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Dienstag, 11. Oktober 2022

Syn-los!

Im Kreuzworträtsel wurde neulich nach "Fremdwortteil: mit, zusammen" gefragt, und als Lösung ergab sich "syl". Einspruch! Die Vorsilbe heißt syn-, und die ändert sich nur im Zusammen(!)spiel mit dem darauffolgenden Glied je nach dessen Anlaut zu syl- (Syllogismus), sym- (Symphonie) oder, seltener, zu syr- (syrréō- "zusammenfließen, -strömen"), sy- (syzáō- "mit-, zusammen leben") oder gar syn- [syŋ] als συγ- geschrieben (συγχωρέω- "zusammengehen"). Sonst könnte man ja auch das deutsche emp- als eigenständige Vorsilbe behandeln, dabei entstand diese aus ent- (*ent-fehlen > empfehlen). Man nennt es Assimilation. Kreisch! Das Wort Assimilation ist ja selbst ein Beispiel für Assimilation.

Mittwoch, 30. Januar 2013

-bar jeder Vernunft?

Im "Sprachlabor" der Süddeutschen Zeitung war vor kurzem diese Notiz zu lesen:


Die "gründliche Erörterung" des Lesers B. hätte ich nur zu gerne gelesen! Auf jeden Fall möchte ich ihm zustimmen. 
Meiner Meinung nach ist auch das Wort unleugbar streng genommen inkorrekt. Auch wenn 79.600 Googletreffern für unleugbar nur 761 für unleugenbar gegenüberstehen, halte ich letztere für die "richtigere" Form. Schauen wir uns das Verb öffnen an: Es bildet ebenfalls ein Adjektiv auf -bar, und das lautet – auch wenn es seltsam klingt – öffenbar ("ein öffenbares Fenster" und nicht "ein öffbares Fenster").  
Verben, die auf -nen enden, sind verhältnismäßig selten. Ihre -bar-Ableitungen werden aber alle, soweit möglich, nach dem gleichen Muster gebildet: berechnen → berechenbar, zeichnen → zeichenbar, vervollkommnen → vervollkommenbar (immerhin 19 Treffer bei Google). Aus der Endung -nen (wenn man vom Infinitiv ausgeht) wird also -en, und nicht nichts (-Ø). 
"Aber im Duden steht auch nur 'unleugbar'. Soll ich jetzt dort anrufen und 'Stoppt die Maschinen!' rufen?" Aber nein. Ich bin ja eigentlich ein Anhänger des Deskriptivismus. Wenn man genügend Belege für "einordbar" findet, ja mei, dann isses halt grammatisch. Man vergleiche auch die Dissertation Idiomatische Sätze im Deutschen von Rita Finkbeiner (Stockholm 2008). Dort stößt man auf folgende Bemerkung: "Grundsätzlich sind bei Verben auf -nen zwei verschiedene -bar-Derivationen möglich, wie es das Verb einordnen illustriert: einordbar/einordenbar. Die präferierte Möglichkeit – nach Stichproben in Google – scheint die zweite zu sein, vgl. *berechbar/berechenbar, *trockbar/trockenbar, *einebbar/??einebenbar. Deshalb erscheint öffbar bislang noch ungewöhnlich, ist aber möglicherweise bereits auf dem Weg der Konventionalisierung. In Google finden sich z.B. folgende Belege: exe.dateien nicht öffbar; USB-Stick nicht öffbar; Flash nicht öffbar; Schlafsäcke, die bis ans Fußende öffbar sind; drei Kettenschlösser, wovon zwei nicht öffbar sind." [S. 221, Fn. 223]

Samstag, 21. Januar 2012

Rumliegendes

Vor einiger Zeit erinnerte ich mich aus heiterem Himmel an ein Wort aus dem Geographieunterricht, das ich schon damals, als ich es kennen lernte, überaus amüsant fand:

Rotliegendes

Ich schlug den Begriff bei Wikipedia nach (er bezeichnet eine Gesteinseinheit) und las dort, dass die Form Rotliegendes "fachlich nicht empfohlen" wird, "da sie als internationale Bezeichnung in nicht deutschsprachigen Ländern schwerer anwendbar ist". Stattdessen solle die nicht-deklinierbare Form Rotliegend verwendet werden. Das ist der Hammer! Denn dieses Wort wäre das einzige Beispiel einer echten sog. Nullableitung eines Partizips I!

Zur Erklärung: Eine Nullableitung liegt vor, wenn ein Wort von einer Wortart in eine andere Wortart übergeht, ohne dass sich die Form des Wortes verändert. Das passiert zum Beispiel, wenn man aus dem Infinitiv eines Verbs ein Substantiv macht: rennen --> das Rennen. Man nennt diesen Vorgang auch Konversion, wobei Konversion oft weiter gefasst wird und von vielen Linguisten auch Beispiele wie schlecht --> der/die/das Schlechte dazu gezählt werden. Demnach würde auch das Wort Rotliegendes <-- Partizip I rotliegend in diese Wortbildungskategorie fallen. Allerdings haben wir bei Rotliegendes bereits zwei Buchstaben mehr, nämlich die Nominativ-Singular-Endung -es.

Rotliegend aber ist eine Konversion im strengsten Sinne und als Derivation eines Partizips I einzigartig. Oder kennt ein Leser / eine Leserin ein weiteres Beispiel, möglicherweise ebenfalls aus einer Fachsprache? Dann her damit!

PS: Rotliegend heißt auf Englisch ebenfalls rotliegend. Andere geologische Fachwörter deutschen Ursprungs wurden leicht angepasst. Aus Gneis wurde gneiss, aus Quarz wurde quartz und aus Feldspat lustigerweise feldspar.