Mittwoch, 15. November 2023

Marzipanorama

Was mir vorletzte Woche passiert ist, mag zwar nur ein Zufall der banalsten Sorte gewesen sein, trotzdem halte ich es für aufschreibenswert. Für ein Backrezept musste ich zum ersten Mal in meinem Leben Marzipanrohmasse kaufen. Das tat ich in einer Netto-Filiale. Als ich das Produkt sowie meine sonstigen Einkäufe bezahlt hatte und gerade in meiner Tasche verstaute, sah ich aus dem Augenwinkel, dass am Ende einer unbesetzten Kasse etwas lag: eine Packung Marzipanrohmasse!!!!!!!!! Wäre mir die schon vorher aufgefallen, hätte ich mir den Kauf meiner Packung buchstäblich sparen und stattdessen beim Verlassen des Geschäfts die anscheinend von jemandem vergessene Marzipaneinheit kaschen können. Das ist freilich nur ein Gedankenexperiment, realiter hätte ich das zurückgelassene Päckchen niemals eingesteckt, denn erstens habe ich für Ladendiebstahl ohne Not nichts als Verachtung übrig*, zweitens nimmt man Lebensmittel, die außerhalb eines Warenregals rumliegen, nicht einfach mit: Wer weiß denn, warum es zurückgelassen wurde? Womöglich stimmte etwas nicht damit, vielleicht hatte der Kunde / die Kundin Schimmel entdeckt oder ein kleines Loch in der Packung (von einer Giftspritze!). Ja, ich weiß, abwegig, aber irgendwas im Kopf hindert einen doch daran, z.B. ein Glas Nudelsoße, das – und sei es ungeknackt und makellos – an einem Haltestellenhäuschen steht, mitzunehmen. Oder?

* Handelte es sich überhaupt um Diebstahl oder nicht vielmehr um Fundunterschlagung?

Dienstag, 14. November 2023

Das fetzt nicht wirklich

Viel Gutes, Schönes, Wahres gibt es nicht in diesen Zeiten, doch wenigstens auf die Güte, Schön- und Wahrheit der Konkret-Kolumne "Kunst & Gewerbe" von Stefan Gärtner kann man sich allmonatlich verlassen. Unter der Überschrift "Klipp & klar" wird in der aktuellen Ausgabe ein Vorfall im Literaturbetrieb dokumentiert und kommentiert, den ich am Rande der Buchmesse mitbekommen, jedoch nicht weiter verfolgt hatte.

"Der aus Dresden gebürtige Ingo Schulze hat den auf die Buchpreis-Longlist gelangten DDR-Roman Gittersee der Kollegin Charlotte Gneuß, geboren 1992 im schwäbischen Ludwigsburg, gelesen und dem S.-Fischer-Verlag hernach eine Fehlerliste geschickt". Das mag uncool sein, macht das Vorgebrachte aber nicht unrichtig. Wenn in einem Roman, der im Dresden der Siebzigerjahre spielt, Wörter wie "Plastiktüte" oder "lecker" fallen, finde ich das mindestens disputabel. Neulich stellten sie bei "Aktenzeichen XY ungelöst" einen Cold Case aus der DDR vor, und im Einspielfilm dazu sagten die Leute – ich hab's mir extra notiert – u.a. "ciao", "Plastik" und "Lass mal treffen". Es sind gar nicht mal sprachliche Anachronismen, die mich besonders abtörnen, nein, unnatürliche, kaputte Dialoge generell können mir, wie ich schon öfter festgehalten habe, gehörig die Petersilie verhageln, in Filmen und Serien noch mehr als in Belletristik. Deswegen scheue ich deutsche Produktionen so sehr: Die meisten Autor(inn)en pfeifen auf auch nur halbswegs natürlich klingende gesprochene Sprache.

Weiter in der Causa Gittersee ("Alles gut, alles gut, flüsterte ich der Kleinen ins Ohr. ... Škoda reparieren, Kleine bespaßen. Das war der Samstag."): Das Börsenblatt des deutschen Buchhandels verteidigt die Autorin ("... welche Rolle spielt es ...?") und zitiert Sandra Kegel, FAZ, die "diesen philiströsen Anmerkungen [...] entgegen[setzt]": "Romane müssen dramaturgisch verdichten, um ihre innere Wahrheit zu intensivieren. Daran sind sie zu messen, das ist der Goldstandard." Gärtner: "Der Platin- oder wenigstens Mindeststandard wäre aber, dass eine Schriftstellerin nicht so automatisiert philiströs dummdeutsch daherredet, falls es Gneuß nicht darum gegangen ist, den selbstgerecht westdeutschen Nachwendeblick zu karikieren. Alle Empirie lehrt jedoch, dass auch ihre innere Wahrheit aus lecker, bespaßen, alles gut besteht und dass die Unschuld der DDR darin bestanden hat, diese Wahrheit nicht zu kennen."

Oder den fürs Massenpublikum Schreibenden ist schlicht alles egal, weswegen wohl auch niemand außer ich etwas zu beanstanden hat, wenn Zonis bei "Aktenzeichen XY" keine Broiler essen, sondern:

Sonntag, 12. November 2023

Warum ich beim Abspann bis zum Ende sitzen bleibe

Im März letzten Jahres sah ich zum ersten Mal einen Film, in dessen End-Credits die gefeatureten Speisen bzw. Menüs samt ihrem jeweiligen Schöpfer sowie dem Restaurant, in dem sie entstanden, aufgeführt wurden ("Pig", 2021).


Nicht ganz so überraschend, aber doch außergewöhnlicher als schnöde Musiktitel-Auflistung, fand ich den Abspann des Einbruchs-Dramas "Inside" (2023; Kritik folgt). Darin gab es nämlich eine ganze Abteilung ausschließlich für die Kunstwerke, insbesondere Gemälde, die im Film zu sehen waren, inklusive Maße, Materialien und "mit Genehmigung von"-Vermerk.


Was ließe sich noch alles auflisten, wurde womöglich schon mal aufgelistet? Gebäude? Fahrzeuge? Kleidungsstücke?

Samstag, 11. November 2023

Der Konjunktiv des Jahrtausends

Vor mehr als sechzehneinhalb Jahren (!) erklärte ich das Wort schmölzen zum "Konjunktiv der Woche". Heute ist es endlich an der Zeit, das gesamte Paradigma schmölz- zum Konjunktiv des Jahrtausends zu küren, nicht nur aus persönlicher Vorliebe, sondern im Sinne zahlreicher anderer, wie man nicht nur in der Süddeutschen Zeitung weiß. Ich zitiere das "Sprachlabor" vom 3. November 2023:

Gewundert wurde sich [...] über die Einsendung von Leser A., die sich zunächst wie ein Text gewordener Begeisterungssturm ausnahm. Es ging um die Formulierung "Schmölze der ganze grönländische Eisschild ...", genauer gesagt um die aus dem "Hamlet" geläufige Verbform schmölze, über die Herr A. sich derart freute, dass er sie gleich dreimal wiederholte: "Schmölze, schmölze, schmölze." (Hier passt, was Ulrich Seidler einmal in der Frankfurter Rundschau schrieb: dass, wer "schmölze" mit ein bisschen Genuss spricht, sich selbst einen Zungenkuss schenke.) So ging es noch eine ganze Weile weiter, im hohen Ton und mit Konjunktiv-II-Bildungen vom Feinsten, bis dann des Pudels Kern ans Tageslicht kam. Herr A. war nämlich nur vom zitierten Halbsatz angetan. Der ganze Satz hatte so gelautet: "Schmölze der ganze grönländische Eisschild, würde der Meeresspiegel um etwa sieben Meter steigen." Worauf A. hinauswollte, das war nichts Geringeres als ein Parallelismus membrorum, also ein mit schmölze korrespondierender Konjunktiv II von steigen, auf dass der Nachsatz so begönne: "... stiege der Meeresspiegel."

Dazu möchte ich Folgendes anmerken. Im Seminar "Einführung ins Neutestamentliche Griechisch" empfahl unser Dozent uns damals, es bei der Übersetzung von Bedingungssätzen analog zu conditional clauses im Englischen zu handhaben: im Nebensatz, also im irrealen "wenn"-Satz, Konjunktiv II, im Hauptsatz Infinitiv nach modalem Hilfsverb ("würde" : would). Weil ich das schön so finde, halte ich mich seit mehr als zwanzig Jahren (!) daran, nicht nur bei Übersetzungen. Der von A. gerügte SZ-Satz hat mein vollumfängliches Okay.

Im Übrigen stelle ich mit Genugtuung fest, dass ich denselben Geschmack wie Connaisseure klassischer deutscher Shakespeare-Ausgaben zu haben scheine.

Donnerstag, 9. November 2023

Hübsche Flaggen untergegangener Staaten: Sikkim

Das im Himalaya liegende Sikkim trat der indischen Union erst 1975 nach einer Volksabstimmung bei. Zuvor war es für eine kurze Weile ein assoziierter Staat mit konstitutioneller Monarchie, davor wiederum, seit 1642, eine Erbmonarchie, die zeitweise tibetisches, britisches und indisches Protektorat war. Das Königreich Sikkim hatte während seiner Geschichte nicht nur vier verschiedene Hauptstädte, darunter ab 1894 Gangtok, die heutige Hauptstadt des Bundesstaates, sondern auch eine eigene Flagge. Diese hatte ihre wohl wildeste Form von 1877 bis 1914 und 1962 bis 1967:


Tatsächlich war die überbordende Komplexität der Grund dafür, dass man 1967 auf ein leichter zu reproduzierendes Design umschwenkte:

Obwohl mir diese schlichte Version mit dem "Rad des Gesetzes" (Dharmachakra) auch gefällt, hätten sie mal lieber die obige behalten sollen, dann hätte das Königreich womöglich auch noch länger Bestand gehabt ... Ich wüsste zu gerne, was die Piktogramme im Einzelnen bedeuten. Gelegentlich ist zu lesen, es handele sich um sieben Glückssymbole, die mit dem Rad (khorlo) zusammen ein Ashtamangala bilden, jedoch vermag ich in den abstrakten Zeichnungen keines der klassischen Symbole einer der bei Wikipedia gelisteten Ausführungen erkennen. An der verspielten Ornamentik und den Farben kann ich mich dennoch erfreuen.

PS: Keine zwei Stunden nachdem ich diesen Beitrag abgefasst habe, schaue ich "Jeopardy!", und da wird zufällig gefragt, mit welchem Staat Indien 1967 eine militärische Auseinandersetzung an der Grenze seines Protektorats Sikkim hatte. Es war China.

Mittwoch, 8. November 2023

Schrecklicher Verdacht: Steckt der Teufel im Detail?

In irgendeinem Podcast habe ich mal eine Regel für komisches Schreiben formuliert: "Sei spezifisch!" Es ist meiner Meinung nach dem Witz zuträglich, wenn ersponnene Umstände so detailliert wie möglich ausfallen. Schriebe ich beispielsweise eine ausgedachte Homestory über Olaf Scholz, würde ich den Porträtierten nicht einfach das Radio einschalten, sondern ihn eine "Best of Small Faces"-Schallplatte auflegen lassen. Dann könnte sich der Kanzler darüber aufregen, dass es auf die Scheibe auch Songs der Band Faces geschafft haben, die aus den Small Faces hervorgegangen, jedoch objektiv viel lahmer war, aber so sei das nun mal, Kompromisse sind notwendig und so weiter und so fort. Wie lebendig und ungleich witziger die Szenerie wird, wenn man derlei alberne Tupfer setzt! Findet ihr nicht? Finde ich schon.

Eine Passage in der vorvorletzten Ausgabe des YouTube-exklusiven "Late Night with Seth Meyers"-Segments "Corrections" ließ mich allerdings ein wenig umdenken. Es ging darin um einen Witz, der sich um einen behaupteten ankle bone, also einen "Sprunggelenks-" oder "Knöchelknochen" drehte:

A bunch of you said there's no such thing as a human ankle bone. The ankle is a joint made up of three bones: the talus, the tibia and the fibula.
The thing is, there is a risk of being too specific when you tell a joke. I think if you say, you know, "talus" or "tibia" instead of "ankle bone", I would worry that I would be stealing moves from Dennis Miller, the sort of king of specificity. I think he could get away with that. But I want to sort of fall back on "ankle bone", you know.

Das ist ein valider Punkt. Dennis Millers obskure Referenzen und nischige Anspielungen sind ja mittlerweile ihrerseits eine Art Meme. Ich möchte meine Regel insoweit modifizieren: Sei spezifisch, aber nicht zu spezifisch! "Small-Faces-LP" ist gut, "eine Bootleg-Audiokassette von Thunderclap Newman in mono" wäre too much. Es ist ein Drahtseilakt.

Nun könnte man fragen, was ausgerechnet mich dazu befähigt, unaufgefordert Handreichungen für die Produktion von Humor zu geben. Meine Erwiderung darauf wäre: Ich bin ab nächsten Monat Redakteur bei Titanic. Zum zweiten Mal, und erneut by popular vote. Ich bin der Grover Cleveland der Satire. Ihr habt es hier zuerst gelesen.

Montag, 6. November 2023

Der Besserwisser-Riegel

Diesen Karamell-Mandel-Meersalz-Proteinriegel von Be Kind habe ich bereits im Oktober 2017 fotografiert, die (bearbeitete) Bilddatei allerdings erst gestern durch Zufall wiedergefunden.


Der Riegel schmeckte, wenn ich mich richtig erinnere, ganz gut, aber darum geht es nicht. Wie man an der von mir eingezeichneten roten Wellenlinie sieht, fand ich damals das aufgedruckte Werbeversprechen bemerkenswert: "Ingredients you can see & pronounce". Ja, wenn man Englisch als Muttersprache gelernt hat! Die Aussprache des Wortes almond ist, so meine ich doch wohl, ziemlich schwierig. Bestimmt erst mit über 20 habe ich sie verinnerlicht, und bis heute weiß ich nicht, ob der Nachname des Sängers Marc Almond genau so klingt wie die Kerne von Prunus dulcis.

Auf der deutschsprachigen Webseite der zum Mars-Konzern gehörenden Be-Kind-Snacks hat man die markige Aussage entsprechend übersetzt: "zutaten, die man sehen und aussprechen™ kann" (Trademark-Zeichen und Kleinschreibung sic!). Ich wage zu behaupten, dass Chicoreewurzelfasern und Sonnenblumenlecithin nicht nur nicht zu sehen, sondern auch veritable Zungenbrecher sind. In der Sorte "Mit Ahornsirup glasierte Pecannüsse & Meersalz" befindet sich gar etwas namens Fructooligosaccharid. (Putting "tool" in "Fructooligosaccharid", mit schönem Gruß an Salon du Fromage!) Aber ich will nicht mosern, sondern mir den Produktnamen zu Herzen nehmen und nett (kind) sein (be).

Donnerstag, 2. November 2023

Serientagebuch 10/23

04.10. Futurama 8.01
Futurama 8.02
Shining Vale 1.01
05.10. Family Guy 22.01
07.10. Leverage 2.13
Shining Vale 1.02
Shining Vale 1.03
The Simpsons 35.01
Evil 1.01
08.10. Evil 1.02
09.10. Futurama 8.03
Leverage 2.14
The Simpsons 35.02
12.10. Family Guy 22.02
Shining Vale 1.04
13.10. Leverage 2.15
17.10. Shining Vale 1.05
Shining Vale 1.06
18.10. Evil 1.03
19.10. Shining Vale 1.07
Shining Vale 1.08
23.10. Channel Zero 4.01
The Simpsons 35.03
24.10. Futurama 8.04
25.10. Family Guy 22.03
Evil 1.04
26.10. Channel Zero 4.02
31.10. Evil 1.05
Futurama 8.05
Channel Zero 4.03
Channel Zero 4.04

Mit der zweiten Staffel von Leverage ist mir das Fünferteam aus Dieben, Hackern und Betrügern, die in Robin-Hood-Manier für, wie es im Vorspann heißt, Gerechtigkeit (eben leverage) sorgen, richtig ans Herz gewachsen. Die Manöver sind originell, bisweilen meschugge, was mich aber überhaupt nicht stört. Mein Lieblingsplot war der von Episode 4. Ein gieriger Klinik-Investor wird unter Hausarrest gestellt, das von ihm ergaunerte Vermögen befindet sich irgendwo in seinen vier Wänden, und die Leverage-Crew möchte darankommen. Statt nun einen komplizierten Einbruch zu planen, beschließt man, den Finanzhai aus seinem Anwesen zu bewegen, um ungestört nach dem Geld suchen zu können. Jemand, der unter Arrest steht, darf sein "Gefängnis" nur aus wenigen privaten Gründen verlassen, dazu zählen besondere Familienereignisse. Eine Schulaufführung soll es sein (der Abzocker hat einen Sohn im Grundschulalter)! Unter einem Vorwand lockt der Anführer unserer Heldentruppe den Schulleiter nach Afrika, übernimmt, wie auch immer, dessen Posten und stellt seine Komplizen als Lehrkräfte ein, die sich nun den Jungen vornehmen und ihn in eine außerschulische Aktivität zu drängen versuchen. Nachdem die Interessen des Knaben hervorgekitzelt worden sind, wird ein Musical über Lebensmittelchemie auf die Beine gestellt, freilich unter zeitlichem Hochdruck. Dass zwei Mitglieder des Leverage-Teams währenddessen bei einer heimlichen Erkundung in der Gaunervilla für FBI-Agenten gehalten werden, wird nicht etwa ausgenutzt, um auf direktem Wege an die versteckten Millionen zu gelangen, nein: Der Vater wird anlässlich der Musical-Premiere herausgelassen, die Kohle wird der geprellten Krankenhausleiterin zugeführt, und nebenbei entdeckt der Sohnemann seine kreative Ader.
Love it!

Über Shining Vale habe ich eine Humorkritik geschrieben, die in der nächsten Ausgabe der Titanic erscheinen wird. Verzeiht mir, dass ich mich ein einziges Mal dafür entschieden habe, etwas, das ich ohnehin geschrieben hätte, zu Geld zu machen! So viel kann ich vorwegnehmen: Ich war von dieser Horror-Dramedy mehr angetan als erwartet.

Dienstag, 31. Oktober 2023

Betr.: Franchises, Inhaltsstoffe, Meißen, Karussells

Ich habe eine Meinung: Popkultur-Franchises sollten nicht länger als für die Dauer einer Menschengeneration ausgewalzt werden. Stell dir vor, du warst 1982, als die Sitcom "Cheers" startete, bereits 40 Jahre alt. Dann bist du jetzt, wo das Spin-off "Frasier" ein Revival erhalten hat, ein veritabler Greis. Oder gar schon verstorben. Traurig.
Bei "Doctor Who" ist es natürlich noch krasser, die Serie feiert nächsten Monat ihr 60-jähriges Jubiläum. Wie viele, die von Anfang an dabei waren, werden das wohl noch miterleben? (Nun ja, zumindest eine Person fällt mir ein, die sogar in der allerersten wie auch der zuallerletzt ausgestrahlten Episode mitgespielt hat.) "Doctor Who" mag ein Sonderfall sein, weil es da einen deutlichen "Bruch" aufgrund der (TV-)Pause von 1989 bis 2005 gibt, wobei natürlich nicht wenige Fans existieren, die sowohl die alte als auch die neue Serie kennen und goutieren. Nein, halt, schlechtes Beispiel: Die Pause von "Frasier" war viel länger, die Finalfolge des Ur-Installments wurde im Mai 2004 ausgestrahlt. Das ist mal ein "Bruch"! Gute Güte.
Jedenfalls möchte ich nicht, dass beispielsweise "Star Wars" noch nach meinem Tode weitererzählt wird. Ich will nichts verpassen.

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Für Shampoos mit ungewöhnlichen Zusätzen habe ich nach wie vor ein Faible. Neuerdings fällt mir auf, dass der 08/15-Bestandteil Kokos gerne mit Jojoba-Öl kombiniert wird. Ich weiß nicht mal, was das ist. Mein aktuelles Haarwaschmittel (aus der stets feinen Garnier-Reihe) ist mit Banane. Das Abgefahrenste, was ich mir zuletzt in die Haare geschmiert habe, war Shampoo von Syoss mit violettem Reis. Dabei handelt es sich offenbar um ein neues Superfood. Fit for Fun wusste bereits 2019 zu berichten, dass die lila Variante "reichlich Anthocyane" enthält, "das sind pflanzliche Antioxidantien. Diese verleihen dem Reis – wie auch Himbeeren, Heidelbeeren, Rotkohl und Auberginen – ihre natürliche dunkle Färbung. Die Pflanzenfarbstoffe schützen zudem vor freien Radikalen und somit vor vorzeitiger Alterung, stärken die körpereigenen Abwehrkräfte und fördern die Sehkraft. Der hohe Gehalt an essentiellen Nähr- und Mineralstoffen in lila Reis ist sogar wissenschaftlich belegt." Und das kann unser Kopf freilich gebrauchen.

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Erst dieses Jahr habe ich gelernt, dass die seit 1885 unveränderte Verpackungsgestaltung von Lyle & Sons' Golden Syrup offiziell als "world's oldest branding" gilt. Letzte Woche jedoch erfuhr ich in der Meissener Porzellanmanufaktur dies: "Die blauen gekreuzten Schwerter wurden 1722 erstmals zur Kennzeichnung von Meissener Porzellan verwendet. Sie sind die älteste, ununterbrochen verwendete Marke der Welt."
Na gut, es gibt womöglich einen Unterschied zwischen einer Markenkennzeichnung und einem branding, der mir nicht bekannt ist. Geht man aber von einem Logo im weitesten Sinne aus, gewinnt das Weiße Gold aus Meißen.
Das wäre übrigens mit Fug mindestens 125.000 Euro bei "Wer wird Millionär?" wert: die Antwort auf die Frage, wie es offiziell heißt – A) Meißener, B) Meißner, C) Meissener oder D) Meissner Porzellan.

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Man braucht sich über die katastrophalen Defizite "unserer" Kinder in den Bereichen Lesen und Schreiben nicht zu wundern, wenn die Erwachsenen mit so schlechtem Beispiel vorangehen. Nach der Schreibung von Karussell wurde, apropos, auch mal bei "Wer wird Millionär?" gefragt, für mindestens 8000 Euro, soweit ich mich erinnere.
Mensch, gerade in Frankfurt sollte das Wort doch sitzen. Lernt man hier nicht schon im Kindergarten den Badesalz-Klassiker "Das Leben ist ein Karussell" kennen?

Sonntag, 29. Oktober 2023

Es ist Herbts

Mich erstaunt, dass ich in diesem Blog noch nie etwas über das zuverlässig halbjährlich von der Presse dankbar aufgewärmte Thema Zeitumstellung geschrieben habe! Im Eintrag vom 28. März 2011 in meinem alten Blog findet sich der letzte und wie's scheint einzige Vermerk dazu:

Nach Jahren der Ratlosigkeit habe ich vor kurzem einen Spruch kennen gelernt, mit dem ich mir endlich merken kann, wann man die Zeit eine Stunde vor und wann zurück stellt:
Frühling: englisch spring --> spring forward, Herbst: fall --> fall back.
Hilfreich für alle, die keine Zeitung lesen, nicht ins Internet gucken, kein Radio hören, kein Handy oder keinen Computer mit automatischer Zeitanpassung besitzen und keinerlei Smalltalk betreiben. Meine innere Uhr hat sich gestern leider aus Versehen eine Stunde zurück gestellt, so dass ich heute schon um 06 Uhr 15 aufgewacht bin.

Heute wurde planmäßig die Winterzeit eingeläutet, und die Uhrenumstellung in meiner Wohnung vollzog sich ohne viel Federlesens. Ich habe die Eselsbrücke verinnerlicht, beherrsche die Regel im Schlaf.

Warum eigentlich fall einerseits, andererseits autumn? Beides sind bekanntlich englische Bezeichnungen für die dritte Jahreszeit, und zwar, wie Merriam-Webster anmerkt, "used interchangeably". Freilich dominiert fall im amerikanischen Englisch. Wegen der Allgegenwärtigkeit von US-Medien ist man derart an fall gewöhnt, dass ich neulich gehörig stutzte, als ich in dem im Großraum Boston spielenden Roman "Moonlight Mile" von Dennis Lehane das Wort autumn las.

Fakt ist: autumn (von lat. autumnus mit unklarer Bedeutung) schlich sich im 14. Jahrhundert in den englischen Wortschatz und ersetzte das bisher verwendete Wort harvest, welches mit dem deutschen Herbst verwandt ist. Dass autumn dankbar aufgenommen wurde, verdankte sich der offenbar Verwirrung stiftenden Doppeldeutigkeit von harvest als Jahreszeit und als Vorgang der Ernte. Im 17. Jahrhundert tauchte dann fall auf, als Verkürzung von fall of the leaves, dem "Fallen der Blätter". Wie es von da an in Großbritannien und in Nordamerika jeweils weiterging, kann im Merriam-Webster-Artikel nachvollzogen werden.

Das genannte Lehane-Buch ist übrigens eine Wucht. Lehanes Kenzie-und-Gennaro-Privatermittler-Krimis hatte ich in den Nullerjahren gelesen ("Gone Baby Gone" dürfte durch Ben Afflecks 2007er Verfilmung am bekanntesten sein), ebenso "Mystic River", "Shutter Island" und den Kurzgeschichtenband "Coronado". Danach hatte ich den Autor irgendwie aus den Augen verloren (staunte nur kurz, als ich seinen Namen als Drehbuch-Credit bei einer Folge von "Boardwalk Empire" entdeckte) und daher nicht mitbekommen, dass 2010 mit "Moonlight Mile", über zehn Jahre nach dem letzten, ein neuer Kenzie-und-Gennaro-Teil erschienen war. Ich hatte völlig vergessen, wie packend, lebendig und gediegen dieser Mann schreibt, jetzt mag ich den Schmöker gar nicht mehr weglegen. Eine taugliche Herbst-, von mir aus auch Strandlektüre!

Freitag, 27. Oktober 2023

Aus meinem Einkaufsnotizbuch

21. April 2023. Zwei Beobachtungen im Tegut

1. Das Barbara-Rütting-Brot heißt nicht mehr Barbara-Rütting-Brot, sondern "Bio Gewürz Brot" [klein gedruckt] "nach Barbara Rütting", und ihr Konterfei wurde vollständig von der Packung entfernt. Ja ja, so wird dein Andenken getilgt, kaum biste unter der Erde! Oder will sich die Firma Pema von den Grünen distanzieren? Dann hat sich's wohl mit "Daniel Cohn-Bendits Pausenbrot für Kinder" ... Ich habe das Brot jedenfalls mitgenommen, weil es im Angebot war. Auf dem Nachhauseweg fiel mir dann ein, dass das gar nicht mal so gut schmeckt.
2. Unter der Avocado-Auslage in der notorisch miesen Obst- und Gemüseabteilung war auf einem Schildchen die Herkunftsangabe "Kolumbien und Südafrika" durchgestrichen und mit "Sambia" ersetzt worden. So viel Transparenz lobe ich mir. Gut fürs Gewissen ist es auch, denn die Lieferwege aus Kolumbien resp. Südafrika sind ja Wahnsinn, während Sambia praktisch um die Ecke liegt.

(Offenlegung: Ich führe nicht wirklich ein Einkaufsnotizbuch)

Mittwoch, 25. Oktober 2023

TITANIC vor zehn Jahren: 11/2013

Dass es diesmal bittersüß werden würde, kündigte ich in der vergangenen Folge an. Dahinter steckt, dass das Novemberheft 2013 die letzte Ausgabe der Ära Fischer ist. Seufz.


An diesem Titel – der zugleich den Beginn einer langen, alsbald äußerst ermüdenden Ära, nämlich jener der Satire zur sog. Flüchtlingskrise, einläutet – saßen Tom Hintner, Leo Fischer und ich bis zur buchstäblich letzten Minute. Es war Blaupausen-Mittwoch, alles war fertig, nur die Titelseite, auf welche die Druckerei hufenscharrend wartete, wollte nicht so recht gelingen. Es wurde immer später, es floss reichlich Abschiedsbier, und ein Titel-Gag nach dem anderen wurde verworfen (eine Wildwasserbahn als Fluchtroute, uff). Schließlich verließen wir uns auf die Kanzlerin als Lückenbüßerin, womit dies das vierte Merkel-Cover in Folge wurde (was freilich nix ist im Vergleich zu 1992, dem 8-Kohl-Titel-Jahr, in welchem es sogar einen Fünfer-Streak gab). Ich finde den Witz bis heute gelungen.

Dieses Heft markiert auch einen weiteren Schlussstrich: Das letzte "politische Gedicht" erschien darin (bis die Rubrik von Moritz Hürtgen wieder re-installiert wurde). Mir fiel die Ehre zu, es zu verfassen und zugleich eine andere Institution zu verabschieden.


Wie bereits angedeutet: Das Schicksal der (afrikanischen) Refugees und der Umgang speziell Deutschlands mit ihnen beschäftigte die hiesigen Medien und, als mittelbare Folge, satirisch arbeitende Redaktionen ab Ende 2013 eine gefühlte Ewigkeit lang (und tut es, während ich dies schreibe, erneut!). Der erste größere Artikel (S. 26-29) stammte von Tim Wolff und Stephan Rürup und griff den Diskurs in wohltuend titanischster Weise auf. "Es ist eine 'Schande' (Papst Franziskus): Statt wie von der Natur vorgesehen in ihren Bürgerkriegen und Hungersnöten zu sterben, lassen sich immer mehr Afrikaner an unseren schönen Mittelmeerstränden anschwemmen. Dabei ist Todesangst doch kein Grund, gleich ins friedliche und satte Europa zu flüchten".


Unter den weichen Themen in jenem heißen Herbst findet sich ein saisonales, präsentiert auf der Doppelseite 34/35 (dem Posterplatz!) von zweien meiner All-time-Lieblingsmenschen:


Mit Jungredakteur und -poet Hürtgen nimmt nun auch Lyrik wieder einen prominenteren Platz ein. Auf S. 38f.: Grußworte des Bundespräsidenten, die er in die Goldenen Bücher des Landes eingetragen hat (dem ergiebigen Fotomaterial nach eine von Gaucks bedeutendsten Beschäftigungen).


Wie es der Zufall so will, habe ich just heute für eine TITANIC-Seite die Karriere Bernd Luckes recherchiert. Seine Allianz ALFA gibt es ja gar nicht mehr, und aus deren Nachfolgerin "Liberal-Konservative Reformer" ist dieses Jahr die Partei "Wir Bürger" geworden. 2013 jedenfalls war der AfD-Gründer in aller Munde, nachdem er den Einzug seiner Partei in den Bundestag haarscharf verpasst hatte, einer Partei, deren Programm ausweislich Michael Ziegelwagners Portrait "Lucky Bernd Lucke" damals noch als nahezu monothematisch galt.
"Der Professor für Eurokritik an der Uni Deppendorf ist keineswegs nur ein Zahlenmensch: Aus steuerlichen Gründen hat er eine Frau geheiratet, Dorothea, die ebenfalls in der AfD engagiert ist. Den Parteinachwuchs organisieren die Söhne Mark, Marko, Hans-Pfennig und Teurobert. [...] Ist die AfD eine Ein-Themen-Partei, besessen vom Fetisch D-Mark? 'Quatscho. Wir haben auch jede Menge Ideen zur Kulturpolitik.' Lucke schwärmt: 'Kunst ist nämlich eine topsichere Anlageform! Vor allem Bilder von Marc Chagall, Franz Marc, Marie Marcks und Mark Rothko.'"


Weiteres Notierenswertes
- Die Juxerei um Daniel Kehlmanns sichtbare Gewichtsabnahme (s. 10/13) geht weiter, wir initiierten den Wettbewerb "Ein neuer Name für Daniel Kehlmann", bei dem es als Hauptpreis eine (teure!) Nomos-Armbanduhr (s. 6/13) und als zweiten Preis die extrem nervig zur vollen Stunde zwitschernde Vogeluhr "von der Bürowand des scheidenden Chefredakteurs" zu gewinnen gab. Und wer jetzt maulend Fatshaming anmahnt, sei daran erinnert, dass "der dicke Kehlmann" nie krankhaft adipös, sondern allenfalls niedlich-pummelig war und außerdem Daniel fucking Kehlmann ist. Der Mann durfte letzte Woche Salman Rushdie laudieren und schwimmt in Literaturpreisen; he's doing fine, der hält das aus.
- Das Protokoll des Shutdowns in den USA – das war damals noch etwas ganz Besonderes –, das Leo und ich zusammenfabulierten, ist eines der wahnsinnigsten Produkte unserer Zusammenarbeit, enthält aber leider ärgerliche Tippfehler. Trotzdem eine vergnügliche Lektüre, if I may say so myself. "6. Oktober. Obama hat heute die Zahlungen für die Realitätsstabilisatoren an der Westküste eingestellt. Schon jetzt beginnen einige Naturkonstanten zu verschwimmen. Erste Schulen haben bereits das metrische System eingeführt, und in einer Wendy's-Filiale wurde erstmals seit 200 Jahren wieder mit Bargeld bezahlt." (S. 30-32)
- Für einen kleinen internen Skandal sorgte der "Letzte Mensch" über ... Robert Gernhardt. Das Interview "Der lustigste Mann der Welt packt aus", in welchem der beachtliche Reibach, den Gernhardts Schaffen (bis heute) generiert(e) und gegen den der Altmeister überliefertermaßen und verständlicherweise nie etwas einzuwenden hatte, verhandelte, kam bei einigen Vertreterinnen und Vertretern der TITANIC-Gründungsgeneration gar nicht gut an. Gallige Briefe von Autor(inn)en, von denen man jahrelang nichts gehört hatte und die das Heft gefühlt seit ihrem Ausschied nie mehr angerührt hatten, erreichten die Redaktion, die den im Grunde lieb gemeinten Quatsch, der Gernhardt vermutlich kaum gekränkt hätte, geschlossen verteidigte.
"Schlußfrage: Schenken Sie uns eine Lebensweisheit.
Geschenkt? Geschenkt gibt's den Tod. Und jetzt tschüs, habe so einen beschissenen Termin am Landgericht. Sie kennen das ja: Meine Mieter wollen die Kakerlaken raus, ich will die Mieter raus. Wem ich da wieder die Kniescheibe brechen lassen muß, ich will's gar nicht wissen ..."
Hahahaha!

Schlussgedanke
Ein glorioser Schwanengesang, ein herbstlich-stimmungsvoller Kürbis gefüllt mit beißendem Spott und beschwingten Schnurren. Next time: Neustart.

Montag, 23. Oktober 2023

Die südwestdeutsche Beinkleid-Provokation

Vor ein paar Wochen stieg ich irgendwo zwischen Koblenz und Mainz in eine sehr volle Regionalbahn. Lediglich ein Viererplatz war noch zu drei Vierteln frei: Ein Mann, gar nicht mal allzu desolat wirkend, hing isoliert in seinem Sessel. Ich hatte sofort die Eingebung: 'Hm, wenn die ganzen Passagiere hier lieber stehen als sich neben oder gegenüber diesem Kerl niederzulassen, muss irgendwas an ihm unangenehm sein.'
Zum Glück befand sich ein paar Reihen weiter doch noch eine Sitzgelegenheit für mich. Von dort aus konnte ich, da ich rückwärts fuhr, erkennen, was mit dem bärtigen, mittelalten, vorwärts fahrenden Mann nicht stimmte: Im Schritt seiner dünnen Stoffhose klaffte ein gewaltiges Loch und gewährte mangels darunter getragener Wäsche großzügigen Einblick in seinen Intimbereich. Diese subtile Form von Exhibitionismus fiel freilich auch anderen Mitreisenden auf, darunter einem älteren Wanderer vor mir, der den Freischwinger-Zausel alsbald in breitestem Pfälzisch zusammenstauchte: "Setz dich ordentlich hin ... Ich ruf die Polizei ... Ich lass dich aus dem Zug werfen ... so wie du aussiehst!" Diese Worte missfielen nun wiederum einer dem derart Beschimpften abgewandt hockenden Frau, Typ Waldorf-Pädagogin: "Niemand soll für sein Aussehen bloßgestellt werden!" Darauf der Pfälzer energisch: "Aber der hat ein Loch in der Hose! Man sieht den Schwanz und die Eier!"
Das machte mich schmunzeln. Der Zerschlissene setzte seine Füße auf den Boden und rückte seine Knie zusammen, dabei sagte er kein Wort.

Sonntag, 22. Oktober 2023

Schnelles "Porn"-Update

Nach rund anderthalb Jahren, in denen ich nicht mehr an das offenbar im Abflauen begriffene Phänomen gedacht hatte, sah ich auf der Frankfurter Buchmesse, am Stand des mir bis dahin unbekannten, aber sehr schöne Coffee-Table-Books herausbringenden Verlags Gestalten, das hier: