Freitag, 25. September 2026

Meine Deutschland-Bustour 2024 (8)

Tag 8 || Göttingen – Uslar – Holzminden – Hameln – Bad Münder – Springe – Hannover

Gestern wieder gemerkt, wie billig Kassel im Vergleich zu Frankfurt ist. Ich aß eine Falafeltasche für 4,- € (das ist nicht mal ein halber Döner!). Bei strömendem Regen kam ich wenig später in Hann. Münden an und verkroch mich sogleich in meinem winzigen Zimmer in einem rustikal-gemütlichen Fachwerk-Gasthaus. Fairer Preis, Frühstück inbegriffen.

Heute morgen bei fortgesetztem Niederschlag erst nach Göttingen, dann nach Uslar, wo ich einen längeren Aufenthalt hatte, den ich sehr genoss. Leider waren die zahlreich vorhandenen Bänke allesamt nass, so dass ich mein Vesper – das inzwischen reichlich uncrispe FinnCrisp mit Räucherkäse von gestern – im Haltestellenwartehäuschen einnahm. Ich kam mir vor wie ein Landstreicher – herrlich, so wurde ich mal wieder geerdet.

Bodenständig in seiner direkten Ruppigkeit und mir dadurch sympathisch ist auch das hiesige Landvolk, das mir wie ein stolzer Gegenentwurf zum steifen, betont fein artikulierenden Welfengezücht erscheint. Eine Kioskdame antwortete, als ich sie nach WC-Benutzung fragte, schlicht: "Pipi?" Eine Frau im Bus zischte einem Schuljungen, der einen Ball in den Händen hielt, zu: "Wenn du den hier durchschmeißt, bist du erledigt, du Pfeife!", und der Fahrer des Busses nach Holzminden (der aussah wie Patrick Stewart) schrie, als ein paar Kinder sich beim Aussteigen zu viel Zeit ließen: "Wird's bald?!"

Nach Hameln und Bad Münder verschlug es mich nach Springe. Da soll es ein Wisentgehege geben. Jetzt aber auf nach Hannover, hurra. *das Niedersachsenlied anstimm*

Hübscher Ort trotz Namen mit ekligen Assoziationen: Uslar. Das Bernsteinzimmer wurde hier schon vermutet. In Uslar habe ich auch den bislang letzten Maibaum (von bescheidener Höhe) gesehen.

In Uslar gibt's sogar einen Offenen Spieleschrank.

Stoff für eure Träume.

Die Weser und zwei Gewesene.

Hameln nennt sich ganz offiziell "Rattenfängerstadt". Warum nennt man den Rattenfänger von Hameln eigentlich so und nicht "Kindesentführer von Hameln"? Das ist, als wäre der Kannibale von Rotenburg als "der IT-Techniker von Rotenburg" bekannt. Das hessische Rotenburg ist übrigens nicht zu verwechseln mit Rohtenburg (Tauber) und Rothenburg ob der Wümme. Letzteres ist mein morgiges Ziel.

Donnerstag, 24. September 2026

Meine Deutschland-Bustour 2024 (7)

Tag 7 || Kaltennordheim – Dermbach – Bad Salzungen – Eisenach – Eschwege – Kassel – Hann. Münden

Kurzer Schreck in Kaltennordheim: Bei dem Bus nach Dermbach handelt es sich um ein Anruflinientaxi! Gottlob stand eins da, denn zwei andere Passagierinnen hatten es bestellt. Die Fahrerin ließ mich trotz meiner versäumten Voranmeldung in ihren Minibus einsteigen und gab mir sogar nette Tipps für den Anschluss nach Bad Salzungen.

"Deutschlands grüne Lunge" zwischen Thüringer Wald und Rhön wird ihrem Spitznamen gerecht, allein das bescheidene Wetter trübt den Naturgenuss heute. Mittagessen: FinnCrisp mit Belag, dazu eine Banane und eine kleine Tüte Beeren-Nuss-Mischung. Nach Eisenach geht es über Um-, nein: Eschwege und Kassel nach Hann. Münden. Um 21 Uhr muss ich noch an einem Online-Quizturnier teilnehmen; das WLAN spielt mit.

Morgen dann 8.25 Abfahrt gen Hannover! Diese Verbindung habe ich nicht dem DB-Navigator entlockt, sondern mithilfe des nutzerfreundlichen "FahrPlaners" des VBN ermittelt. Wie es danach weitergehen soll – keine Ahnung.

Alles in allem geht's mir gut, mein Körper ist noch kein Wrack, was womöglich der regelmäßigen Morgengymnastik zu verdanken ist.




Mittwoch, 23. September 2026

Meine Deutschland-Bustour 2024 (6)

Tag 6 || Volkach – Schweinfurt – Bad Königshofen i. Grabfeld – Römhild – Meiningen

Schlecht geschlafen. Unruhe, Ohrensausen, komische Träume. Am chaotischen Würzburger Busbahnhof eine Viertelstunde meinen Bus gesucht.

Erster Halt Volkach, wo ich bezüglich des fränkischen Menschentypus eines besseren belehrt werde: Eine Busfahrerin steigt aus ihrem Gefährt aus, fragt mich freundlich, wo ich hinwill, klärt mich auf, dass der Ferienfahrplan noch gilt (Was haben die in Bayern eigentlich für ewig lange Ferien?): "Sie müssen gut aufpassen – ich kann Sie auch nach Kitzingen mitnehmen." Doch ich muss nach Schweinfurt, wo ich im etwas tristen Bahnhofsgebäude ein Eier-Ciabatta erstehe. Standard Bahnhofsfressen, genau das wollte ich vermeiden! Schmeckte aber okay.

Bad Königshofen und, tadaa!, plötzlich bin ich im Osten (Hildburghausen). Dann noch Römhild und schließlich Meiningen, wo ich der Lokalpresse ein (von mir selbst arrangiertes) Interview gebe.

Meine Laune hebt sich: Diese theaterhistorisch bedeutsame Mittelstadt im umgrünten Schoß der Werra ist in der Tat zauberhaft. (Ich hatte vorher meine Follower um Rat gefragt, ob ich über Fulda oder Meiningen fahren solle, und fast einstimmig wurde für Letzteres gestimmt.) Gestern war nur noch eine einzige, hochpreisige Unterkunft verfügbar, die viel zu groß für mich ist, in der aber eine gratis Flasche Wein auf mich wartete – die ebenfalls zu groß für mich ist. Zwei Gläser gönne ich mir gleichwohl, zu feinster Mirácoli-Alternative von Norma.

Morgen reise ich ins mystische Hann. Münden. In Hessen möchte ich nicht enden, da am Donnerstag Fronleichnam ist und dort also der Feiertagstakt greift.

(Dieser Beitrag wurde der Abwechslung halber im Präsens geschrieben.)







Dienstag, 22. September 2026

Meine Deutschland-Bustour 2024 (5)

Tag 5 || Gaildorf – Schwäbisch Hall – Künzelsau – Bad Mergentheim – Tauberbischofsheim – Würzburg

Zu loben ist der Nahverkehr Hohenlohe (NVH), dessen Busse WLAN und an jedem Fensterplatz USB-Ladebuchsen bereithalten. 

Doch zunächst fuhr ich über Gaildorf nach Schwäbisch Hall, ein irreführender Ortsname, denn es gehört, wie ich dem Internet entnahm, zu Franken! Das erklärte auch, warum die Brezel, die ich dort kaufte, nur so mittel schmeckte. Dass ich mich in Franken befand, wurde mir vollends angesichts des hiesigen Menschenschlags klar: Nachdem mein RMV-Deutschlandticket bisher bei jedem Einstieg freundlich abgenickt bzw. gar nicht erst in Augenschein genommen worden war, pflaumte mich der Busfahrer in Bad Mergentheim an, dass dieses nicht gelte. "Das können Sie in Ihrem Wasweißichverbund da oben zeigen, aber ich hab kein Lesegerät dafür! Ja, da gucken Sie. Viele Worte, kein Sinn, oder was?" Er ließ mich nach kurzem Hin und Her dann doch nach hinten durch. 

Herrlich, und nach dem bayerischen Franken, wo ich jetzt bin (Würzburg, im urigsten Gasthof bisher), werde ich mich auch noch in den fränkischen Teil Thüringens wagen! Zum ersten Mal war deshalb heute ein Feierabendbier fällig, in Tauberbischofsheim, unter einem weiteren schwindelerregend hohen Maibaum.

Nach Digdad zu Bedd.

Künzelsau

Unten ist ein Restaurant drin, wo man die Wahl hat zwischen Fleisch, Fleisch und Fleisch. Wie "gut", dass ich vorher eh an der Haltestelle in Lauda einen Bulgursalat von Penny schnabuliert hatte.


Braukunst beherrschen sie ja.

Montag, 21. September 2026

Meine Deutschland-Bustour 2024 (4)

Tag 4 || Geislingen an der Steige – Süßen – Wißgoldingen (Waldstetten) – Schwäbisch Gmünd

Dafür, dass heute Sonntag ist, konnte ich ordentlich Kilometer machen. Ein wenig länger schlafen war dennoch drin. 

Nach zwei Kilometern Fußmarsch zum Bahnhof (unnötigerweise, denn der Bus wäre auch durch die Dorfmitte gekommen) ging es in der seltsam riechenden 350 nach Geislingen an der Steige, mit der 951 nach Süßen und mit der 971 nach Wißgoldingen, wo ich den bisher irrsten Maibaum von allen vorfand. 

"Zwischen Merklingen und Geislingen verliert sich seine Spur" ist ein Satz, wie man ihn bei "Aktenzeichen XY" hören könnte … Aber ich schlug mich durch bis ins nachgerade unverschämt pittoreske Schwäbisch Gmünd, für das mir K. lieberweise ein Zimmer im besten Haus am Platz spendiert hatte. Weil es erst kurz nach 15 Uhr war, blieb mir ausreichend Zeit für Stadtrundgang und Waldbaden. Je höher man zum sog. Himmelsgarten steigt, desto mehr gibt's zu entdecken: ein Hochseilgarten und eine Murmelbahn und ein Kreuzweg und Dinosaurier und ein Holzlehrpfad und ein Wasserfall und [hüpft wie im Zuckerrausch durchs Zimmer und fällt schließlich ohnmächtig ins Bett]




Sonntag, 20. September 2026

Meine Deutschland-Bustour 2024 (3)

Tag 3 || Babenhausen (Schwaben) – Memmingen – Biberach – Riedlingen – Münsingen – Merklingen

Von Mindelheim kutschierte mich (und zwei weitere Passagiere) ein süßer 9er-Bus nach Babenhausen, welches, um nicht mit dem gleichnamigen Ort in Hessen verwechselt zu werden, "Babenhausen (Schwaben)" genannt wird. Eine Umbenennung in "Schwabenhausen" böte sich an.

Nach einer ernüchternden Fahrt in die Flughafenstadt Memmingen rollte ich gut eineinhalb Stunden, während derer mir mehrmals die Augen zufielen, gen Biberach, von dort nach Riedlingen, weiter nach Münsingen und zuletzt nach Merklingen, welches nicht als Highlight meiner Reise in Erinnerung bleiben dürfte. Immerhin gibt es hier einen Netto, der bis 21 Uhr auf hat – daran merkt man, dass man sich nicht mehr in Bayern mit seinem mittelalterlichen Ladenschlussgesetz befindet.

Weil ich kein Besteck, geschweige denn eine Erhitzungsmöglichkeit habe und Snacktheke sowie Backbereich im Netto nahezu leer waren, fiel mein Abendessen äußerst spartanisch aus.

Morgen steht eine relativ entspannte Tour an, Tagesziel ist Schwäbisch Gmünd.

Ein Großraumtaxi als Bus. Rechts unser aramäischer Fahrer Ibrahim.

Das Fuggerschloss in Babenhausen. Davor ein Maibaum, bei weitem nicht der höchste, den ich heute gesehen habe. Die spinnen! In der Nähe habe ich gefrühstückt.

Man erkennt es kaum auf dem Foto, aber da war ein Regenbogen!

Memmingen. Find's ja unangemessen, sich nach einem Katastrophendampfer zu benennen, aber müssense selber wissen …

Samstag, 19. September 2026

Meine Deutschland-Bustour 2024 (2)

Tag 2 || Wertach [– Oy-Mittelberg] – Gschwend (Nesselwang) – Kempten – Obergünzburg – Kaufbeuren – Mindelheim

Nach einem opulenten Frühstück der erste Dämpfer: Die schöne Verbindung nach Memmingen, die ich vorgestern rausgesucht hatte, bot mir der DB-Navigator heute nicht mehr an. "Fahrplanwechsel! Der neue Plan ist noch nirgendwo bekannt, nur auf diesem Aushang steht der", erklärte mir eine Busfahrerin.

Die Alternative über Wertach erwies sich als blessing in disguise, denn erstens ist die Route traumhaft, zweitens konnte ich so noch Deutschlands höchstgelegene Bergdorfhaltestelle mitnehmen (Oberjoch). Ein Teil der Strecke führte bizarrerweise durch Österreich, was keinen Verstoß gegen die Regeln meiner Challenge darstellte!

Auf die Busse zwischen Wertach und Oy-Mittelberg hätte ich so lange warten müssen, dass ich die 7 km spontan zu Fuß zurücklegte. Dass ich zuletzt mit rund zwölf Kilogramm auf dem Rücken wandern war, ist auch schon wieder zehn Jahre her. Doch es ging. Geschlaucht bin ich nun trotzdem reichlich, vor allem natürlich vom alpinen Busfahren.

Via Gschwend, Kempten und Obergünzburg, wo heute Wochenmarkt war, ging es schließlich nach Mindelheim. Im hiesigen Dönerladen gab es etwas, das sich "Seele" nannte. Ich dachte immer, das seien Brötchen (?). Morgen um diese Zeit bin in Ulm. So Gott will.




Freitag, 18. September 2026

Meine Deutschland-Bustour 2024 (1)

Tag 1 || Oberstdorf – Sonthofen

Die erste Etappe ist geschafft! Sie war nur kurz, da ich ja erst mal von Frankfurt nach Oberstdorf fahren musste (mit dem Zug). Der Bus der Linie 45 fuhr pünktlich ab und war mollig warm – Note 1.

Das Allgäu ist eine meiner Top-3-Lieblingsregionen Deutschlands. Am liebsten wäre ich direkt zu einer Bergwanderung aufgebrochen, doch Zeit und Schuhwerk erlaubten nur eine Runde um den Sonthofer See. Immerhin! Ich denke, allabendliche Bewegung wird die nächsten Tage noch sehr wichtig werden. Hoffentlich bessert sich die Witterung; in Oberstdorf kam ich heute bei Regen und Donner an.

Vor meinem Hotel befindet sich ein Offener Bücherschrank, gut. Für morgen habe ich Frühstück gebucht. Danach werde ich versuchen, mich bis Kempten durchzuschlagen. Gute Nacht.





Mittwoch, 16. September 2026

Meine Deutschland-Bustour 2024 (Vorrede)

Am 23.5.2024 setzte ich auf Facebook folgenden Post ab:
An diesem 23. Mai möchte ich das kostbarste Dokument würdigen, das unsere Republik hervorgebracht hat: das 49-Euro-Ticket. Mit diesem werde ich in den folgenden Tagen einmal quer oder korrekter: längs durch Deutschland reisen, von der südlichsten Bushaltestelle bis zur nördlichsten – und zwar ausschließlich mit Linienbussen. Dabei wird bestimmt Retro-Feeling aufkommen, denn im deutschen Busnetz herrscht Kleinstaaterei wie zu Urur(...)opas Zeiten. Und vielleicht werde ich dem Volk, kurz vor Fußball-EM und Europawahl, tief in die Seele blicken können. (Hoffentlich nicht.)
Ursprünglich wollte ich aus diesem Unternehmen ein Buch machen, doch es fand sich kein Verlag. Damit meine Tagebucheinträge nicht auf unysmpathischen Social-Media-Plattformen versauern, habe ich mich (mit reichlich Verspätung) entschlossen, sie ab Freitag täglich um 10 Uhr hier im Blog zu veröffentlichen. Literarisch besonders wertvoll mögen sie nicht sein (ich habe sie meist abends in der Unterkunft auf dem Tablet runtergetippt), doch hoffentlich unterhaltsam genug. Auf Facebook und Instagram kamen die Posts jedenfalls erstaunlich gut an. Bevor ich mich von Frankfurt/M. aus, wo ich damals noch wohnte, wobei zu der Zeit bereits Umzugspläne liefen (just in Schwäbisch Gmünd erhielt ich sogar die telefonische Zusage für eine Wohnung in Kronberg, die dann aber aus guten Gründen abgelehnt werden musste) – bevor ich mich also von dort auf den Weg zum südlichsten Zipfel des deutschen Busnetzes machte, war natürlich intensive Recherche und Organisation nötig:


Am Ende kam eine Ochsentour von rund 2500 Kilometern heraus:


Entstanden sind dabei 130 Fotos, von denen ich aber nur jene zeigen werde, die ich damals auch in den sozialen Netzwerken geteilt habe. Der Einfachheit halber habe ich in den kommenden Tagesresümees die jeweiligen Ortsnamen statt die konkreten Haltestellen notiert, die ich pro Etappe genommen habe, außer wenn ich mehrmals innerhalb einer Gemeinde umgestiegen bin. Doppelstriche trennen Tagesetappen, eckige Klammern bedeuten: Diese Strecke bin ich außerplanmäßig gelaufen statt gefahren. Und nun: Bon voyage, godspeed, viel Vergnügen!

Montag, 14. September 2026

Neues Altes (Juli-September '26)

  • Ausgrabungen in Mainz: Minengänge und römische Sarkophage entdeckt (SWR, 24. Juli) Die Minengänge aus dem 18. Jahrhundert gehören zu einer Festungsanlage und dienten der Verteidigung. "Wenn Feinde vor der Festungsmauer lagerten oder angriffen, wurden die Minengänge gesprengt und die Gegner damit abgewehrt." Darüber hinaus fanden sich vier spätrömische Sarkophage, leider leer und teilweise zerstört, vermutlich geplündert.
  • Pharaonentöchter waren im alten Ägypten muskulöse Prinzessinnen (BR24, 25. Juli) Eine Untersuchung an in der Pyramidenanlage von Dahschur gefundenen weiblichen Mumien aus dem Späten Mittleren Reich zeigt: Die (namentlich bekannten) Pharaonentöchter waren "allesamt durchtrainiert, muskulös, versiert im Umgang mit Waffen sowie hart im Nehmen". Die den Prinzessinnen beigegebenen "kunstvoll gefertigte[n] Schwerter, Bögen und Dolche" dürften demnach mehr als "Statussymbol[e], schmückendes Beiwerk, Ritualgegenst[ände]" gewesen sein.
  • 1,4 Millionen Jahre alte Vormenschen-Fußspuren enthüllen Überraschendes (wissenschaft.de, 28. Juli) Das Überraschende: Die acht männlichen Individuen von Paranthropus boisei, eine Spezies, bei der man bisher von einer Größe von 130 bis 162 cm und einem mittleren Körpergewicht von 30 bis 55 kg ausgegangen war, wiesen eine Größe von bis zu 1,80 m und ein Gewicht von ca. 75 kg auf. "Damit waren die Spurenmacher aus Koobi Fora überraschend groß für einen Vormenschen – und mindestens so groß wie der Frühmensch Homo erectus", mit dem die Homininen in Kenia koexistierten.
  • "Fund des Jahres": Forscher finden 40.000 Jahre alte Vogelfiguren in Höhle (SWR, 29. Juli) "Unklar ist: Sind es Schneehühner, Bussarde oder vielleicht doch Auerhühner? Dass die Kunstwerke so filigran sind, macht sie zu einem besonderen Fund. Mit zwei Zentimetern Länge, einem Zentimeter Breite und einem halben Zentimeter Höhe ist der Vogel mit den ausgebreiteten Flügeln das kleinste aller bisher bekannten Eiszeitkunstwerke der Welterberegion." Die Figuren aus der Höhle Hohle Fels sind bis 4.4.2027 im Museum für Urgeschichte und Eiszeitkunst in Blaubeuren zu sehen.
  • Spuren untergegangener Zivilisation in Amazonien entdeckt ("Spiegel online", 30. Juli) Gräben, Hügel, Reste von Dämmen, dazu riesige Geoglyphen: Mit dem Lidar-Verfahren hat ein Forschungsteam im heutigen Brasilien Bauten sichtbar gemacht, die zwischen 600 v. und 850 n. Chr. angelegt wurden und einer Zivilisation zugerechnet werden, die es "Aquiri-Kultur" getauft hat. "Zur Blütezeit dieser Zivilisation, zwischen den Jahren 100 und 300 nach Christus, dürften bis zu drei Millionen Menschen in der Region gelebt haben", die u.a. "Brandrodung betrieben, um Mais, Maniok und Kürbisse anzubauen. Außerdem kultivierten sie Bäume mit essbaren Früchten, etwa Paranussbäume und Pfirsichpalmen".
  • Genanalysen zeigen, dass Pocken aus Europa nach Amerika kamen (Die Zeit, 2. August) "Die durch das Variola-Virus verursachten Pocken spielten eine wesentliche Rolle beim Bevölkerungsrückgang, den die indigenen Völker in Nord-, Mittel- und Südamerika nach der Ankunft der Europäer erlebten." Nun konnte zum ersten Mal ein molekularer Nachweis für das Einschleppen der Krankheit aus Europa erbracht werden. "Das Forschungsteam aus Irland, Chile und Japan hatte nach eigenen Angaben die ersten Pockengenome aus der Kolonialzeit, die in Amerika gewonnen worden waren, analysiert. Es habe dafür zwei mumifizierte Leichen indigener Menschen untersucht, die zwischen dem späten 15. und frühen 17. Jahrhundert im Norden Chiles bestattet worden waren".
  • Neue Hinweise auf Zentralgrab eines 6.000 Jahre alten Großgrabhügels am Kapellenberg bei Hofheim (herder.de, 5. August) "Die neuen Entdeckungen stützen die Annahme, dass der Kapellenberg in engem kulturellen Zusammenhang mit Regionen westlich des Rheins stand. Besonders auffällig sind die Ähnlichkeiten zu frühen monumentalen Grabanlagen im heutigen Nordfrankreich." Der Kapellenberg am Taunus mit seiner heravorragend erhaltenen Wallanlage aus der Zeit von 4100 bis 3600 v. Chr. gilt als einer der "bedeutendsten jungsteinzeitlichen Fundplätz[e] im Rhein-Main-Gebiet".
  • Archäologen finden rätselhafte Grabgruben bei Dachritz (mdr.de, 17. August) Bei Bauarbeiten im Saalekreis wurde eine 4000 Jahre alte Gräbergruppe aus der Glockenbecherkultur mit Überresten von sieben Menschen entdeckt. Die Toten waren offenbar Opfer eines Unfalls geworden, als Beigaben lagen in den drei Gräbern Tassen, Becher und Schalen.
  • Frühmenschen: Südwestchina war ein „Zentrum“ der Denisovaner (scinexx.de, 9. September) "Vier Zähne, zwei Schädelfragmente und ein Teil einer Speiche", gefunden in der Bianfu-Höhle, "belegen Denisovaner dort vor etwa 167.000 bis 134.000 Jahren. Eine der längsten Kulturfolgen, die sich dieser Menschengruppe plausibel zuordnen lässt, reicht von rund 190.000 bis 70.000 Jahren zurück und zeigt Jagd auf größere Tiere, einfache Steintechnik sowie eine intensive Nutzung von Knochen."
  • 18,5 Kilogramm schwer: Mann findet Wikingerschatz im Garten (merkur.de, 11. September) Ein Mann im dänischen Rebild wollte eine Terrasse anlegen und stieß dabei "auf den größten Wikinger-Silberschatz, der jemals in Dänemark gefunden wurde". Die 700 einzelnen Stücke, darunter "Silberbarren, Armreif[e, ...] Münzen", stammen aus dem 10. Jahrhundert und steckten zu einem großen Teil noch in einem Tongefäß.
  • Schon Steinzeit-Sammler konsumierten Drogen (wissenschaft.de, 11. September) ... und zwar Betelnüsse. Diese haben an den Zähnen der 25.000 Jahre alten Skelette zweier Jäger und Sammler auf Sulawesi "tiefe, abgerundete Abnutzungsspuren" hinterlassen, zudem ließ sich im Zahngewebe Arecolin nachweisen, der psychoaktive und schmerzlindernde Inhaltsstoff der Droge.

Samstag, 12. September 2026

Nostalgische Gefühle beim Dateienöffnen

Wie dürfen Dateien auf modernen Betriebssystemen benannt werden? Ich habe ja noch Zeiten erlebt, in denen sich sämtliche Sonderzeichen verboten; und durften Dateinamen nicht eine bestimme Zeichenzahl (ich meine, acht) nicht überschreiten?

Die IT Center University of Cologne hält Empfehlungen für Benennungen von Dateien/Ordnern bereit. Nach wie vor unter Windows nicht erlaubt sind demnach die Zeichen \ / : * ? " <  > und |. Das war mir bekannt. "Erlaubt, aber nicht empfohlen" sind "Umlaute und Leerzeichen. Windows 11 kann mit diesen Zeichen umgehen, Server häufig jedoch nicht, wodurch Fehler auftreten können".

Neulich erhielt ich eine dienstliche E-Mail mit einem angehängten JPG, dessen Dateiname den Buchstaben ä sowie ein Ausrufezeichen enthielt. Ich lud das Bild herunter ... und konnte es nicht anschauen! "Fehler beim Öffnen der Datei", sagte eine Fehlermeldung. Ich bin ein wenig stolz auf mich, dass ich nach wenigen Sekunden von selbst darauf kam, dass die Benennung der Datei schuld daran sein könnte. Ich entfernte zunächst das Ausrufezeichen – die Fehlermeldung kam erneut. Dann tilgte ich den Umlaut, fügte an seiner statt ein a ein und tadaa!, das Bild ließ sich öffnen (mit XnView, meinem Standard-Bildbetrachtungsprogramm). Danach wurde es erratisch. Ich schloss die Datei, ersetzte testweise das a wieder durch ein ä, doch das Bild ließ sich weiterhin öffnen. Klar, auf meiner Festplatte liegen zig andere Files mit ä, ö und/oder ü im Namen, mit denen ich auch nie Probleme hatte. Der Faktor "Mailversand" scheint hier eine Rolle gespielt zu haben. Tiefer mag ich in die Materie nicht einsteigen.

Donnerstag, 10. September 2026

Zu viel Freistaat

Liebes Tagebuch,
heute lag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das donnerstägliche Reiseblatt nicht weniger als sechsmal bei. Die Wartburg, welchem "deutschen Mythenort" der Aufmacher gewidmet ist,* ist ein unbestreitbar empfehlenswertes Ausflugsziel, aber man kann's auch übertreiben!


* Nebensatzkonstruktionen nach diesem interessanten Muster sind mir schon einige (wenige) Male begegnet, und ich möchte meinen, vorwiegend in österreichischen Texten. Ich selbst habe sie noch nie verwendet, denn sie wirken irgendwie falsch, aber heute habe ich mich mal getraut und die konventionelle Langversion Die Wartburg, der "deutsche Mythenort", welchem der Aufmacher gewidmet ist kühn gekürzt. Wenn ich nur wüsste, wonach ich googeln müsste, um eine wissenschaftliche Einordnung/Analyse dieses syntaktischen Sonderfalls zu finden. Dunkel erinnere ich mich, dass im Lateinischen etwas Ähnliches möglich ist. Wer kann helfen?

Zurück zur Wartburg: Steckt womöglich die Thüringer Tourismus GmbH hinter dem heutigen Reisebeilagen-Overflow? Mangelt es der Region zurzeit an Selbstbewusstsein? Für diese Annahme spricht etwas, das ich in derselben Ausgabe der FAZ las: "Die grenznahe Gemeinde Gerstungen im Wartburgkreis ist unzufrieden mit den Bedingungen in Thüringen – und erwägt einen Wechsel nach Hessen." Gründe für die Unzufriedenheit seien vernachlässigte Infrastruktur und "mangelnde Personalausstattung". Falls das Unterfangen durchgeht (und die Hürden dafür sind hoch), wäre das der erste "Umzug" einer Gemeinde in ein anderes Bundesland, den ich erlebe, seit 1993 Amt Neuhaus von Mecklenburg-Vorpommern nach Niedersachsen wechselte! Ich werde den Fall im Auge behalten und über neue Entwicklungen berichten.

Mittwoch, 9. September 2026

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Vier Sommerblockbuster! Drei Filme mit Doppel-o im Titel! Und zwei Musicals!

Zoolander
Wahrscheinlich war ich der letzte Mensch, der Ben Stillers Kultkomödie von 2001 noch nicht gesehen hatte. Der sympathische Regisseur, Co-Autor, Produzent und Hauptdarsteller hat es geschafft, ein so spielfreudiges wie ausgelassenes Ensemble um sich zu scharen, welches so manchen "Hey, it's that guy!"-Moment beschert. Am meisten habe ich mich selbstredend über Will Ferrell in seiner wohl affigsten Rolle (und das will was heißen!) gefreut, aber auch Bens Vater Jerry Stiller als Zoolanders Agent oder David Duchovny waren exzellente Casting-Entscheidungen. Der ein oder andere Witz mag heute lahm bis peinlich wirken, aber in einem Punkt gereicht die Gestrigkeit der Model-Farce zum Vorteil: Die Spielzeit von gerade mal anderthalb Stunden erinnert uns daran, dass Kürze durchaus Kurzweiligkeit zur Folge haben kann (vgl. zuletzt "Die nackte Kanone").

Footloose
Dass es von diesem 1984er Hit vor fünfzehn Jahren ein Remake gab, ist völlig an mir vorbeigegangen. Vermutlich nicht nur an mir, weil: Wer hatte darauf gewartet? "Footloose" ist paradoxerweise sowohl zeitlos als auch in seiner Zeit verhaftet. Das klischeesatte Kleinstadtdrama – man denkt sofort an den fiktiven Feiertagsstreifen in Max Goldts Text "Nein zum Masermontag" – ist die Quintessenz der Rebellische-Jugendliche-gegen-spießige-Erwachsene-Trope, mit einem herausragenden John Lithgow als Verkörperung des christlichen Konservatismus und einem bengelhaften Kevin Bacon als Herzensbrecher und Tanzverbot-Bezwinger. Zudem gibt Sarah Jessica Parker hier ihren Einstand in einer größeren Hollywood-Produktion. Die Musikeinlagen laden zum Mitwippen ein, die Kamera ergötzt sich an der faszinierenden Trostlosigkeit Utahs, und die Stunts (ja, die gibt es) lassen einem das Maul offenstehen.

I'm Chevy Chase and You're Not
Ich habe keinen seiner Griswold-Filme bewusst und in voller Länge gesehen (etwas, das ich in naher Zukunft nachzuholen plane), ich fand ihn als "Weekend Update"-Anchor in der ersten SNL-Season bestenfalls zweckmäßig und in "Community" austauschbar, und generell hat mich nichts von dem, was ich von ihm gesehen habe, übermäßig zum Feixen gebracht; zudem kenne ich die (glaubwürdigen) Erzählungen zahlreicher Kolleginnen und Kollegen, die das Bild eines, mit Verlaub, Arschlochs zeichnen. Kurzum: Chevy Chase ist mir relativ egal. Warum ich mir dieses Porträt dennoch angesehen habe? Weil der verwelkte Beau nun mal eine gewichtige Rolle in der US-amerikanischen Comedy-Geschichte spielte und ich mir faszinierende Einblicke in ebenjene erhoffte. Diese Erwartung wurde erfüllt. Und was soll ich sagen? Für ein paar Sekunden konnte ich sogar ansatzweise Zuneigung und Mitgefühl für den bald 83-Jährigen aufbringen.

Backrooms
Kane Parsons, der kommende Mann im Horror-Game? Das wird sich zeigen. Die abendfüllende Leinwandvariante seiner gleichnamigen Youtube-Reihe ist dem 20-jährigen Videozauberer jedenfalls gelungen. Klar: Die ersten circa zehn Minuten sind das, was man kennt, eine First-Person-Hatz durch die titelgebenden liminalen Räume, die pflichtgemäß gruselig die Prämisse etabliert. Wer nun aber gehofft hat, der Backrooms-Film würde aus nichts Anderem bestehen, wird womöglich enttäuscht. Ich hingegen bin froh, dass er eben nicht das ist, und zwar nicht bloß, weil mir nach spätestens 30 Minuten hektischem Handkameragewackel schlecht geworden wäre. Wie es im Overthinking-It-Podcast treffend hieß: "Backrooms" ist kein Film über die Backrooms, sondern ein Film über Menschen in den Backrooms.
Ich habe mir im Anschluss an diesen (im Kinosaal erlebten) Psychotrip viele Fragen gestellt und wenige Antworten gefunden. Wenn ein Horrormovie das schafft, bin ich zufrieden. Und hege frische Hoffnung für die Zukunft des Genres.

Hängt ihn höher (OT: Hang 'Em High)
Clint Eastwood ist in diesem Werk des mir unbekannten (v.a. TV-)Regisseurs Ted Post gerade mal 37 Jahre alt, hat aber bereits seine final form erreicht. DAS ist der raubeinige, ledrige, mit allen Feuerwassern gewaschene Western-Clint, den wir kennen und lieben, und "Hängt ihn hörer" ist so, wie ein Vertreter dieses Genres zu sein hat, auch wenn er mit 114 Minuten ein wenig zu lang ausfällt. Es geht um Rache, aber nicht um blinde, grundlos blutrünstige. Selbstjustiz wird geächtet, Justiz streng dem Buchstaben nach aber auch. Einiges ist straight-forward, anderes bleibt im Vagen, wird sogar ein wenig unklar eingeführt ('Wer ist diese Bande alter Knacker, die einem unschuldigen Viehhirten an den Kragen will?', fragt man sich in der ersten Viertelstunde). Saloons, Sand, Galgen, Kokotten, was will man mehr? Ein taugliches Nachmittagsvergnügen für den Masermontag. In weiteren Rollen: Dennis Hopper und Ed Begley (der Vater von Ed Begley junior).

Die Odyssee
... habe ich tatsächlich wie vom Meister intendiert auf einer der wenigen IMAX-Leinwände in Deutschland gesehen, im Rahmen einer Pressevorführung. Diese lief so stark reglementiert ab, wie ich es bisher nur vom Hörensagen kannte: Man unterzeichnete eine Erklärung bzgl. eines Rezensions-Embargos, wurde gescannt und abgetastet und musste sämtliche Gegenstände vom Portemonnaie bis zum Schlüsselbund (Handy sowieso) draußenlassen. Immerhin durfte man während des Screenings den Saal verlassen und wiederkehren; das war in meinem Fall nötig: Ein Toilettengang während einer (mutmaßlich unwichtigen) Stelle in diesem Dreistunden-Monstrum ließ sich nicht vermeiden.
Zu dem Epos selbst wurde schon so viel geschrieben und gemeint, dass ich nichts mehr hinzuzufügen habe, außer vielleicht, dass ich von der Ausstattung, den Bauten und den schauspielerischen Leistungen ein wenig unter-, von Benjamin Wallfischs Dröhn-Score dagegen auf unschöne Weise überwältigt war. Die nicht-lineare Erzählweise hätt's nicht gebraucht, aber Nolan ist halt Nolan. Womit es an der Zeit für mein persönliches Ranking aller bisher erschienenen Kinofilme des Regisseurs ist:
1. Interstellar
2. The Dark Knight
3. The Dark Knight Rises
4. Inception
5. Batman Begins
6. Dunkirk
7. The Prestige
8. Tenet
9. Insomnia
10. Die Odyssee
11. Oppenheimer
12. Memento
... aber alle auf hohem Niveau, wobei "The Prestige" und "Tenet" nach einem anzusetzenden Rewatch ggf. nachträglich höher einzustufen sind ("The Following" habe ich nicht gesehen im engeren Sinne, er lief mal in irgendeiner Kiffer-WG als Hintergrundunterhaltung auf einer Party).

The Mandalorian and Grogu
Die einzige Sache, die ich an diesem "Film zur Serie zur Filmreihe" zu bemäkeln habe, ist die sog. dynamic oder shifting aspect ratio, d.h. der Wechsel zwischen 2,39:1- und 1,78:1-Bildverhältnis je nach Szenerie und Action. Sorry, das ständige Hineinschieben und Verschwinden schwarzer Seitenstreifen bringt mich "raus", kratzt mir an der Immersion.
Die sonstigen vielfach angeführten vermeintlichen Schwächen? Sind mir egal! "The Mandalorian and Grogu" mag nur eine aufgeblähte, geradlinige Serienepisode sein, ich habe exakt das erwartet und freue mich über das Ergebnis: ein Stand-alone-Kapitel, bei dem man einfach mal zwei Stunden abschalten kann. Jon Favreau ist kein Wagnis eingegangen, verlässt sich voll und ganz auf die Coolness von Din Djarin und die Putzigkeit von Baby Yoda. Die Schauplätze sehen geschniegelt aus, die Kämpfe und Raumschlachten hauen (wenn auch kindgerecht) rein, der Soundtrack untermalt das opportune Pacing. Halt, einen Kritikpunkt habe ich dann doch noch. Martial Arts praktizierende Hutten? Bitte nicht!

Zeit der Zärtlichkeit (OT: Terms of Endearment)
Fünf Oscar-Gewinne, sechs Oscar-Nominierungen, dazu Golden Globes und manches mehr: James L. Brooks' Melodram von 1983 gehört zu Recht zum Kanon amerikanischer Kinoklassiker. Wen die durch und durch menschliche Familienchronik nicht berührt, wer mit dem feinsinnigen Spagat zwischen Traurigkeit und Komik nichts anfangen kann, der mag wenigstens den hinreißenen Cast zu schätzen wissen: Shirley McLaine, Danny DeVito, Jack Nicholson, Debra Winger, Jeff Daniels und (schon wieder) John Lithgow – wowzers!

A Funny Thing Happened on the Way to the Forum
"Funny" an dieser (oscarprämierten!) Musical-Farce von 1966 ist vor allem, dass ich sie für britisch gehalten hätte, wäre nicht bekannt, dass sie eine US-amerikanische Produktion ist. Allzu unangenehm erinnert sie mit ihren flachen Altherrenwitzchen und der verklemmten Frivolität an die "Carry On"-Reihe. Auf positive Weise mit dieser gemein hat sie allerdings den liebevoll choreographierten Slapstick, der, in einer unvergesslichen Verfolgungsjagd im Finale auf 11 gedreht, dann doch Laune macht. Die – leider quantitativ zurücktretenden – Musiknummern (Bühnenvorlage: Stephen Sondheim) sind ganz eingängig, und gefreut habe ich mich über Jon Pertwee ("Doctor Who") in einer Minirolle.

Balls Up
Hans Mentz hat in einer der letzten Titanics viel gesagt, dem ich zustimme. Wiederguckwert hat "Balls Up" kaum, und hätte ich raten müssen, ich wäre nicht darauf gekommen, dass es sich um eine Peter-Farelly-Komödie handelt (to be fair: Er hat nur Regie geführt, das Script besorgten Paul Wernick und Rhett Reese, immerhin die Köpfe hinter "Deadpool"). Die Hauptfiguren, verkörpert von Mark Wahlberg in allzu vertrautem No-nonsense-Habitus und dem mir noch nie irgend aufgefallenen Paul Walter Hauser, sorgen zwar für ein paar gefällige Buddy-Movie-Momente, sind aber im Wesentlichen Sitcom-Charaktere, die Sitcom-Sätze aufsagen; die große Molly Shannon ist verschenkt, und selbst Lachgarant Sacha Baron Cohen verkommt zu einem "Sacha Baron Cohen, der in Kulissen steht" (Mentz). Dass der Abenteurtrip Schweinigeleien enthält (darunter eine Ekelszene, bei der ich mir die Augen zuhalten musste), die der Amazon-Produktion zunächst eine rare 18er-Freigabe bescherten (inzwischen erfolgte eine Herabstufung auf "Ab 16"), machen "Balls Up" zumindest, nun ja, unvergesslich. Aber "der lustigste Film des Jahres" (SZ)? Nee.

Montag, 7. September 2026

Endlich klare Verhältnisse

Das war ulkig letzte Woche: An einem Tag lese ich in dem hier schon erwähnten Sachbuch "Maphead" von Ken Jennings einen längeren Abschnitt über die Unbilden der Mercator-Projektion, einen Tag darauf verkünden sämtliche Nachrichtenseiten, dass die Vereinten Nationen sich darauf geeinigt haben, fürderhin eine korrigierte, nämlich die Größenrelationen der Landmassen weniger verfälscht abbildende Version der Weltkarte zu verwenden und deren Herstellung zu fördern (oder was auch immer "für eine neue Weltkarte stimmen" konkret bedeutet).

Ich begrüße diesen längst überfälligen Schritt, prognostiziere aber, dass es eine gute Weile dauern wird, bis wir als Menschheit uns an die reformierte Darstellung gewöhnt haben werden. Damit mir die Gewöhnung leichter fällt, habe ich heute ein Plakat mit der "Equal Earth" genannten Welt 2.0 bestellt. Das kann man supererweise kostenlos über die Webseite der Bundesregierung tun, wo es das Poster, das ich in meinem Büro aufzuhängen gedenke, auch als PDF gibt.

Sonntag, 6. September 2026

Stop! Apple time!

Man muss sich ja auch über Kleinigkeiten freuen, beispielsweise über die saisonale Verfügbarkeit bestimmter Öbste. Wir sind nun in die Zeit des Jahres eingetreten, in der wir* nicht nur mit Birnen und Zwetschgen sowie den letzten Beeren verwöhnt werden, sondern vor allem auch mit schmackhaften Äpfeln. (* wir = alle, die Birnen, Zwetschgen, Beeren und Äpfeln lieben) "Neue Ernte" verhieß denn auch am Freitag ein Schild an meinem Lieblingsstand auf dem Königsteiner Wochenmarkt. Knackige Wellant-Äpfel können wieder erstanden werden, daneben weitere, zum Teil ebenfalls allergikergeeignete und nicht minder aromatische Sorten. Ich kaufte ein Säckchen, das ich mit ins Büro nahm. Und wie sie da auf meinem Arbeitsplatz lagen, verströmten die Früchte einen darart intensiven Duft – denn "aromatisch" bezieht sich nicht nur auf den Geschmack –, dass ich an Friedrich Schiller und seine verfaulenden Äpfel in der Schreibtischschublade als Kreativitätsförderungsmittel denken musste. Ob meine Äpfel mich ebenfalls beflügelten? Nein. Denn sie verfaulten ja nicht. Und so kommt am Ende nur ein vergessenswerter, einschläfernder Text wie dieser zustande (verfasst am Fr., 4.9., 17 Uhr).