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Freitag, 7. August 2026

Das nie gelungene Lied

Der gestrige Tag markierte ein bittersüßes popkulturelles Jubiläum: Vor 30 Jahren – ist es zu fassen? 1996 war doch gerade erst! – erschien mit "A Game of Thrones" der erste Band von George R. R. Martins Saga "A Song of Ice and Fire". Ich schreibe deswegen "bittersüß", weil das einerseits natürlich ein Grund zum Feiern ist (sogar tagesschau.de war es einen Beitrag wert), andererseits müssen wir uns wohl allmählich damit abfinden, dass der siebte und letzte Band, "A Dream of Spring", wohl nie erscheinen wird.

Hinsichtlich "The Winds of Winter" bin ich vorsichtig zuversichtlich, dass ich diesen Teil noch in diesem Jahrzehnt lesen werde. Und zwar mit euch gemeinsam! Erinnert ihr euch an meinen Jahreswechselbeitrag 2016/2017? Darin hatte ich eine "neue Rubrik" angekündigt, die jedoch, wie ich ein Jahr später zähneknirschend verkünden musste, "aus Unrealisierbarkeit" nicht umgesetzt werden konnte. Meine Idee war, einen "Kybersetzung-Solo-Lesezirkel" aufzumachen; dabei wollte ich als eine Art "Let's Read" den sechsten Teil von ASoIaF in Blöcken von je drei Kapiteln lesen und direkt im Anschluss meine Gedanken dazu vorstellen. Offenbar war ich Ende 2016 (da hatte die TV-Serie die literarische Vorlage gerade überholt) überzeugt davon gewesen, dass das neue Buch in greifbarer Zukunft erscheinen würde. Zu der Zeit waren schon mehrere längere Previews zugänglich gemacht worden (die ich freilich noch nicht gelesen habe!). Doch die Winter strichen ins Land, und es tat sich: nichts. GRRM verlor sich in Nebenprojekten, wurde für dies und das verpflichtet. Schlimmer noch: In seinem neuesten Blogbeitrag – dem ersten seit Februar – lässt er durchscheinen, dass er mit seiner Arbeit, ja mit seinem Leben, vor allem eingedenk seines Alters von inzwischen 77 ("getting old is no fun"), überfordert ist, von Stress, Albträumen, Traurigkeit und Depression ist die Rede. Wie weit wird dieser Zustand die Fertigstellung von "The Winds of Winter" wohl zurückwerfen? Wie gesagt, ich bin noch immer optimistisch ob einer baldigen Veröffentlichung. Bloß wann?

Man wünscht Martin alles Gute.

Samstag, 18. Juni 2016

Spoiler: Ich mag keine

Ich weiß nicht mehr wann, aber für einige Wochen war ich Moderator im legendären Off-topic-Forum eines großen deutschsprachigen Spielenetzwerks. Wie ich zu dieser Ehre kam, weiß ich ebenfalls nicht mehr genau, ich kann mich nur noch daran erinnern, dass es vor meiner Amtszeit ein Mod-Triumvirat gab, das wegen wiederholter Zusammenstöße mit der Administration entweder gebannt wurde oder freiwillig zurückgetreten ist. Bis dahin waren es jedenfalls herrliche Zeiten: Mobbing, Beleidigungen, Intrigen. Der lustigste mir erinnerliche Eklat äußerte sich darin, dass einer jener drei Off-topic-Mods einmal eine stalinistische Säuberungswelle durchführte: User wurden gesperrt, Threads wurden gelöscht, und das alles warum? Weil diese Person von einer anderen Person über einen wesentlichen Handlungspunkt im siebenten Harry-Potter-Buch gespoilert worden war!

Damals lachte ich darüber, heute kann ich den Wutanfall nachempfinden. Was treibt Leute dazu, anderen Leuten ein fiktionales Werk auf diese Weise zu verderben? Bringt ihnen das Befriedigung? Ist der Wissensvorsprung nicht genug, um sich still und heimlich, also: innerlich zu freuen? Es wird ja immer schlimmer. Reichte es damals noch aus, spezielle Nerdanhäufungspunkte weiträumig zu umfahren, sind es mittlerweile Social-media-Kontakte und sogar Massenmedien, die einen beim unbedarften Browsen so bösartig überraschen. Ich scrolle mehr oder weniger aufmerksam durch die Facebook-Timeline – plopp!, taucht da auf einmal ein Foto aus der letzten Episode meiner Lieblingsserie auf, die ich sträflicherweise nicht gleich eine Stunde nach ihrer Ausstrahlung gesehen habe. Worst offender zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Beitrags: "Zeit online", deren Feuilleton-Knalltüten es sich nicht verkneifen können, "Game of Thrones"-Besprechungen mit höchst verräterischen Szenen-Screenshots zu versehen. "Here's a spoiler: You will die alone!" (Triumph the Insult Comic Dog)

Wenn der nächste Band von "A Song of Ice and Fire" erscheint, werde ich mich in einem anzumietenden Panikraum verkriechen und alle Verbindungen zur Außenwelt kappen. Das ist ohnehin eine gute Strategie.

Samstag, 8. August 2015

Realität und Phantastik - ein kleiner Gedanke

Beim Lesen des vierten Bandes von "A Song of Ice and Fire" ist mir etwas aufgefallen. Mehrfach wird dort ein alkoholisches Getränk namens hippocras konsumiert. Der Name dieses gewürzten Weingemischs geht zurück auf den Namen des altgriechischen Mediziners Hippokrates: "wahrscheinlich vorzugsweise auf arzneiliche wirkung berechnet, daher mit dem namen des sprichwörtlich berühmtesten arztes, Hippokrates in mittelalterlicher entstellung versehen", ist z.B. schon im Grimmschen Wörterbuch unter dem Stichwort "Hippokras" vermerkt. Nun spielt George R.R. Martins Fantasy-Epos bekanntermaßen in einer der unseren zwar ähnlichen, aber komplett fiktiven Welt mit eigener Geschichte, Geographie, Mythologie usw. Das Wort "Hippokras"/hippocras ist allerdings ohne seine – in dieser unseren Welt verankerten – Hintergründe nicht les- und vorstellbar. Mich zumindest hat jede Nennung von "Hippokras" gestört. Hippokrates und die europäische Antike überhaupt hat's doch in Westeros gar nicht gegeben!!!

Jedes Fremdwort erzählt eine Geschichte: eine Geschichte von Sprachkontakt und somit vom Kontakt zwischen verschiedenen Völkern. Ein weiteres Beispiel: Das sagenhafte Drachenglas wird in Martins Epos auch als Obsidian bezeichnet, wie jenes Gesteinsglas aus unserer Welt, welches nach dem Römer Obsius benannt wurde (er soll es einst aus Afrika nach Rom importiert haben.)

Nun gut, vielleicht bin ich doppelt anfällig für solche Überlegungen, weil ich erstens, versaubeutelt durch mein Studium, ständig die Herkunft mir unbekannter Wörter hinterfrage und zweitens Deutsch als Erstsprache gelernt habe, weswegen mir in englischsprachigen Texten die Nicht-Erbwörter – und allein der Anteil griechisch-lateinischer Fremd- und Lehnwörter am englischen Wortschatz wird mit Werten um die 50% veranschlagt! – stärker ins Auge stechen. Man kann ja nun nicht verlangen, dass jemand, der phantastische Literatur produziert, wegen ein paar Knallköppen wie mir die Erzählsprache radikal anpasst. Wobei es natürlich ideal wäre, wenn für jede Fantasy-Welt eine eigene Sprache erfunden würde, haha.

In diesem Zusammenhang wird mir auch klar, wie schwierig es sein muss, historische Romane zu verfassen. Bei jeder wörtlichen Rede muss man sich überlegen: "Hat es dieses Wort damals wirklich schon gegeben?" Und das bezieht sich nicht nur auf Bezeichnungen von Dingen, die erst später erfunden wurden, sondern auf läppische Alltagsvokabeln. Hat man etwa im Berlin der 1890er Jahre das Wort "fies" gekannt und benutzt? Das sind so Fragen.

Sind diese (bei 28°C Zimmertemperatur entstandenen) Ergüsse irgendwie nachvollziehbar? Wenn nicht, einfach ignorieren ...