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Freitag, 6. November 2026

Das tödlichste Buch der Welt?

Ich habe, obwohl seit Geburt an konfessionslos, auf dem Gymnaisum auf eigenen Wunsch hin evangelischen Religionsunterricht genossen, damit einer winzigen Minderheit angehörend (Osten halt). Man nimmt dabei ja durchaus einiges mit, was bis heute als "Allgemeinbildung" firmiert, und der eine oder andere Denkanstoß war meiner Menschwerdung und Aufgeklärtheit zuträglich. Unter anderem haben wir mehrere Gleichnisse durchgenommen. Eines jedoch nicht: eines, das ich erst kürzlich auf Wikipedia entdeckt habe, nämlich das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen, das man korrekter "Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen" nennen sollte, handelt es doch von zwei Gruppen von Jungfrauen und nicht einer einzigen, die gleichzeitig klug und töricht ist.

Wer sich das knackige Textlein durchgelesen hat (Einheitsübersetzung), mag sich nun dies fragen: Könnte mich eine Bibelstelle dermaßen empören, dass ich gesundheitlichen Schaden nehme? Genau das passierte dem Landgrafen von Thüringen und Markgrafen von Meißen Friedrich I. (1257-1323), unter dem herrlichen Beinamen "der Gebissene" bekannt, Sohn von Albrecht dem Entarteten und Vater von Friedrich dem Ernsthaften (alle drei sind auf dem Dresdner Fürstenzug zu sehen). Im Jahre 1321 hatte er "in einem Kloster zu Eisenach das geistliche Schauspiel von den klugen und törichten Jungfrauen gesehen und war in große Aufregung darüber geraten, dass den törichten Jungfrauen auch die Anrufung der Heiligen nicht half". Er erlitt einen Schlaganfall, der ihn lähmte und von dem er sich bis zu seinem Tod knapp zwei Jahre später nicht mehr erholte.

Sonntag, 22. Juni 2025

Bienenlöwe revisited

Letzte Woche habe ich mir im Museum Wiesbaden die famose, inzwischen beendete Ausstellung "Honiggelb – Die Biene in der Kunst" angesehen. Das beliebteste Motiv mit Bienenbezug in der Kunstgeschichte scheint Amor als Honigdieb mit seiner Mutter Venus zu sein; in zig Interpretationen begegneten mir die beiden auf Gemälden und Zeichnungen. Unter den vielen sonstigen beeindruckenden, kuriosen, anregenden Werken stach (!) mir eins besonders ins Auge – weil ich das darin Dargestellte einst in ganz anderem Kontext kennengelernt habe: "Samson findet Bienen im toten Löwen" von Cornelis Massys (1549), dieselbe Szene wie auf dem Golden-Syrup-Logo.


"Die Vorstellung, dass Lebendiges aus Totem entsteht", erklärte der Begleittext, "war in der Antike weit verbreitet: Diese Urzeugung (Bugonie) meint, dass Bienen aus getöteten Rindern entstehen. Das Christentum deutetet dies als Bild für die Unsterblichkeit der menschlichen Seele." In der Nähe von Massys' Kupferstich/Radierung war Cornelis Corts Werk "Aristaeus Inventor Mellis" (1565, nach Frans Floris) aufgehängt und zeigte den "ersten Imker der Antike" (daher der Titel "Erfinder des Honigs"). Jenem soll "die Entstehung eines Bienenvolkes aus dem Kadaver eines toten Rinds" als Erstem geglückt sein. Zwischen Simson/Samson und Aristaios besteht freilich ein Unterschied: Letzterer soll die Bugonie gezielt herbeigeführt haben (wie?), während Simsons Löwenschwarm eine Zufallsgenese war.

Freitag, 18. April 2025

Der rätselhafte Baumheiland

Weil Ostern ist, soll es heute um Jesus gehen, konkret: um dieses Heiligenbild, das ich auf einer Wanderung im Spessart fotografiert habe.


Ich bin in christlicher Ikonographie wenig bewandert, konnte aber immerhin herausfinden, dass der hier dargestellte Segensgestus der in den orthodoxen Kirchen gebräuchliche ist. Worauf ich mir keinen Reim machen kann, sind die Zeichen zur Rechten und zur Linken des Christushauptes:


Das obere linke könnte ein kleines Omega sein, aber was hat es mit dem N auf sich? Heißt es nach griechisch-orthodoxer Überlieferung etwa "Ich bin das Ny und das Omega"? These: Das ist kein N, sondern ein vereinfachtes hebräisches Aleph (א). Und was sind die Xe? Sind das womöglich keine Buchstaben, sondern nur Zierelemente? Man verzeihe mir, falls das dumme Fragen sind. Für Aufklärung wäre ich dankbar.

Samstag, 12. April 2025

Die neuen Bücher der Bücher sind da!

"Die vollständige Bibel ist im vergangenen Jahr in mindestens 16 Sprachen erstmals übersetzt worden", entnehme ich der Zeitung. Der Text von Altem und Neuem Testament liege damit in 769 Sprachen vor. "Damit hätten erstmals mehr als sechs Milliarden Menschen Zugang zum vollständigen Bibeltext in ihrer Muttersprache, erklärte der Bibelgesellschaften-Dachverband."

Ich wollte natürlich mehr wissen und besorgte mir bei der Deutschen Bibelgesellschaft die vollständige Liste der letztjährigen Erst- und Neuübersetzungen. Bei den 16 Sprachen, in denen erstmals Übersetzungen der vollständigen Bibel vorliegen (in sechs Fällen einschließlich der deuterokanonischen Schriften), handelt es sich um:

  • Badaga (dravidische Sprache, gesprochen in Tamil Nadu, Indien)
  • Bissa (Niger-Kongo-Sprache, gesprochen in Burkina Faso, Ghana und Togo)
  • Bunun (austronesische Sprache in Taiwan)
  • Burjatisch (mongolische Sprache, Autonome Republik Burjatien, Russland)
  • Galo (auch Adi oder Gallong, eine sinotibetische Sprache, gesprochen vom Volk der Galo in Arunachal Pradesh, Indien)
  • Hehe (Kihehe, eine Bantusprache innerhalb der Niger-Kongo-Sprachen; Tansania; gefährdet)
  • Jah Hut (austroasiatische Sprache auf der malaiischen Halbinsel)
  • Kagulu (Bantusprache in Tansania)
  • Lamani (Lambadi/Banjari, indoarische Sprache im Süden Indiens)
  • Lautu (Chin, sinotibetische Sprache in Myanmar)
  • Lyélé (Niger-Kongo-Sprache in Burkina Faso; gefährdet)
  • Papiamento (Kreolsprache auf den ABC-Inseln)
  • Purépecha (Phorhépecha, isolierte bzw. laut "Ethnologue" zu einer kleinen Familie namens Taraskisch gehörende Sprache in Mexiko)
  • Tojolabal (Maya-Sprache in Mexiko)
  • Wayuu (Wayuunaiki, Arawak-Sprache in Südamerika, v.a. Kolumbien)
Außer von Burjatisch hatte ich von keiner dieser Sprachen je gehört. Mit rund 2 Millionen hat Lamani die meisten Sprecher, während Jah Hut mit nur 4200 die kleinste Sprache in dieser Liste ist. Auch in der Aufzählung der Teilübersetzungen findet sich einiges Interessantes:

  • Das Neue Testament liegt jetzt auf Südsamisch vor, das in Norwegen und Schweden von nur 600 Menschen gesprochen wird.
  • Auch die je nach Quelle 870 oder 1600 Bewohner der Insel Enggano vor Sumatra können nun das NT in ihrer gleichnamigen Muttersprache rezipieren.
  • Bei zwei Übersetzungen in Sprachen, die in China gesprochen werden, steht in der Spalte "Language" der Eintrag "Confidential". Dahinter stecken gewiss politische Gründe.
  • Übertragungen des Lukas-Evangeliums und einiger anderer Bücher gibt es neuerdings für Ägyptisch-Arabisch (in der Liste als Egyptian Colloquial und mit 83.493.970 Nutzenden angegeben).
Und die Situation fürs Deutsche? "In der deutschen Sprache gibt es die vollständige Bibel in über 35 Übersetzungsvarianten von urtextnahen Versionen bis hin zu umgangssprachlichen Übertragungen." Ob da auch Shahak Shapiras "Hoylge Bimbel" in der "Vong-Sprache" berücksichtigt ist?

Montag, 31. Juli 2023

Dinner time!

Via TYWKIWDBI: Wann wird in US-amerikanischen Haushalten zu Abend gegessen? Eine Berechnung auf Grundlage von Erhebungen des American Time Use Survey 2018 bis 2022 ergibt folgenden Graphen (ich hoffe, es ist okay, den hierher zu kopieren):


18 Uhr 19 als Spitzenzeit überrascht mich. Nach dem, was ich in amerikanischen Filmen und Serien gesehen habe, hätte ich vermutet, dass viel später diniert wird. Der Datensatz lässt sich nach Bundesstaaten aufdröseln; demzufolge versammelt man sich in Pennsylvania am allerfrühesten am Esstisch, durchschnittlich um 17 Uhr 37, was ein Kommentator im verlinkten Blog damit zu erklären versucht, dass es in Pennsylvania eine hohe Population von Amish ohne Strom gibt. Diese Annahme lässt sich mit Blick auf die nackten Zahlen kontern: In Pennsylvania leben zwar mit 23,7 % die meisten Amish der USA, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung des Staates beträgt aber nur 0,67 %, was sogar von Ohio (0,69 %) und Indiana (0,92 %) übertroffen wird, deren Essenszeiten im Mittelfeld liegen. Texas ist übrigens Schlusslicht (19 Uhr 02), geschlagen nur vom District of Columbia (19 Uhr 10). Über die Gründe kann man spekulieren. ("Is it an age thing? A sunlight thing?")

Gäbe es auf meinem Blog so etwas wie Publikumsinteraktion, würde ich jetzt fragen: Wie ist das bei euch, wann esst ihr Abendbrot? Überhaupt hätte ich gern entsprechende Daten für Deutschland.

Dienstag, 18. Juli 2023

Alle unter einem Dach

Zum ersten Mal begegnete ich dem Konzept Simultankirche in Heidelberg. Die heute evangelische Heiliggeistkirche wurde bis 1936 von Katholiken und Protestanten paritätisch genutzt (man spricht auch von einer "paritätischen Kirche"), die beiden Bereiche wurden von einer Scheidemauer voneinander getrennt. Mehr Kirchen in Deutschland, als man denkt, dienten lange Zeit der Ausübung beider christlicher Glaubensrichtungen, und eine stattliche Zahl von Simultankirchen existiert nach wie vor. Die ersten Gotteshäuser, die zu Simultankirchen wurden, taten dies im Zuge der Reformation, viele kamen am Ende des zerstörungsreichen Dreißigjährigen Krieges und danach hinzu. Nicht als Simultankirchen gelten dabei solche Gotteshäuser, die einen einzigen Besitzer haben, aber von einer anderen Konfession mitgenutzt werden. Ein Beispiel ist die Mennonitenkirche in Worms-Ibersheim, welche der angestammten Mennonitengemeinde gehört und zugleich von der evangelisch-unierten Kirche Hessen-Nassau genutzt wird.

Rheinland-Pfalz ist ein gutes Stichwort: In keinem Bundesland gibt es mehr Simultankirchen, 29 der insgesamt 64 stehen hier. In Sachsen gibt es gerade mal eine, dafür aber auch die älteste und größte, den St.-Petri-Dom zu Bautzen. Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen, Hamburg, Berlin, Brandenburg und Schleswig-Holstein haben gar keine, wobei die thüringische Kirche St. Bonifatius in Bechstedtstraß (Landgemeinde Grammetal), soweit ich das sehe, diejenige Simultankirche im gesamtdeutschen Gebiet war, deren paritätischer Betrieb als letztes eingestellt wurde, nämlich 1972. Es war zugleich die Kirche mit dem spätesten Beginn einer Simultannutzung: 1946. Die einzige Simultankirche im Saarland, die Stephanuskirche in Böckweiler, ist ein Beispiel für leichtes Ungleichgewicht: Das Bistum Speyer darf für seine katholischen Schäfchen gerade mal acht Sonntagsgottesdienste pro Jahr abhalten, der Rest steht der Evangelischen Kirche der Pfalz zu. Die Abteikirche Otterberg in Rheinland-Pfalz wiederum kann von sich behaupten, zeitweise von nicht weniger als vier Gemeinden beansprucht worden zu sein: der französisch-reformierten, der deutsch-reformierten, der lutherischen sowie der römisch-katholischen.

Eine Extremform der gleichzeitigen Nutzung war das Simultaneum mixtum, das zwischen 1650 und 1850 ausschließlich in Goldenstedt im Landkreis Vechta existierte: Die Kirche St. Gorgonius wurde nicht nur sowohl von Protestanten als auch Katholiken genutzt, auch die Gottesdienste für beide Ausrichtungen wurden simultan gefeiert! Die skurrilen Regularien für das Haus unter dem Simultaneum mixtum sind detailliert in Band 2 von Carl Ludwig Niemanns Das oldenburgische Münsterland in seiner geschichtlichen Entwickelung von 1891 nachzulesen. Auszug:

Unter dem Hochamte durften die Katholiken keine katholische Lieder aufführen, sondern der luth. Küster sang unter demselben blos mit seiner Gemeinde unter Begleitung der vom kath. Lehrer gespielten Orgel luth. Lieder. Diese Lieder waren ein für allemal festgesetzt und "simultanen Charakters". Nur was dem Priester beim Hochamte zu antworten war (Et cum spiritu tuo etc.), sangen die Katholiken. Bei der Postcommunio wählte der Küster ein beliebiges, meist specifisch lutherisches Lied. Hatte der Pastor den Kelch zugedeckt, so mußte der Gesang aufhören, wenn auch die Gemeinde mitten im Verse war. Des Friedens wegen ließen die Pastöre den Gesang meist erst endigen. Die Wahl der Lieder vor und nach der Predigt war dem Belieben des Küsters anheimgestellt. Hatten mal konfessionelle Streitigkeiten in der Gemeinde stattgefunden, dann wurden mit Behagen Kampfeslieder gesungen.

Mich erinnert das an großelterliche Erzählungen von überfüllten Klassenzimmern, wo ein Lehrer oder eine Lehrerin mehrere Jahrgangsstufen gleichzeitig zu unterrichten hatte und sich vor den nach Klasse und Fach getrennt sitzenden Schülern hin und her bewegen musste, dabei permanent den Stoff wechselnd. Bleibt noch festzuhalten, dass seit 2021 jedes Jahr die "Simultankirche des Jahres" gekürt wird; heuer ist es St. Margareta in Frankenhof (Bayern). Außerdem gibt es unter dem Motto "Erleben. Erfahren. Entdecken." einen Simultankirchenradweg mit 51 Stationen: "Auf circa 400 Kilometern verläuft der Radweg durch herrliche Landschaften in den Landkreisen Amberg-Sulzbach, Neustadt an der Waldnaab, Tirschenreuth und der Stadt Weiden."

Mittwoch, 19. April 2023

Lyle & Leu

Neulich beim Frühstück besah ich mir die Dose des von mir sehr geschätzten Aufstrichs Lyle's Golden Syrup (bekannt aus diesem Blog) genauer und fragte mich, was es mit der Illustration eines liegenden Löwen, über dem Insekten (?) fliegen, auf sich habe.


Tatsächlich ziert dieses Bild das britische Traditionsprodukt, seit dieses 1885 von der Zuckerraffinerie Abram Lyle & Sons auf den Markt gebracht wurde. Lyle & Sons fusionierte 1921 mit dem Konkurrenzunternehmen Henry Tate & Sons zum Lebensmittelverarbeitungsriesen Tate & Lyle, dessen Zuckersparte 2010 an American Sugar Refining verkauft wurde. Der goldene Sirup blieb in seiner liebgewonnenen Form unangetastet und sein Verpackungsdesign bis heute unverändert, wofür es sogar einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde gab: als "world's oldest branding".

Aber wofür steht der umschwirrte Löwe denn nun? Leicht lässt sich herausfinden, dass die Zeichnung ein Verweis auf eine ziemlich verstörende Stelle im Alten Testament ist. Bibelkundigere Menschen als ich werden jetzt rufen: Na klar, der Simson-Zyklus im Buch der Richter! Mir war die Geschichte nicht bekannt. Ich zitiere aus der Einheitsübersetzung von 2016:
Ri 14,6 Da kam der Geist des HERRN über Simson und Simson zerriss den Löwen mit bloßen Händen, als würde er ein Böckchen zerreißen. Aber seinem Vater und seiner Mutter teilte er nicht mit, was er getan hatte. 7 Dann ging er hinab und redete mit der Frau und sie war recht in Simsons Augen. 8 Nach einiger Zeit ging er wieder hin, um sie zu heiraten. Dabei bog er vom Weg ab, um nach dem Kadaver des Löwen zu sehen. Und siehe, da war ein Bienenschwarm im Gerippe des Löwen und Honig. 9 Er löste den Honig mit den Händen heraus und aß davon im Weitergehen. Als er zu seinem Vater und zu seiner Mutter kam, gab er ihnen davon und sie aßen ebenfalls. Er sagte ihnen aber nicht, dass er den Honig aus dem Kadaver des Löwen herausgeholt hatte.
Zur Beruhigung aller sei gesagt, dass Golden Syrup nicht aus verwesenden Raubkatzen geschöpft wird, sondern seit jeher die Verfeinerung eines Abfallprodukts bei der Zuckerraffination ist.

Freitag, 13. Mai 2022

Keiner Fliege was zuleide?

Im Abspann der Miniserie "Why Didn't They Ask Evans?" (hier besprochen) fiel mir etwas auf.


In der obligatorischen Beteuerung, dass während des Drehs keine Tiere zu Schaden gekommen sind, wird hier explizit darauf hingewiesen, dass dies auch auf Insekten zutreffe: "No insects or animals were harmed". Die gelegentliche Unterscheidung von Insekten und Tieren in der englischen (Umgangs-)Sprache fand ich schon immer befremdlich. Wie im Deutschen umfasst die Definition von "Tier" = animal selbstverständlich auch die extrem artenreiche Klasse der Insekten, dennoch kommt die Frage "Are insects animals?" regelmäßig auf.

Abgesehen von der eigenwilligen sprachlichen Sonderbehandlung der Kerbtiere finde ich den Disclaimer reichlich großspurig. Es kann mir doch niemand versichern, dass während der gesamten Produktion keine einzige Ameise zerquetscht wurde. Oder ein noch kleineres Tierchen versehentlich getötet wurde. Der Stab wird ja nicht exklusiv aus Jains bestanden haben, die gemäß dem Prinzip der absoluten Gewaltlosigkeit (ahiṃsā) stets einen Handfeger bei sich tragen, um Kleinstlebewesen vom Set zu fegen, auf dass diese nicht zertreten werden.

Da fällt mir ein, dass ich einmal die Möglichkeit hatte, bei den Spezifikationen für die Bordmahlzeit auf einem Langstreckenflug "Jain meal" zu wählen. Davon machte ich Gebrauch. Die Speisevorschriften im Jainismus lauten, kurz: Kein Fleisch, kein Honig, keine Eier und nichts, was unter der Erde wächst (also auch keine Zwiebeln, was ganz in meinem Sinne ist). Über den Grund für Letzteres gibt es verschiedene Aussagen. Manchmal heißt es, weil man beim Herausziehen von Wurzelgemüse und ähnlichem im Boden lebende Tiere verletzen könnte; manchmal, dass eine Wurzel zu essen bedeute, der restlichen Pflanze das Weiterleben zu verunmöglichen; schließlich, dass der Verzehr von Knollen und Wurzeln sich verbiete, weil in diesen besonders viele Seelen leben würden. Wahrscheinlich trifft alles zu. Jegliches Leben ist, wie gesagt, den praktizierenden Jains heilig. Das geht so weit, dass einige von ihnen vermeiden, im Dunkeln zu speisen, weil sie dann nicht sehen, ob Insekten an der Nahrung haften und mitgegessen werden könnten. Auch tragen sie selbst in Nicht-Corona-Zeiten einen Mundschutz, um nicht aus Versehen eine Mücke o.ä. einzuatmen. Am besten gefällt mir die jainistische Untergruppe der Digambaras, der "Luftbekleideten". Anhänger dieser Schule verzichten auf Kleidung, sie sind immer nackt. Aber das hat mit Essen und Käfern nur noch am Rande zu tun, weswegen der Beitrag hier endet.

Sonntag, 8. August 2021

Meister und Maria

Zu meinen Lieblingslisten auf Wikipedia gehören die der Marientitel und die der Notnamen, also der mangels Identitätskenntnis "Meister" genannten Künstler vom Mittelalter bis zum Barock.

Hier sind, ohne Ordnung, meine Top 7 der Mariä sowie der Meister:

  • Wurzel
  • Kluge Jungfrau
  • Mutter vom guten Rat
  • Unsere Liebe Frau auf dem Pfeiler
  • Brunnen deiner Freude
  • Meerstern
  • Knotenlöserin
  • Meister der ältesten Teile der Bronzetür von San Zeno
  • Meister der ausgemergelten alten Männer
  • Meister mit den Bandrollen
  • Meister der Blue Jeans
  • Meister des Gänsemännchens
  • Meister des Papageis
  • Meister mit dem ornamentierten Hintergrund
Tag yourselves! Wie schön, dass es auch Überkreuzungen aus beiden Komplexen gibt, den "Meister des Marientodes" und den "Meister der pausbäckigen Madonnen" zum Beispiel.

Samstag, 15. Mai 2021

An Dante

Irgendwann dieser Tage – jedenfalls im Sternzeichen Zwilling – vor 700 Jahren wurde Dante Alighieri geboren, weswegen Italien 2021 zum großen Dante-Jahr ausgerufen hat. Der Zufall wollte es, dass ich soeben beim Aufräumen meines mehrmals von einem Rechner zum anderen umgezogenen Dokumente-Ordners (genauer: des Unterordners \misc) eine gespeicherte HTML-Datei fand, die zu diesem Jubiläum passt, und zwar das Ergebnis eines englischsprachigen "Inferno-Tests", den ich 2005 (!) gemacht habe. Durch das Beantworten einer ganzen Reihe ja/nein-Fragen erfährt man, in welchem Kreis der Hölle in Dantes "Göttlicher Komödie" man landen würde. 

Für mich ist diesem Test zufolge der 6. Höllenkreis vorgesehen, die Stadt von Dis, worin die Ketzer ewige Qualen zu erleiden haben und die schlangenhäuptigen Furien leben. Zitat:
"'Wer, Meister'", fragt’ ich, "'sind die Unglückssöhne,
Die, hier begraben, sonder Ruh noch Rast
Vernehmen lassen solch’ ein Schmerzgestöhne?'"
Und Er: "Hauptketzer hält der Ort umfaßt,
Und die den Sekten angehangen haben,
In größrer Zahl als du gerechnet hast. [...]"
(Inferno, 9. Gesang, 124-129, übersetzt von Karl Streckfuß 1876)

Aber auch vor der Verbannung in die ein oder andere Ebene wäre ich nicht gänzlich gefeit:


Und jetzt kommt's: Der Test ist immer noch online!

Sonntag, 27. Dezember 2020

Das Lucas-Evangelium

Dies ist eine Art Fortsetzung meiner kleinen Reihe mit Beobachtungen zum Aufeinandertreffen von Realität und Phantastik; diesmal nicht die Welt von Eis und Feuer, sondern einen vergleichbar großen Kosmos betreffend.

Dass "Star Wars" vereinzelt biblische Motive und Parallelen zum Alten Testament aufweist, ist bekannt. Jedoch habe ich in einem der jüngsten Ableger des Franchise', der Serie "The Mandalorian", zwei Anhaltspunkte dafür gefunden, dass das Christentum bzw. dessen heilige Schriften in der "weit, weit entfernten Galaxis" tatsächlich bekannt (gewesen) sein könnten. In Kapitel 5 ruft Peli Motto, die von Amy Sedaris verkörperte Mechanikerin mit Südstaaten-Anmutung, "Geez!". Dass man ihr keinen lore-internen Ausdruck wie den oft gehörten Fluch "Dank farric" in den Mund gelegt hat, sondern die Kurzform von "Jesus", finde ich bemerkenswert, auch wenn keine besondere Absicht dahinter gesteckt haben mag. Denkt man genauer darüber nach, kommt man zu dem Schluss, dass der Jesus aus dem Kulturkreis des Planeten Erde einst als Idee – zumindest auf Tattooine – existiert haben muss.

Zum zweiten Mal stutzte ich dann in Chapter 9: Da wird ein Krayt-Drache als "Leviathan" bezeichnet. Der Leviathan kommt an fünf Stellen im Tanach vor und wird als feuerspeiendes, schuppiges Seeungeheuer beschrieben. Woher kennen die Bewohner des Star-Wars-Universums ein solches Tier und das hebräische Wort dafür? Ist einst das Buch Hiob im Umlauf gewesen? Oder ist das Konzept des Leviathans als (ziemlich konkret imaginierte) Sagengestalt mündlich überliefert worden, so dass man ihn noch zu der Zeit, in der "The Mandalorian" spielt, als Vergleich heranziehen kann?

Ich werde weiterhin Ohren und Augen offen halten, um ähnliche Referenzen aufzuspüren.

Freitag, 1. Mai 2020

Von Bern ins Erzgebirge

In Dürrenmatts Kriminalnovelle "Der Richter und sein Henker" heißt es über eine zentrale Figur, sie sei "gebürtig aus Pockau in Sachsen". Da ich aus Sachsen stamme, aber noch nie von diesem Ort gehört hatte, überprüfte ich, ob es sich nicht um eine Erfindung handelte. Tut es nicht. Pockau selbst ist seit 2014 keine eigenständige Gemeinde mehr, sondern Teil der Stadt Pockau-Lengefeld, welche trotz ihrer überschaubaren Größe (rund 7600 Einwohner) bis heute nicht unbedeutend ist. Das Erzgebirgsörtchen ist nämlich Hauptsitz der Lorenzianer, einer christlichen Sekte mit dem offiziellen Namen "Gemeinschaft in Christo Jesu", die mit der dortigen Eliasburg ihr Zentralheiligtum hat. Die Vereinigung mit insgesamt ca. 3800 Mitgliedern wurde 1922, also ein Jahr nach Friedrich Dürrenmatts Geburtsjahr, von Hermann Lorenz gegründet, der "sich als Vollender des Erlösungswerkes Christi" sah und dessen 1200 "Offenbarungen", die "in der Eliasburg unter Verschluss gehalten werden [, ...] faktisch einen höheren Rang als die Bibel" haben (Zitate von sekten-sachsen.de). Die Grundlage dieser Bewegung geht allerdings weiter zurück und ist die "eines konsequent eschatologisch-apokalyptischen Biblizismus und prophetischer Offenbarungen" nicht nur von Lorenz, sondern zweier weiterer Männer, die bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewirkt haben (Helmut Obst: Apostel und Propheten der Neuzeit. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 2000). Details zu Lehre und Liturgie kann man auf Wikipedia nachlesen.

Donnerstag, 25. Februar 2016

Wort des Tages: Tyromantie

Tyromantie, die: Wahrsagung mit Hilfe von Käse

Man munkelt, in "The Witcher 3" würde ein Tyromant auftreten. Das schöne Wort (und der schöne Begriff) wird also mehr Leuten geläufig sein als noch vor ein paar Jahren. Es gibt aber auch noch ...
Axinomantie: Wahrsagung mit Hilfe von Sägen
Sykomantie: ~ mit Hilfe von Feigen
Koskinomantie: ~ mit Hilfe von Sieben
Kephaleonomantie: ~ durch Beobachtung der Köpfe von Eseln

Sykomantie beschreibt vermutlich die Praxis, Fragen, die man beantwortet, oder Wünsche, die man erfüllt wissen möchte, auf ein Feigenblatt zu schreiben und dieses dem Winde zu überantworten. Über Koskinomantie schreibt Leander Petzoldt in Magie: Weltbild, Praktiken, Rituale: "Um den Urheber eines Diebstahls oder sonstigen Frevels auszumachen, ließ man zwei Personen jeweils mit ihrem Mittelfinger einer mit einer Zange (oder einer Schafschere) aufgehängtes Sieb halten. Dann sprach man die sechs Worte 'Dies, Mies, Jeschet, Benedoeffi, Dovvina, Enitemaus', die weder man selbst noch ein anderer verstand. Sie dienten dazu, einen Dämon in das Sieb zu treiben, der wiederum bewirken sollte, dass sich das Sieb umdrehte, sobald der Name des Verdächtigen genannt wurde – was als Beweis der Schuld galt. Noch Goethe erwähnt das Siebdrehen im ersten Teil seines Faust" (S. 102f.; in Google Books gefunden). Über Axinomantie liest man im Katechismus der Wahrsagekünste von Gustav W. Gessmann (gibt's ebenfalls bei Google Books): "[...] dass man ein Stück schwarzen Bernstein auf eine heiss gemachte Axt legte und beobachtete, ob es zu brennen beginne oder nicht. War letzteres der Fall, so betrachtete man dies als eine Bejahung der gestellten Frage." (S. 66) Bei der Googlesuche nach dem Wort Kephaleonomantie findet man lediglich drei Stellen, wo es zudem ohne weitere Erklärung genannt wird. Kephalomantie ("Kopf-Wahrsagung") zumindest muss es gegeben haben; in soeben zitiertem Werk heißt es unter jenem Stichwort (S. 182f.), dass diese Praxis (abgeschnittene Köpfe auf Kohlen rösten und daraus etwas herleiten) auch mit Eselsköpfen praktiziert worden sei. Von wem? Das lassen die Quellen offen. "Who practised cephalomancy, the custom of boiling donkeys' heads in water and predicting fate from the emerging bubbles?" (Tony Allan: Prophecies: 4,000 Years of Prophets, Visionaries and Predictions, S. 32); es handelt sich bei vielen dieser "Mantie"-Wörter anscheinend um eigens zur Belustigung und Wortschatzerweiterung gebildete Vokabeln analog zu den zahlreichen im Netz kursierenden "bizarren Phobien".

Montag, 26. Oktober 2015

Die spinnen, die Götter

Ich stelle mir immer mal wieder die Frage, wie viele Gottheiten es wohl gibt, die in Spinnenform auftreten. Einigermaßen bekannt ist die westafrikanische Trickster-Gottheit Anansi, die sogar in Neil Gaimans Roman "American Gods" auftaucht. Aber kennt die Menschheit noch andere? Ich habe auf der Website Godchecker.com nach dem Stichwort "spider" gesucht und einige relevante Resultate gefunden.

- In den Mythen der nordperuanischen Moche gibt es einen "Gott der Enthauptung" namens Ai-Apaec. Er erscheint wahlweise als Krabbe, als Oktopus oder eben als Spinne.
- Die altgriechische Arachne ist als spinnengestaltige Göttin des Handwerks auch für die Domäne des Webens zuständig. Mit Athene soll sie sich mal einen Web-Wettstreit geliefert haben.
- Auf Nauru kennt man die große Spinne Areop-Enap (wörtlich "Alte Spinne"), welche vor der Schöpfung allein mit dem endlosen Ozean im All umhergeschwebt ist. Außerdem gibt es die "Junge Spinne" Areop-It-Eonin.
- Weitere Gottheiten in Spinnengestalt: Ictinike, ein Trickster der Plainsindianer Nordamerikas; Kananeski-Anayehi, die Feuergöttin der Cherokee; Koyangwuti, bei den Hopi eine (Mit-)Erschafferin der Menschen; Nareau, die kiribatische Entsprechung von Areop-Enap; davon abstammend: Te-Ikawai ("but he may not be a spider himself", Godchecker.com); Nyiko, heldenhafter Spinnenmann in Kamerun; Sussistanako, eine mächtige und schlaue Spinnengöttin in der Pueblo-Kultur. Ansonsten spielt die Spinne als namenlose Figur in einigen Schöpfungsmythen kleinere und größere Rollen.

Man sieht: Gottheiten in arachnoider Gestalt finden sich abgesehen vom griechischen Pantheon nur außerhalb Europas und Asiens: in Ozeanien, Afrika und Amerika. Vereinzelt sind bildhafte Darstellungen überliefert; Fotos von Statuen, Skulpturen o.ä. konnte ich leider nicht finden. Ich stelle es mir superfaszinierend vor, wie riesige steinerne Spinnentiere von knienden Kultisten angebetet werden.

Sonntag, 27. Oktober 2013

Skurrile Sammlungen: Chick-Comics

In den Untiefen meines Schranks stieß ich einst auf einen Haufen seltsamer kleiner Comichefte:


Keine Ahnung, wie die in meinen Besitz gekommen waren, aber ich bewahrte sie wohlweislich auf – vielleicht könnte man daraus irgendwann einen Blogbeitrag machen! Es handelt sich jedenfalls um fundamental-christliche Propaganda-Geschichten aus Amerika. In einem Heft geht es zum Beispiel um das angebliche brutal-dogmatische Aufzwängen der Evolutionslehre im Schulunterricht – in Deutschland eigentlich überhaupt kein Thema.


Wie es der Zufall so will, postete irgendwann 2011, kurz nachdem ich die Heftchen wiederentdeckt hatte, jemand im "Funny Pictures"-Thread auf Something Awful Ausschnitte aus den Originalcomics! Unter anderem diese aus ebenjener Kreationismus-Story:


Ein besonders unterhaltsames Exemplar (das sich leider nicht in meiner Sammlung befindet) befasst sich mit Homosexuellen, die für ihre Sünde mit AIDS gestraft werden. Auszug (besagtem Thread entnommen):


Gott sei Dank (!) können die Betroffenen in dieser Geschichte gerettet werden, zumindest einige von ihnen:


Ja, gegenüber "Andersartigen" sind die Erzeugnisse der Chick Publications – so heißt der Vertreiber dieser auch im Internet präsenten "cartoon gospel tracts" – stets sensibel:


Ich besitze zwölf Comics, insgesamt gibt es über 100 in mehr als 100 Sprachen, wobei auch jeweils kulturelle Unterschiede berücksichtig werden! Vgl.:

(Waray-Waray, Indonesien)

(Xhosa, Südafrika)

Das ist alles wahnsinnig herrlich und herrlich wahnsinnig. Wer hat auch solche Hefte? Wollen wir tauschen und anschließend diskutieren? Helft alle mit, die Gehirne unserer Kinder zu waschen!

Sonntag, 13. Januar 2008

Misanthropen aufgepasst!

Es gibt eine putzige, ach was: skurrile, nein: verstörende religionsähnliche Gruppierung, die in den USA gegründet wurde und auch in Deutschland einige Mitglieder hat: die Church of Euthanasia. Angesichts der mehr als 6,6 Milliarden Exemplare, die mittlerweile die Erde bewohnen, solle der Mensch endlich Platz machen für andere Arten, so die Leitdoktrine. Wer Mitglied in der - auch online präsenten - Sekte werden will, verpflichtet sich daher zu bedingungslosem Verzicht auf Fortpflanzung. Die Beitrittsgebühr beträgt nur 10 US-$ (die Church of Satan verlangt 200!), dafür erhält man sogar "a lovely embossed certificate suitable for framing". Die vier Säulen des irren Vereins sind: Selbstmord, Abtreibung, Kannibalismus und An*lverk*hr [nachträglich zensiert, um zu verhindern, dass mein Blog bei unangenehmen Suchanfragen auftaucht]. Zum dritten Punkt werden sogar hilfreiche Anleitungen zum Zerlegen und Zubereiten menschlicher Körper angeboten ("Some like to saw straight through the spine from buttocks to neck. [...] our preferred method is to completely remove the entire backbone by cutting and then sawing down either side from the tailbone on through"). Spätestens hier - oder bei Pamphleten zur Eigenurintherapie - wird fraglich, ob sich der von Reverend Chris Korda geführte Haufen selber ernst genug nimmt. Tja, die Welt ist nicht schön. Aber ob sich das Motto "Save the planet, kill yourself" verbreiten wird, wage ich zu bezweifeln.