ermittelbar); "Und ich bin eigentlich alles dreis" (L'adultera).

Dienstag, 7. Dezember 2021

Kelten in Übersee (2)

Das, was ich in Teil 1 "keltische Spuren in der Neuen Welt" genannt habe, lässt sich in verschiedener Gestalt ausmachen, nämlich a) in Ortsnamen und Nationalsymbolen und b) in Gemeinschaften, die sich als keltischstämmig identifizieren und/oder einen keltischen Dialekt sprechen; das sind dann freilich mehr als bloße "Spuren". Manchmal fällt beides zusammen, was ich als Kategorie c) labeln möchte.

Aus der Kategorie a) war es vor allem der geographische Name Neukaledonien, der mich überhaupt zum Schreiben dieses Beitrags getrieben hat. Wie kommt es, dass eine französische Überseegemeinschaft im Pazifik den lateinischen Namen Schottlands (Caledonia) trägt? Antwort: James Cook fühlte sich bei seiner Entdeckung der Hauptinsel an Schottland erinnert. Seitdem heißt der Archipel auf englisch New Caledonia und in älterer deutschsprachiger Literatur sogar "Neuschottland". Was ist mit New South Wales / Neusüdwales? Dasselbe: Cook erkannte in der Beschaffenheit des späteren australischen Bundesstaates Ähnlichkeiten mit dem Süden von Wales.

Aber bleiben wir bei Neuschottland, allerdings nicht in der Südsee, sondern in Amerika: Die kanadische Provinz Nova Scotia ist nämlich nicht nur dem Namen nach die Fortsetzung einer tatsächlichen schottischen Kolonie! Wie ich in meiner Einleitung festhielt, war Schottland bis zum Jahr 1707 ein unabhängiges Königreich, und als solches hat es bis dahin immer wieder versucht, im Spiel der europäischen Übersee-Eroberungen mitzumischen. Die englischsprachige Wikipedia hat diese Versuche, von denen ich zuvor ebenso wenig wie von der kurzlebigen Company of Scotland je gehört hatte, in einem eigenen Artikel zusammengefasst. Die Besiedlung des vormals französischen Territoriums (Akadien) kann jedenfalls als der einzige Erfolg in dieser Richtung verbucht werden, und noch heute finden wir den Schottlandbezug in der Provinzflagge:


Und nicht nur da, denn wir haben hier ein schönes Beispiel der Kategorie c). Je nach Quelle 300 bis 1000 Menschen in Nova Scotia geben an, sog.
Canadian Gaelic zu sprechen. Sie nennen die Provinz Alba Nuadh. Eine Häufung von native speakers dieses schottisch-gälischen Dialekts gibt es auf Cape Breton Island, deren keltischer Ortsnamenbezug indes wohl eher willkürlich gewählt ist. In ganz Kanada gibt es schätzungsweise knapp 4000 Sprecher/innen irgendeiner Form des Gälischen.

Weniger stark als die Highlander konnten die Waliser dem nordamerikanischen Land ihren Stempel aufdrücken. Zwar gelangte der Kapitän Thomas Button 1612 im Auftrag der Royal Navy an die Westküste der Hudsonbai und taufte diese in Reverenz an seine Heimat "New Wales", aber wie wir wissen, setzte sich diese Bezeichnung nicht durch. Wesentlich erfolgreicher verlief die Verbreitung walisischer Kultur später weiter im Süden, nämlich im Zuge der walisischen Besiedlung (Y Wladfa) der heutigen argentinischen Provinz Chubut ab 1865. In zahlreichen Orten mit Namen wie Gaiman, Rawson oder Dolavon stößt man auf walisische Teehäuser, Heimatmuseen, Kirchen, sieht walisische Tänze, erlebt authentische Eisteddfodau und kann gleich zwei Zeitungen in kymrischer Sprache erwerben. Apropos: Die Sprache der Immigrantennachfahren wird "Patagonian Welsh" (Cymraeg y wladfa) genannt und ist äußerst lebendig. Insgesamt soll es in Argentinien 25.000 Walisisch-Sprechende geben, 5000 davon in der Diaspora von Chubut. Nebenbei gibt es in Argentinien auch eine beachtliche schottische Minderheit und damit einen weiteren Vertreter der Kategorie b).

Nachdem von Schottland und Wales die Rede war, kommen wir zur dritten "großen" der keltischen Nationen. An dieser Stelle kann ich verraten, dass (Neo-)Kornisch, Manx und Bretonisch außerhalb Europas, ja selbst außerhalb ihrer angestammten Region keinen Fuß fassen konnten. Das schmälert nicht die Bedeutung dieser Sprachen und der Traditionen ihrer Sprecher, und über die "Größe" sagt es auch nicht viel aus: 3 Millionen Walisern stehen 4 Millionen Bretonen gegenüber, nur besitzen von Ersteren nach aktuellen Angaben 750.000 Walisisch-Kenntnisse, womit das Kymrische die am weitesten verbreitete der keltischen Sprachen ist und die einzige nicht vom Aussterben bedrohte. Verfolgt man nun die Spur reisender Iren, landet man an vertrauten Orten, in Kanada (etwa in Neufundland oder auf Prince Edward Island, das 1770 "New Ireland" genannt werden sollte – mit dem Ziel, irische Siedler überhaupt erst anzulocken), in Argentinien (rund 20.000 ließen sich im 19. Jahrhundert hier nieder), aber auch in Papua-Neuguinea: Als Australien die Insel Neumecklenburg im Bismarck-Archipel nach dem Ersten Weltkrieg in "New Ireland" umbenannte, knüpfte es an die Namensgebung "Nova Hibernia" durch den britischen Seefahrer Philipp Carteret im Jahr 1767 an (analog dazu wurde Neupommern zu Neubritannien). Nun gut, die beiden "Neuirlands" fallen freilich abermals lediglich in Kategorie a).

Jetzt aber eine knifflige Quizfrage, die ich vor ein paar Monaten auch noch nicht hätte beantworten können: Auf welche Flagge und welches Wappen außerhalb Europas hat es sogar eine typisch keltische Allegorie nebst Nationalsymbol geschafft? Auflösung: Montserrat.


Was bitte hat Erin mit der irischen Harfe auf der Flagge eines britischen Überseegebiets mit spanischem Namen zu suchen? 1. Der Name der Karibikinsel geht auf Kolumbus zurück, der das Kloster Montserrat bei Barcelona darin verewigte. 2. Im Rahmen des auch in die West Indies ausgetragenen Englischen Bürgerkriegs (1642-1649) wurden irischstämmige Einwohner/innen von dem benachbarten Eiland St. Kitts hierher umgesiedelt, solche aus den amerikanischen Kolonien folgten nach. Wikipedia: "Noch heute ist ein großer Teil der europäischstämmigen Bewohner irischer Abstammung." Wie groß der gegenwärtige Anteil derer ist, die Neuirisch zumindest als Zweitsprache beherrschen, konnte ich nicht in Erfahrung bringen; er dürfte verschwindend gering bis nicht vorhanden sein.

Und damit endet unsere Rundfahrt um die Welt auf den Spuren der alten wie modernen Keltinnen und Kelten. Mit Sicherheit habe ich den ein oder anderen Schauplatz übersehen, einiges musste ich aus Ökonomiegründen außen vor lassen. Wer Nachlässigkeiten oder Falschbehauptungen entdeckt oder sonstige fruchtbringende Anmerkungen hat, möge die Kommentarfunktion nutzen.

Sonntag, 5. Dezember 2021

Kelten in Übersee (1)

Dieser erste von zwei Teilen ist im Grunde nur einleitendes Vorgeplänkel, das für den übermorgen folgenden Hauptbeitrag zwar notwendig ist, von Ungeduldigen aber gerne übersprungen werden darf. Ich möchte jedoch gleich darauf hinweisen, dass ich den Komplex "Kelten im präkolumbischen Amerika" diskret ausgeklammern werde.

Ich fragte mich neulich, ob es auch in der Neuzeit erfolgreiche Expansionen keltischer Nationen gab. Ich schreibe "auch", weil die historischen Kelten – wobei es "die" Kelten genauso wenig gab wie "die" Germanen – ihr Siedlungsgebiet über große Teile der Alten Welt hinweg ausbauten; im Osten reichte es bis in die heutige Türkei: Istanbuls Stadtteil Galata (und der Name des bekannten Fußballclubs Galatasaray Istanbul) erinnern noch heute an den Stamm der Galater, die ihre Sprache, das leider nur in Bruchstücken überlieferte Galatisch, in das kleinasiatische Königreich Galatien trugen.

Aber was meine ich überhaupt mit "keltischen Nationen"? Klar, im nationalstaatlichen Sinne konnte während der Hoch-Zeit des Kolonialismus keine Rede davon sein. Wales war bereits 1283 von Edward I. erobert worden, Schottland vereinigte sich mit England zum Königreich Großbritannien (allerdings erst 1707; das wird noch eine Rolle spielen), die Republik Irland bzw. deren Vorgänger ist keine hundert Jahre alt. Cornwall ist ein hübscher kleiner Sonderfall, konnte lange eine Art "Souveränität" bewahren und erklärte sich im 19. Jahrhundert bei mindestens einer Gelegenheit als "Pfalzstaat" gegenüber der Krone. Tja, und völkerrechtlich folgenlos geblieben sind die mal mehr, mal weniger energischen Unabhängigkeitsbestrebungen der Bretagne, welche ja letztlich auch nur eine "zweite Heimat" der Waliser ist (nicht abwertend gemeint!), weshalb das – immerhin erfolgreich wiederbelebte – Bretonisch auch zum inselkeltischen Sprachzweig gezählt wird. Fehlt noch die Isle of Man: Deren Staatsoberhaupt ist, nach einer wechselhaften englisch-schottisch-normannischen Geschichte, die u.a. den schon erwähnten Eduard I. involviert, seit 1765 der/die britische König/in mit dem Titel "Lord of Mann", der so übrigens auch lautet, wenn der Monarch, wie derzeit, weiblich ist. Der Status der Insel Man als sog. Kronbesitzung ist interessant (auf Näheres einzugehen würde zu weit führen) und gewährt eine relative Autonomie, die begünstigt haben mag, dass die Manx ihr kulturelles und sprachliches Erbe hochhalten und sich heute als eine der Sechs Nationen neben den Kornen, Bretonen, Iren, Schotten und Walisern verstehen. Solch eine Liga ist für die Identitätsstiftung so wichtig wie die ohnehin stark gefährdeten verbliebenen keltischen Sprachen, denn, und damit komme ich zum Ausgangspunkt zurück: Über vollständig souveräne Territorien verfügen diese Nationen eben nicht, sieht man von Irland (ohne den Norden wohlgemerkt) ab. Demzufolge gab es nie eine "Welsh East India Company" oder ähnliches.

Wie kommt es also, dass man nach längerem Nachdenken oder Recherchieren immer wieder auf keltische Spuren in der Neuen Welt stößt? Die Reise beginnt in Teil 2 (und endet dort).

Donnerstag, 26. Januar 2017

Brüder, zu der Sonne, zu der Freiheit

Dinge, die mir nachts um drei durch'n Brägen schwirren.

Es gibt im Deutschen bekanntermaßen die Möglichkeit, Präpositionen und bestimmte Artikel zusammenzuflanschen: zu derzur, in dasins, für dasfürs usw. Aber was heißt hier "Möglichkeit"? Ist die verkürzte Form in einigen Fällen nicht die ausschließlich zu verwendende? Handelt es sich also um viel mehr als um eine Zusammenstauchung aus Bequemlichkeit?

Der Satz "Im Tschad scheint heute die Sonne" lässt sich nämlich keineswegs durch "In dem Tschad scheint heute die Sonne" ersetzen. Warum nicht? Andersherum: Wenn es für die Wortfolge in der die Kurzform *inr gäbe, wäre dann der Satz "In der Schweiz, da schneit's" falsch? Genauso ist in gewissen Phrasen und feststehenden Wendungen wie "ins Kino gehen", "zur Armee gehen", "jemandem aufs Dach steigen" oder "beim Häuten der Zwiebel" die Kurform die einzig mögliche. 

Zu dem Glück, Quatsch: Zum Glück hat sich die Germanistik bereits mit dieser Angelegenheit beschäftigt. Vor allem Damaris Nübling ist hier zu nennen, deren Aufsatz "Von in die über in'n und ins bis im. Die Klitisierung von Präposition und Artikel als 'Grammatikalisierungsbaustelle'" viel Licht ins Dunkel bringt*. Das herrschende Durcheinander begründet sich damit, dass hier ein noch nicht abgeschlossener Prozess, eben eine – "in ihrer Diskontinuität seit Jahrhunderten stagnierende" – "Grammatikalisierungsbaustelle", vorliegt: "Manche Bereiche sind schon fertiggestellt, andere anscheinend nicht einmal konzipiert." Man muss dabei zähneknirschend feststellen, dass wir es mit einem "nur teilweise regelgesteuerten Phänomen" zu tun haben, bei welchem "die Form nicht widerstandslos der Funktion folgt".

Formen wie vorm, durchs etc. gehören zu den sog. Klitika (Grimm nennt sie "präpositionelle Anlehnung", bei Braune/Eggers ist von "Zusammenziehungen" die Rede), wobei der besagte Aufsatz zwischen "einfachen und speziellen Klitika" unterscheidet. Nur die speziellen Klitika sind es, die "nicht mehr mit ihrer Vollform austauschbar" sind. "Entweder führt der Austausch zu ungrammatischen Ausdrücken" (dazu zählt mein obiges Beispiel *in dem Tschad), "oder es ergibt sich eine andere Interpretation" ("in das Kino" gehen wird an der Stelle von "ins Kino gehen" gebraucht, wenn ein bestimmtes Kino gemeint ist, auf das sich auch irgendwo anaphorisch bezogen wird, z.B. "Sie gehen in das Kino, in dem das Popcorn immer versalzen ist."). Bei einfachen Klitika hingegen "lässt sich das Klitikon noch mit seiner Vollform austauschen" ("Ich bin gegens / gegen das Gesetz.").

Zu den Bereichen, in denen nach Nübing Klitisierung obligatorisch ist (wunderschönes Wort: "Verschmelzungszwang"), gehören neben den schon erwähnten Eigennamen und Phraseologismen/Idiomen/Funktionsverbgefügen beispielsweise Zeitpunkte (am Montag, am 4. April), Substantivierungen (er geht zum Schwimmen), Abstrakta und Stoffbezeichnungen (zur Belohnung, im Urlaub) sowie Substantive mit nachgestelltem Genitiv (er kommt vom Geburtstag seiner Schwester) [alle Beispiele a.a.O.]. Extravagant ist die Klitisierung bei einem Sonderfall dessen, was je nach Autor/-in als "generische" oder "spezifische Verwendung" heißt: "Bei die Ausbildung zum Regisseur / zur Journalistin wäre bei Auflösung sogar nur der Indefinitartikel [= unbestimmte Artikel] möglich (zu einem / *dem Regisseur / zu einer / *der Journalistin)."

Die Untersuchung von Textkorpora lässt Rückschlüsse auf die Akzeptanz der Verschmelzungsformen zu. Die Vollformen hinter das und an das etwa dominieren deutlich gegenüber den Kurzformen hinters und ans. (NB: Zugrunde liegt geschriebene Sprache, v.a. Zeitungsartikel.) Nübling: "Auch das Sprachgefühl vermittelt den Sprechern, dass Formen wie fürs oder vorm zwar in gesprochener Sprache durchaus vorkommen, aber nicht den gleichen Status haben wie im oder zur." Meine Prognose: In 100 Jahren wird dieser Statusunterschied aufgehoben sein.

* In: Leuschner, Torsten / Mortelmans, Tanja / De Groodt, Sarah (Hgg.) (2005): Grammatikalisierung im Deutschen. Berlin / New York: de Gruyter. Der Beitrag ist als kostenloser Volltext über den Katalog der Universitätsbibliothek Frankfurt zu bekommen.

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Betr.: Worte, Portraits, Linguistenhumor


"Fragen?" Allerdings! Was bedeutet der Spruch "Ein Anruf sagt mehr als 100 Worte"? Sagt ein Anruf (bis zu) 900 Worte weniger als ein Bild? Und sagt ein Bild mehr als 100 Pinselstriche?

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Es ist wieder Verlagskatalogsaison, und beim Durchblättern all der Neuerscheinungspamphlete überkommt mich mal wieder ein für mich typischer Gedanke:


Der Literaturgott möge verhüten, dass ich jemals bei einem Haus unter Vertrag komme, das die Portraitfotos seiner Autoren und Autorinnen so riesig wie z.B. Knaus (s.o.) da rein druckt! Frau Sichelschmidt (s.o.) kann sich ja wie die meisten anderen Menschen durchaus sehen lassen und dürfte kein Problem mit der Abbildung ihres Konterfeis haben, allein ich würde den KLAGEWEG bestreiten, würde ein Verlag versuchen, mein Buch mit meiner lebensgroßen FRESSE zu bewerben!

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Worüber ich lachen kann, Folge 1.095:


Wortspiele gehen immer, und dass die Vergleichende Sprachwissenschaft sich nicht vor ihrem Gebrauch scheut, ist schweinesympathisch. Was aber hat es nun mit Caland auf sich? Nun, das ist seit ein paar Jahren der heißeste Scheiß und – ach, ich lasse lieber den Ankündigungstext des (bereits vergangenen) Workshops sprechen:


Dienstag, 19. Juli 2016

Ich denke, also bin ich

Sprachkritiker wie Bastian Sick (um den es zuletzt erfreulich ruhig geworden ist) oder auch Quatschseiten wie die Huffington Post ("Es gibt 5 nervige Anglizismen, die Sie wahrscheinlich auch verwenden - ohne es zu merken") monieren den angeblich inflationären Gebrauch der Phrase "Ich denke, ...". Sie behaupten, das sei eine faule Übernahme des englischen "I think". Es kann natürlich sein, dass sich "Ich denke" in den letzten zwei Jahrzehnten etwas stärker verbreitet hat; ich bin indes kein Korpuslinguist, und mir fehlen die entsprechenden Data-Mining-Tools, um diese Vermutung zu bestätigen. Meine These ist die: Früher, als der Mensch noch bescheidener war als heute, bevorzugte er mehr unpersönliche Wendungen, vgl. etwa "mich friert", "mich dürstet" und eben auch "mich dünkt" (wobei denken und dünken zwei zwar verwandte, aber eigenständige Verben sind). Im Englischen war's ähnlich, siehe methinks. Als wir mehr und mehr ich-bezogen wurden, gaben wir der persönlichen Form mit denken den Vorzug. Das geschah aber gewiss nicht unter dem Einfluss der bösen englischen Sprache im ausgehenden 20. Jahrhundert. Bei den Grimms findet sich ein viel älteres Beispiel: "Ich denke, das ist nur ein Trost, den ein geiziger Vater oder Mutter für ihre Kinder erdacht haben" (C.F. Gellert), und für die Bedeutung von denken "in der Erwartung leben" führen sie den Beispielsatz "Ich denke, das Unternehmen gelingt." an. Sogar bei Goethe heißt es in einem Brief: "[...] ich denke daß Sie es in zehen Tagen lesen werden". Goethe! Ich denke also, man darf ruhig mal etwas "denken" statt immer nur Dinge zu "glauben" oder zu "finden".

Dienstag, 24. März 2015

Sprechen Sie Seegurkisch?

Aus traurigem Anlass (Zyklon "Pam") hat es der kleine südpazifische Inselstaat Vanuatu neulich in die Nachrichten geschafft. Ich sah den Präsidenten im Fernsehen eine Presseerklärung auf Englisch abgeben und wollte wissen, ob Englisch dort Amtssprache ist. Ja, ist es, ebenso Französisch; beides sind allerdings Erstsprachen von einer nurmehr verschwindend geringen Sprecherzahl. Tatsächlich hat Vanuatu die höchste Sprachendichte der Welt: 108 Sprachen auf eine Viertelmillion Einwohner!

Sprache des täglichen Lebens ist die dritte Amtssprache, eine auf dem Englischen basierende Kreolsprache namens Bislama, welche laut Wikipedia von 210.000 Menschen gesprochen wird, wobei die Zweitsprecher schon eingerechnet sind; was die Muttersprachler angeht, so gibt Ethnologue 10.000 an (plus 2.300 in Neukaledonien) und die Seite Omniglot 6.200. Abgesehen von einigen ozeanischen Lehnwörtern (französische gibt es auch) versteht man den Inhalt von Bislama-Textsampeln ganz gut, v.a. wenn man eine englische Übersetzung danebenstellt: "Evri man mo woman i bon fri mo ikwol long respek mo ol raet. Oli gat risen mo tingting mo oli mas tritim wanwan long olgeta olsem ol brata mo sista." = "All human beings are born free and equal in dignity and rights. They are endowed with reason and conscience and should act towards one another in a spirit of brotherhood." (Beispiel aus "Omniglot" übernommen)

Kurios ist die Herkunft des Namens Bislama: Es handelt sich letztlich um eine Verballhornung des französischen bêche de mer, was "Seegurke" heißt. Bislama wurde im 19. Jahrhundert von den lokalen Arbeitern als Kontaktsprache entwickelt und genutzt – und eine von deren Hauptbeschäftigungen war das Einsammeln von ebenjenen Stachelhäutern.

Neben Seegurken sind auch Schweine von Bedeutung für die ni-Vanuatu (so heißen die Einwohner/-innen). Wer viele Schweine besitzt, gilt als reich. Sie dienen als Nahrung, Handelsgut und Opfertiere. Das Rot in der Flagge Vanuatus symbolisiert denn auch das Blut geopferter Schweinsviecher. Indigene Religionen sind jedoch von allerlei (reformierten) christlichen Glaubensrichtungen verdrängt worden. Eine kleine Rolle spielt noch die sogenannte Prinz-Philip-Bewegung, ein Kult, in welchem der britische Prinzgemahl als Gott verehrt wird! 
(Neuer Eintrag auf meiner To-do-Liste: Gottheit in einem Südseekult werden)


Dienstag, 10. März 2015

Kommt Zeitstruktur, kommt Rat


(Tja, warum nicht? Fürs Feintuning bräuchte es natürlich noch die Einbeziehung von mindestens zehn Aktionsarten und fünf Modi.)

Donnerstag, 9. Mai 2013

Kurz notiert: Tipptopp-Wissenschaftsjournalismus

Gleich zwei große Online-Medien beschäftigten sich in den vergangenen zwei Tagen mit sprachwissenschaftlichen Themen: zum einen "Spiegel online" mit der "europäischen Ursprache", zum anderen "Zeit online" mit der Herkunft des Englischen. In beiden Artikeln verheddern sich die Autoren unrettbar in den jeweils behandelten (allgemein als unwissenschaftlich geltenden!) Thesen.
Ich möchte mich zu den einzelnen Mängeln der Texte nicht äußern. Die – überraschend fachkundigen – Leserkommentare decken die wesentlichen Punkte ab; zudem hat sich Herr Lupino ausführlich mit dem Zeit-Beitrag befasst.
Was bleibt, ist ein übler Nachgeschmack. Wie viele Halb- und Zehntelwahrheiten werden mir wohl tagtäglich in Artikeln zu Wissenschaftsbereichen, von denen ich keine Ahnung habe, aufgetischt? Und wäre nicht allen Beteiligten gedient, wenn die bekannten Medien entsprechend ausgebildete Autoren und Autorinnen beschäftigten, anstatt die Themen an jemanden zu delegieren, der irgendwie darüber Bescheid wissen könnte und gerade Zeit und Lust hat?

Dienstag, 17. Januar 2012

In uneigener Sache

Der Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Augsburg führt seit 2003 Online-Erhebungen für einen "Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA)" durch. Soeben ist die nunmehr 9. Runde gestartet, und ich möchte alle Leserinnen und Leser ermuntern, 20 Minuten ihrer Zeit für diese Umfrage zu opfern. Das macht Spaß und ist interessant, zumal es diesmal um "Dialekt-Klassiker" wie das Brathähnchen und die Voranstellung von Artikeln bei Personennamen geht.
Hier ist der Link.
Man beachte auch die Sprachkarten, die aufgrund der zuvor durchgeführten Befragungen erstellt wurden (Links links).