Wie schon 2023 und 2021 dient heuer die ehemalige Robotron-Kantine in Dresden der Biennale Ostrale als Spielstätte und wird es wohl auch in Zukunft tun. Auch wenn die Rundgangskonzeption ein wenig angepasst wurde, wirkt das Konzept bereits jetzt, als hätte es nie ein anderes gegeben. Und nicht nur die Räumlichkeiten haben mich überzeugt, auch die ausgestellten Werke entpuppten sich (wieder einmal) als echte Hingucker. Dem diesjährigen Motto "Never Grey" verpflichtet, protzten viele Exponate mit Farben und Mustern, auch ihr Formen- und Detailreichtum, die in sie geflossene Kreativität und der Fleiß überwältigten mich schier. Noch bis zum 5. Oktober kann die Ostrale besucht werden.
Montag, 28. Juli 2025
Sonntag, 22. Juni 2025
Bienenlöwe revisited
Letzte Woche habe ich mir im Museum Wiesbaden die famose, inzwischen beendete Ausstellung "Honiggelb – Die Biene in der Kunst" angesehen. Das beliebteste Motiv mit Bienenbezug in der Kunstgeschichte scheint Amor als Honigdieb mit seiner Mutter Venus zu sein; in zig Interpretationen begegneten mir die beiden auf Gemälden und Zeichnungen. Unter den vielen sonstigen beeindruckenden, kuriosen, anregenden Werken stach (!) mir eins besonders ins Auge – weil ich das darin Dargestellte einst in ganz anderem Kontext kennengelernt habe: "Samson findet Bienen im toten Löwen" von Cornelis Massys (1549), dieselbe Szene wie auf dem Golden-Syrup-Logo.
"Die Vorstellung, dass Lebendiges aus Totem entsteht", erklärte der Begleittext, "war in der Antike weit verbreitet: Diese Urzeugung (Bugonie) meint, dass Bienen aus getöteten Rindern entstehen. Das Christentum deutetet dies als Bild für die Unsterblichkeit der menschlichen Seele." In der Nähe von Massys' Kupferstich/Radierung war Cornelis Corts Werk "Aristaeus Inventor Mellis" (1565, nach Frans Floris) aufgehängt und zeigte den "ersten Imker der Antike" (daher der Titel "Erfinder des Honigs"). Jenem soll "die Entstehung eines Bienenvolkes aus dem Kadaver eines toten Rinds" als Erstem geglückt sein. Zwischen Simson/Samson und Aristaios besteht freilich ein Unterschied: Letzterer soll die Bugonie gezielt herbeigeführt haben (wie?), während Simsons Löwenschwarm eine Zufallsgenese war.
Dienstag, 21. Januar 2025
Ausflug nach dem Westerwalde
Letzten Freitag bin ich sehr früh aufgestanden und entlang meiner Lieblingsbahnstrecke mit der RB10 ("RheingauLinie") bis zu deren Endhaltestelle Neuwied gefahren: In der dortigen Stadtgalerie / ehemaligen Mennonitenkirche läuft nämlich noch bis zum 26. Januar die Ausstellung "Aiga Rasch und die geheimen Einblicke". Gezeigt werden die Buchcover, die von der schwäbischen Illustratorin für alle zwischen 1970 und 1999 erschienenen Bände der Reihe "Die Drei ???" angefertigt wurden, außerdem Arbeiten für andere Publikationen, Beispiele ihres sonstigen bildnerischen Schaffens sowie mancherlei mehr, was mit den Drei Fragezeichen zu tun hat (internationale Ausgaben, Merchandise).
Zu sehen sind auch Coverentwürfe, bei denen es sich nicht nur um Skizzen handelt, sondern um ausgearbeitete Zeichnungen – in der Regel mindestens fünf Stück pro Folge –, die zudem oft stark variieren.
Bemerkenswert ist, dass der finale Buchtitel zum Abgabezeitpunkt meist noch nicht feststand. So erfährt man u.a., dass "Die verschwundene Seglerin" (#71) den Arbeitstitel "... und der venezianische Spiegel" trug, sogar noch, als der Verlag sich bereits auf ein Cover festgelegt hatte. Die Jubiläumsnummer "Feuermond" hieß bis kurz vor knapp "Feuer der Mondes".
Am interessantesten fand ich einen Aktenordner, in dem Inspirationen und Vorlagen abgeheftet waren. Wenn ein Foto in einer Zeitschrift, eine Werbeanzeige o.ä. ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, schnitt Aiga Rasch es aus und verwendete es zum geeigneten Anlass als "Rohmaterial": Sie setzte es fast 1:1 als Zeichnung um, verpasste ihm ihren markanten Grusel-Touch, fertig war das Cover. Ein Action-Shot aus einem Basketballspiel etwa landete auf Band 55 "Gekaufte Spieler". Fun Facts: Das Haus auf dem Cover von "Geisterstadt" (#64) ist das Geburtshaus von Karl May, der "Karpatenhund" (#3) ist ein Kampfhund, der ein Kind totgebissen hat, und die entsetzte Person am Telefon auf Band 72, "Dreckiger Deal", ist der CBS-News-Sprecher Dan Rather!
Das Schloss Monrepos hatte ich vorher schon auf einem Gemälde gesehen: in einem wiederum anderen Museum, in das ich zuallererst gegangen war.
Es begab sich nämlich, dass ich am Neuwieder Bahnhof aufgrund von Busnummern-Verwirrung den Bus, der mich zum Ausgangspunkt meiner Wanderung bringen sollte (Altwied, wo sich eine nette Burgruine befindet), verpasst hatte. Ich schaute auf Google Maps, was ich in den folgenden 60 Minuten unternehmen könnte, und entdeckte ein "Roentgen-Museum". Ich dachte 'Huch, was hat der berühmte Physiker denn mit dieser Region zu tun?' und ging hinein. Ein Zettel an der Kasse offenbarte mir, dass die Eintrittspreise wenige Tage zuvor "angepasst", i.e. erhöht worden waren, dafür war aber auch die 3. Etage "derzeit nicht begehbar". Dort oben sowie in den zwei Stockwerken darunter befänden sich "Roentgen-Möbel", erklärte mir der Mitarbeiter am Einlass. Ich konnte mir unter "Roentgen-Möbeln" nichts vorstellen: Sind das Möbel aus dem Labor des Forschers? Wie "aufregend" ... Ein paar Minuten später wurde ich erhellt: Das Museum war nicht Wilhelm Conrad Röntgen gewidmet, sondern David Roentgen, einem Kunsttischler, der bei seinem nicht minder begabten Vater Abraham in die Lehre gegangen war und im 18. Jahrhundert halb Europa mit seinen prächtigen Kabinetten und Einrichtungsgegenständen versorgte. Die präsentierten Stücke – darunter Architektentische, Schreibschränke mit Geheimfächern sowie mit ausgefeilten Klappmechanismen versehene "Verwandlungstische" (Sekretär und Stehpult in einem!) – gefielen mir außerordentlich gut mit ihren klassizistischen Streben, strengen rechten Winkeln und glänzenden Intarsien. Es gab auch Uhren, die in Zusammenarbeit mit Peter Kinzing, dem zweiten berühmten Kind der Stadt, entstanden sind.
Zum Schluss ein kleiner Tadel: Neuwied gibt sich nicht besonders viel Mühe, einen positiven Ersteindruck zu erzeugen. Das Bahnhofsgebäude ist abgesperrt und nicht zu betreten. In unmittelbarer Nähe gibt es weder Cafés noch Bäckereien; nur an einem Kiosk nebenan konnte ich mir einen (überteuerten) Kaffee holen. Die Landschaft macht im Sommer und im Herbst wahrscheinlich mehr her, zurzeit ist alles eher trist und grau. Dass zudem Temperaturen rund um den Gefrierpunkt herrschten, trug dazu bei, dass ich auf den gut 12 Kilometern, die ich wanderte, kaum einer Menschenseele begegnet bin.
Zu loben ist, dass ich mir in der Stadtgalerie einen kostenlosen Teebeutel und eine Anstecknadel mit dem Wappentier Neuwieds mitnehmen durfte.
Montag, 12. Februar 2024
Rot, gelb, blau. Und grau
"Will dich der liebe Gott bestrafen, schickt er dich nach Ludwigshafen." In solch billige Häme mag ich nicht einstimmen! Ich bevorzuge es, mir selbst ein Bild zu machen. Mir war bekannt, dass Ludwigshafen am Rhein selber mit seinem Image als "hässlichste Stadt Deutschlands" kokettiert und man inzwischen ironische Führungen zu den vorgeblich scheußlichsten Ecken buchen kann. Da ich die Pfalz aber für die unterschätzteste Region der Republik halte und bisher nur als schnuckeligen Landstrich voller liebenswerter Menschen kennenlernen durfte, habe ich die BASF-City letzten Monat einmal gezielt angesteuert, nachdem ich bereits etliche Male durch sie hindurchgefahren war.
Durch Erzählungen von jemandem, der dort aufgewachsen ist, wusste ich vom berüchtigten derben Ton, den man in Ludwigshafen wie in Mannheim an den Tag lege; unter anderem sei "Boah, bist du fett geworre!" eine völlig normale Begrüßung. Und tatsächlich: In der kurzen Zeit, in der ich durch die Straßen lief, hörte ich, 1.) wie ein Rentner einem etwas ruppig anfahrenden Taxi (es herrschten gerade Schnee und Glätte) "Arschloch!" hinterher rief, 2.) wie eine Mutter zweier Vorschulkinder zwei am Bahnsteig vapende Jugendliche aufforderte, sich in den Raucherbereich zu verziehen, was die mit "Ohhh, Mann eyyyy, Alter" quittierten, was wiederum die Mutter mit "Ja, nix 'Mann eyyyy'!" konterte.
Fotografiert habe ich die von mir abgelaufenen Straßenzüge nicht. Wie gesagt, man möge sich selbst ein Bild machen. (Was sich ergänzend anböte, wäre eine Thementour "Hochbunker".) Die folgenden Fotos entstanden im Wilhelm-Hack-Museum, denn Hauptanlass meines Tagestrips war die Ausstellung "Re-Inventing Piet. Mondrian und die Folgen", welche dort bis zum 21. Januar lief. Sorry an alle, die diese ebenfalls interessiert hätte; ich habe davon auch erst knapp vorm Ende erfahren. Es waren mehrere Originale des Meisters zu sehen, vor allem aber Remixe, Weiterentwicklungen, Kommentare von Zeitgenossinnen, Epigonen und Nachgeborenen. Eine exzellente Schau!
Sonntag, 12. November 2023
Warum ich beim Abspann bis zum Ende sitzen bleibe
Im März letzten Jahres sah ich zum ersten Mal einen Film, in dessen End-Credits die gefeatureten Speisen bzw. Menüs samt ihrem jeweiligen Schöpfer sowie dem Restaurant, in dem sie entstanden, aufgeführt wurden ("Pig", 2021).
Nicht ganz so überraschend, aber doch außergewöhnlicher als schnöde Musiktitel-Auflistung, fand ich den Abspann des Einbruchs-Dramas "Inside" (2023; Kritik folgt). Darin gab es nämlich eine ganze Abteilung ausschließlich für die Kunstwerke, insbesondere Gemälde, die im Film zu sehen waren, inklusive Maße, Materialien und "mit Genehmigung von"-Vermerk.
Was ließe sich noch alles auflisten, wurde womöglich schon mal aufgelistet? Gebäude? Fahrzeuge? Kleidungsstücke?
Freitag, 15. September 2023
Dienstag, 12. September 2023
Ostrale'O23 (1)
Möglicherweise habt ihr an dieser Stelle vor zwei Jahren meine allfällige Ostrale-Kurzreview erwartet. Tatsächlich hatte die Biennale im Coronajahr 2021 regulär stattgefunden, unter strengen Hygieneauflagen freilich. Dass davon hier nichts zu lesen und zu sehen war, lag allein daran, dass ich mich in dieser schwierigen Zeit reisetechnisch stark eingeschränkt und es einfach nicht geschafft hatte, während der Ausstellungsdauer nach Dresden zu fahren. Das war umso ärgerlicher, als der Ort der Schau abermals in eine unkonventionelle Stätte verlegt worden war: von der historischen Tabakfabrik in die alte Robotron-Kantine, in welcher sich in meinen Zwanzigern die Diskothek "Melly's" befand (in der ich ein einziges Mal war; es mag euch überraschen, aber ich war nie ein großer Clubgänger) und die danach wiederholt kurz vorm Abriss stand, ehe man sich auf die Nutzung als Kulturzentrum einigen konnte. Erfreulicherweise bleibt dieses herrliche Zeugnis großzügig-pragmatischer Ost-Architektur weiterhin erhalten und wird auch die kommende Ostrale beherbergen.
Und so fand und findet (noch bis 1. Oktober) auch die O23 in dem früheren Gastronomie-Flachbau statt. Mein Urteil: Die Räume eignen sich hervorragend für Kunstausstellungen. Man kann sich, je nach Präferenz, sowohl locker zwischen den Objekten treiben lassen als auch einem klassischen Rundgang folgen. Die Lichtverhältnisse sind optimal, was einem umso mehr auffällt, als der Ausstellungsfläche eine "Dunkelkammer" vorgeschaltet ist, durch die man sich vom Eingangs- zum Ausgangsvorhang an einem Geländer entlang tastet. Auch die Werke selbst wissen zu gefallen; ich möchte sogar meinen, dass die diesjährige Auswahl die drei davor von mir begutachteten bei weitem übertroffen hat. Hätte die documenta fifteen auch nur ein Zehntel dieses Niveaus erreicht, wäre ich zufrieden gewesen. Das einzige, was mir sauer aufstieß, war der Eintrittspreis: 15 Euro müssen erwachsene Vollzahler hinlegen, freier Eintritt für Journalisten ist nicht mehr vorgesehen.



















































