Im "Sprachlabor" der Süddeutschen Zeitung war vor kurzem diese Notiz zu lesen:
Die "gründliche Erörterung" des Lesers B. hätte ich nur zu gerne gelesen! Auf jeden Fall möchte ich ihm zustimmen.
Meiner Meinung nach ist auch das Wort unleugbar streng genommen inkorrekt. Auch wenn 79.600 Googletreffern für unleugbar nur 761 für unleugenbar gegenüberstehen, halte ich letztere für die "richtigere" Form. Schauen wir uns das Verb öffnen an: Es bildet ebenfalls
ein Adjektiv auf -bar, und das lautet – auch wenn es seltsam klingt –
öffenbar ("ein öffenbares Fenster" und nicht "ein öffbares Fenster").
Verben, die auf -nen enden, sind verhältnismäßig selten. Ihre -bar-Ableitungen werden aber alle, soweit möglich, nach dem gleichen Muster gebildet: berechnen → berechenbar, zeichnen → zeichenbar, vervollkommnen → vervollkommenbar (immerhin 19 Treffer bei Google). Aus der Endung -nen (wenn man vom Infinitiv ausgeht) wird also -en, und nicht nichts (-Ø).
"Aber im Duden steht auch nur 'unleugbar'. Soll ich jetzt dort anrufen und 'Stoppt die Maschinen!'
rufen?" Aber nein. Ich bin ja eigentlich ein Anhänger des Deskriptivismus. Wenn man genügend Belege für "einordbar" findet, ja mei, dann isses halt grammatisch. Man vergleiche auch die Dissertation Idiomatische Sätze im Deutschen von Rita Finkbeiner (Stockholm 2008). Dort stößt man auf folgende Bemerkung: "Grundsätzlich sind bei Verben auf -nen zwei verschiedene -bar-Derivationen möglich, wie es das Verb einordnen illustriert: einordbar/einordenbar. Die präferierte Möglichkeit – nach Stichproben in Google – scheint die zweite zu sein, vgl. *berechbar/berechenbar, *trockbar/trockenbar, *einebbar/??einebenbar. Deshalb erscheint öffbar bislang noch ungewöhnlich, ist aber möglicherweise bereits auf dem Weg der Konventionalisierung. In Google finden sich z.B. folgende Belege: exe.dateien nicht öffbar; USB-Stick nicht öffbar; Flash nicht öffbar; Schlafsäcke, die bis ans Fußende öffbar sind; drei Kettenschlösser, wovon zwei nicht öffbar sind." [S. 221, Fn. 223]
Mittwoch, 30. Januar 2013
Dienstag, 29. Januar 2013
Das gute Zitat
"Eines Tages kam er nun an, der arme Teufel, vergnügt wie eine Haubenlerche und ohne einen Cent in der Tasche."
--- Der dritte Mann (1949)
--- Der dritte Mann (1949)
Sonntag, 27. Januar 2013
Wochenend-Mystery: Auflösung
(zum Lesen markieren)
Jemand wollte sein Haus verkaufen und brachte an den Zaun seines Grundstücks ein entsprechendes Banner an, auf das er auch einen QR-Code gedruckt hatte. Dieser Code war jedoch zu groß geraten, so dass ein Passant, der ihn scannen wollte, etliche Rückwärtsschritte ausführen musste, um den gesamten Code auf seine Smartphone-Scanfläche zu bekommen. Schließlich befand sich der Passant auf der am Grundstück vorbeiführenden Straße und wurde von einem Auto erfasst. (Ein solches Banner sah ich tatsächlich einmal; der Vorfall könnte sich also wirklich so zutragen.)
Jemand wollte sein Haus verkaufen und brachte an den Zaun seines Grundstücks ein entsprechendes Banner an, auf das er auch einen QR-Code gedruckt hatte. Dieser Code war jedoch zu groß geraten, so dass ein Passant, der ihn scannen wollte, etliche Rückwärtsschritte ausführen musste, um den gesamten Code auf seine Smartphone-Scanfläche zu bekommen. Schließlich befand sich der Passant auf der am Grundstück vorbeiführenden Straße und wurde von einem Auto erfasst. (Ein solches Banner sah ich tatsächlich einmal; der Vorfall könnte sich also wirklich so zutragen.)
Samstag, 26. Januar 2013
Wochenend-Mystery
Hier ist ein – selbstausgedachtes – Lateral-Rätsel im Stil der beliebten Black Stories. Achtung, hier kommt's:
Auf einer Straße liegt eine Leiche mit einem Smartphone in der Hand. Was ist passiert?
(Tipp: Scharf nachdenken!)
Auf einer Straße liegt eine Leiche mit einem Smartphone in der Hand. Was ist passiert?
(Tipp: Scharf nachdenken!)
Freitag, 25. Januar 2013
Klassiker der Wissens: Regenwürmer
Der Artikel Regenwürmer gehört zu meinen absoluten Lieblingstexten in der deutschsprachigen Wikipedia. Die schönsten Passagen habe ich einmal zusammengestellt:
Die Regenwürmer sind im Erdboden lebende, gegliederte Würmer aus der Ordnung der Wenigborster. Sie gehören innerhalb des Stammes der Ringelwürmer zur Klasse der Gürtelwürmer.
Im Jahr 2004 wurde der für den Naturkreislauf nützliche Regenwurm zum "Wirbellosen Tier des Jahres" erklärt. In der Schweiz ist der Regenwurm zum Tier des Jahres 2011 ernannt worden.
Weshalb die Regenwürmer bei Regen ihre Wohnröhren verlassen, ist offensichtlich noch nicht vollständig geklärt. Eine Studie der Carlton Universität im kanadischen Ottawa legt [...] nahe, dass Regenwürmer aus Angst vor Maulwürfen an die Oberfläche kriechen: Das Geräusch des Regens ähnle dem Grabegeräusch der Maulwürfe.
Die Würmer sind auch in der Lage, in bestimmten Gefahrensituationen sich selbst zu verstümmeln (Autotomie), z. B. wenn sie ein Fressfeind gepackt hat.
Immer wieder tauchen in der Presse Berichte auf, dass Regenwürmer für den menschlichen Verzehr gezüchtet und angeboten werden (z. B. als Fleischklößchen – sog. "Wormburger" oder frisch frittiert). Aufgrund der generell starken Parasitierung der Würmer ist hier aber Vorsicht geboten.
Die Thielemann’sche Oktettmethode ist eine in der Wissenschaft inzwischen anerkannte Anwendung zum Fang von Regenwürmern mittels elektrischen Stroms. Als Alternative zum giftigen und umweltschädlichen Formaldehyd wird seit Anfang der 1990er Jahre auch Senf als (zudem kostengünstigeres) Austreibungsmittel empfohlen.
In bestimmten Regionen Kanadas, der USA und Englands werden Regenwürmer in großem Maße mittels Worm Charming, Worm Fiddling oder Wurmgrunzen gejagt.(Anm.: Die Zitate stammen aus einer Version vom April 2011; einige Stellen mögen daher in der aktuellen Fassung anders lauten oder fehlen.)
Mittwoch, 23. Januar 2013
Vier Listen
Was so alles "flüssiges Gold" genannt wird
Wein
Bourbon
Olivenöl
Honig
Bier
Schokolade
Muttermilch
Cognac
Wasser
Stammzellen
Ahornsirup
flüssiges Gold
(Quelle: Internet)
Gute Namen für Kunstgalerien
ChefGogh
Koonstgalerie
Dalí Dalí!
Mane(t)ge
Dix-Kabine
LeonARTo
Mords-Gaudi
PorteMonet
Beuys'R'us
Munch-Geruch
Klimtzug
WassilyPutty
Doppel-Hopper
First National Banksy
Kleeblatt
Who's The Bosch?
CraNachschlag
Anagramme aus meinem Namen
Tiger stanzt Ochs
Tanz erst gotisch!
Agent Storch, sitz!
Cash-Zotte grinst
Zins erstach Gott
Tango sticht Erz
Arsch Inzest Gott
Tot? Schnitze Sarg!
Toast zischt gern
Nazi Schrott Steg
Christ sagt Zoten
Storchs Zeit nagt
Sachse trotzt Gin
Nase rotzt Gischt
Gute Namen für Fahrradwerkstätten
RADlos
RADmosphäre
PaRADies(chen)
RADjasthan
FAHRRADay'scher Käfig
RADio GaGa(ngschaltung)
Ver-Rad / Fair-Rad
Original Naben-Tal-Duo
SATTELit
Speichenprobe
dRADesel
Velo-ciraptor
Felge Schneider
Wein
Bourbon
Olivenöl
Honig
Bier
Schokolade
Muttermilch
Cognac
Wasser
Stammzellen
Ahornsirup
flüssiges Gold
(Quelle: Internet)
Gute Namen für Kunstgalerien
ChefGogh
Koonstgalerie
Dalí Dalí!
Mane(t)ge
Dix-Kabine
LeonARTo
Mords-Gaudi
PorteMonet
Beuys'R'us
Munch-Geruch
Klimtzug
WassilyPutty
Doppel-Hopper
First National Banksy
Kleeblatt
Who's The Bosch?
CraNachschlag
Anagramme aus meinem Namen
Tiger stanzt Ochs
Tanz erst gotisch!
Agent Storch, sitz!
Cash-Zotte grinst
Zins erstach Gott
Tango sticht Erz
Arsch Inzest Gott
Tot? Schnitze Sarg!
Toast zischt gern
Nazi Schrott Steg
Christ sagt Zoten
Storchs Zeit nagt
Sachse trotzt Gin
Nase rotzt Gischt
Gute Namen für Fahrradwerkstätten
RADlos
RADmosphäre
PaRADies(chen)
RADjasthan
FAHRRADay'scher Käfig
RADio GaGa(ngschaltung)
Ver-Rad / Fair-Rad
Original Naben-Tal-Duo
SATTELit
Speichenprobe
dRADesel
Velo-ciraptor
Felge Schneider
Montag, 21. Januar 2013
Torsten testet Me-too-Produkte: Rusti Chips
In der Allzweckfundgrube Lidl stieß ich auf folgenden Artikel:
Rusti Chips Bollywood Indian Curry Coconut Flavour. "Oha, das klingt ja supertrashig!", sagte ich mir und griff zu.
Natürlich hat Pringles nicht das Monopol auf Stapelchips, wie sich Knabbergebäck in Dosen korrekterweise nennt, dennoch legt man seinen Maßstab unweigerlich an das Vorbild. Und was soll ich sagen: Rusti Chips können der bekannten Marke mit dem bekloppten Slogan durchaus das Wasser reichen. Die getestete Sorte besticht durch ein authentisches Indienaroma (sofern man bei Kartoffelchips von "authentischem Aroma" sprechen kann). Die Kokosnote ist sehr dezent, aber eindeutig vorhanden, der Curry-Flavour nicht aufdringlich. Im Gegensatz zu vielen anderen Chipsmarken bleibt nicht der geringste (unangenehme) Nachgeschmack im Mund. Die Chips sind knackig und zerkrümeln nicht beim Brechen.
Wertung: 8/10
Rusti Chips Bollywood Indian Curry Coconut Flavour. "Oha, das klingt ja supertrashig!", sagte ich mir und griff zu.
Natürlich hat Pringles nicht das Monopol auf Stapelchips, wie sich Knabbergebäck in Dosen korrekterweise nennt, dennoch legt man seinen Maßstab unweigerlich an das Vorbild. Und was soll ich sagen: Rusti Chips können der bekannten Marke mit dem bekloppten Slogan durchaus das Wasser reichen. Die getestete Sorte besticht durch ein authentisches Indienaroma (sofern man bei Kartoffelchips von "authentischem Aroma" sprechen kann). Die Kokosnote ist sehr dezent, aber eindeutig vorhanden, der Curry-Flavour nicht aufdringlich. Im Gegensatz zu vielen anderen Chipsmarken bleibt nicht der geringste (unangenehme) Nachgeschmack im Mund. Die Chips sind knackig und zerkrümeln nicht beim Brechen.
Wertung: 8/10
Sonntag, 20. Januar 2013
Freitag, 18. Januar 2013
Albernes zum Wochenschluss
Lateinische Rechtsgrundsätze und was sie bedeuten
Pacta sunt servanda --- Das Pack soll servieren
Ne bis in idem --- Nicht beißen unter Eid
Nullum crimen sine lege --- Niemand creme seine Liege
In dubio pro reo --- Eine Taube für den König
Do ut des --- Die oder das
Pacta sunt servanda --- Das Pack soll servieren
Ne bis in idem --- Nicht beißen unter Eid
Nullum crimen sine lege --- Niemand creme seine Liege
In dubio pro reo --- Eine Taube für den König
Do ut des --- Die oder das
Mittwoch, 16. Januar 2013
Aus dem Urban Dictionary
Al Dante; adj. The state of perfection to which one is cooked alive when in the deepest pit of hell. Ie: extremely angry; livid.
Darauf bin ich nur gestoßen, als ich überprüfen wollte, ob es das Wortspiel "al Dante" schon gibt. Aber NATÜRLICH gab es das schon, weil im Internet JEDES Wortspiel bereits gemacht wurde, GOSH DARNIT!
Montag, 14. Januar 2013
Betr.: Sprecheinlagen, Zahnpasta, Wünsche, Einkaufslisten
Ganz, ganz, ganz bescheuert sind Schlagersongs, die mit einer Sprechpassage beginnen. (Ich glaube, die Flippers machen das gerne und häufig.)
Das Lied "Ich liebe dich" von der Band Clowns & Helden fängt so an: "Ausgerechnet mir muss das passieren. Wir ham '86, und ich altes Trottelgesicht hab' mich verliebt. Ich sitz' hier vor deinem dummen Foto und bemerk' immer wieder, wie hübsch du eigentlich bist."
"Trottelgesicht"!!!
-----
Blasse TV-Erinnerung: ein Werbespot für Kinderzahncreme (oder -bürsten?) mit dem einprägsamen Jingle "Zähneputzen kinderleicht, der Dino hat's für euch erreicht!" Googeln bringt einen einzigen Treffer; demnach heißt es "... Blendino hat's für euch erreicht". Bei YouTube wiederum findet sich nur ein einziger Blendino-Spot – ohne Werbemelodie! Große Enttäuschung über das angebliche Elefantengedächtnis des Internets.
-----
Gedankenexperiment. Stell dir vor, du bist ein Mann mittleren Alters, und eine neutrale Fee kommt auf dich zu. Sie bietet dir an, alle Erinnerungen an peinliche Erlebnisse aus deinem Gehirn zu tilgen. Die einzige Bedingung ist die, dass alle Erinnerungen an schöne Erlebnisse ebenfalls ausradiert werden. Du bittest um eine kurze Bedenkzeit und versuchst dir eine schöne Erinnerung herbeizurufen. Nach ein paar Minuten fruchtlosen Reflektierens bemerkst du, dass dein Hosenstall offensteht und sämtliche Genitalien heraushängen. "Deal!", sagst du. (Und wo ist jetzt das Gedankenexperiment?)
-----
In einer der Unibibliothek entliehenen Grammatik des Gotischen fand ich folgenden, wahrscheinlich vom Vornutzer darin vergessenen, Merkzettel:
[Vorderseite]
Sushi
Nudelsalat
Linse / Spinat, Kartoffelsalat
Dressing, Mayo
grüner Salat
Hühnche
Dips --> Soysauce + wasabi
jap. Mayonnaise
Schmand dressing
Scharfes ... Chili ... Tomatenmark
[Rückseite]
Pronomen
Das Lied "Ich liebe dich" von der Band Clowns & Helden fängt so an: "Ausgerechnet mir muss das passieren. Wir ham '86, und ich altes Trottelgesicht hab' mich verliebt. Ich sitz' hier vor deinem dummen Foto und bemerk' immer wieder, wie hübsch du eigentlich bist."
"Trottelgesicht"!!!
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Blasse TV-Erinnerung: ein Werbespot für Kinderzahncreme (oder -bürsten?) mit dem einprägsamen Jingle "Zähneputzen kinderleicht, der Dino hat's für euch erreicht!" Googeln bringt einen einzigen Treffer; demnach heißt es "... Blendino hat's für euch erreicht". Bei YouTube wiederum findet sich nur ein einziger Blendino-Spot – ohne Werbemelodie! Große Enttäuschung über das angebliche Elefantengedächtnis des Internets.
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Gedankenexperiment. Stell dir vor, du bist ein Mann mittleren Alters, und eine neutrale Fee kommt auf dich zu. Sie bietet dir an, alle Erinnerungen an peinliche Erlebnisse aus deinem Gehirn zu tilgen. Die einzige Bedingung ist die, dass alle Erinnerungen an schöne Erlebnisse ebenfalls ausradiert werden. Du bittest um eine kurze Bedenkzeit und versuchst dir eine schöne Erinnerung herbeizurufen. Nach ein paar Minuten fruchtlosen Reflektierens bemerkst du, dass dein Hosenstall offensteht und sämtliche Genitalien heraushängen. "Deal!", sagst du. (Und wo ist jetzt das Gedankenexperiment?)
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In einer der Unibibliothek entliehenen Grammatik des Gotischen fand ich folgenden, wahrscheinlich vom Vornutzer darin vergessenen, Merkzettel:
[Vorderseite]
Sushi
Nudelsalat
Linse / Spinat, Kartoffelsalat
Dressing, Mayo
grüner Salat
Hühnche
Dips --> Soysauce + wasabi
jap. Mayonnaise
Schmand dressing
Scharfes ... Chili ... Tomatenmark
[Rückseite]
Pronomen
Sonntag, 13. Januar 2013
Samstag, 12. Januar 2013
Freitag, 11. Januar 2013
Die besten Weblogs
Heute: Weirder Web. Streifzüge durch die dunkleren Seiten des Internets. Bisherige Kapitel:
1: Auftragskiller online
2: Drogenhandel / Silk Road
3: Blog eines Serienmörders
4: Ein Republikaner mit Netznazivergangenheit
5: Mord in der Blogosphäre
6: "Dying Bloggers"
7: Kreditkartendatenbörse
8: Geschichte von Silk Road
1: Auftragskiller online
2: Drogenhandel / Silk Road
3: Blog eines Serienmörders
4: Ein Republikaner mit Netznazivergangenheit
5: Mord in der Blogosphäre
6: "Dying Bloggers"
7: Kreditkartendatenbörse
8: Geschichte von Silk Road
Mittwoch, 9. Januar 2013
Die Bahnen in unseren Köpfen
Vor einiger Zeit habe ich ein Buch gelesen, das mein Denken derart nachhaltig beeinflusst hat, dass ich es glatt in eine Reihe mit "Gödel, Escher, Bach", "Der Heros in 1000 Gestalten" oder "Arm und Reich" stellen möchte. Es handelt sich um Die blinde Frau, die sehen kann des Neuropsychologen V.S. Ramachandran. Der deutsche Titel klingt zwar nach einer launigen Fallsammlung à la Oliver Sacks, doch ist das Werk eine grundlegende Auseinandersetzung mit den vielen Facetten des menschlichen Gehirns und hangelt sich lediglich zu Zwecken der Veranschaulichung an herausragenden Patientengeschichten des Doktors entlang (das Original heißt Phantoms in the Brain: Probing the Mysteries of the Human Mind).
Man lernt bei der Lektüre, dass praktisch jedes abweichende Verhalten neurologisch zu erklären ist. Setzt man voraus, dass jede menschliche Aktion eine Reaktion auf etwas ist, so muss man jede Anomalie als logische Reaktion auf eine Störung in der Wahrnehmung deuten. Ramachandran berichtet zum Beispiel von einem jungen Mann, der steif und fest behauptete, seine Eltern wären nicht seine Eltern, sondern mit zwei ihnen ähnlich sehenden Schauspielern ausgetauscht worden. Diese Wahnvorstellung ist nun nicht bloß eine unheilbare "seelische Macke", sondern ist konkret auf eine defekte Nervenverbindung zur Amygdala zurückzuführen (oder so ähnlich; ganz genau hab' ich mir's nicht merken können). Normale Menschen spüren beim Anblick ihrer Eltern etwas schwer in Worte zu kleidendes "Besonderes", irgendetwas wird da emotional getriggert. Das war und ist evolutionär sinnvoll: Kinder wissen, dass sie ihren Eltern trauen können (und müssen), bevor sich überhaupt eine Art Gesichtsunterscheidungsfähigkeit herausgebildet hat – es fühlt sich einfach "richtig" an. Bei dem besagten Patienten war diese emotionale Brücke kaputt. Für sein Gehirn war nun die einzig mögliche Interpretation: Seine Eltern mussten Doppelgänger sein, denn das vormals bekannte Gefühl, das sich beim Kontakt mit den Eltern einstellte, fehlte jetzt. Interessanterweise galt das nur für visuellen Kontakt; am Telefon glaubte der Mann sofort, mit seinem Vater oder seiner Mutter zu kommunizieren.
Das menschliche Sehen ist nämlich kein einfacher Vorgang (no shit). Es gibt nicht nur einen Sehnerv, der vom Augapfel zum Hirnkasten führt. Tatsächlich sind es mehrere visuelle Verarbeitungsbahnen, die dafür sorgen, dass wir erkennen, was sich vor uns befindet. Dass die Größe, die Farbe, die relative Position im Raum eines Objekts separat übermittelt wird, kann man sich ja noch vorstellen. Von "Wo-" und "Was-Bahnen" ist dabei die Rede. Es gibt aber auch eine "Wie-Bahn", die klärt, wie wir mit dem gesehenen Objekt interagieren. Die "blinde Frau, die sehen kann" aus dem Titel des Buches hatte eine noch funktionale "Wie-Bahn", während die übrigen Bahnen gestört waren. Das hatte zur Folge, dass die Patientin nach Aufforderung des Arztes einen Gegenstand korrekt greifen konnte, von dem sie schwor, ihn nicht sehen zu können. Wenn die "Was-Bahn" defekt und die "Wie-Bahn" intakt ist, kann das Klüver-Bucy-Syndrom auftreten: Die Betroffenen zeigen unkontrollierbares, übersteigertes Sexualverhalten oder versuchen, sich nichtessbare Dinge in den Mund zu stopfen. Sie sind also in der Lage zu handeln, wissen aber nicht, womit sie das tun, wobei sie nicht wissen, dass sie es nicht wissen. (Rhesusaffen, bei denen man mittels Hirnlappenschnibbelei eine solche "psychische Blindheit" ausgelöst hatte, besprangen plötzlich Vertreter anderer Spezies.)
Ein Hauptinteressengebiet Ramachandrans ist der Phantomschmerz. In einem der ersten Kapitel stellt der Autor ein Verfahren vor, mit dem man unter Zuhilfenahme einer "Spiegelbox" jemanden, der eine Hand oder einen Arm verloren hat, "überlisten" und schließlich vollständig von seinen Phantomschmerzen befreien kann (Diese Methode wird übrigens – wenn auch als ein bisschen zu simpel und erfolgversprechend – in der TV-Serie Dr. House, Ep. 6x03, gezeigt.)
Es mag sein, dass diese Physiologieverehrung in ein paar Jahrzehnten ähnlich belächelt wird wie heute Freud. Mich jedenfalls haben die Argumente und Beweisketten im Wesentlichen überzeugt. Aber was mühe ich mich überhaupt ab und gebe den Inhalt des Buches ungeschickt wieder? Lest es halt selbst. Rasch!
Man lernt bei der Lektüre, dass praktisch jedes abweichende Verhalten neurologisch zu erklären ist. Setzt man voraus, dass jede menschliche Aktion eine Reaktion auf etwas ist, so muss man jede Anomalie als logische Reaktion auf eine Störung in der Wahrnehmung deuten. Ramachandran berichtet zum Beispiel von einem jungen Mann, der steif und fest behauptete, seine Eltern wären nicht seine Eltern, sondern mit zwei ihnen ähnlich sehenden Schauspielern ausgetauscht worden. Diese Wahnvorstellung ist nun nicht bloß eine unheilbare "seelische Macke", sondern ist konkret auf eine defekte Nervenverbindung zur Amygdala zurückzuführen (oder so ähnlich; ganz genau hab' ich mir's nicht merken können). Normale Menschen spüren beim Anblick ihrer Eltern etwas schwer in Worte zu kleidendes "Besonderes", irgendetwas wird da emotional getriggert. Das war und ist evolutionär sinnvoll: Kinder wissen, dass sie ihren Eltern trauen können (und müssen), bevor sich überhaupt eine Art Gesichtsunterscheidungsfähigkeit herausgebildet hat – es fühlt sich einfach "richtig" an. Bei dem besagten Patienten war diese emotionale Brücke kaputt. Für sein Gehirn war nun die einzig mögliche Interpretation: Seine Eltern mussten Doppelgänger sein, denn das vormals bekannte Gefühl, das sich beim Kontakt mit den Eltern einstellte, fehlte jetzt. Interessanterweise galt das nur für visuellen Kontakt; am Telefon glaubte der Mann sofort, mit seinem Vater oder seiner Mutter zu kommunizieren.
Das menschliche Sehen ist nämlich kein einfacher Vorgang (no shit). Es gibt nicht nur einen Sehnerv, der vom Augapfel zum Hirnkasten führt. Tatsächlich sind es mehrere visuelle Verarbeitungsbahnen, die dafür sorgen, dass wir erkennen, was sich vor uns befindet. Dass die Größe, die Farbe, die relative Position im Raum eines Objekts separat übermittelt wird, kann man sich ja noch vorstellen. Von "Wo-" und "Was-Bahnen" ist dabei die Rede. Es gibt aber auch eine "Wie-Bahn", die klärt, wie wir mit dem gesehenen Objekt interagieren. Die "blinde Frau, die sehen kann" aus dem Titel des Buches hatte eine noch funktionale "Wie-Bahn", während die übrigen Bahnen gestört waren. Das hatte zur Folge, dass die Patientin nach Aufforderung des Arztes einen Gegenstand korrekt greifen konnte, von dem sie schwor, ihn nicht sehen zu können. Wenn die "Was-Bahn" defekt und die "Wie-Bahn" intakt ist, kann das Klüver-Bucy-Syndrom auftreten: Die Betroffenen zeigen unkontrollierbares, übersteigertes Sexualverhalten oder versuchen, sich nichtessbare Dinge in den Mund zu stopfen. Sie sind also in der Lage zu handeln, wissen aber nicht, womit sie das tun, wobei sie nicht wissen, dass sie es nicht wissen. (Rhesusaffen, bei denen man mittels Hirnlappenschnibbelei eine solche "psychische Blindheit" ausgelöst hatte, besprangen plötzlich Vertreter anderer Spezies.)
Ein Hauptinteressengebiet Ramachandrans ist der Phantomschmerz. In einem der ersten Kapitel stellt der Autor ein Verfahren vor, mit dem man unter Zuhilfenahme einer "Spiegelbox" jemanden, der eine Hand oder einen Arm verloren hat, "überlisten" und schließlich vollständig von seinen Phantomschmerzen befreien kann (Diese Methode wird übrigens – wenn auch als ein bisschen zu simpel und erfolgversprechend – in der TV-Serie Dr. House, Ep. 6x03, gezeigt.)
Es mag sein, dass diese Physiologieverehrung in ein paar Jahrzehnten ähnlich belächelt wird wie heute Freud. Mich jedenfalls haben die Argumente und Beweisketten im Wesentlichen überzeugt. Aber was mühe ich mich überhaupt ab und gebe den Inhalt des Buches ungeschickt wieder? Lest es halt selbst. Rasch!
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