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Sonntag, 4. Oktober 2026

In die Nacht entlassen

Der emsige Betreiber der beeindruckenden "Bei Nacht"-Postkarten-Webseite hat mich abermals kontaktiert, weil ihm auf dem Foto mit den Exemplaren meiner bescheidenen Kollektion, das ich vor langer, langer Zeit gepostet habe, einige Karten aufgefallen sind, die ihm offenbar noch fehlten. Ich habe ihm die gewünschten geschickt, war dies doch ein guter Anlass, diese ohnehin nicht weiter expandierende Sammlung endlich aufzulösen. Bevor ich mich von den circa zehn Postkarten trennte, habe ich noch ein letztes, diesmal höher aufgelöstes Foto gemacht:


Diese Erinnerung dürfte meinem Zukunfts-Ich von doppeltem nostalgischen Wert sein, denn ich wusste schon jetzt nicht mehr, dass ich jemals in Orten wie Triberg, Seesen, Neuharlingersiel oder Bad Peterstal-Griesbach gewesen bin (wie zuvor geschrieben: im Rahmen von Familienurlauben).

Es ist übrigens erstaunlich, wie viele verschiedene Versionen von "Bei Nacht"-Karten desselben Ortes bisweilen kursieren. Unterschiedliche Auflagen variieren in winzigen Details, etwa in der Spationierung des Schriftzuges oder in der Richtung dessen Farbverlaufs. Die Postkartenverlage scheinen da durchaus kreative und gestalterische Energie reinzustecken; oder sie möchten halt die Sammler motivieren (so schrieb mir Herr Frank, der Homepage-Kurator, beispielsweise bzgl. meiner Bodensee-Karte, deren gelber Text linksbündig war: "bei meiner ist der Text rechtbündig", oder zu Frankfurt: "bei meiner ist der Font ist dünner und die Punkte mehr gesperrt", oder: "Die Rückseite meiner Berlin-Karte hat grüne Linen und Text, im Web habe ich mal eine mit blau gesehen. Das Foto von einer Auflage mit schwarzen Linien und Text reicht mir. Danke. Ist gleicher Verlag und gleiche Nummer.").

Mittwoch, 14. November 2012

Skurrile Sammlungen: "... bei Nacht"-Karten

In den 90er Jahren fiel mir während eines Familienurlaubs eine Postkarte mit folgendem Motiv auf, nein – anders: mit gar keinem Motiv. Auf der komplett schwarzen Karte stand "[Ortsname] bei Nacht". Ich weiß nicht mehr, in welchem Ort ich das (damals noch) originelle Souvenir entdeckte, es sah jedenfalls aus wie das hier:


Beim nächsten Urlaub fand ich in einem Andenkenbüdchen eine ähnliche Karte vor und beschloss, von da an von jedem Ort, den ich besuchte, ein Exemplar mitzunehmen, bis der Witz durch seine tausendfache Wiederholung vernichtet würde.



Nach circa 30 Exemplaren beendete ich das Projekt. Mit Beginn des 3. Jahrtausends verschwand
das trashige Gimmick nach und nach von der Bildfläche. Die angefangene Sammlung habe ich aber nie weggeworfen, wie man sieht.
Was der Unterschied zwischen by night und at night ist, kann ich übrigens bis heute nicht sagen.

Nachtrag Roger Willemsen hat sich, wie in seinem Buch "Momentum" zu erfahren ist, eine noch skurrilere Postkartensammlung aufgebaut: "In Italien kaufte ich früher immer Ansichtskarten mit dem Motiv 'Kind über Geburtstagstorte', ein Motiv, das in den Fünfzigerjahren geboren wurde. [...] Die Kinder sehen in ihrem Geburtstagsglück manchmal beseelt, manchmal schauspielerisch stimuliert, manchmal verlegen, vierschrötig oder sogar abwehrend aus. Ich kaufte jedes dieser alten, immer liegengebliebenen Motive, das ich fand, und ich liebte schon das Quietschen des Drehständers, den staubigen Film auf der Oberfläche, die Pappe dick und schmutzig und mit einer Lackschicht, die abblätterte wie Gelatine. Inzwischen hat das Leben manchem dieser Kinder wohl ein Loch in die Pauke gemacht, sie sind steinalt oder tot. Überlebt aber hat auf den Postkarten ihre antiquarische Daseinsbegeisterung."