Kerosin ist derzeit in aller Munde – also, nicht die Flüssigkeit selbst, sondern das Wort. Woher dieses aber kommt, weiß ich nicht, und ich habe bis heute Morgen noch nie darüber nachgedacht. Hat es was mit den Keren, den griechischen Todesgöttinnen, zu tun? Im Herkunfts-Duden fehlt "Kerosin" leider, aber das verlässliche Wiktionary hilft uns weiter: Demnach geht das Wort "auf den Arzt und Geologen Abraham Gesner (1797–1864) zurück, der 1854 in Nova Scotia (Kanada) aus Kohle eine leicht entflammbare Flüssigkeit gewann. Ein dabei entstehendes wachsartiges Zwischenprodukt, das bei dem Vorgang eine wichtige Rolle spielte, ist der Grund dafür, dass er die Flüssigkeit 'Kerosin' genannt hat; aus altgriechisch κηρός (kēros) → 'Wachs' und dem Suffix -in." Dem griechischen Nomen kann, wer will, noch weiter nachspüren, etwa in Frisks Griechischem Etymologischen Wörterbuch (2. Aufl., 1973), das sich, kurz gesagt, gegen eine ur-indogermanische Wurzel ausspricht und "mit orientalischer Herkunft" rechnet. Im lateinischen cēra (Zerat kenne ich aus dem Kreuzworträtsel!) liegt "wahrscheinlich" eine Entlehnung vor.
Montag, 4. Mai 2026
Fragen, die ich mir selbst stelle
Dienstag, 10. Dezember 2024
We Butter the Cheese With Butter
Habe ich schon mal erwähnt, dass meine kurze Notiz über Tyromantie der zweitmeistgelesene Beitrag auf Kybersetzung ist? Ja, habe ich. Heute schlagen wir über einen Umweg erneut den Bogen zu diesem Begriff.
Mir wurde letztens aus heiterem Himmel bewusst, dass ich nichts über die Herkunft des Wortes Butter weiß. Erstaunlicherweise ist das westgermanische Wort für "Butter" (altengl. butere, ahd. butera, niederl. botter) eine Entlehnung aus dem Lateinischen (über vulgärlat. *butira bzw. *butura)! Germanischer Erbwortschatz findet sich lediglich in regionalen und historischen Ausdrücken wie (alemannisch) Anke oder Schme(e)r (auch "Fett"). "Dass die Germanen dennoch ein Wanderwort für Butter entlehnten, dürfte mit einer neuartigen Zubereitungsweise zusammenhängen." (Wiktionary)
Das lateinische butyrum (genauer: būtȳrum) jedenfalls wurde aus dem griechischen boú-tȳrum entlehnt, was sich zusammensetzt aus boús "Rind" und tȳrós "Käse" (jenem Wort, das auch in "Tyromantie" steckt), wobei sowohl das Duden-Herkunftswörterbuch als auch Frisks Griechisches Etymologisches Wörterbuch das Kompositum mit "Kuhquark" übersetzen. So oder so ist es bezeichnend, dass die alten Griechen qua Wortbildung betonen mussten, wenn Käse oder Quark aus Kuhmilch hergestellt wurde. Der Standard war offenbar schon damals Ziegen- oder Schafskäse (Feta!).
Samstag, 11. November 2023
Der Konjunktiv des Jahrtausends
Vor mehr als sechzehneinhalb Jahren (!) erklärte ich das Wort schmölzen zum "Konjunktiv der Woche". Heute ist es endlich an der Zeit, das gesamte Paradigma schmölz- zum Konjunktiv des Jahrtausends zu küren, nicht nur aus persönlicher Vorliebe, sondern im Sinne zahlreicher anderer, wie man nicht nur in der Süddeutschen Zeitung weiß. Ich zitiere das "Sprachlabor" vom 3. November 2023:
Gewundert wurde sich [...] über die Einsendung von Leser A., die sich zunächst wie ein Text gewordener Begeisterungssturm ausnahm. Es ging um die Formulierung "Schmölze der ganze grönländische Eisschild ...", genauer gesagt um die aus dem "Hamlet" geläufige Verbform schmölze, über die Herr A. sich derart freute, dass er sie gleich dreimal wiederholte: "Schmölze, schmölze, schmölze." (Hier passt, was Ulrich Seidler einmal in der Frankfurter Rundschau schrieb: dass, wer "schmölze" mit ein bisschen Genuss spricht, sich selbst einen Zungenkuss schenke.) So ging es noch eine ganze Weile weiter, im hohen Ton und mit Konjunktiv-II-Bildungen vom Feinsten, bis dann des Pudels Kern ans Tageslicht kam. Herr A. war nämlich nur vom zitierten Halbsatz angetan. Der ganze Satz hatte so gelautet: "Schmölze der ganze grönländische Eisschild, würde der Meeresspiegel um etwa sieben Meter steigen." Worauf A. hinauswollte, das war nichts Geringeres als ein Parallelismus membrorum, also ein mit schmölze korrespondierender Konjunktiv II von steigen, auf dass der Nachsatz so begönne: "... stiege der Meeresspiegel."
Dazu möchte ich Folgendes anmerken. Im Seminar "Einführung ins Neutestamentliche Griechisch" empfahl unser Dozent uns damals, es bei der Übersetzung von Bedingungssätzen analog zu conditional clauses im Englischen zu handhaben: im Nebensatz, also im irrealen "wenn"-Satz, Konjunktiv II, im Hauptsatz Infinitiv nach modalem Hilfsverb ("würde" : would). Weil ich das schön so finde, halte ich mich seit mehr als zwanzig Jahren (!) daran, nicht nur bei Übersetzungen. Der von A. gerügte SZ-Satz hat mein vollumfängliches Okay.
Im Übrigen stelle ich mit Genugtuung fest, dass ich denselben Geschmack wie Connaisseure klassischer deutscher Shakespeare-Ausgaben zu haben scheine.
Samstag, 5. November 2022
When in Rome ...
Eine gehalt- und anspruchsvolle Lektüre stellt Wolfgang Pehnts Städtebau des Erinnerns dar. Wie ein populärwissenschaftliches Werk anmutend, kommt es doch überwiegend akademisch daher, der Autor arbeitet mit vielen Fußnoten, flicht lateinische Zitate ein und droppt als bekannt vorausgesetzte architektonische Fachwörter. Immer wieder musste ich Sätze mehrfach lesen, denn neben ihrer Schwierigkeit eignet ihnen auch eine hohe Informationsdichte. Ich erfuhr viel Staunenswertes über Leitmotive, Vorbilder und Narrative bei der Entstehung und dem Wachsen bedeutender Metropolen (Mythen und Zitate westlicher Städte lautet der Untertitel), und das wenigste davon konnte ich im Gedächtnis behalten.
Das Kapitel über Athen hat es mir besonders angetan. Dass es in der griechischen Hauptstadt keineswegs ein Kontinuum seit der hellenischen Antike gab, war mir ja total unbekannt! Das alte Griechenland musste erst "wiederentdeckt" werden, und die Re-Antikisierung im 18. Jahrhundert erfolgte denn auch zuvörderst durch Rest-Europa, nicht zuletzt spielte Bayern eine gewichtige Rolle ... Aber es steht mir nicht zu und ist nicht mein Anliegen, die ganze faszinierende Geschichte nachzuerzählen, ich möchte lediglich einen kuriosen Nebenaspekt zitieren, der im 19. Jahrhundert, nach dem Ende der osmanischen Herrschaft, aufkam: "Orts-, Straßen- und Firmennamen wurden auf die Helden der griechischen Götter- und Heroenclique getauft. Es gab sogar Versuche, das Altgriechische als gesprochene Sprache wieder zu beleben." (S. 47)
Ein Vorteil der Rückkehr zum Altgriechischen liegt auf der Hand: Man hätte wieder eine durchschaubarere Buchstabe-Laut-Zuordnung und wäre nicht auf "Not"-Schreibungen wie "Ompáma" angewiesen. Darüber hinaus dient so eine Wiederbelebung ausgestorbener Sprachen freilich der Identitätsstiftung und -bewahrung. Im Falle Griechenlands wäre das wohl zu viel des Guten gewesen, denn mit dem Neugriechischen hatte man ja bereits eine autochthone und dem nationalen Bewusstsein genügende Zunge.
Sprach-Revival ist insgesamt ein bemerkenswerter Vorgang, dessen Erfolge von gelungen (wie im Falle des Manx) bis zu schwierig/mühsam/konstruiert reichen (wie im Falle des Tasmanischen). Bis vor gar nicht langer Zeit war übrigens hie und da zu lesen, dass es in Indien eine mindestens vierstellige Zahl an Menschen gebe, insbesondere im als "Sanskrit village" gehandelten Dorf Mattur, die klassisches Altindisch als Erst(!)sprache verwenden – ein Mythos, der inzwischen widerlegt ist, zu dessen Bestehen ich aber leider beigetragen habe, indem ich ihn jahrelang als Partyfakt verbreitet habe.
Dienstag, 11. Oktober 2022
Syn-los!
Dienstag, 27. April 2021
Dauerthema Doppelbegegnung
Es ist schon wieder passiert!
Am Samstag ging ich die Kalenderblätter der letzten Tage durch (ich war unterwegs gewesen) und wurde dabei mit der Quizfrage konfrontiert, wie die Muse des Chorgesangs heiße. Das konnte ich nicht beantworten, die Lösung lautete Terpsichore.
Einen Tag später schaute ich ein Let's-Play-Video (raocows MaGLX3-Durchlauf; was das ist, spielt keine Rolle), und darin tauchte ein Textfenster auf (der Kommentar eines Jurors dieses Super-Mario-Level-Contests), in welchem das mir bis dahin unbekannte englische Adjektiv terpsichorean vorkam, offensichtlich eine Ableitung von Terpsichore. Wie man dieses Wort übersetzen könnte, habe ich gerade erst nachgeschlagen: "Tanz-/tanz-" bzw. "den Tanz betreffend" oder "Tanz genießend" (Merriam-Webster: "from terpsis, meaning 'enjoyment,' and choros, meaning 'dance.'). Irre!
Mittwoch, 3. Februar 2021
Mein kindliches Gemüt
Pipi-Kacka-Humor ist normalerweise so gar nicht meins, aber wenn er unerwartet kommt, habe ich nichts dagegen.
Ich las Fachlektüre, es ging um griechische Bildungen auf -so-. Als in einer Aufzählung das Beispiel "órsos, Arsch" auftauchte, musste ich zum ersten Mal wiehern, zum zweiten Mal, als ein paar Zeilen darunter stand: "polychesos 'den Durchfall habend' neben chésai 'kacken'".
Ich schäme mich.
Dienstag, 3. Dezember 2019
Kurz notiert: Nasendieb
Fairerweise muss erwähnt werden, dass Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (Band VIII,1) nicht weniger als 75 (!) Beinamen des Herakles aufzählt, darunter "Keulenträger" und "Stierfresser". Eine lange wissenschaftliche Arbeit ließe sich darüber schreiben. Apropos Arbeit: Mit Verweis auf eine der heroischen Arbeiten des Herakles würde ich dem alten Thebener heute den Spitznamen "Stallausmister Bombastic" verleihen, aber mich fragt ja keiner.
Donnerstag, 2. Mai 2013
Gebt uns Punkte!
Wie dem auch sei, der Duden sieht das Trema nicht vor, lediglich gewisse Personennamen dürfen sich damit schmücken (Hoëcker, Piëch). Umso baffer war ich, als ich auf S. 169 der Graham-Chapman-Biografie "Autobiografie eines Lügners" Folgendes las: "das Bett, welches David bëinhaltete". Übersetzer: kein geringerer als Harry Rowohlt. Nur zwei Seiten später ist sogar von "Koffëin-Einläufen" zu lesen. Nett. Einen kleinen Einwand habe ich allerdings: Müssten die Tremata nicht – nach griechischem Vorbild – auf dem jeweils zweiten Vokal sitzen? Müsste es nicht korrekt "beïnhalten" und "Koffeïn" heißen? Wäre demnach nicht auch die Schreibung "Alëuten" falsch? Oder ist letzteres nur eine speziell deutsche Lösung, damit man das <ü> in "Aleüten" nicht wie das <ü> in "Alditüten" spricht? Ja, ja, ja, wahrscheinlich. Oder?
PS: Ich habe soëben herausgefunden, dass der New Yorker die Schreibweise "coöperation" bevorzugt.
Montag, 8. April 2013
Ompama
Erklärung: Das β [b] wird im Neugriechischen nicht mehr wie /b/ artikuliert, sondern als /v/ gesprochen (stimmhafter bilabialer Reibelaut, wie in "Vase"). Um ein "echtes" /b/ wiederzugeben, hat man sich auf die Schreibweise /mp/ geeinigt. Analog verhält es sich mit [d] = /nt/ und [ɡ] = /nk/. Das δ [d] wird nämlich normalerweise als /ð/ (wie in engl. this) realisiert und γ [g] als /ɣ/ wie in, ähh, naja, so hier halt.

